Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nSDas bedeutet Qoeihe dem *TÜenschen von 1Q321 CDon Crnst Cissauer Die Bedeutung Goethes für den heutigen Menschen ist unendlich vielfältig und wäre nur in einem Buche Larzustellen; wer cs schriebe, schüfe schlechthin das Buch über Goethe. Allenthalben bei Goethe finden wir die Probleme des gegenwärtigen Menschen. Um nur eines zu nennen: Goethe erschaute bereits jene europäische, ja planetarische Gemeinschaft, von der das ganze folgende Jahrhundert nichts wusste, und die sich uns heute als unabweisliche Folge technischer und wirtschaftlicher Entwicklung auszwingt; — ob auch die Zeichen der unmittelbaren stunde der Verwirklichung günstig sind —. Jedoch soll hier und heute nur von dem Einen, Wesentlichsten und Wichtigsten gesprochen werden: über alle Weisheit im einzelnen hinaus, Goethes ungeheures Vermächtnis an die Nachfahren ist die Gesamtheit feines gelebten Lebens. Was hier über die innere Lage des heutigen Menschen gesagt wird, gilt wohl auch bereits für frühere und es gilt für spätere Jahrzehnte, doch in besonderem Maße für den Menschen des g e g e n w n r t i g e n g e s ch i ch ili ch cn Augenblick s. Ter Mensch löste sich vor vierhundert Jahren aus den Bindungen des Mittelalters, und die Geschichte dieser Jahrhunderte von 1500 brs 1900 ist ein Kampf von großen und kleinen Reformationen und Gegenreformationen. Jegliche als „Fortschritt" empfundene Entwicklung steht während dieser Epoche im Zeichen der Entbindung, der Freiheit von politischer, wirtschaftlicher, geistiger, religiöser Art. Ein kluger Schwabe sagte um 1550 zu seinem Sohne: „Lerne dich zu unterscheiden", und sprach damit unbewußt die Grundsormel seines Jahrhunderts aus. Und die Menschen wollen sich immer mehr unterscheiden, der Individualismus wuchert, das Gefühl für das Typische und Gattunghafte geht verloren, auch in den Kunsrem Auch die Böller wollen sich unterscheiden: Nationalgesühl wuchert zu Nationalismus, und er ist eine der Ursachen, aus denen sich alsdann der Weltkrieg, letztlich von selbst, entzündet. Doch wenn der Mensch, denen Wesen zwischen Gemeinschaft und Einzeltmn gespannt ist, sich allzu sehr nach der erneu Seite verliert, gleichsam in den Abgrund zu stürzen droht, der an beiden Polen nufttafft, wirkt wie in geschichtlicher Mechanik plötzlich die Anziehungskraft des Gegenpols, eine ungeheure kosniische Wippe scheint sich zu bewegen, und der Mensch gleitet mehr oder minder rasch nach der Mitte zu, doch weit über sie hinaus, dem anderen Pole zu. Nun steht alle als Fortschritt empfundene Ent:vicklung im Zeichen der Bindung zu Gesamtheiten von jeglicher Art. Mit ungeheurer Energie baut Rußland nicht nur den kollektivistischen Staat, die kollektivistische Wirtschaft aus, sondern es errichtet. Und dies ist noch unendlich wichtiger, ein kollektivistisches Lebeusideal, das keineswegs mehr lehrt sich zu unterscheiden, ja, das vielleicht eher geneigt ist zu mahnen: Vermeide dich zu unterscheiden! Wir müssen sagen: vielleicht: denn selbstverständlich ist die junge russische Bewegung durchaus noch iiu Flusse, und über die letzten Ziele der Lebensgestaltung sind sich die Führer wahrscheinlich selbst noch nicht klar. Undauchdics ist fraglich: inwieweit die Einebnung der Persönlichkeit dem russischen Menschen, imwieweit sie dein kommunistischen .Lebensideal selbst ununsscheidbar eigentümlich ist. Zwischen dem Zeitalter der Freiheit und der Bindung, in einem geschichtlichen Niemandsland, steht der europäische Mensch. Ter Sinn des Lebens ist ihin verloren gegangen. Tie starkgefügte bürgerliche Welt der Zeit vor 1914 ist zusammengestürzt. Tie Lehren jener Zeit, die in den apokalyptischen Krieg mündete, erscheinen als Irrlehren. Er sieht die Technik kraft seines Geistes immer höhere Leistungen vollbringen und trotzdem oder vielmehr dadurch das Elend aus der gesamten Erde wachsen, er sieht die zu unerhörter Vollkommenheit gediehene Zivilisation vorn chemischen Kriege in ihrer Existenz bedroht. Sein einzelnes Leben, umspült, unterwühlt, erfaßt von der riesigen, unablässig rvogenden Flut des modernen Lebens, schwankt rvie eine Boje in der See. Eine Fülle von Reizen, Anregungen, Nachrichten wird unablässig an ihn herangetragen, er ist durch Telephon, Radio, vor allem drrrch den Ferndienst der Zeitungen ununterbrochen rnit der ganzere Welt verbunden, dennoch empfindet er jenes ,,Unbehagen in der Kultur". Es beruht keincsioegs auf dem Unvermögen, die geschlechtlichen Triebe auszuleben, wie Freud behauptet, denn niemals hat eine Zeit in diesem Bereiche mehr Freiheit gewährt, sondern es stammt dahev, daß der Mensch s i ch s e l b st verloren hat. Ties ist auch der Grund, daß er sich ohne Hemmung den äußersten Gemeinschaftsidealen hingibt, sei es politischen, sei es wirtschaftlichen, sei es sektenhaft religiösen. Das Leben des modernen Menschen hat sich immer mehr