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Central-Verein-Zeitung · 1932-03-18 · 12 (18.3.1932) · p. Seite 104

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
12 (18.3.1932)
Date
1932-03-18
Page
Seite 104 (sequence 4)
Language
German
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104 nicht auszulöschen und nicht wuchern zu lassen, sondern auszubilden und in das ungeheure Eesüge der Welt einzuordnen; das Leben als Aufgabe und Tagewerk, die Kräste, die einem jeden zuteil geworden find, als verliehene Gaben anzusehen. Ein ungeheuerer Gegensatz besteht zwischen der gewaltigen Sammlung, mit der Goethe seine unermeßliche Fülle meisterte, und dem zerstückelten, in hunderttausend Augenblicke zerrinnenden Tag des heutigen Menschen. Jedoch Goethe, der als Lehrer und Künder der Persönlichkeit nachwirkt, empfand fich selbst im Widerstreit mit den subjektiven — den romantischen — Strömungen seiner Zeit, und er nannte fein4 eigenes Bestreben ein objektives. Hier waltet kein Widerspruch. Goethe, das Gleichnis von Pyramide und Tagewerk beweist es, stand seinem Selbst gegenüber, als ob es außer ihm vorhanden wäre. Er arbeitete an fich wie an einem Werk: alles Subjektive ist ins Objektive gelost, erlöst. Einige Menschen verschiedenster Art haben diese ungeheure Bedeutung Goethes erfahren. Joses Hosmiller gab eine Auswahl aus Goethes Werken, Tagebüchern, Briefen und Gesprächen. Er nannte sie Goethes Lebensweisheit, und unter demselben Titel bot Emil Ludwig eine Lese. Julius Bab schrieb sein kleines ,.Oeben Goethes" als „eine Botschaft"; in einem „Tagebuchblatt" des Freiherrn von Münchhausen heißt es: „Nein, nicht dein Werk! Was ist nur Wilhelm Meister, Was Iphigenie jetzt, — nur noch der Mensch, Sein Leben, seine Briefe, Tagebücher, Sein großes kleines T-ascin ist mein Trost, ' Wahrhaftig: Letzter Trost in dieser Zeit!" Ich selbst schrieb vor zehn Jahren diesen „Gesang von Goethe". Ich will" ihn nicht lobfingen: ich berichte. Weil ich als Jünger ihm geworben bin. Will ich ihn lehren im Gedichte. Gänzlich Gestalt, ganz Bild und völlig Sinn, Er ist der Mensch in der Gottheit Gesichte, Da sie ihn sich ersann im Anbeginn, Und er allein vorm Jüngsten Gerichte Besteht, und geht, der Freigesprochene, hin. Tenn immer wieder an Zeitenwende Ist Jüngster Tag und der Menschheit Ende. Ta wird verkündet der ewige Bann. Einer aber, heilandisch gesendet. Wird der verödeten Erde gespendet Und fängt die Menschheit von neuem au: * Er hat aus Mauersteinen seines Tags, Minute um Minute aufgeschichtet. Mit stiller Macht geduld'gen Hammerschlags Des Wesens Pyramide aufgerichtet. Ihr Boden lagert wie die Erde breit. In sanfter Steile, sich verschmalend sacht. Steigt sie empor in letzte Ewigkeit. Es hat ein Mensch zu ungeheurem Werke!Lich selbst vollendet und vollbracht. Sein Anblick gibt den Mem^n Stärke. HDie stehen Sie zu Qoethe? Cin Achtzigjähriger und ein Breissigjähriger antworten; Leitstern und ‘Berater Was Goethe uns ht? Uns allen im Heer der deutschen Geistesarbeiter, Geisteskämpfer, vom Feldmarschall bis zum Trossbuben? Leitstern ht er uns, Führer, Berater! „Wie steht Goethe zu dem Problem, mit dem wir uns gerade befassen?'* Das ist die erste Frage, die sich mehr oder minder \lar in uns regt. „Die Zeit wird kommen**, so schrieb, 1856, Schopenhauer an seinen Freund Frauenstädt, „wo, wer nicht weiss, was ick über einen Gegenstand gesagt habe, sich als Ignoranten blossstellt**. Nun, in bezug auf Schopenhauer ist diese Zeit auch jetzt, nach sechsundsiebzig Jahren noch nicht gekommen, aber auf Goethe passt das Wort durchaus. Wenigstens ist es immer gut und forderlich, wenn man weiss, wie sich Goethe zu dem gerade behänd eiten Gegenstände verhielt. Seit Jahrzehnten gewohnt, fast jeden Tag einen beliebigen Band aufzuschlagen und eine Weile in ihm zu lesen, habe ich^siets eine Anregung, eine Stärkung, eine Klärung durch Goethe gewonnen. Gerade heute, da mich Ihre Frage trifft, habe ich mich mit ihm über den Begriff der N ation auseinander gesetzt. ,Mation* stammt von dem lateinischen „natio6* — Geburt. Volksstamm, Geschlecht dagegen hasst „gens**. Goethe hi sparsam im Gebrauch des Wortes Nation, und meist gibt er ihm einen von der heutigen Auffassung abweichenden Sinn. Im „Clavigo**, Akt IV, Szene 2, sagt Marie: „W ir M adchen sind eine wunderliche Nation.