Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 7 (12.2.1932)
- Date
- 1932-02-12
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Bös Wsg ...! von vr. S. Neinbecg Jedes Zeitalter trägt in allen seinen Aeußerungen ein einheitliches Gepräge. Tie politischen, religiösen, künstlerischen und philosophischen Strömungen, die etwa das achtzehnte Jahrhundert beherrschen, stehen in engem, leicht ersetzbarem Zusanunenhang. Tas Leben einer Zeit wird ja auf den verschiedensten Gebieten von denselben Menschen getragen, die ihrerseits in den gleichen Ummettbedingungen stehen. Mag man diese Einheit — mit Hegel -- auf eine jeweils wirksame Grundidee zurückführen, oder mag man — mit Aar! Marx — annehmen, daß die wirtschaftlichen Zeitveryältnisse eine ihnen zugeordnete' politische, künstlerische und wissenschaftliche Haltung Hervorrufen, auf jeden Fall ist die Erfassung des Grundcharakters einer Zeit von höchstem Wert. Zur abgeschlossene Perioden der Geschichte ist d:e Aufdeckung dieser Grundzüge leichter, weil der zeitliche Abstand ein Ileberblicken der Gesamtentwicklung ermöglicht. Aber es ist nötig, auch für die unmittelbare Gegenwart den Versuch zu wagen, die Grundrichtung des Zettgwchehens, also die Einheit in der bunten Fülle der Einzelvorgänge, zu erfassen. Ter handelnde Mensch gewinnt dadurch einen festen Halt gegenüber den Vorgängen, die ihn zu erdrücken drohen. Tie Gcsamtschau macht es ferner möglich, die verschiedensten Bewegungen der Gegenwart gegenseitig zu erhellen: dadurch wird ein tieferes Verständnis der Zeitprobleme erreicht. Geht man von dieser Grundanschauung aus, so muß sich ein Zusammenhang zwischen scheinbar so unabhängigen Gebieten wie der Politik und der Philosophie unserer Tags ergebe!;, ein Zusammenhang, dem nachzugeyen sich lohnt, schon um die politischen Bestrebungen von dieser Seite her zu durchleuchten. Wer die gegenwärtige Philosophie auch nur flüchtig betrachtet, der findet sofort eine zunächst äußerliche, aber verblüffende Uebereiustimmung mit der Politik. Ter Nationalsozialismus hat große Teile des deutschen Bürgertums erfaßt; diese Tatsache ist überraschend, 'weil die Hitler-Bewegung im Widerspruch steht zu den: Geist der Gründlichkeit und Gediegenheit des deutschen Bürgertums. Tie liberalen und demokratischen Ideale, die lange als kostbares Gut verteidigt wurden, scheinen plötzlich verschwunden; ein Bruch in der Entwicklung ist emgetreten. Tie moderne Philosophie, die sich an die Forschungen H u f s e rls, H a r t - m a uns. 3 d) c l c r § und Heide g g e r s anschließt, bedeutet eine grundsätzliche Abkehr von der philosophischen Grundhaltung, die noch vor dem Kriege das deutsche Geistesleben beherrschte. Tie kritische Lehre Kains bestimmte das Philosophieren der Bortriegszeit. Tie Prinzipien dieser Philosophie scheinen heute verschwänden zu sein. Genau wie der Nationalsozialismus das Bürgertum überrannte und die alten Grundsätze wegschrveurmie, genau so verdrängte die neue Richtung der Philosophie die alten Einstellungen. Tie philosophischen Lehrstühle sind entweder von den Anhängern der neuen Richtung besetzt, oder die frühereit Vertreter der kaMischen Richtung haben sich der neuen Bewegung angeschlossen. Ein ordentlicher Professor, der die kritische Grundhaltung wahrt, gehört schon zu den Sellenheilen. Mau könnte geneigt sein, die überraschenden Erfolge des Natloualfozialismus aus der einen Seite und der neuen Metaphysik auf der anderen Seite' aus ein zufälliges Zusammentreffen zurückzuführen. Aber es mufj schon bedenklich stimmen, wenn man beachtet, wie die neue politische und die neury philosophische Ricky tung aus die früheren Ansichten zu reagier-..; pflegt. Tag man in der Hiwor-Buregung versuche den I enwl: .Nischen Geda..An ach Ausbund des Schleuste:: zu dishuuist a\i\d bekannt. In äzu.i. M Gen 'Ke Jd..en des KAtizisurus von. An. ymnwu . üo'.op behandelt, wenn auch die Spra ge nau:rge!naß etwas