Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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7$ Dann Dr.Fromms yuk^s Nährmiüel.Preisbuch frei: Niederlagen werden gern unverbindlich nachgewiesen Dr* Fromm &Co«9Kötzs<3ienbroda<»C. Rußland, In der Krim und in Biro-Bidschan. Wobei unter „national" „eine historische Kategorie, ein sozialer Begriffs zu verstehen ist. — „Nächstes Jahr in Jerusalem? — Nächstes Jahr in der Krim! Nächstes Jahr in Biro-Bidschan'/ Wo liegen nun die Fehler in.Hellers Argumentation? Er gcht mit seiner fest begründeten kommunistischen Weltanschauung an die Kritik des Judentums heran, läßt aber dabei eine irgendwie geartete Eigengesetzlichkeit des Judentums vollkommen außer acht. Die jübifd}e Geschichte ist mehr noch als jede andere Geschichte, nicht nur durch ökonomische Momente (in diesem Fall die soziologische Lage der Juden in Palästina) zu erklären, sondern enthalt Kräfte, die nicht durch einen Marxismus, wie chn Heller vertritt, deutlich gemacht werden können. — Friedrich Engels, der doch wohl als Kronzeuge genommen werden darf, schreibt am 21. "September 1890 in einem Briefe: „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Wenn nun jemand, das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende absurde Phrase. Tie ökonomische Lag? ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Ueberoaus . . . üben auch ihre Einwirkungen auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus . . / Diese Erkenntnis und nicht der verengte historische Materialismus, mit dem Heller an die Erklärung der geschichtlichen Tatsachen herangeht, ist maßgebend für die Venrteillmg der jüdischen Entwicklung. Nicht nur wirtschaftliche Motive bewegen den Menschen, sondern auch „politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmenshstemen" sind von Einfluß. Massen, Völker und Gruppen werden auch anders als durch wirtschaftliche Ileberlegungen gelenkt, wenn diese auch von großer Wichtigkeit find. Max Adler sagt einmal: ,L)as Ideelle ohne das Materielle ist wirkungslos, des Materielle ohne das Ideelle ist richtungslos/ Und das Übersicht Heller! Das Judentum wäre als rein materielle ökonomische Erscheinung gesehen, richtungslos gewesen. Seine Gerichtetheit sehen wir aber in seiner Geschichte bis auf den heutigen Tag. Unsere Ausgabe ist es, die jüdisch: Geschichte fortzusetzen. Dabei können wir weder an den Zeitpunkt der Tempel- Zerstörung anknüpfen und eine zwei Jahrtausend lange Entwicklung in der Diaspora außer acht kaffen, noch dürfen wir uns von einer rein ausklarerischwernünftigen Betrachtung des Judentums, die schließlich doch wieder ins Romantische öc!)t mitreißen lasten. — Für uns besteht eine jüdische Llufgabe hier in Teubfchland! Sie hat ihre Begründung in der soziologischen Lage der deutschen Juden und in den ständigen Bewegungen, die wir in der jüdischen Geschichte — der Stammes- und Geistesgeschichte — sehen. Es bedeutet ein Ilmbiogen der Tendenzen im Judentum, wenn man glaubt, sie durch eine vulgärmarxistische Auffassung erklären können. Wohl Gchort zu einer Kritik, die in der Vision des Untergangs endet, eine genaue Kenntnis des Judentums. Diese läßt sich aber nicht durch Statistiken und lexikonartig anumLende Abhandlungen (die teils im Text stehen, teils am Schluß Ln einer lieber sicht zusammengesaßt, aber leider nicht imrner fehlerfrei sind) beweisen. Ta§ Judentum hat die Besonderheit, daß es nur Lurch ein Lreses Wißen seiner Quellen, die nicht durchs das Studium marxistischer Theorien erschlagen werden, vollkommen erkennbar wird. Man kann dem nicht durch ironisch gemeinte Entgleisungen, die religiöse Erscheinungen herunterzerren, entgehen. Mag für Heller die Bibel keine Bedeutung haben, — wenn men chren Wert damit