Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-02-26 · 9 (26.2.1932) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
9 (26.2.1932)
Date
1932-02-26
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277948--07202-2288086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

74 dann Rädert wird, wenn die Beschimpfungen der jüdischen Gefallenen wieder austauchen sollten. Leider erweist sich die Spekulation aus judenfeindliches Verurteil im taktischen Pckn der NSDAP, meist als richtig. Gerade deshalb ist es unsere Pflicht, ihr Vorgehen als 2cüil aufzudecken tmd die inneren Ursachen der Judenparolen immer wieder klarzulegen. NI. - Wir haben in der letzten Zeit wiederholt auf bte EntlastungZOffensive der Nr:TAP. verweisen münen, die die wahre Ursache der Bürgerkriegsstimmung und der revolutionären Zusammenstöße zu verschleiern sucht. Während sie auf der einen Leite die angebliche „Bürgerkriegs- und Mordhetze der Juden" brandmarkt, versucht sie die eigenen Anhänger als Unschuldslämmer hinzustellen Eo fragdie nationalsozialistische „Flamme" in ihrer Numnwr S vom 19. Februar in einem Artikel „Indem pwgel": „Wieviel Jrrden ermordeten die Nazis?" „Körnten Sie mir einen einzigen Juden nennen, der von Nationalsozialisten ermordet wurde?" Wir beabsichtigen nicht, mit Organen vorn Schlaga der „Flamme" zu diskutieren. Aber wir wallen in diesem Zusammenhang der OeffemlichkeiL die traurige Tatsache bekanntgeben, daß am 9. DczLMber.1931 der jüdische Kaufmann Gerhard Hopp aus Siegers von dem Händler Schmidt ohne jeden Anlas; überfallen und durch einen Schlag ans den Kops niedergeschlagen worden ist. Nach eurem qualvollen Krankenlager ist .Hopp an den Felgen des Schlages am 13. Februar d. I. in Berlin gestorben. Gr hinterlähr Frau und ein ILerncs Kind. Der Ausruf des Tüwrs: „Fetz: habe ich dich verfluchten Juden endlich einmal allein!", klärt das Motiv der verruchten Tat hinreichend. Das Verbrechen wird seine Sühne finden. Immer weiter aber gehr die Volksvergntung, die die Parotemnachcr und Taktiker der NSDAP. zu verantworten haben, jene Volks- Vergiftung, die derartige Verbrechen erst möglich macht. fl K '■; •'■j/y <s>^' 4sr 4 ■' i von Hülms MürLin Elsisr In dem Leit^irtilvel der „C. V. - Zeitung“ vom 19. Februar wurde das Schlagwort vom KulUirbolsehewismus widerlegt. Als Träger dieses Kulturbolschewismus wird von den Vertretern des deutschen YoiksUnnsgedankens im allgemeinen Berlin genannt, dessen angeblich überwiegend jüdisches Literatentum den deutschen Geist zerstöre. Der nachfolgende Aufsatz von Dr. Hanns Martin Elster zeigt, dass diese angebliche Wurzellosigkeit und Fremdheit in Wahrheit nichl dem Judentum zur Last fällt, sondern, soweit der Vorwurf überhaupt berechtigt ist, eine notwendige Folge der grossstädtischen Entwicklung an sich ist. Die Schriftleitung. Wohin im Reich man auch kommen mag, überall hört man auf - Berlin schelten und schimpfen. Der Zorn, ja der Haß kann sich nicht genug tun, den „Wasserkopf" und ftine Bewohner anzuklagen, an allen Zcitübeln, politischen, wirtschaftlichen, nationalen, meackchtichm Röten für schuldig zu erklären, undeutsch, unnohvendig und was weiß ich sonst zu nennen. Der ewige Gegensatz Stadt und Land tobt sich in dieser Herabsetzung Berlins aus. Allo alten historischen, soziologischen Resscrüimems, aus