vornehmer wirkt. Tis Prinzipien Kants versucht man lächerlich zu machen. In einer demokratischen Zeitung, die gewiß nichts mit dein Nationalsozialismus zu tun hat, wurde die 'Ablehnung der Metaphysik als „philosophisches Untermenscheutum" bezeichnet, offenbar unbewußt ist hier also der Fachausdruct einer gewissen politischen Bewegung für eine philosophische Polemik gebraucht. In Philosophie und Politik ist also die gleiche Intoleranz zu beobachten. Bei den festgestellten Uevereinsiimmuugen handelt es sich immer noch um äußere Aeynlichkeiten. Man dringt tiefer, wenn man der: I n h a l t der modernen Metaphysik betrachtet. Gs ist hier nicht der Srt, eine genaue Analyse des philosophischen Schrifttums zu geben. Aber es ist möglich, die neue Denkgesinnung iit kurzen Worten ausreichend zu charakterisieren. Es ist bereits oben erwähnt worden, daß bie neue Metaphysik den kaut!scheu Boden verlassen hat, ja, sie 'wendet sich gegen die erkenntniskritische Methode, die für die gefaulte neuere Philosophie seit dem 17. Jahrhundert charakteristisch ist. In dieser negativen Bestimmung darf man als positive Merkmale hinzufügen, daß die Gegemvartsphilosophio in alten Punkten die Philosophie d e Bl i t t e l - alters wieder auszurichten versucht. Kant entwickelt seine Theorie der Erkenntnis im Anschluß an die Naturwissenschaft, die moderne Metaphysik baut auf den theoretischen Auffassungen Platons und Aristoteles' aus, sie geht in der Begründung des Systems also aus Gedanken zurück, die auch der mittelalterlichen Philosophie zugrunde liegen. Tie berühmte Husserlsche „Wesensschau" ist eine Wiederaufnahme der mittelalterlichen Lehre von der „essontm". Genaue Kenner des Gebietes haben bicfc Uebereinstimmuug wiederholt fest gestellt. Neben dem scholastischen Rationalismus gab es im Mittelalter eine Mystik bestimmter Prägung. In dem bekannten Werkch Heideggers „Sein und Zeit" feiert diese mystische Strömung ihre moderne Auferstehung. KanHhatte gezeigt, daß eine „Lehre vom absoluten Sein", wie sie vom Mittelalter erstrebt wurde, prinzipiell unmöglich ist. Tie gegenwärtige Eristenzphilosophie will gerade diese Aufgabe lösen. An: stärksten kommt der mittelalterliche Eyarakter der Philosophischen Bemühungen in der Ethik zum Aufdruck, wie sie etwa von Mar Scheler in keinem Hauptwerk begründe: wird. Man darf also mit vollen: Recht seststellen, daß die moderne Philosophie die_ Forschungswege der letzten Jahrhunderte als einen Irrweg betrachtet und das System des Mittelalters wiederherzustellen bemüht ist. Betrachtet man den Nationalsozialismus unter diesem Gesichtspunkt, so ergibt sich sofort, daß er auf politischem Gebiet das gleiche Ideal erstrebt. Tie Hitler-Bewegung lehnt die politischen Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts ab/ sie will den Ständestaat, ein durchaus mittelatterlicher Gedanke. Ter Wunsch, die weltwirtschaftlichen Verflechtungen aufzuhebeu, weist auf das frühe Mittelalter, wo ja ^relative wirrschasrliche Autarkie bestand. Ter absurde Gedanke, die wirtschaftliche Krise durch „Brechung der Zinsknechtschaft" überwinden zn wollen, zeigt ebenfalls mittelalterliches Gepräge; er will, wenn auch in verschwommener Form, den Uebergang von der Naturalzur Geldwirtscbast rückgängig machen. Ter mittelalterliche Mensch steht in einer starken religiösen Gebundenheit, der anders Denkende ist nicht Gegner, sondern Ketzer, der vernichtet werden muß. Diese Einstellung ist in: Natroualsozialismus auf das politische Gebiet übertragen. A:n deutlichsten wird die Tendenz der Hitler.