Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-02-26 · 9 (26.2.1932) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
9 (26.2.1932)
Date
1932-02-26
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277948--07203-2288087
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75 niemand, also auch Berlin nicht erhaben. Gewiß aber ist. daß Berlin alle Krankheiten immer neu überwindet. Durch dieses UeLerwmden gibt es fort« während an ganz Deutschland Kraft ab. Impuls, Austrieb und in aller Not Optimismus! Natürlich kann eine Stadt Von Berlins Ausmaßen nicht vor allem ton mehr irrationalen Kräften des Landes, des Volkstums, der stillen Landschaft gehören. Sein Lebenskampf erfordert Bewußtheit. Darum mach Berlin Zwangläufig, wie auch seine östlich-koloniale Lagerung und Vergangenheit verlangten, rationaler, nüchterner sein als andere deutsche Städte und Landesteile. Gerade dadurch gibt es aber jenen anderen Gebieten die Möglichkeit, sich auf seelischirrationale Schasfensmöglichkeiten nuchr zu konzentrieren, indem Berlin den naturnotwendigen Ausgleich herbeibringt. Denn alles Leben lebt nur, wenn der rationale und irrationale Spcmnungspol in die Gleichspannung zurückschwingen, nachdem bald der eine, bald der andere stärker ausgeschwungen hat! Ganz Deutschland hat also heute ein Lebensintereste daran, hinter sein restentim-mtales Fragezeichen „Berlin?" das sich behauptende, stärkende, daseinsanpackende Antwortausrusungs- Zeichen „Berlin!" zu setzen. Ö2C3B LI'UÄeoÄ' LÄHMMNWLÄM In Halle a. d. Sänke erscheint seit kurzem eine Halbmonatsschrift „Geheime Politik", die laut Kopsvermerk der Bekämpfung des Judentunns, Logen tu ins und der Wellspionage dient. Die Nr. 2 dieser Zeitschrift brachte einen Artikel unter der lieferp}iirr: „Die Ritualmord- Btutgesetze-Kannibalismen". Ter Artikel wärmt in der altbekannten hetzerischen Weise unter Schilderung angeblicher Falle aus dem Mittelalter die Rrbwalmordlüge auf und versteigt sich zu der Behauptung, daß den Juden der Mord eines Christen nicht nur erlaubt, sondern geradezu von dem rabb mischen Gesetz v o r - geschrieben sei. Es wird weiterhin die Er- Zahlung aufgetischt, daß die Juden zum Purim- und Pe siech fest das Blut von Christen benötigen und es sich Lurch Ritualmorde beschaffen. Schließlich enden die gehässigen Zlussühruwgen mit dem Satz: ,JBti uns wird die Erkenntnis des wahren jüdischen Wollenkünstlich verhindert und der Willkür der jüdischen Dolksvewnichter freier Laus gelassen." Gegen diese brutale Verhetzung ist der Oberpräsident der Provinz Sachsen mit erfreulicher Schärfe ein geschritten: er hat die Zeitung durch Verfügung vom 16.Februar 1932 — OP. 2161 D. aus sechs Wochen verboten. Aus der Begründung der Verbotsversügung geben wir die nachstehenden Lluslassungen wieder: „Diese Ausführungen enthalten nicht nur den unmittelbaren Vorwurf, daß die Angehörigen der jüdischen Religionsgefellschaften allgemein aus religiösen Gründen Nichtjuden morden und ihr Blut benutzen, sondern der Artikel macht sich auch die wiedergegebenen Neuster nagen selbst zu eigen. Endlich enthalte die Ausführungen, insbesondere die letzten Worte des Artikels, gegen die öffentliche Verwaltung^ unseres Vaterlandes,- nicht zuletzt auch gegen die Gerichte, den schweren und völlig unberechtigten Vorrvurf. sw ließen der Willkür der jüdischen Volksvernichter freien Lauf, d.h. sie erfüllten gegen die angeblichen Mordtaten von Juden nicht die den Behörden obliegenden Verpflichtungen.