politischen, landschaftlichen, rassischen Entwicklungen und Zusammenhängen geboren und entwickelt, sind ausgestanden, um Berlin und die Berliner für das Nebel aller Nebel anszurnftn und für die Duelle alles Schlechten, Bosen, Unglücklichen auszuschreicn. Dazu kommt, daß die neuere., tiefere Einsicht in das Irrationale des Lebens und Volkstums, die neue Ehrfurcht vor Ration und Schicksal, das nrue Wissen um das Unwägbare und Einsame unseres deutschen Weges glaubt, Berlin als Feindin und Verneinung all dicker Erneuerungs- und Erstarkungshäfte mckchen zu müssen. Berlin ist für Eine Wider'acher — und sind dies nicht alle Deutschen außerhalb Berlins?! — die Stabt des hassenswertcn, nüchternen, kacken Rationalismus, des iiuurijuüt) oder eogntisch übertonteu, womöglich noch ,chüdivd'jcn* Materialismus. des seel: tötenden, herzlosen JntellettuaUsrnus. ' Dev Berliner ist nach Ansicht der Nicht-Berliner, überhaupt kein Teil des Volkes, sondern eine Heimatlose, unrassische „Großstadtpflanzech die keine Beziehung vrcchr zu Leu Urkräftcn der. Erde, den Seeienkrästett der Landschaft, den Bineckräiwn Per Tradition, der Eeschichw hat. Berlin ih für die Nicht-Berliner einfach das bebe:::noaLende- Schulbeispiel der Amerikanisie-onng, Ilwwwuisierung. Industrialisierung des Dastuck in» jeder Region. Unb es ist, je nach Partei- und Wirtschaftsp optischer Stellung des einzelnen,. bald die Hochburg des Kapitalismus oder des Kollektivismus, bald die Zentrale der Bürokratie oder der Partemimchmerie, bald das Verschworernest des Pazifismus oder des Militarismus, bald das Schulbeispiel unsthSpferischer Kunst und Literatur oder mechanischen WissenschaftsLetrieöes. Cs gibt keinen Borwurs, der nicht gegen Berlin und den Berliner erhoben wird. Wie verhalten sich nun aber'Berlin und der Berliner gegen ihre Ankläger, gegen die Anklagen? Tlii der ganzen Gelassenheit ihrer ursprünglichen Vitalität. Das ist es ja gerade gewesen, wodurch Berlin geworden ist, was es ist: daß sich in ihm doch zuletzt die gesamte Lebenskraft der Ration zufammengeballt hat. Berlin ist ja nie eine Stadt „von jeher" gewesen — wie etwa Köln oder München. Es ist vorn g e s a m t e n deutschen Volk willen s m aßig u n d schicksalsm äß i g ge sch assei: wor den. Zuerst waren e-s die Ost- und Kotonialdeurschen, die ans dem sumpsig-uworigen, saudig.unfnrchtlvren märkischen Boden mit Hilfe französischer, süddeuckcher Flüchtlirtgsscharen Preußens Hauptstadt schufen, weil das um Polen, Schlesien vergröberte Preußen Friedrichs des Großen eine Hauptstadt aus L e b e n s g r ü n d e n brauchte. Als daun unter P r e u ß e n s F ü h r u u g die deutsche Rcichseinheit geschaffen und das Reich eine Hauptstadr wieder a u s Lebens g r ü n - den brauchte, fiel die Wahl völlig natürlich auf Berlin, da sich die deutsche Lebenskraft hier schon in $€-0 000 Einwohnern int Jahre 1870 gesammelt hatte. Diese Lebenskraft sichte sich nun durch, indem ne von 1S70 bis 1914 fast drei Millionen andere Deutsche nach Berlin zog und sogar nach dun verlorenen Weltkriege noch eine weitere halbe Million tiVnalim, fo daß nun viereinhalb Millionen Deutsche in Groß-Berlin ihre Vitalität vereint haben! Gelassen sagt der Berliner den Wideckachern: über diese viereinhalb Millionen Meuchen können wir nicht einfach hinwegsprüigen, hinweg reden, ebensowenig wie wir über