-Beweguug in ihrer Stellung zur Iudenjrage. Punkt für Paule wird hier die Behandlung der Juden in: Mittelalter als Forderung für das Tritte Reich überuommcu. von der Steilung unter cur Sonderrecht und der Aberkennung der Maatsbürgerrechte bis zuu: Verbot der Betätigung in bestimmten Berufen. Bei aller Unklarheit in: einzelnen ist dieser mittelalterliche Zug das weitaus charakteristischste Merkmal des nationalsozialistischen Programms. Das Mittelalter, eine Epoche, die der Bergangenheit an gehört und die aus niemals wiederherzusteUenden inneren und äußeren Boraussetzungcn beruht, wird-also in Politik und Philosophie als Ideal der Zukunft ausgestellt, mau stellt sich blind für die gruudlegendeuchAenderungen, die in einem halben Jahrtausend in der Wissenschaft und im Staatsleben eingetreten sind, man betrachtet die Arbeit dieser langen Zeit als nicht vorhanden. Wie ist es zu begreifen, daß diese höchst anfechtbare Haltung so überaus grqße Erfolge haben konntet Tie Ergebnisse der psychologischen Forschung können zur 'Beantwortung 'dieser Frage beitragen. Tor gesunde Mensch reagiert auf Schwierigketten, die ihn: begegnen, anders alv der seelisch Erkrankte. Während der eine die Tatsachen und ihre Bedingungen möglichst klar zu erfassen sucht und auf Grund dieser Kenntnisse seine Entschlüsse faßt, versucht der kranke Mensch sehr leicht der rauhen Wirklichkeit zu entfliehen. Bon den tatsächlichen Schwierigkeiten der Gegenwart wendet sich sein Blick ab zu scheinbar schöneren Zeiten seiner Vergangenheit, die ihm in der Erinnerung problemlos und harmonisch erscheinen. Allmählich tritt dann an die Stelle der Gegenwart das Wunschbild einer schönen Kindheit. Ter Kranke flieht in die Vergangenheit, er sieht die Probleme und Tatsachen nicht mehr, er stellt fein ganzes Verhalten aus die frühere Epoche ein. _ Schließlich hat er jeden Zusammenhang mit seiner wirklichen llmwelr verloren, er lebt in einer Traumwelt, die er für wirklich oder doch für realisierbar hält. Für das Leben ist er dadurch unbrauckchar geworden, sein Wesen äußert sich in Reaktionen, die den: Kinde angemenen sind (JiuantilisurusS Genau die gleiche Flucht vor der Wirklichkeit in eine Frühperiode gibt es auch im Leben sozialer Gruppen. Tie wirtschaftliche und politische Krise, die Erschütterung der geistiger: Grundlagen Habel: den inoderner: Rieuscheu vor riesenhafte Schwierigkeiten gestellt; die Probleme scheinen nicht bervältigr werden zn können. Tie Situation ist aus politisch-wirrschrfttichem Gebiete ähnlich wie im Bereiche der Weltanschauung. Durch die vielen Erschütterungen ist die Widerstandskraft der Men scher: geschwächt. Es ist begreiflich, daß uurer diesen Umständen die Flucht in ein früheres Zeitalter als eine Massenerscheinung ein setzen kann. Tiescheinbar einfachen politischen und geistigen Zustände des Mittelalters erscheinen angesichts der Schwierigkeiten des komplizierten und unüber'chaubaren modernen Lebens als ideale, erstrebenswerte Verhältnisse. Ter Glaube an die Durchsührbarkeit des mittelatterlicheu Weltbildes in naher Zukunft chedeutet eine seelische Entlastung, eine Psychische Scheiuoesreiuug von den chaotischen Zeitverhättuisseu. Aber wie der einzelne durch das Ausweichen in die Kindheit in die Krankheit getrieben wird, weil ja das Kindesalter für den Erwachsenen nickst wicderhergestellt werden kann, genau so kann das Erstr/bcn einer unwiderruflich vergangenen Zeit weder die politischen und wirtschaftlichen noch auch die geistigen Nöte üeseuigen. Die geschilderten modernen Bewegungen sind keine Heilmethoden, sondern selbst Krantheitserscheinungen. Tie Flucht in die Vergangenheit ist ein gefährliches Betäubungsmittel, das die wahren Kräfte der Genesung lähmt. Wer für eine bessere Zukunft kämpfen will, der muß der Versuchung des Rückfalls aus allen Gebieten Widerstand leisten. Nicht die Flucht vor der Wirklichkeit meistert die Schwierigkeiten, sondern nur klare Einsicht in die Wirklichkeit und darauf gegründetes unbeirrbares Handeln. Die Geschichte zeigt, daß eine ganze Epoche im Laune von Krarrkheitserschcinungen der geschilderten Art liegen kann, aber aus die Dauer gehört ihnen niemals die Zukunft. Diese Erustchi gibt den nötiger: Mut zuu: Kumps gegen den Nationalsozialismus wie gegen die Modephilosophie unserer Tage.