Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 8 (19.2.1932)
- Date
- 1932-02-19
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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öb erscheint, sie überhaupt verteidigen zu müssen/ Gewiß ist alles schöpferisch Geformte von zeitlosem Leben erfüllt und in seinem menschlichen Kern ewig lebendig, auch über die Grenzen des Volkstums hinaus, aus dem cs seinen Ursprung nahm. Ebenso selbstverständlich, geradezu banal 'st es, daß jede Schöpbmg mit der persönlichen Wesensart ihres Schöpfers auch fein Volkstum Zeigt, ja daß in der Spiegelung etwa durch Gestalten der Kunst ein Volk sich erst selbst erkennt und findet, wie man es für die Griechen von Homer gesagt hat. Aber wenn solchen Gestalten ^zeitloser Wert zukommt, haben sie darum auch ewige Geltung oder Lauernde Wirkung? Soll man wirklich noch mit der Schwertspitze Gaben empfangen, wie es im Hildebrandslied heißt? Wirken Jean Pauls Werke, in denen die besten Kräfte deutschen Wesens ausgeprägt sind, nach nur hundert Jahren noch auf eine breitere Maste? Nein, mit noch so einfachen „biologischen Gesetzen" ist der Kultur nicht beizukommen, weil sie eine nicht nur biologische, sondern auch geistige Erscheinung ist. spräche wirklich „zur Nassenwele, was aus der Rassenseele kommt", dann konnre es ja gar keine Kulturpolitik geben, genau so wenig, wie es etwa eine „Eßpolittk" gibt mit dem Ziel, den Menschen gut zuzuredcn, daß sie nicht verhungern! Tann könnte Loch auch der Weltbürgergedanse der deutschen Klassik, der doch gewiß „aus schöpferischen Kräften des deutschen Volkstums kommt", nicht von den Nationalsozialisten bekämpft, könnte nicht (wie „Das Volk" vom 11. Dezember 1930 es tut) eht Gedicht von Hermann Hesse einfach als schmutz bezeichnet werden. Und vollends wäre es unverständlich, wieso das stammverwandte Dänemark, das im achtzehnten Jahrhundert kulturell unter rein deutschem Einfluß stand und ihn dankbar mit tatkräftiger Hilfe für Klopsiock und Schiller vergalt, sich im neunzehnten Jahrhundert völlig der französischen Sprache und Kultur zuwandte. Aber auch im einzelnen hapert es bedenklich mit dem Instinkt der „Rassenseele". Der völkische LiteraryisLOriker Bartel s^hat eine ganze Reihe rein deutschstämmiger <chrisrsieller Zu Juden „ernannt", und noch jüngst wurden u. a. Hermann Essig, Oskar Loercke, Leonhard Frank, Bert Brecht und Alfred Brust fälschlich als Juden.bezeichnet, um die Verteilung des Kleist-Preises als tendenziö'e Mache hinstellen zu können. Anderseits ist der erste, der bodenständiges deutsches Volkstum darstellte, der schwäbische Jude Berthold Auerbach gewesen. Hitler wettert (im „Illustrierten Beobachter" vom 27. Dezember 1930) gegen Kubismus und Dadaismus — der letztere, ein Bürgerschreck von 1921, ist so tot, daß man sich nur mit Mühe noch darauf besinnt —; Hitlers Schüler Frick hat die Bilder expression i st i s ch e r Künstler wie All a r c, Kirchner, Schmitt-Rottluff, Klee, die Plastiken von L e h m b r u ck und B a r l a ch aus dem Weimarer Museum entfernen lasten mit der Begründung, daß sie „nichts gemeinsam hätten mit nordisch-deutschem Wesen, sondern sich darauf beschränkten, das ostische oder sonst rninderrastige Menschentum darzustellen". Aber im „Nationalen Sozialist" (Nr. 143 vom 17. August 1930) wird derselbe E x p r e s s i o n i s m u s gegenüber dem individualistischen Impressionismus als die eigentlich nationalsozialistische Kunstart hingestellt, und der „Angriff" vom 9. Januar 1930 würdigt Barlach zutreffend als besonders deutschen Künstler! Den Walzer, der als eigentlich deutscher Tanz gegen das „amerikanischnegroide Jazzgeräusch" ausgespielt wird, haben in Wirklichkeit die Soldaten der französischen Revolution nach Deutschland gebracht, und gegen Richard Wagner, der nun dank seinem Pamphlet „lieber das JudentunK