abzutun sucht, daß man sie „sogenannte .Heilige Schrift" (p. 32) nennt, so richtet man sich selbst! Die Religion ist nicht damit widerlegt, daß man schreibt: „Gesetz gehalten, Posaunen von Gottes Thron. Cesen gebrochen, eine Predigt von Jeremia/ (p. 115/16; f. auch p. 89 u. a.) Es gibt leider in Hellers Buch verschiedene derartige Stellen, die den sachlichen Wert seiner Argumentation nur hercbzufetzen geeignet sind. Die jüdischen Siedlungen in Rußland, von denen sehr breit die Rede ist, können und wollen wir nicht beurteilen. Möglich, daß sie guten Erfolg haben! Tie Judensrage wird dadurch nicht gelöst! Für uns bedeutet es eine Flucht vor der Wirklichkeit der heutigen Lage, wenn wir uns in den roinantischen Schilderungen von Hellers Reise durch Rußland und besonders durch das angebliche Paradies Biro-Bidschan verlieren wollen. Wir stellen uns der Judensrage offen gegenüber und versuchen sie in Einklang mit einer wohlverstandenen geschichtskritischen Forschung als Juden zu lösen! Ter Ausbau einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland — mag sie geartet sein wie sie will — kann nur von Jcrden getragen werden, die sich, ihrer .Heutigkeit bewußt, der Kritik nicht verschließen, aber die sich auch der Verantwortung nicht entziehen, dre sie durch ihr Judesein tragen und als Juden zu bauen entschlossen sind. Fritz Aronstein. Eine Aussprache über den „Untergang des Judentums" Der von der Freien jüdischen Volkshochschule zu Berlin veranstaltete kontradiktorische Abend zwischen Otto Heller und Dr. I. W. S t c i n berg gab Gelegenheit, die in dem Hellerschen Buche angeschnittenen Fragen vor einem großen, stark jugendlich zusammengesetzten Kreise zu erörtern. Auf die Grundthese der Hellerschen Gedankengange, daß das Judentum eine Kaste mit bestimmter händlerischer Funktion sei, entgegnet Steinberg, daß zu allen Zeiten die Juden sich in hohem Maße auf handwerklichem und landwirtschaftlichem Gebiete betätigt hatten, und daß diesen Elementen gegenüber das Handlertum im Hintergrund stehe. Diese soziale Struktur spiegle sich auch im jüdischen Schrifttum wider. Tie Betrachtungsweise Hellers sei einseitig und überspitzt. Sie sei aber auch deshalb gefährlich und bedenklich, weil sie von einem bestimmten Wunschbilde ausgehe, um zu bestimmten Resultaten zu kommen. Zur Frage der Religion meint Heller, daß diese im Mittelalter gewiß eine entscheidende Rolle gespielt habe, und besonders im Judentum, wo sie den Ersatz für das eigene Territorium gebildet habe. Aber Religion sei Funktion der sozialen Lage und das Mittelalter sei dadurch gekennzeichnet, daß die sozialen Konflikte in religiösen Kämpfen ihren Ausdruck gefunden hätten. Seit der AufklarunaZzeit sei dies anders. Nicht mehr Religion und Religion stünden sich bei der Auslösung der sozialen Konflikte gegenüber, sondern jetzt seien stattdesien nationale Kampfe die Form" der sozialen Auseinandersetzung geworden. Demgegenüber weist Steinberg darauf hin, daß das Martyrium der Juden im Mittelalter. ihr Festhalten an ihrer Religion durch derartige rationale Faktoren allein nicht Zu erklären sei, und daß schon deshalb religiöse und nationale Gegensätze nicht nur der Ausdruck eines sozialen Konfliktes sein könnten, weil innerhalb der einzelnen religiösen und nationalen Gemeinschaften die verschiedensten sozialen Klaffen .zusammengefaßt seien. Bei der Eingliederung in die sozialistische Bewegung gibt es, wie Steinberg im Gegensatz zu Heller meirt, keine Eingliederung schlechthin, sondern nur eine solche mit dem eigenen besonderen Gepräge. Und gerade das Judentum habe in die sozialistische Bewegung ein großes und besonderes Spezifikum hineinzutragen und weder Anlaß noch Recht, auf diese Eigenwertigkeit, die auch eine eigene