Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 3 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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r LZ Politische Bücher In feiner ' Schrift „Nationalsozialismus und , Katholizismus" bietet er eine reichliche Materiatammluno, indem er den bedeutungsvollsten Aue- 'prüchen von völkischer Seite vor allem die Papstscheu und bischöflichen Verlautbarungen gegenüberstellt. Tas letzte Wort zu dem Problem scheint mir allerdings noch nicht gesprochen Zu sein. Tenn man sieht doch noch zu sehr allen drei Arbeiten an, daß sie aus der Praxis und für die Praxis geschrieben sind. Tas schwierige Weltanschauungsproölem als solches wird überhaupt auger acht gelasstn, und doch dürstschier der Hebel anzusetzen sein, der uns die völlige Unvereinbarkeit der beiden Weltanschauungen als erne grundsätzliche Notwendigkeit erweist. Tas gleiche gilt'auch von der Frage, die uns an dieser Stelle wohl am meisten interessiert, von der Nassenfrage und besonders von der Stellung zum Judentum. Alle drei Schriften betonen mit voller Klarheit, daß der Antist-mi- LiZmus wenigstens in der Form, wie er cheute im NationAsoZialiZmus seine Auferstehung feiert, vom christlichen Standpunkte aus abgelehnt werden muß.' Die beiden Theologen betonen außerdem die abwlute Notwendigkeit, das Alte Testament als göttliche Offenbarung gelten zu lassen. Nur scheint mir zu wenig hervorgehoven Zu sein, wie doch eigentlich der Mythos vom Blut der Kardinatpunlt ist im ganzen völkischen System und wie gerade die Erklärung des Blutes Zum Höchstwert der Ausgangspunkt und die Quelle ist für alle übrigen Jrrtümer und Einseitigkeiten der nationalsozialistischen Ideenwelt. Nicht das Blut ist es. das den Menschen rv e r L v o l l m a ch L, sondern der Geist und die Seele. , Damit soll der Wert des Blutes und der Unterschied der Nassen durchaus nicht geleugnet und außer acht gelassen werden. Aber das Blut und die Buüsmischuug Zun: alleinigen Höchstwert Zu erklären, das ist ein Stück Götzendienst, ist reiner Naturalismus, der mit dem Materialismus des vielgeschmähten „Marxismus" nahe verwandt ist. Auch die falsche Messiasidee und der Traum vom irdischen Paradies, die beide im Nationalsozialismus nicht weniger lebhaft Mitschwingen, zeugen von der Einseitigkeit und reinen Tiesseitigkeit dieser Bewegung, die man nicht mit Unrecht einen Protest des Wullens gegen die Vernunft genannt hat. Man kann in der sogenannten deutschen Freiheitsbewegung viel, verstehen und erklären angesichts der furchtbaren sozialen und nationalen Not unseres Voltes. Man wird auch manchen berechtigten Kern und manchen, gesunden Gedanken darin anerkennen müssen, aber im Prinzip ist der NationalsoZialismus eine Zwar 'nicht neue, aber äußerst lebenskräftige Irrlehre, dw nicht nur mit der christlichen Weltanschauung unvereinbar ist, sondern auch vom staatspolitischen Gesichtswinkel aus als gefährlich und unklar bezeichnet werden muß. Es ist ein aanz einseitiges Evangelium der Aktivität und der Krmtmoral. Stadtpfarrer Dr. Emil Muhler (München). toa c:’a uuw „Bolschewismus, Faschismus oder Freistaats Kritische- Glc'.snr Zur p&lU tischen Bilanz des „Zweiten Reiches". Ls« Ernst Müller (Meiningen), Ssnatspnafrdent am Obersten Landesgericht nrrd' Staats::::nister a. L. 1931 — Verlag M. Wrttiop G. m. v. H., München. Ter bekannte bayrische Politiker, der vordem Kriege ein führender freisinniger Reichstagsabgeordneter und nach der Revolution