Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-02-26 · 9 (26.2.1932) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
9 (26.2.1932)
Date
1932-02-26
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277948--07205-2288089
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bemerkungen zu dem Buch von Otts Heller und zu einem ksnirL-r'ttsrlfchra ASsnd \J * ‘‘^/V W i) sj '^- j v' W v v» :* iM,y VV ü w M s) 0 Tie Lage der deutschen Judenheit ist heute schwieriger als je. War sie früher in einem gesicherten Bürgertum verankert, 'so sieht man jetzt, daß der Proletarisieruna-k-prozeß immer weitere Kreise erfaßt. Ter Lebensstandard ganzer Schichten ist im Sinken begriffen, und an stelle des bürgerlichen Akademikers oder Kaufmanns vertritt heute der kleinbürgerliche und proletarische Angestellte die Hauptschicht der deutschen Juden. Diese Entwicklung ist aber deshalb eine Gefahr für den Bestand des Judentums, weil die von ihr betroffenen 'Menschen vielfach der „roten Assimilation" zum Opfer fallen. Darunter versteht man diejenige Anstauung, dre besagt, daß' Judentum und proletarisches Leben _ unvereinbare Gegensätze sind, daß aber die restlose Angleichung an proletarische Lelwnch'ormen und -Inhalte mit der Auslösung des Judentums zugleich die Lösung der Jud-enfrage bedeute. Die Verlockung, die eine solche Radikallöfung in sich birgt, ist verständlich. Der Antisemitismus versperrt den Zugang zu vielen Berufszwcigen und wirkt sich auch seelisch in starkem Maße aus. Das Ringen um eine Lösung, die den deutschen Inden eine irgendwie geartete Zukunft verspricht, ist ungeheuer groß, und man sucht einen Weg, um die jüdischen schichten Deutschlands in eine ihnen gemäße Lage zu bringen. Ter Zionismus will einen solchen weisen; dieser Weg wird aber wirtschaftlich und politisch immer schwerer. Er ist für uns aber vor allen Dingen deshalb nicht gangbar, weil unser Weg nur in Deutschland sein kann und wir schon dieser Voraussetzung wegen — die zionistische Idee nicht für die Lösung der deutschen Judenfrage halten. Eine andere Lösung wird heute in immer stärkerem Maße von der kommunistischen Zielsetzung aus gezeigt. Als Vertreter dieser Richtung steht Otto heller in seinem Buche „Der Untergang des Judentums" (Die Judenfrage — Ihre Kritik — Ihre Lösung durch den Sestalw-mus)*) vor uns. Er stellt die „proletarisch-revomt'.onäre Aufsagung der JudemrcrgM und ihre „Lösung durch die proletarische Diktatur" dar. Die Beweisführung Hellers sei zunächst kurz anged rucket. Von vornherein steht für Heller und die Richtung, deren Exponent er ist/ das Ziel fest: die Lösung der ru st: schon Judensrage — rmd die rus stütze int eres nert ihn vor allem, weil er ihre Behandlung durch den Kommunismus für allgemeingültig halt — wird durch den Fünfjahresplan vollzogen. Diese fünf Jahre, sagt Heller, ..sind in Wahrheit die letzten fünf Jahre der mehr als drei Jahrtausende währenden Geschichte des Judentums". Er versucht diese Ueberzewgung aus der Geschichte des Judentums seit desien ältesten Erscheümngsformen zu beuvifen. Tie Juden lvaron von jeher ein Handelsvolk, argumentiert er; die Lage Palästinas hat sie u. a. dazu gedrängt; denn scheu in der Romadenzeit war das Land^„Träger des Ilebertandhaudels". Heller zieht Wellen aus den Propheten und anderen biblischen Schriften heran und bericht sich durchgehend auf dos 1279 erschienene Buch des damaligen Braumchweiger Laudesrabbiners Prosopor Dr. Levi HerzfelvZ. Dabei übersieht er wohl, daß Herz'eld zum Schluß seiner Beweisführung sagt (p. 271): „So blieb Israel bis zum Exil auf der Mittelstufe, daß es teilweise auch Handel trieb, in größerem Umfange sogar, als "gewöhnlich angmommon wird, J-dacha n d b a u, V i e h z u ch i und die Uedung der Handwerke für den alltäglichen Bedarf noch seine Hauptbeschäftigungen blieben." Sicher ist es richtig, daß die Juden *) Deilaa für Literatur und Polilir, Dieu, Berlin, 193W 3W S. Ich möchte Heller air dieser Stell; auf einen Aufsatz oea DorützrnLrn der zDeiren Intrmarieuale, Errile Danderrrlde, den er des öfteren, zirckrt, Hinweisen, in Velarem er sich rnit Kaurlly Qu-rinLndrr. setzt (..L’Avenir Social“, Brüssel, Aou./llez. 1929: ,.Liarl et Is Liovisnis".) der nacherilifchen Zeit vorwiegend Handel getrieben haben, da sie durch nationale und religiöse Bindm'.aen überallhin Beziehungen hatten. In späterer Zeit war Jude und Kaufmann identisch, und die Judonhert entwickelte sich Zu einer „Kaste", die „Träger der Warenzirkulation" war. In der neueren Zeit, nachdem die Entwicklung der kapitalstKühen Gesellschaft den .Aorsprung" der Juden eiugeholt hatte, fei die jüdische „Kaste" m einer Käme. der Bourgeoisie, aufge'aangen. Wie steht cs nun mit den Juden"weiter? Es wird anerkannt, daß sie eine ö k o n o m t f cf; c Funktion gehabt haben, die aber heute erfüllt ist. Von der wirtschaftlichen Seite gesehen, hat also die Judenheit keine EMerrzberechtigung mehr. Eine Nation ist sie nicht, das beweisen die Inden täglich selbst. Und die jüdische Religion? Sie ist „von der sozialen und nationalen Entwicklung nicht zu trennen", blber auch sie ist nur in der sozialen Entwicklung der Juden begründet und nichts weiter als „ein Nachschlage - buch für das Soll und Haben der ^eele, ein Kontokorrent, ein Dossier, in dem man die Wechsel aus die Seligkeit aufbowahrt" (p. SO). Die Assimilation hat auch sie zu einer unwichtigen Wche gernacht, so daß Heller schließlich sagen kann, ,chaß die besondere soziale Funttion des Judentums erloschen ist, seine nationale Existenz nicht mehr besteht,' die religiöse Bindung beinahe gleich Null ist, und dich Bindung, wenn sie formell aufrechterhalten wird, sozial nicht nur nachts besagt, sondern obendrein noch Nachteile mit sich bringt" (p. 59). — Aich .Ter Zionismus ist nichts anderes als ein Element der Konterrevolution", dessen Ziel es ist, den britischen Jmreralismus §u stütze!?) und „die TriDler mrd Händler aus Podolien in Palästina als Trödler und Händler anzusicdeln". Aus allen diesen Fragen' kann nach Heller nur ein Weg hinaussichren: Die nationale Siedlung in 2. der Juden Im AliLrUrur", Fortsetzung von Seite 76 Herrschern aus dem Douiöonengeschlecht diestnigen Cedankengänge zu imterstühm und vrrzutrciben, welche geeignet sind, die in der Venvaltung des Christentums^ befindlichen christlichen Güter der Nation i m « i n n c des Indent 1: m s u m - z u w a n d e l nck Aus solche Weise lautet das Ergebnis: „In Frankreich beginnt das große Wagnis des Judentums mit Europa? und darum sind Frankreich und das Juden tu in die beiden Träger der Verschwörung gegen Deutschland. Wer das nicht sieht, sieht die wahren Zusammenhänge der Geschichte nicht, die zu entdecken Hans Blüher berufen war. III. vT' fällt uns.schwer, den Ernst zu belvahren, wenn wir derlei wilde Phantasien berichten. Wir waren gerne versucht, kopfschüttelnd und je ni) Temperament ärgerlich oder mit einem müden Lächeln das Buch beiseite m tun. Aber die Zu rammenhänge, in die sein Erscheinen fällt, sind mir allzu ernst und sogar bedrohlich, als daß wir solchem Wunsch nachgebe:: können.' In einer Zeit, die au? eine so erschreckliche Art unter der Herrschaft der Dummheit sieht wie die unsere, ist in der Tat nichts dumui genug, als daß es nicht geglaubt wird, als daß es nickr seine erschückcrnde Wirkung übt. Auch die theologisch-mystische