- Die Behauptungen"des beanstandeten Artikels rrücken sich, wie sich insbesondere aus dern Schlußwort ergibt, gegen die in Deutschland bestehenden und anerlaunten jüdischen Religionsgesellschaften. Daß der Borwurf des Kannibalismus und des Mordes an Nichtangehörigen der ReligionsgcmeinlckMft zu rituellen Zwecken eine Beschimpfung und ein böswilliges Verüchtlichmachen darstellt, bedarf keiner Ausführung. Mit Rücksicht aus die Schwere der Beschimpfung erschien eine Verwarnung nicht ausreichend. Eine Verbotsferner von sechs Wochen ist angemessen." Die Angelegenheit wird , auch noch ein Nachspiel vor den Strafgerichten finderr. R.-A. Dr. Haas Lazarus (Berlin). C;::r,r;2 i M CXJ3 4/ *tr 4 1 p w V v / <*■*/ < 41 ’W* ia v <V v *&' V 4' 41 Durch einen Teil der deutschen Linkspresse gehen von Zeit zu Zeit Meldungen, nach denen die NSDAP. Geld von Juden genommen hat. Meist werden in diesen Meldungen keine Namen genannt, sondern es werden Kombinationen und Vermutungen zum Ausdruck gebracht. Man will dartun. wie weit das Gewissen der Nationalsozialistischen Partei geht, die selbst von ihren verhaßtesten Gegnern Geld annimmt. Bettelbriefe, wie sie der „Eisenhammers-Redakteur Frerster vor Jahren an einen jüdischen Bankier geschrieben hat. Droh- und Erpresierbriese, wie sie ein fingiertes „NSDAP.-Komitee 8" in Berlin — einige dumme Jungen, die mit der NSDAP, nichts zu tun haben — an jüdische Kausleute schickten, mögen die Grundlage für derartige Behauptungen sein. Liest Meldungen über angebliche jüdische Geldgsber der NaDAP. halten wir für außerordentlich gefährlich und verantwortungsvolle Pylitik-r sollten sie nicht weiterleiten. ist rrns nicht ein einziger Fall bekannt, Ln dem der Nachweis geführt werden konnte, daß Inden irgendeine Stelle derNatlona!- soziaListischen Partei finanziell unterstützt hätten. Wir würden eine derartige Handlung als Gesinnungslosigkeit aufs schärfste brandmarken. und wir halten es für ausgeschlossen, daß von irgendeiner auch nur einigermaßen verantwortlichen jüdischen Persönlichkeit Geld an die NSDAP. gegeben worden ist. Wie vorsichtig derartige Meldungen aufzunehmen sind, erhellt ein Vorgang, der ursprünglich in einem kommunistischen Berliner Blatt veröffentlicht worden ist. Danach soll die NSDAP, in'Hilgert von einer finnischen Jüdin 3069 Mark angenommen und ihr als Gegenleistung einen „Freipaß* ausgestellt haben. Wir haben uns in Hilgert erkundigt und festgestellt, daß von dem ^ganzen Vorgang nichts bekannt ist. Wahrscheinlich hat irgendeine im* v e r a n t w o r t l i ch e P e r s ö n l i chk ei t d e r l o rn m u n i ft i \ tfj e u Zeitung einen B ären aufgebunden. Um so bedauerlicher empfinden wir es, daß jetzt eine große Anzahl sozialdemokratisnfer Blätter auf die Schwindelmeldung hereingefallen ist und unter der Ueberschrist „Judengeld riecht bei den Nazi nicht" den ersundenen Vorgang der Oesfentlichkeit vermittelt. Jetzt spielt in der Schilderung des Falles sogar ein in Hilgert gar mdit vorhandener Rabbiner eine Rolle, der das Geld der finnischen Jüdin an die Kaste der Nat iouucksozialisten gezahlt haben soll. Gerade die verantwortungsvolle Presie der nichtjufenfeindlick)en Parteien sollte sich bewußt fein, daß derartige unkontrollierte Meldungen nur die stwen feindlichen Kreist in ihrer These von den „gesinnungslosen Juden' unterstützen. Für den Wahlkampf! ■ mmt 0:::5: WlrrS m, tizt mti m üü‘!:2iO:' «nis» sEe LeAoLsgeftchchAL LtuAgari 1932 Der bekannte demokratische Parlamentarier Theodor Heuß unternimmt den Versuch, die Hitler-Bewegung und ihren Führer politisch und soziologisch darzustellen. Der Vorzug des Buches ist, neben einem fast künstlerisch anmulenden Stil, der in jeder