Behandlung notwendig mache, zu Verzichtern Bedauerlich und gefährlich sei die traditionslose, im Jüdischen gefühlsmäßig und willensmüßig ungebundene Art, mit der Heller an die Dinge herangehe. Den Abschluß der Diskussion bildet eine Unterhaltung über die Eingliederung der Juden in Sowjetrußland und über die Bedeutung der jü^ dischen Siedlung in Viro-Bidschan, deren jüdischen Wert Steinberg in Zweifel zieht. Bemerkenswert war, daß am Abend vom „Untergang des Judentums" nicht die Rede war. Sollte man von diesem marktschreierischen, rein auf propagaudistische Wirkung abzieleuden Schlagworte abgegangen sein? Genau genommen rechtfertigt sich die Titelstellung des Hellersch-en Buches nur dadurch, daß er sich eine Privatdefinition des Judentums zurecht legt, daß er soziale Funktion des Judentums in einer bestimmten Epoche mit Judentum aleichsetzt. Aber es ist vielleicht kein Zufall, daß er ^Umwandlung des Judentums" meint und mit Jubel und Emphase den Ruf vom „Untergang des Judentums" ertönen läßt. Wie dem auch sei, die sarkastische, blutleere, jüdisch-entwurzelte Vertretung einer Idee braucht noch nicht gegen die Idee selbst zu sprechen. Wer heute die Lage der jüdischen Jugend kennt, weiß, daß man dort bei der politischen Auseinandersetzung vor ganz neuen Problemen steht, und daß die Gefahr der roten Assimilation nicht unterschätzt werden darf. Es muß für jeden Menschen verlockend klingen, wenn er hört, er habe ein Judentum nicht mehr aufzugeben, denn dieses sei aus vermeintlich marxistisch erklärbaren Gründen bereits ohnehin im Untergang begriffen. Und es wirkt außerordentlich beruhigend zu hören, daß in dem Lunde, das heute nach sozialistisäzer Wirtschaft und Lebensreform ringt, die jüdische Frage gelöst werden kann, sei es durch Untergang im russischen Proletariat, sei es durch Schaffung neuer jüdischer Siedlungen, beides zum Aussuchen gewiyermaßen. (Hierin liegt übrigens auch ein Bruch der Hellerschen Argumentation.) - Man vergißt dabei das Judentum, man verschließt die Augen vor dem, was Steinberg Judentum nenntz nämlich vor der geistigen Atmosphäre, die durch das Zusammenleben jüdischer Menschen besteht. Für jeden jüdischen Sozialisten und Nichtsozialisten, der die Dinge nicht rein rational und schematisch, sondern dem Leben entsprechend und vom jüdischen Er Haltung» willen getragen, lösen will, liegt hier ein Problem, mag er in Ost- oder Westeuropa leben, mag er galuth-verneinender Zionist, Nationaljude oder Teutschjude sein. Entscheidend aber muß bei der Auseinandersetzung die Erkenntnis sein, daß die lebensmäßige Tatsache Judentum nicht aufhören kann und soll, daß es gilt, diese neuen Fragen in das jüdische Leben hineinzubeziehen und ihre Schwierigkeiten nicht durch oberflächliche und opportunistische Scheinlösungen . unter Aufgabe und Verdrängung der eigenen jüdischen DK rtigkeit zu umgehen. W. R—ck. Ucöer die Lage öer Talmud-Hochschrrleu (Jcschiwot) in Osteuropa sprach Dr. Mark W i f ch n i tz e r im Rahmen der Montagsvorlesungen in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums auf Grund von Studienreisen im Sommer 1931. Tr. Wschnitzer trat der Auffassung entgegen, daß diese schulen sich im Zustand der Stagnation befinden. Alan beobachte da im Gegenteil sehr interessante Entwicklungen, so z. B. Versuch der Einführung von Werkunterricht in Rumänien und Ungarn, Bemühungen auf dem Gebiete der körperlichen Ertüchtigung durch Turnunterricht in der Tschechoslowakei, Pläne zur Errichtung von Sommerferienkolonien in Polen und manche Bestrebung der Modernisierung des Lehrbetriebes. Die Erfahrungen, die Tr. Wischnrtzer auf seiner Reise gesammelt hat, bilden die Grundlage für die von der Hasskme-Stiftung begonnene Tätigkeit zugunsten der Talmud-Hochschulen.