Einkleidung desBlühecsckren Antisemitismus kann uns nicht darüber tauschen, daß hier in neuer Mstchung all die Strömungen hineimnünden. die auch zur judeuferndltchen Flur der natlouoäsozialistischen Agitatwu gehören. Die gelegentlichen Ülandbernerlungerr die sich gegen den landläufigen ÄutiferniVisums wenden, sind nicht geschrieben, um diesen zu bekämpfen, fondern um ihn zu vertiefen, um ihn. den grundlosen, gehörig „zu begründen". Der „geistige AntisKmirismusZ den Blüher ja bekanntlich schon während des Krieges in einer Schrift über bürgerlichen und geistigen Antisemitismus propagierte, scheint uns ebenso, mein nicht noch bedrohlicher zu sein, wie die pöbelhafte Hetze des Gozzenantisenütismus. Wer Gelegenheit hat, die Ideen zu verfolgen, die die jugendlichen Kreise der Reckten, heute beherrschen, wird einen deutlichen ZuHmmcnhang zwischen der Ablehnung des Rationalismus und des politischen Liberairsmus finden, und die theoretische Grundlegung der Ideologie der Diktatur gegenüber der Demokratie ist in jenen Vorstellungen verankert, die dem Blut einen Vorrang gegenüber dem Geist, der Seele gegenüber der Vernunft cinräumeu. Es :st zweifellos. daß in dem neuen Irrationalismus. eine starke Fruchtbarkeit zu finden ist; aber ob diese Fruchtbarkeit zugleich schöpferisch ich scheint uns noch nicht cnincfen. So tveuig wir liberalisiische Gedankcngänge in der Politik für ewig gültig erachten, 'so wenig wir der rationalen Beivältiguug der Wirklichkeit ausschließliche Möglichkecken znsprecheu, so sehr sind wir davon überzeugt, daß auf lange Sicht hinaus eine Politik ohne Vernunft und unter Ausschaltung vcrftandesmäßiger Erwägungen nicht zu führen ist. Die Entwicklung in der augedeuteten Ria> tung greift bereits heute sehr weit. So Unut sogar, daß eine Diskussion und eine Verständigung nahog! unmöglich wird, weil man jedem Argument, jeder Enväguug und jeder Begründung von der anderen Seite schiecrckin den angeblich untrüglichen Instinkt und das angeblich unfehlbare Eefiihl entgegensetzt. Ueber Cegie kann man nicht streiten; aber es muß ubt fein, ihre Entstchungsgründe zu zeigen, die mannigfachen Täuschungen und Vorurteile aufzudeckech war Fehlurteilen und noch Schlimmerem womöglich vorzubeugen. Tut man' das nicht, so trägt man selbst einen Teil Schuld daran, wenn aus Grundlage irregeleiteten Gefühls politische Bewegungen entstehen und ins Unaösehrbare wachsen können, deren verhängnisvolle Auswirkung sich immer deutlicher abzeichnet. Blüber hat in der Frage, die uns angeht, vor nahem zehn Jahren einen Satz geprägt, der durch die fcichcr verstrichene Entnstckluua fast in fein Gegenteil verkehrt wstrd. „Der Well Pogrom kommt zweifellos", schreibt er 1922 in der „Sc-cession Judaica“, „Deutschland wird das einzioo Land sein, das vor dem Morde zurückgefnunckr." Es ist bitter, im Nahmen einer geistigen Ausoiuandorsetzuug darauf Hinweisen zu müssen, daß Deutsthlaud im letzten Jahre ein Land genoordon ist. in dem sich immer mehr politische Morde ereignen, und das Land der Welt, in dem die Angriffe auf da?. Judentum Formen der Gewalt angenommen haben. Wir sind weit davon entfernt, dem Geist schuld an der Gewalt zu geben; aber geistige Verwirrung ist niemals ohne Schuld an der Möglichkeit der Gewalt. Wiederum vor zehn Jahren wurde in der Lieber schrist einer in unserem Pstilo-Verlag erschienenen Abhandlung von einer „Philosophie des Pogrom s" gebrochen. Wir sind der Meinung, daß die Blühersche Eiustellmrg in ihrer politischen Auswirkung zu solcher An Philosophie gehört: das ist die ernste Kehrseite einer lächerlichen Angelegenheit. Oe. Mauritius Kahn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.