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Central-Verein-Zeitung · 1932-03-11 · 11 (11.3.1932) · p. Seite 94

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
11 (11.3.1932)
Date
1932-03-11
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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94 ZRoeckl-ZKandschuhe 27 eigene Filialen in allen grösseren Stadien des Reiches Schriften spielen die Seele und das Irrationale gegen Vernunft und Geist aus. Man sucht zu zeigen, daß Geist und Vernunft töten, daß dagegen das Irrationale der wahre Lebensguell fei. In der Geschichtswissenschaft trat an die Stelle der Tatsachensorschung gefährliches Spielen mit phantastischen Konstruktionen (Hermann Mirths „Aufgang des Abendlandes"), gefühlsnmßige Teutungsmethode verdrängte in vielen Wissenschaftszweigen nüchterne Forschrrng. Die kritische Philosophie wurde durch eine neue Metaphysik und eine eigentünlliche Mystik abgelöst. Bezeichnend ist das starke.Interesse an Astrologie, Graphologie und Handlesekunst und der Zulauf, den Hellseher sogar in Großstädten aufzuweisen haben. Dian will von nüchternen Betrachtungen und Erwägungen nichts wissen. Entscheidend werden Gefühle, die keiner Begründung bedürfen; entscheidend für wissenschaftliche Theorien und entscheidend für das politische Streben. - Die Meinung, alle Probleme ließen sich restlos durch Logik und Vernunft losen, ist sicherlich falsch. Insoweit ist die heutige Jugend im Recht, wenn sie den leichtfertigen Optimismus des 19. Jahrhunderts ablchnt. Aberesist ebenso falsch, die Vernunft prinzipiell ausschalten zu wollen. Die Welt ist nicht logisch mrsmeßbar; niemand weiß, ob sich die großen Probleme, die die Menschheit heute bedrängen, lösen lassen, aber die Vernunft ist das einzige Werkzeug, mit dem auch nur der Versuch einer Lösung gemacht werden kann. Ausschaltung der ratio führt geradenwegs in die Barbarei. Das Gefühl, vor allenr, wenn es auf Blut und Nasse gegründet wird, ist blind, es richtet sich gegen alles, was ihm unsympathisch ist: statt zur Ordnung, sührt es zum Chaos. „Eine politische Dervegung, die von solckM Dtaximen getragen wird, müßte, zur Herrschaft gelangt, als barbarische Zerstörung wirken", sagt Leonhard M i ck s ch mit vollem Recht. Die moderne Einstellung führt zu „einer Austösung der Welt in nebelhafte Antipathien und Sympathien und zu einem Ueberwuchern des blinden politischen Willens". Diese irrationale Einstellung großer Teile der Jugend ist ein schweres Praktisches Problem. Alle großen Verbände sind auf die Mitarbeit der Jugend angewiesen, wenn sie Tauer und Zukunft haben wollen. Es besteht aber die Gefahr, daß die mystische, gefühlsmäßigL Einstellung noch weit größeren Einfluß gewinnt als bisher, wenn die Jugendlichen in den alten Organisationen ausschlaggebend die Führung übernehmen. Dies Problem besteht z. B. sehr deutlich für die Sozialdemokratische Partei und ebenso für den Centralverein. Auch wichtige Teile der jüdischen Jugend haben sich der neuen Denkart angeschlosien. Der Centralverein kann weder aus die Mitarbeit der Jugend verzichten, nodj^ darf er der beliebten Verschwommenheit, der Feindschaft gegen die vernünftigen Prinzipien einen entscheidenden Platz e i n r ä u m e n. Es ist verlocke::-, sich dein Zuge der Jugend anzuschlroßen, aber lrititloses Nachgeben