Zeile spürbare Wille zur Gerechtigkeit und Objektivität. Frei von jeder Demagogie, mit dem Rüstzeug guter Sachkenntnis, vermeidet der Autor alles, was dem Buch etwa den Charakter einer politischen Streitschrift geben könnte. Diese Objektivität einer so temperamentvollen Bewegung gegenüber hat aber natürlich auch chre Schattenseiten: der Leser erhält das Bild einer zwar sehr bizarren, stark romantischen, in fern Einzelpunlten zweifellos übersteigerten und in Einzelforderungen bis zürn Unsinn überhitzten Bewegung, aber es wird sicherlich zu einer gewissen Anerkennung des — so muß es dem Leser scheinen — gesunden Kernes der Bewegung kommen. Daß Heuß das nicht gewollt hat, weiß jeder, der ihn 'kennt. Daß der Erfolg aber trotzdem eintritt. dürste neben der bereits erwähnten noch zwei wesentliche Ursachen haben. Heuß nennt seine Schrift eine historischpolitische Studie und legt, nach der Darstellung zu schließen, dabei offenbar den Hauptton auf das Wort historisch: er verkennt dabei, daß der Leser — und ganz besonders der an der Tagespolitik stark interessierte — zu einer so lautem alles überschreienden Gegenwart, wie es der Nationalsozialismus ist, noch nicht die Distanz hat, die ihm das Verständnis für eine geschichtlich objektive Darstellung ermöglicht. Und der zweite Fehler besteht darin, daß Heuß bei seinen Untersuchungen die nationalsozialistische Realpolitik vollständig Übersicht. Er spricht nicht von dem tatsächlichen Umfang der Friedhossschändun^n, nicht von der fürchterlichen Hetzprege, nicht von der unmoralischen Taktik des Boykotts, nicht von Uebersällen, Beleidigungen und Erzesien, die der Nationalsozialismus als neue schwäre Kampfmittel in die deutsche Politik hinein ge tragen k^t. _ Heuß schreibt einmal: „2)ie ewige Spannung ,Ethik und Politik' ist für ihn (Hitler) nicht vorhanden oder von Anbeginn in emer naiven Eindeutigkeit gelöst. Nicht an den Motiven, nicht an den Gedanken, sondern an den Ergebnissen wird das Wesen einer politischen Arbeit gemessen. Hitler hat dieses ganze Gebiet, den Weg zum Erfolg, in den Zeiten der Manen genau durchdacht, sehr rational auch in der Bewertung des Irrationalen/ Tie stark rationale Wirkung der Sturmtrupps streift Heuß zwar in ihrem Verhalten Hitler gegenüber, kaum jedoch in ihrer Wirkung auf die Straße. Heuß gibt zu, daß es „meist eine Strafe sei. die antisemitische Literatur zu lesen". Er erklärt aber auch die Art, wie die Juden sich wehren, nicht immer für glücklich: „Manche von ihnen lasten sich ohne Not das Niveau des Kampfes von dem Gegner aufzwingem da Kühle oder Schweigen wirksamer wäre als g-egenbeweifende Enupfindlichkeitck Theodor Heuß, der an anderer Stelle ausdrücklich sagt, daß der Antisemitismus ein „Anlaß der Scham" für die Nichtjuden und eine „gemeindeutsche Angelegenheit" fei, darf über; eben Verdacht, als ob er den Antisemitismus in einer Wirkung nicht richtig einschätzt, erhaben ein. Aber seiner Kritik an der Abweh rarbeit muß doch entgegnet werden, daß die Juden nur deshalb heute in der von ihm als peinlich empfundenen Notwendigkeit der Abwehr sind, weil auch die Nichtjuden zu lange eben diese so vornehme „Kühle oder Schweigen" bewahrt haben. Von diesen Vorbehalten abgesehen, ist die Heußsche Schrift eine durchaus wertvolle Arbeit, geeignet, einer gewissen Höhenschicht von Menschen, die die poliAsche Betrachtungsweise in der reineren Sphäre der Wissenschaft ohne den Alltagsschmutz des Straßenkampses lieben, ein Bild \)on der nationalsozialistischen Bewegung zu vermittL-ln. vr. M. E.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.