Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 10 (4.3.1932)
- Date
- 1932-03-04
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 J lid ^jfjf;£* In Essen sind in der Nacht vom 22. zum 23. Februar d. I. bisher unbekannte Täter in den äußeren Vorhos der Synagoge eingestiegm. Sie haben Zwei Meine Kuppeln und die bronzene Eingangstür des Synagogengebäudcs mit Totentöpfen und der Inschrift „Juda verrecke" beschmiert. Tie Buchstaben sind nahezu einen Meter hoch, die Lackfarbe hat sich derart mit der Kupferlegierung verbunden, daß es nicht gelang, die Beschmierung zu beseitigen. Tie Eingangstür mußte völlig neu überstrichen werden. Hoffentlich gelingt es, die Täter bald zu ermitteln. Ter Text der Inschriften weist ja deutlich aus die Richtung und politische Einstellung der Kreise, aus denen die Tater stammen müsien, um so mehr, als vor einigen Monaten ein national sozialistisch er Sprechchor vor der gleichen Synagoge dieselben Hehwortc rief, mit denen jetzt das GotteshauZ besudelt worden ist. — Aus die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von 500 Reichsmark ausgesetzt. In der Nacht vom 25. zum 2 6. Februar d. I. wurden in Duisburg mehrere jüdische Prrvathänser und das jüdische Gemeindehaus mit Inschriften wie „Heil Hitler", „Tod Juda" und Hakenkreuzen beschmiert. Auch hier konnten die Täter noch nicht ermittelt werden. — Auf die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von 200 Reichsmark ausgesetzt. HusZLgMgMKste Heute gegen christliche Glaubensfchriften, morgen gegen öen Talmuö In der Beilage „Aus Welt und Kirche" p ,Myerischen Kurier" beschäftigt sich ein katholischer Schriststeller mit dem Aussatz, den General Ludendorff in seiner „Dolkswarte" unter der Ueberschrift ,D)er Jude Paulus und die Frau" veröffentlicht hat. Ludendorffs schriftstellerische Leistungen werden von den meisten Deutschen so wenig ernst genommen, daß wir uns mit diesem Aufsatz gar nicht befasten würden, wenn nicht ein besonderer Grund dafür Vorlage: die Beleuchtung des Ludendorffsä)en Aufsatzes durch einen offensichtlich theologisch geschulten Katholiken deckt die Leichtfertigkeit auf, mit der so oft Unberufene an die Behandlung theologischer Texte Herangehen. Es handelt sich hier um eine Ouellensäirisi der ch r i st l i ch e n Religion. Aber die Methode ist dieselbe, die wir auch bei Beurteilung des jüdischen Schrifttums durch unwissende oder böswillige Gegner so oft beklagen müffen. Ter Aussatz der „Dolkswarte" behandelt Zuerst die bekannte Stelle in 1. Korinther 7 in einer Weise, die den „Bayerischen Kurier" Zu nachstehender Zurückweisung veranlaßt: „Die Schwere der Ludendorfsschen blasphemischen Schmähung des katholischen Dogmas von der ,Unbejleckten Empfängnis' und des Sakraments der christlichen Ehe steigert sich dadurch, daß Ludendorff den ganzen Sinn der Paulusstelle fälscht." * Wie diese Zurückweisung im einzelnen begründet wird, interessiert an dieser Stelle nicht. x x/ . - Z si-, vV'f/-' v>, In diesen Tagen erscheint eine 16 Seiten umfassende Sie gibt ein Gesamtbild vom Wesen, Werden und Wollen der deutschen Judenheit und zerreisst das Lügengewebe, das Hass und Eigensucht trennend zwischen jüdische und nicht jüdische Volksgenossen spann. In einer Auflage von iss Exemplaren geht diese Aufklärungsschrift und Bekenntnisrede an das deutsche Volk hinaus. Bfe sofosufesü-s® AKSSobl könnte zweckmässig verbreitet werden, wenn unsere Freunde uns die Mittel hierfür zur Verfügung stellen würden. FS? fjssj© a© ilTkoirk die uns mit dem Kennw’ort „Sondernummer der Mönatssusgabe“ auf das Postscheckkonto Berlin 304 72 überwiesen wird, tragen wir in MT Sirius®;? AttWMiFisM Wesentlich für