** Und im „Werther** — 15 April 1112 — heisst es vom überheblichen Adel, „wie mir diese Nation von Herzen zuwider ist**. Im Sinne von Volksstamm verwendet Goethe das Wort einmal gerade in bezug auf ^die Juden: „Die Juden haben Nation und f Patriotismus, mehr als hundert leibeigene Geschlechter.** I Die neuerdings herrschend gewordene *Anwendung des Begriffes Nation, national mit der mehr oder minder deutlichen Feindseligkeit gegen eine andere, stammt aber, dessen sind sich unsere deutschen Nationalisten kaum bewusst, von Napoleon /. und Napoleon 'HI. Bonaparte führte den Begriff in die politische Terminologie ein, als er in seiner Proklamation nach Beendigung des italienischen Feldzuges, II. November 1197, das französische Volk als die „gründe nation* begrüsste. Noch auf St. Helena sprach er von der Prägung des „Nationalitätenprinzips** im Sinne der nationalen Gegensätze, freilich auch im Sinne ihres „Selbstbesiimmungsrechi s‘\ das jetzt von den Franzosen viel genannt, aber wenig respektiert wird. In den wenigen politischen und patriotischen Gedichten Goethes ist von der , Mation* wenig die Rede, auch nicht in dem Festspiel, das er auf Ifflands Bitten, für die Feier des Einzugs der siegreichen Truppen Friedrich Wilhelms III. im Schampielkaus, „Des Epimenides Erwachen**, 1814, schrieb. Vollends werden die heutigen Apostel des Nationalitätsgedankens wenig erbaut sein von Goethes Stellungnahme zu dieser Idee. In „Maximen und Reflexionen** lesen wir: „Ob eine Nation reif werden könne? Ich antworte: Ja, wenn alle Männer als dreissigjährig geboren werden könnten/“ Ein Demokrat in heutigem Sinne war Goethe nicht. Aber mit Gewinn wenden wir uns an ihn in jeder Frage des kulturellen Lebens. J. Landau. Don Qoethe bis Qeorge Unvetgesslich ist mir dis ,JFaust**- Lektüre aus der Gymnasiasienzeit. In den Universitätsjahren ging ich von Goethe zu George über und glaubte, dadurch der Wirklichkeit näfierzukommen. Heute sehe ich in George den von sozialen Nöten nicht Berührten — „schon eure Zahl ist Frevel**, heisst es bei ihm antik grausam, unjüdisch, unchristlich — und deshalb den echten Nachfolger Goethes. Die Wallfahrt der Tausende in den Garten von Weimar, wo „in Stein gehauen** Goethes Verse an Frau von Stein zu lesen sind, ist bürgerliche Wallfahrt. Dem Bürger, der für das Mysterium des Kol-Nidre oder des Abendmahls nicht mehr zugänglich ist, ist noch ein Funke des Mysteriums im — Eros übrig geblieben. Von den Versen Goethes an Frau von Stein zu Georges „Tagelied** geht eine gerade Entwicklung. Die Liebe, die „stark ist wie der Tod** (Hohes Lied 8,6), wird säkularisiert zum Eros. Aus der „Göttlichen Komödie**, ip der Dante „hinangeführt** wird durch das Bild der Beatrice, wird comedie humaine: der Mensch ist hier ganz allein mit seinen eigenen Leidenschaften. Der Mensch, der „an seinen eigenen Kohlen schmilzt**, wie Goethe selbst sagt, ist fertig. „Mephisto am Anfang dieses bürgerlichen Zeitalters von Goethe aus sich heraus gestellt, k<mn sich beim Anblick des faustischen Menschen, der genialen Persönlichkeit, des philosophierenden Bürgers am Ende dieses Zeitalters ms Fäustchen lachen: ,Dcnn auf Vernichtung läuft's hinaus*.** (E. Rosen stock* **Die europäischen Revolutionen *, S. 387.) Das Tiefste, das meines Erachtens über Goethe geschrieben wurde, finde ich bei Franz Rosen zweig in der Einleitung zum dritten Teil des „Stern der Erlösung**.- Dort ist der Heide Goethe und der Christ Goethe deutlich sichtbar gemacht, und es wird davor gewarnt, „den Goethe-Weg nach Goethe noch ein zweilesmaV* zu gehen. Diese Warnung ist, weil sie den Kernpunkt betrifft, viel radikaler als folgende Mahnung Georges, die zwar auch gültig ist: „Doch ahnt ihr nicht, dass er, der Staub geworden. Seit solcher Frist noch viel für euch ver- ' schliesst. Und dass an ihm, dem Strahlenden, schon viel Verblichen ist, was ihr noch ewig nennt.** Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum (Frankfurt a. dL Oder)

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