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Central-Verein-Zeitung · 1932-02-19 · 8 (19.2.1932) · p. Seite 65

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
8 (19.2.1932)
Date
1932-02-19
Page
Seite 65 (sequence 1)
Language
German
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vrrS LrrKZNWM. '} Biertelrahrsaborrrrement 2.25 RM. (SUäügt. Bestellgeld). Serttn, 1-.§sbruar1HZ2 X?. Jahrgang *!lr. -8, Einzelnummer 20 Pfennig -A-H $2^' A *K tt v*^ •>' V-)-/ V;> «S^tp V' f'f/JY +& '■ v--> ■’• p y V v’ -y v V <sX‘ ' tt- 7 V ^Lsss'öA. Allgemeine Zeifung des Judentums Verlag und Lchriftleituag: Berlin W 15, (Emfer Sic. 42. Fern'rrecher: J 2 Olioa 5074. .:. Postfcheckkontd: Berlin 304 72. .:. Bankkonto: Dresdner Dan?, Depssitenkassr 8 2, Berlin-WilmLcsdarf 1, Hohrnzollsrndamrr; 796. und von Golofchrnidr-Rothschild L Co., Berlin V.' 3. Alleinige AnZeigenannahnre: Annonren-Erpediliorr Rudolf TM?e, Berlin 8^' IOO. und deren Filialen. An.zeigenpreiss: 0,9«) ML für die 7Z.'spaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzsilenrrresser Nr. 4, Familienanzeigsn und Ettürngesuck'r (nicht Ltrllrnangebote) für Mitglieder des Crntralvereins 0.45 jt*n, dir Glznnx breite ReklameZsilr 3,50 JU*. /^f.\a^n? 1 •* A/s a* ^r\' 1r-1 * f> '•«/ Aa-^AA / Von Dr. HM Vüch Von den vielen Schlagworten, die seit dem Ende des Krieges in Deutschland ge- und verbraucht wurden, haben die meisten nur ein sehr kurzes Dasein gehabt: „Relativismus" und „Girlkultur", „Rationalisierung" und „Neue Sachlichkeit" sind gleicherweise überholt. Dafür kommt jetzt ein neues auf: „Kulturbolschewism u s \ Darunter ist zu verstehen „das satanisch-bolschewistifche, planmäßige Treiben mit dem Zweck, unsere Jugend^ zur entseelten, entgeisterten (!) entgotteten Maste zu zerbreien" (Eberhard König). Diesem Zweck sollen gleicherweise dienen Pazifismus und Familienbad, die Gottlosenbewegung und kleine ALäangsbuchstaben in der Orthographie, französische Sittenkomöbmrunb Nacktkultur, Jazzmusik und Kampf gegen ß 218, Einsteins Relativitätstheorie und „Gesellrgksits"anzeigen einer gewisten Großstadt- Presse, Chaplin-Filme und ^erualZeitschriften, Versuchsschulen und Micky-Maus-Talismane, sensationelle Gerichtsberichterstattung und das Flachdach der Banhausarchitektur. Emil Ludwigs Biographien und PiscatorZ Inszenierungen, ärlemperers Tempi und die Kameradschaftsehe, Kampf gegen die Todesstrafe und Expressionismus. Wollte man an dieser Zusammenstellung nur die geistige Zerrissenheit einer Krisen- und liebergangszeit kennzeichnen und beklagen — das wäre verständlich, wenn auch noch nicht unbedingt richtig; denn auch in ruhigeren Zeiten laufen die verschiedenartigsten Strömungen beziehungslos nebeneinander her. Wenn man aber Hinter Tagesmoden und wissenschaftlichen Erscheinungen, an denen die Kultur von Jahrhunderten gebaut hat, ein gemeinsames, planmäßiges Komplott vermuten darf, ohne damit lediglich sich selbst lächerlich zu machen, so ist diese Tatsache ein weit schlimmeres Krisenzeichen als die angegriffenen Erschwungen selbst; denn sie zeigt, 'daß ' kein ALgemembewußtsein Zwischen Wichtigem und Modischem, zwischen Dauer und . Tag mehr zu unterscheiden weiß, daß es kein verbindliche, geistiges Wertsystem mehr gibt: erst wo auch das selbstverständliche fraglich wird, kann die phantastischste Behauptung auf Gläubige zählen. Der Kampf richtet sich vorzugsweise gegen jede Art von „Intellektualisierung", gegen eine angebliche „lebensfremde Geistigkeit", ja zuletzt gegen den Geist ül^rhaupt: „Ist das Leben gefährdet — durch eine amnaßliche parasitäre angebliche „Geistigkeit" —, so ist selbst eine zeitweilige engherzige Freiheitsbeschränkung zu ertragen: der Geist wird davon ernstlich nicht betrosfen oder erholt sich rasch. Schäden am Leben eines Volkes machen cs keimkrank, unschöpferisch und wertlos." (Eberhard König.) Aber bei näherem Zusehen erweist sich, daß vieles von dem, was jetzt plötzlich „kulturbolichewistisch" heißt, unter dem Namen „Nationalisierung" aus Amerika gekommen und als große Erleuchtung begrüßt worden ist. Nach großen Kriegen Pflegt das unterliegende Volk Einrichtungen und Geist des Siegers zu kopieren; so hat Frankreich nach 1870 ein Mück „deutschen Militarismus" importiert, so erschien die Rationalisierung als der Schlüssel zu bem großen Erfolg Amerikas, das zunächst als der eigentliche Sieger des Weltkrieges gelten mußte. Mit laufendem Land und Sportekstase, EinheitZprersgeschäften