unsere Betrachtung ist aber der zweite Punkt; im „Bayerischen Kurier" heißt es: „General Ludendorff liefert sofort noch ein zweites Wissenschaftliches" Kunststück. Er fahrt fort: ,Der Jude Paulus selbst war nicht verheiratet. aber er hatte doch einen Sohn, denn er schreibt in dem (!) Epistel an Philemon: 10.. So ermahne ich dich um meines Sohnes willen, des Ohnesimos (!), den ich gezeuget habe in meinen Banden?" Die sprachlichen Fehler, „dem" Epistel und „Ohnesimos" sehen wir dem General nach, nicht aber seine unglaubliche Fälschung des Sinnes! Paulus redet hier nicht von' einem leiblichen Sohn. Er spricht in der bekannten Paulinischen Ausdrucksform die geistige Geburt des Onesimos für Christus aus. Paulus hat den Heiden Onesimos im Kerker „in den Banden" bekehrt und gelaust und so für Christus gewonnen! Run empfindet man doppelt giftig und niedrig die weitere, aus Unwissenheit und Haß geborene Beschmutzung des Völkerapostels Paulus durch den General Ludendorfs, wenn dieser fortfährt: „Paulus hat wohl in seiner Ausfastung von der Ehe die Mutter seines Sohnes nicht geheiratet." Man kann der katholischen . Zeitung nicht widersprechen, wenn sie gegen dieses Verfahren so starke Worte gebraucht. Freilich andere denken anders über solche Auslegungssragen; zum Beispiel stand im Oktober vorigen Jahres vor dein Schwurgericht Nürnberg der Redakteur des „Stürmer" unter der Anklage, die jüdische Religion durch Wiedergabe angeblicher Talmudstellen beschimpft zu halben. Das ^cbwurgericht hörte Sachverständige; das Urteil stellt fest, daß eine der vier vom „Stürmer" behandelten angeblichen Talmudstellen sich weder im Talmud noch im Schulchan Aruch findet, und sagt im Anschluß daran: „Die übrigen drei Stellen stehen tatsächlich im Talmud bzw. Schulchan Aruch und E .. /• , > ' Jjf. - /'•/■ /. .j u » : . ‘ "» f ■ ' JL die Uebersetznng ist an sich richtig wiedergegeben. Wahrend der Sachverständige Bischofs sich mit der Auslegung dieser Stellen nicht weiter beschäftigt hat. hat der Sachverständige Eöttsberger die Meinung bekundet, daß der Sinn dieser Stellen die im „Stürmer"-Artikel gezogenen Schlußfolgerungen nicht hinreichend deckt, weil pe durch das Herausreißen aus dem Zusammenhang entstellt sind. Welchen Sinn diese Stellen haben, braucht nicht untersucht zu werden. Das ist nicht Aufgabe des Gerichts ... Es kann auch dem Angeklagten nicht zugemutet werden, sich mit der Frage der Auslegung zu befassen, und es kann ihm nicht zum Verschulden angerechnet werden, wenn er sie ihrem Wortlaut entsprechend ausgedeutet hat." Mit gleicher lleberzeugungskraft hatte dieses Gericht auch wohl dem sonderbaren Evangelien- Erklärer Ludendorff recht gegeben; Paulus schreibt ja: der ^ohn, den ich gezeugt habe. Der Wortlaut ich deutlich, mit der Auslegung sich zu befaßen, kann dem Autor nicht zu gemutet werden! Das BGB. schreibt zwar m § 133 vor: ,Bei der Auslegung einer Willenserklärung ist der wirkliche Wille zu erforschen und nicht am buchstäblichen Sinn des Ausdrucks zu hasten." Das gilt schon für jede simple, in deutscher Sprache im täglichen Verkehr abgegebene Erklärung, deren Verständnis keine besonderen Schwierigkeiten bietet, das sollte um so mehr für schwierige 1500 oder 2000 Jahre alte in einer fremden Sprache abgefaßte Texte gelten. Allein das Nürnberger Schwurgericht gestattet, unbeschwert von Quellenkritik und Auslegnngskunst, jedem ungebildeten Agitator, Talmüdstellen ihrem Wortlaut entsprechend auszudeuten, und rechnet es ihm nicht zum Verschulden an, wenn er dann zu Behauptungen kommt, die die jüdische Religion in den Schmutz ziehen. Auslegungskunst!! W. L. ' I: / GrünsG'dtsnö Q^;kV^A.2A^* Haibsjiu.b0-.45jEä