bayrischer Staatsminister für Justiz gewesen ist, veröffentlicht unter dem erwähnten Titel lose aneinander gereihte und temperamentvoll geschriebene kritische Etosien Zur deutschen Politik der letzten Zehn Jahre. Die Kritik, die der Verfasser an den Zuständen übt, die sich infolge der maßlosen Ueberspitzung des parlamentarischen Systems im Deutschland der Nachkriegszeit herausgebildet haben, ist leider in vielen Punkten sehr wohl berechtigt und erklärt manches an der mindestens ebenso maßlosen Ueberspitzung, deren sich die um das Banner des Nationalsozialismus gescharte Eegenbewegun^g har zu schulden kommen lauen. An manchen Stellen will es uns freilich Vorkommen, als ob der Verfasser auch seinerseits der Kritik einen Zu freien Lauf ließe, wodurch der Än sch ein einer Begünstigung des Nationalsozialismus erweckt werden kann. Es ist selbstverständlich nur ein Anschein: denn wer es nicht aus der politischen Vergangenheit dos Verfassers wüßte, der müßte schon dem Titel dcs Buches entnehmen, daß Tr. M ü 11 c r nach wie vor eine demokratische Form der Staatsführung allen links- oder rechtsradikalen Dikkakurgelusten gegenüber als die für Deutschland allein Tauer versprechende Negierungswcise ansieht. Aus Seite 101 Zitiert der Verfasser eine Aeußerung des verstorbenen demokratischen Rerchstaaeabgeordneteu Haas auf der HauPtvorllo: d-tß "A\\q des Zentralvereins deutscher Schaisbüwwr jüdischen Glaubens, irr der Haas sich gegen den NUßbrauch wendet, der mit den: Begrns fraktioneller Bindung zütroeiso getric-- h*:;: wo ouu ist. Dr. Müller will damit ZweifellLs beweisen, daß seine kritische Auffassung auch von führenden jüdischen Politikern geteilt wird. Ueber die jüdische Frage selbst, soweit sie im deutschen politischen Leben eine Rolle spielt, finden sich einige Bemerkungen auf Seite 193 und 199. An dieser Stelle wendet sich der Verfasser mit unmißverständlichen Worten gegen den von ihm selbst in Anführungszeichen gesetzten „germanischen" Raffengrößenwahn, der, weil Offenkundig die wirklichen Verhältnisse weit übertreibend, Deutschland.vor der Welt lächerlich gemacht hat und .der außerdem eine polnische Torheit. sei, der er „den Stab über tausende anständiger und national denkender Juden bricht und durch diese' Verallgemeinerung die primitive Gerechtigkeit verletz?. Mit diesen klaren v^eit wird auf den Kernpunkt hingewiesen, der für die Würdigung der deutschen Judensrage von: patriotischen Standpunkt aus der entscheidende ist. Wir dürfen den Wunsch aussprechen, daß diese gerechte Beurteilung sich schließlich auch in der breiten Oessentlichkeit durchsetzen wird. Jedenfalls sehen wir der an» gekündigten besonderen Schrift des gleichen Verfassers über „Nationalsozialismus und Antisemitismus^ mit großem Interesse entgegen. Dr. Werner Calinmann. Peter Nichard Nohderr, „Demokratie und Partei". Mit BetLrcngerr von Krngsley B. SruelUe, Adolf Südn, Eduwrrd Vermeil, Dimitri S. Mirsty, Wolfg-ugo Ludovieo Stein und Alois Dernpf. Vertag von L. L9. Seidel u. Sohn in Wien 1932. Ein' außerordentlich aktuelles Buch, dessen Lekuüre icdem, der für die politischen Vorgänge in der Welt Interesse hat'— und wer sollte heute dieses Interesse nicht haben — zu empfehlen ist. Mau kennet die parteipolitischen Ereigrmst im eigenen Land, man weiß einiges von den politische;: Parteien der fremden Staaten, aber mau weiß sehr wenigvon der. geistigen Einstellung der Partei Zum Staatsgcdanken und man weiß noch weniger von der Parallele, von den Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten zu den Parteien anderer Länder. Alle Partergestaliungensind Symptome der Demokratie. In: absoluten Staat gibt cs keine Politischen Parteien, jedenfalls keine solchen politischen Gruppen, die veraruworrlich den Staatsgcdanken mitzutragen Hasen. Im konstitutionellen Monarchenstaat teile sich die Berannvortlichkeit für den Smmsgcdanken zwischen Monarch und Parlament. Je nach der Stärke der monarchischen Idee ist die parlamentarische, d. h. parteipolitische Berantworckichkeit größer oder geringer. Hier kann jedoch dB Demokratie so stark verankert sein, daß die Partei die alleinigen Träger der Verantwortlichkeit umfaßt. (England, Italien.) Im republikanischen Volksstaat erroachst die Demokratie Zur höchsten Verantwortlichkeit. Was in diesem Buch Zur Debatte steht, ist nicht die Idee der Demokratie, sondern das ,LVie" ihrer Verwirklichung, d. h. ihr Verhältnis Zu Nation und Klasse. Darm, daß der Volkswille den Nechtsgrund aller Politik bildet, stimmen selbst der Bolschewist und der Faschist mit dem bürgerlichen Parlamentarier überein. Weder Lenin noch M u s s o l i n t ist es jemals in den Sinn gekommen Zu leugnen, daß der Wille des Volkes die letzte politische Instanz bedeutet. In überaus interessanter und anschaulicher Weise wird die Entwicklung der Demokratie und Partei, d. h. eigentlich mehr die Entwicklung der Stellung der Partei zur Demokratie, in den einzelnen Ländern gezeigt. Während man ln England und Amerika ein klar umschriebenes Parteisystem hat, bei dem die eigentlichen Unterschiede, wenn man von der englischen Arbeiterpartei absteht, selbst den Kundigen kaum erkennbar sind, kennt schon Frankreich seit langem eine Vielheit der politischen Parteibildungen. Llöer auch hier sind die Unterschiede nicht -immer scharf. Der Wille zum Gesamtstaatsgedanken ist vorherrschend. Ganz anders bei den: noch verhältnismäßig jungen deutschen Parteisystem, das durchaus auf^die Verfolgung partikularer Jnterepen hinstroöt und zur Erreichung des gemeinsamen Staatsgedankens nur den Wog der Koalition findet. Das System der E i n Partei herrscht in Italien und in Rußland. Beide haben gemeinsam, daß die Demokratie in die Diktatur einer Partei umschlägt. Demokratie herrscht aber auch dort, weil, wie oben schon gesagt, der Volkswille letzte Instanz ist. Ter Faschismus läßt die wirtschaftliche Eigenveramworiung des Individuums unangetastet. Er will nur die politische Verantwortung von den Volksschichten getragen sehen, die seiner Auffassung von der Nation huldigen. Ter Bolschewismus schaltet auch die wirtschaftliche Selöstverantworiung des Individuums aus und erhebt eine Volks'tlasse Zu ausschließlichen wirtschaftlichen und politischen Führern des Ce-siunivolles, das im übrigen auch in seinen Rechten gegenüber dieser einen Volksklaffe außerordentlich beschränkt wird. Tas Buch wird abgeschlossen durch einen Abschnitt über „Demokratie und Partei in: politischen Katholizismus", der eine wertvolle Ergänzung der GosamDarstellung bildet. Denn wir haben ja das eigenartige Phänomen vor allem in Deutschland, daß neben den rein parteipolitisch gebundenen Gruppen eine Gruppe existiert, die nur nach kirchlichen Gesichtspunkten orientiert ist. Es darf festgestellt werden, daß kaum eines der vielen Bücherx die sich mit parteipolitische:: Problemen befasst::, so erschöpfend und so lehrreich ist wie dieses. Der flüssige erleichtert die Lektüre. Dr. Kurt Alexander. i