in der Musik" und seinem Schwiegersohn H. St. Ehamberlain zum Vertreter nationaler deutscher Musik gegen die „bolschewistische" Atonalität erhoben wird, wurden seinen Lebzeiten die gleichen Vorwürfe „jüdischer, orientalischer Dekadenz" vorgebracht: der Nationalismus von heute ist d e r ,.K i; I: n r Do I * ch ewis - muS" von gestern. Umgekehrt geht z. B. die Forderung kleiner Anfangsbuchstaben aus die Begründer der Wissenschaft von deutscher Sprache und deutschem Volkstum, die Brüder Grimm zurück. Die stärkste Demagoge aber wird gegen die neue Bauweise, den „Dauhaussti/ entfaltet: der (freilich überspitzt intellektuellen) Forderung einer fchllohnmaschine" setzt mau Da?- „gemütliche Heim", d. h. die glücklicherweue überwundene Plüschkultur entgegen, die mehr in die Breite als in die Höhe gehende Form mit flachem Dach wird geradezu symbolisch als Ausdruck „kollektiv-materialistischen Geistes" ausgcsaßt und ihr der Geist gotischer Tome mit ihrem „Emporstreben zum Licht" gegenüberaostellt. Man vergißt dabei nur, daß auch für die Gotik zwischen Kirchen und Wohnhäusern ein erheblicher Unterschied bestand — es hat bisher niemand daran gedacht, etwa gegen das Berliner Schloß den gleichen Vorwurf zu erheben. Das Flachdach aber wird kurzerhand auf orientalische, und damit aus jüdische Einflüsse zurückgesührt, obwohl man sich zweifellos über seine Bedingtheit durch die neuartige Beton- und Stahlkonstruktion völlig im klaren ist. Sicherlich ist dieser neue Stil noch nickst cusgereist; daß aber seine Prinzipien nichts Fremdländiches haben, zeigt deutlich z. B. das Schloß Sanssouci, dessen Dach völlig unsichtbar ist und zweifellos flach gehalten worden wäre, wenn die damalige Technik das ermöglicht hätte. Wie verschieden aber die Objektivität ist, je nachdem man die gleichen Bauten zu Hause oder in der Fremde sieht, zeigt der Bericht des protestanrischen Pfarrers Friedrich Peter über eine Amerika-Reise: „So fremd stehen die Wolkenkratzer nicht in Amerika wie etwa die weißgetünchten, viereckig gelöcherten Hauskästen syrich-phönizischen Gepräges in un'eren Großstädten . . . Dagegen wird der deutsche Geist durch eine uns fremde Bauhausarchitektur orientalischer Dachung, Formung und Färbung . . . geradezu beleidigt/ Dagegen: „Wir sind nicht berechtigt, hinter allem was uns (es ist von der amerikanischen Kirchenreklame die Rede! Ter Vers.) geschmacklos erscheint, eine Unterwertigkeit zu wittern und vor allem nickt eine moralische"!! (Schundkampf 1931, Nr. 42'43). Man könnte den bösartigen Dilettantisnms, der sich in diesem Schlagwort verkörpert, auf sich beruhen lassen, stände" nicht hinter ihm die Vorstellung von einer Art „Autarkie" des deutschen Geisteslebens, die nicht scharf genug bekämpft werden kann. Wie 'das deutsche Volkstum sich am kräftigsten nicht im Innern Deutschlands, sondern an den Grenzen entwickelt hast wie die Kraft der deutschen Industrie sich weniger in der Ausbeutung reicher Bodenschätze als in der Veredelung rohen Materials zeigt, so gehen auch die Blütezeiten deutschen Geisteslebens nicht spontan aus feiner inneren Entwicklung hervor, sondern stellen die Verarbeitung stärkster äußerer ' Einflüsse dar. Der deutsche Minnesang folgt dem provenzalischen, Wolfram von Esch en b ach bat aus einem französischen Roman das deutscheste Werk des Mittelalters gemacht, die deutsche Klassik ist undenkbar ohne den Einfluß der Antike, des französischen Dramas, Shakespeares und ohne Herders Entdeckung „internationaler" Votksroene—. heute würde man Varn poetischen Kollektivgeistes; keine der großen Formen der Literatur und Kunst, ja nicht einmal der Musik, ist deutschen Ursprungs — aber alle haben eine schöpferische Wandlung und Veränderung, fast alle haben ihre Vollendung in Deutschland erlebt! Eine „europäische Geistesmitte", die sich fremden Einflügen verschließen