Hamburg. Bremen, Köln, Leipzig, ckckmchm — die zusammen vielleicht auch vierenchckö Millionen (oder auch mehr) Deuckche rrnnchssen — hinweasprinaeu, hinwegrede:: kann in. Wir Berliner And mm einmal da und wir sind viel zu kritisch, als daß wir umstre Fehler, Schwächen, nicht sehen. Aber »vir sind auch Beobachter und Kenner des gesamten deutschen Lebens genug, um zu wissen, das; unsere Fehler hier aus ga uz Deutschland ebenso zufamnteuasströmt sind wie unsere Mitbürger, daß also ganz Deutschland dies Berlin geschaffen hat, erhält, darum dafür verantwortlich ist! Wer aber ein Verantwortungsgefühl für ganz Deutschland, sein Volkstum, sein Schicksal, ckstn Leben besitzt — und dessen rühmen sich doch Berlins Widersacher ganz besonders —, dem ruft Berlin entgegen, daß dann mach Verantwortung für Berlin miteingeschlossen ist. Die Lage ist doch nicht so, daß hier ganz Deutschland in all seiner voltlichen, laudschaftlichen Gliederung 'und Fülle liegt unb dort, völlig für sich, Berlin, eine volklich, landschaftlich, blut - mäßig „fremde" Stadt, sondern vielmehr so, daß Berlin eilten Teil dieses gesamten Deutschlands, ein Sammet- und Lebensz e n t r u m, einen Ausdruck, einen Willen und eine Wirtlichkeit v o it ganz Deutschland fc o r ft c [ 11! 2 a r » um sollte, wer ganz Deutschland liebt,verantwortet,vorder Welt vertritt, auch Berlin mitlieben, m i t v e r a n t w o r t e n, m i t v e r t r e t e n. Hat ein Deut scher schon einmal einen Engländer gehört, der sein London, einen Franzosen, der sein Paris, einen Amerikaner, der sein New Port, einen Italiener, der sein Rom in beit Staub zerrt? Berlin ist gewiß nicht London. Paris, New-Pork, Nom und soll es auch nicht sein, weil jede Stadt ihr eigenes Wesen und Werden aus seinem Volks und dessen Schicksal heraus hat. Berlin ist nun aber einmal Deutschlands Hauptstadt, mochte auch vor 1870 Deutschland nie eine gemeinsame Hauptstadt haben, denn damals waren es weder Wien u.och Berlin, waren es noch früher auch nicht Prag oder Regensburg, auch nicht Frankfurt am Main oder Aachen. Aber seit 1870 hat Berlin sich auch als Reich-zentrale erhalten, bewiesen. Bewiesen gerade nach 1918: hat Berlin nicht gerade dafür gesorgt, das; die Reichseinheit erhalten blieb, und sorgt es nicht heute noch hüür, daß die Reichseinheit. die allen Teuckchen (wie Vesterreichs Schicksal nach dem Zerkall der österreichischungarischen Reichseinheit nur zu sehr beweist!) lebensnotwendig ist, erhalten bleibt? Alle Deutschen haben Berlin g e s ch a f f e it und allen Deutschen t ft Berlin o r gani s ch notwendig! Das hat unser Geschick seit 1870 unwiderlegbar bewiesen. lind das beweist gerade die Gegenwart! Durch Krieg. Inflation, Deflation bat Berlin stets die stärksten Feindschaften, Abschnürungen, Spanmunzen erfahren nun'en und hat stets alle Stöße überwunden: durch seine Vitalität. Es mutzte sich im Lebenskämpfe der Böller wie der Deutschen b e w ä h r e n, denn zerfiel die Hauptstadt, zerfiel das Reich! Allan muß endlich einmal überall die große Linie dieser organischen Ausgabe von Berlin sehen. Wer diesen Sinn sieht, wird daun all die Fehler unb Schwächen als naturhast-bedingt beiseite schieben: ein großer Körper bietet Krankheiten größere Angriffsflächen als ein kleiner, lieber dies Gesetz ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.