kann überaus verderblich sein. Es ist nötig, imurer wieder die Jugend aufzuklären, daß nur die klaren Prinzipien den Weg aus dem Chaos weisen, daß verschvommeno Mystik gar nichts nutzen kann. Diese Aufklärung ist schwer, weil viele Jugendliche sich jeder Aussprache verschließen. Sie geben sogar zu, daß ihre eigene Haltung nicht vernünftig ist, aber sie berufen sich auf das Gefühl, auf das „Irrationale", und lehnen die „Vernunft" bewußt ab. Diese Haltung wird gefährlich bei der Frage der Reichspräsidentenwahl. Alle Dernunftgründe sprechen für die Wahl Hindenburgs. Sucht man dies Jugendlichen auseinanderzu setzen, dann stößt man sogar bei vielen jungen Juden auf einen charakteristischen Widerstand. „Das mag alles richtig sein", wenden sie ein, „aber wenn Hindenburg gervählt wird, dann ändert sich wahrscheinlich wenig an den jetzigen Verhältnissen; es muß aber möglichst schnell eine groß^ Aenderung eintreten; deshalb wähle ich Hindenburg nicht." Auf die naheliegende Erwiderung, daß bei einer Wahl Hitlers oder Thälmanns eine Aenderung zum Schlimmeren einträte, antwortet der so gesinnte Jugendliche: „Das ist gleich, die Hauptsache ist eine möglichst rasche Aenderung." Dtan begreift, daß die Jugend in ihren vielfachen Nöten den dringenden Wunsch hat, „daß etwas' geschieht", daß aber der Versuch, dieses Ziel auf diese Weise zu verwirklichen, ein höchst gefährliches Va-darnrue-Spiel ist, ist diesen Jugendlichen unendlich schwer klarzumachen. Gegen alle diese Der sch wo m menheilen m u & energisch Front gemacht werden. Man - kann das Geschick eines ganzen Dolles nicht gewagten Spekulationen anvertrauen. Niemand darf sich vor den großen Ausgaben der Gegenwart in das Nebelland unvernünftiger Wünsche zurückziehen; nur eins kann helfen: die Aufgaben der Gegenwart klar und nüchtern zu erfassen und vernunftgemäß zu handeln. Möge das die Jugend noch vor den: 13. März begreifen! 8. W. Jaeger. < J T-rj-2 f * ich" / L-> Ö von Rechtsanwalt Dr. Hans Lazarus (Serlinj i. Um die Weihnachtszeit brachte die in Essen erscheinende „National-Zeitung" einen Aufruf mit der lleberschrift: „Zum christlichen Fest kauft beim deutschen christlichen Gewerbetreibenden!" In feinem weiteren Text enthielt der Aufruf schwere Beschimpfungen und Verunglimpfungen der Juden. So hieß es beispielsweise: „. . . Während ihr in die Geschäfte jener Fremden lauft, gehen eure Brüder zugrunde, weil sie anstatt schreiender Reklame gute Waren bieten. Weil ihr die Nachfahren jene-, die Jesum ans Kreuz schlugen, an seinem Geburtsfeste lieber unterstützt^als die eigenen mit der Not ringenden Volksgenossen. Und chr, deutsche Jungen und Made!! Lagt euren Eltern, daß ihr zum christlichen Fest nichts aus dem jüdischen Warenhaufe, kein Geschenk aus dem Judenladen auf eurem Gabentisch wollt. Rüttelt die Gedankenlosen am, erinnert sie an ihre Pflicht dem Volksgenossen gegenüber. Sorgt mit, daß der fremde Christenfeind nicht den Gewinn aus unserem christlichen Fest zieht.'' Segen diese Verhetzung rief eine Anzahl jüdischer Firmen in Essen die Hilfe des Gerichts an, und es erging die einstweilige Verfügung des Landgerichts Essen vom 17. Dezember 193t—2 6 Q 267 31—, die nicht nur diese verunglimpfenden Boykottaufforoerungen, sondern ganz allgemein den in Anspruch genommenen Verlegern und Redakteuren untersagte, in der „National-Zeitung" dazu aufzufordern, nicht in jüdischen Geschäften zu kaufen. Ter Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung wurde von dem gleichen Gericht durch Urteil vom 14. Januar d. I. zurückgewiesen und die Verfügung bestätigt. Mit Recht erblickte das Gericht einen Verstoß gegen die guten Sitten in dem Vorgehen der Zeitung, der auch nicht durch die Berufung auf das Recht der freien Meinungsäußerung geschützt sei, aus das sich die Antragsgeguer berufen hatten. II. In Plauen veröffentlichte die dort erscheinende Zeitung „Der Freiheitskampf" in zahlreichen Nummern die Aufforderung: „Kauft nicht beim Juden!" und fügte drewr Aufforderung die Bekanntgabe von zweiundzwanzig Plauener jüdischen Geschäften bei, sowie die Veröffentlichung von jüdischen Rechtsanwälten und Aerzten. Weiterhin endeten die Aufforderungen und Veröffentlichungen mit der Schlagzeile: „Deutsche, kauft bei Deutschen!" oder „Teurfä>e, unterstützt nur Deutsche!" Auch hier wandten sich die Angegriffenen an das Gericht. Durch einstweilige Verfügung -2 C Ar. 25/31 — wurde der Zeitung und ihren Leitern untersagt, Firmen oder Namen jüdischer Geschäftsleute oder Akademiker mit oder ohne den Zusatz „Deutsche, kauft nur bei Deutschen!" oder Deutsche, unterstützt Deutsche!" zu veröffentlichen. In dem außerhalb der einstweiligen Verfügung angestrengten Hauptprozeß auf Unterlassung fällte das Landgericht Plauen am 4. Februar d. % m den ALtcrr 2 Cg 271/31 inhaltlich das gleiche Urteil. Aus den Urteilsgründen interessieren hier die folgenden Ausführungen: „Die ausgesprochen antisemitische Richtung des Blattes wirkt sich dahin aus. Laß schon die Veröffentlichung selbst, auch wenn sie nur in der Form einer Bekanntgabe, einer Feststellung erfolgt (folgende Geschäfte sind jüdisch:), ohne^weiteres die Aufforderung an den Leser enchält, die ausgezählten Firmen und Personen nicht mit Aufträgen zu bedenken. Es ist also gleichgültig, ob die Veröffentlichung mit oder ohne einen ausdrücklichen Zusatz wie: „Deutsche, kauft nur bei Deutschen!" oder ähnlich geschieht. Die Wirkung wird stets die gleiche sein, und daß diese Wirkung beabsichtigt ist, bestreiten ja auch die Bellagten nicht. Sie zielt auf eine wirtschaftliche Schwächung der bekanntgegebenen Firmen, also darauf ab, ihnen Schaden zuzufügen, und dieser Erfolg ist schon mit der Veröffentlichung der Firmen und , Namen erreicht . . . < Wenn sich auch dieser Boykott auf wirtschaftlichem Gebiet answirkcn soll, so hat er seinen Ursprung doch nicht im wirtschaftlichen Wettbewerb, denn der K<rrnpf gegen die namentlich bczcichrrctcn - jüdischen (5eschäftsinha.bcr, die jüdischen Rechtsanwälte und Rorzte wird nicht geführt, weil sie diesem oder jenem Erwcrbszweig nachgehen oder einem bestimmten Stande angchörerr, er wird vielmehr geführt, weil sie Juden sind. Es verstößt gegen das Anstandsgefühl aller billig und recht Denkenden, wenn dnw eiblnen Juden nur deshalb. ' weil er Jude ist, Schaden zage fügt wird auf einem Gebiet, auf dorn ihm die Reichsverfafsung dieselbe Freiheit gewährleistet wie jedem arrderen Staatsbürgor." Das Gericht weist dann noch die Verteidigung der Beklagten zurück, daß es sich um einen „Desensivboykott" handle, der fick) gegen die Warenhäuser richten soll. Die wirtschaftliche

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