wollte, wäre deshalb wie ein Herz, das dem Blut den Durchgang verwehrte "und damit auch 'selbst umkäme, sts liegt nicht an äußeren Einflüssen, sondern am Mangel eigener Kraft, wenn Geiß und Seele, Persönlichkeit und' Gemeinchast, Religion und Technik heute in Deutschland zu polaren Gegensätzlichkeiten auseinandertreten, statt sich im Leben auizuheüen, daß sie zusammen bestimmen. Und es ist noch nicht deutsche Kunst, wenn nur der Gegenstand deutsch ich im Gegenteil: wenn der Franzose Gang n i n Menschen der Südsee malt, hat er feine Südscekuust geschaffen, füiivern der französi'chen eine neue Ausdrucksform erobert! Handelte es sich bei den Erscheinungen, die wir beleuchtet haben, wirklich um bolschewistische Propaganda, so müßten die Bolschewisten darüber triumphieren. Tatsächlich aber sind das alles für sie nur bürgerliche Dekadenzerscheinungen. In Rußland selbst aber ist einstweilen von einer Kulturpolitik in unserem Sinn überhaupt noch keine Rede. Tie Runen haben zunächst die äußeren Voraussetzungen europäischer Kultur nachzuhoten und tun das in großem Maßstabe; aber weder Industrialisierung ^noch Bekämpfung des Analphabetentums find mehr Ausgaben europäischer Kulturpolitik. Es ist charakteristisch, daß ein Film wie „Der Weg ins Leben", in' dem eigentliche Knlturziele darzustellen gewesen wären, an der für uns entscheidenden Stelle aufhört: die grundsätzliche Einordnung des verwahrlosten Jungen in das soziale Leben erscheint als genügend; von der Erziehung, die dann gerade cr't einsetzen mußte, ist nicht mehr die 'Rede. Es ist also glecherweise verfrüht, von einer bolschewistischen wie von einer amerikanischen Kultur zu reden. Wenn es aber „Kulturbol'chewismus" überhaupt nicht gibt — kann er dann „jüdisch" sein?! Aus der Arbeit des Centralverelns Tagung der Landesverbände Baden und Württemberg Ij. I?. Am 30. Januar und 7. Februar fanden die Tagungen der Landesverbände Baden und Württemberg des Eentralvoreins in Karlsruhe und Stuttgart statt. Beide Veranstaltungen waren außerordentlich stark besucht: auch die kleinen Ortsgruppen hatten erfreulich viele Vertreter entsandt. In beiden Versammlungen referierten die Borsinenden der Landesverbände. Rechtsanwalt Dr. Hugo toin, Karlsruhe, und Tr. Gustav Feld m a n n, Stuttgart, und als Vertreter der Berliner Zentrale Direktor Dr. Ludwig Holländer. Tie Verhältnisse liegen in Baden und Württemberg zum Teil völlig verschieden. Wahrend in Württemberg einigermaßen wirtschaftlicher Wohlstand festzustellen ist, herrscht in Baden größere wirtschaftliche Not und politische Unruhe, verschärft durch skrupellose Agitation. In den Tagungen kam es daraus an. unter Ablehnung jeder Fassaden- Politik die Sesichtsvunkre aufzuzeigen, die nach den Erfahrungen des wentralvereins geeignet sind, vorhandenes Unheil abzustellen und künftigem vorzubeugen.. Die einzelnen Arbeitsgebiete des Centralvereins wurden eingehend besprochen und gemäß den Erfordernissen der Landesverbände Pläne zur Durchführung der zunächst vordringli/sien Ausgaben ausgestellt. Die allgemeine Notlagewirkt sich in den jüdischen Kreisen vielfach in einer starken inneren Unsicherheit aus. Dieser Auswirkung mußte die Notwendigkeit unserer Arbeit als eine besondere vaterländische Arstgabe gegenübergestellt worden. Nach dieser ‘^eite bin gestalteten sich die Verhandlungen in Karlsruhe und Stuttgart bcsond ors crstrießnch. Unsere Freunde dort trotzen allen Gefahren. Stärker denn je muß man versuchen, auch psychologisch die Lage der einzelnen, die besonders durch die wirtschaftlichen und politischen Vorgänge betroffen worden, zu erfassen. Dann werden wir erfolgreich arbeiten können. Aber dazu brauchen wir bei der wachsenden Vielseitigkeit unserer Ausgaben .immer mehr die Hilfe des einzelnen, nicht nur in materieller, sondern auch in ideeller Weise. Diese Einzelarbeit aber muß