und Hollywood-Filmen, illustrierten Magazinen und Hochhäusern übernahm man die Äußerlichkeiten, ohne deshalb üMr Prohibition und keep smiüng, Wrialeys Kaugummi und den Zwang, von einem bestimmten Togo ab Strohhüte tragen zu mögen, ein überlegenes Lächeln aufzugeben. Will man es, nachdem dis erwartete „prvspsritv" nicht eingetroffen ist, nun plötzlich nicht mehr wahrhaben? Es sieht fast danach aus. Eine Reaktion auf dis unheimliche Mechanisierung des Lebens ist nicht verwunderlich, und die Besinnung auf eigene, nicht nur deutsche, sondern europäische geistige Tradition wäre nur zu begrüßen. Aber' ist denn Amerika b o l s ch e w r st i s ch? Tie Franzosen z. B. haben sich viel früher und energischer die Ueberffutung mit amerikanischen anken und Methoden gewehrt. Also müßte nun eine europäische Einheitsfront gegen den amerikanischen Geist bestehen? Keineswegs, im Gegenteil. Der „ N a t i o - nalverband deutscher Schriftst e l l e r * sagt in einem Ausruf vom 13. Ottoder 1931: „Ter Einbruch des Westens in unsere Literatur begegnet im Raume der deutschen Sprache einer Bolschewisierung der Gesinnung, die in Presse, Buch. Film und Theater alles preisgibt, was bewußt aus deutschem Volkstum seine Kraft zieht. Westlertum und Kulturbolschewismus zerreißen Deutschland, die Geistesmitte des Abendlandes, und lassen sie(J nicht zu sich selber kommen." Von der ungepflegten Sprache dieses Schriftstellerverbandes wollen narr ab'ehen. Aber wie kann denn eine „Geistesmitte", das heißt doch: der Lebendige, schöpferische deutsche Geist, durch Einflüsse von außen zerrissen w e r d e n? In Wirklichkeit meinen die Herren gar nicht den deutschen Geist, der eben aus der Stellung Deutschlands im Herzen der europäischen Kultur heraus' in der Aufnahme und selbständigen Derarbcttung fremder Anregungen seine c:acntl:d>c Aufgabe gefunden und seine mächtige Kraft gezeigt hat. sondern „was bewußt aus deutschein Volkstum seine Kraft zieht". Das klingt sehr harmlos, bekommt aber schon ein gaiyz anderes Gesicht, wenn der Kuuurreferent der N^D-AP., Dr. Hans Severus Ziegler, es etwa erläutert („Praktische Kulturarbeit im Dritten Reich", Nationalsozialistische Bibliothek 22. S. 37): ..Was aus schöpferischen Kräften des Volkstum? kommt, ist ewig lebendig, d. h. ewig gülttg. Wie sich die Zeit dazu stellt, ist ziemlich belanglos. Was aus der Rassenseele kommt, spricht zur Rasfenfeele. Was aus dem Volkstums Herzen kommt, spricht zum Volks- Lumsherzen. Hier liegen so einfache biologische Gesetze zutage, daß es lächerlich HirLZW-mg Hrmgi dQ§ rmiionÄs Opfer Wer hätte es unserem Reichspräsidenten Hiudenburg verdacht, wenn er, sich der Mitte der Achtziger nähernd, die Würde der Amtsgeschafte medergelegt hätte? Niemand! Aber dieser alte Soldat, der an der Spitze siegreicher Truppen stand, der, das Herz voller Bitterkeit, die Soldaten aus dem Felde heimwärts führte, der dann, betagt an Jahren, die Reichspräsidentenwürde annahm — dieser alte Soldat bringt der Nation auch jetzt wieder das Opfer, sich all den Häßlichkeiten und Roheiten des, Wahlkampfes auszusetzen. Wer würde geglaubt haben, daß auch nur einer der politisch Rechtsstehenden gegen die überragende Persönlichkeit des alten Feldmarschalls auszutreten wagen würde? Hardenburg galt gerade ihnen als der „Vater des Vaterlandes" — wir glaubten es bis vor kurzem —. galt als die über den Parteien stehende Persönlichkeit, der alle politischen und religiösen Richtungen das Letzte an Vertrauen entgegenbringen konnten. Es ist das zweifelhafte Verdienst der Freunde des Feldmarschalls von einst, jetzt anch gegen Hindenburg anzurennen! Sie zerstören dadurch vielleicht eines der letzten Symbole deutscher Einigkeit. Daß unsere Meinung über die Bedeutung Hindenburgs, sein stetes Streben nach Ueberparteilichkeit, seine vornehme Gesinnung von uns schon vor und nach der Wahl 1925 ausgesprochen wurde, ist jetzt nützlich, in die Erinnerung zu rufen. Wir staunen, daß „nationall' Männer" Hindenburg so mitspielen. Denn national handeln kann nach nuferer Ansicht jetzt nur heißen, für den Befreier Ostpreußens, für den Reichspräsidenten, den wahren Schützer der Reichs- Verfassung, eintreten, und zwar Mann für Mann und Frau für Frall! Dieses Eintreten für Hilldenburg bedeutet für uns keine Sttt.- tungnahlne für links oder rechts, sondern, über jegliche parteipolitische Bindung hinaus, Hingabe an das Vaterland.

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