zerstückelt und aufgelöst; das Ich, das mrt 1010 obgesiegt hatte, ist verloren gegangen: nicht nur politisch und wirtschaftlich, vor allem zu innerst aus sich selbst ist das Ich, das Einzeltum, der andere Pol menschlichen Seins, bedroht. In eben diesen geschichtlichen Augenblick nun fallt der hundertste Todestag Goethes. Schillers hundertster Geburtstag wurde 1859 als ein Festtag von kulturhistorischer Bedeutung begangen, der Goethesche, zehn Jahre vorher, ging in den politischen Wirren von 1849 unter. Jedoch heute, da die gesamte Erde von ungleich heftigerem Wirrsal erfüllt ist, wird sein Tag überall gefeiert. Je weiter wir uns von Goethe entfernen, desto gelvaltiger ist sein Leben ausgewachsen. Wir sehen ihn völlig anders als das vorige Jahrhundert. Tie Werke von Gundols, Ehamberlain, Simmel, Ludwig, so verschieden sie untereinander sind, bilden eine neue Schicht in der Geschichte seiner Erschauung, und sie alle sehen ihn als ein Urbild des Menschen. Die ungeheuere -Mühsal des Goetheschen Lebens, das bornierte Mit- und Nachwelt für bequem hält, beginnt Frucht zu tragen. Ein Freund hatte ihm zugerufeu, daß von ihm gelte: „Omni«; vivam“ — „ich werde in der Gänze fortteben" —, und dies, nichts anderes als eben dies, hat schon dem Dreißiger vor Augen gestanden, wenn er von dem „Tagewerk" spricht, das ifjiit „aufgetragen" sei, so meint er nicht sein : Vn dieser'Dummer schreiben Julias föab Qaimund Cbethard - *7ritz Cngel ■ <7ritz <7tiedlaender CKäte Hamburger J. Candau Crnst Cissauer ‘Ignaz niaybaum künstlerisches oder amtliches Wirken, sondern sein Leben schlechthin. Er will „die Pyramide seines Daseins so hoch als möglich in die Luft spitzen", er saßt den Odem, das Sein, die Kräfte, die ihm verliehen wurden, gleichsam als ein Lehen, über das er einer unbekannten Macht Rechenschaft schuldig ist. Jedoch, Goethe stellt sich zugleich sein ganzes Leben hindurch die Frage nach dem Sinn dieses Pyramidenbaues; der Widersacher, der Neinsager, der Mephisto in ihm ist immer auf der Lauer, letztlich aber weiß nur der Strenggläubige eine restlos befriedigende Antwort auf solchen Zweifel. Goethe glaubte nicht an einen persönlichen Gott: er beschied sich gleichsam am äußersten Borgebirgsrand seines tief ins All ragenden Wissens, „das Unerforschtiche zu verehren". Darum kämpft er, während er an der Pyranüde baut, während er sie lebt, ununterbrochen gegen den Zweifel, und darum begleitet ihn Faust, begleitet ihn Mephisto durch sein ganzes Leben. Er ist in jedem Augenblick von Zweifel am Sinn seines Tuns bedroht, denn jeder Augenblick vergeht, zerrinnt gleichsam unter der Hand. So ist Goethes Verhältnis zürn Augenblick ein doppeltes, aus Augenblicken türmt er in unendlicher Geduld mauernd die Pyramide, und er kämpft nnt dein Augenblick, um ihm seine Vergänglichkeit zu nehmen. Dies geschieht auf dreierlei Weise: er nimmt den Augenblick selbst als Zweck, nutzt ihn, erfüllt ihn mit Sinn; er ordnet ihn als Teil in die große Gesamtheit seiner Existenz, die er immer inwendig, mehr oder minder unbewußt, spürt; und er hält ihn im Abbild fest. Von diesem innersten Punkte nach allen Seiten hin strahlt Goethes Wesen und Lebensführung aus. Ilm einen Augenblick geht die Wette zwischen Goethe und dem Mephisto in ihm; und Mm Faust dem Meere, gewinnt Goethe der unendlich flutenden Zeit währenden Grund ab: dieses Tun Fausts ist nichts als ein Gleichnis jenes Tuns, das Goethe in jedem Augenblicke leistete. Nun erkennen wir, warum er beständig Folge, Sammlung, Ordnung, warum er immer wieder den Wert des Augenblickes, des Tages, der Zeit lehrte. Wir erkennen den Sinn der Tagebücher, die er fast sein ganzes Leben hindurch führte, und zu denen er andere anhielt; er wollte den Augenblick „historisch" machen: „Nichts vom Vergänglichen, . Wie's auch geschah. Uns zu verewigen, Sind wir ja da." Damit eben erhob er ihn über seine Vergänglichkeit. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis"; der Augenblick, das Allervergäuglichste unter den Dingen, die durch die Hand des Menschen gehen, wird Goethe zum Gleichnis. Tie Tagebücher sind Abbilder seiner Existenz, und so die vielen großen und kleinen autobiographischen Darstellungen und Zusammenfassungen, „Dichtung und Wahrheit", die „Annalen" und so fort. Darum gab er noch zu seinen Lebzeiten den Briefwechsel mit S ch i l l e r heraus, darum führte er den mit Zelter schon im Hinblick aus künftigen Truck; darum bestärkte er Ecke rma nn in seinem Plan, die Gespräche aufzuschreiben. Darum bemühte er sich mit langwierigen Anstrengungen um die Sicherung seines Nachlasses. Wenn Goethe ein- und ausatmet, spürt er, jenes Gedicht des „Divans" bezeugt es, die Polarität der Welt: und so wird sein Augenblick eingereiht in die — menschliche — Ewigkeit. Und eben dies ist es. was Goethe den heutigen Menschen lehrt, doch nicht nur mit Worten, sondern nnt der. Gesamtheit seines Seins: das Ich