Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 3 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir haben es uns deshalb aus rein technychen Gründen verwarn. müssen, die vielen teilweise sehr aufschlußreichen Zuschriften zustimmender sowie kritischer Art, die uns aus allen Teilen des Reiches zugingsn, zu verössontlichen; wir tonnten dies ausnahmsweise schon deshalb verantworten, weil zu unserer großen Genugtuung aus sämtlichen Arbeiten der wtolz aus das Judentum sprach, der Wille zum unentwegten Abwehr-und Angrifsskampf gegen alle Bedrückung und die feste Entschlossenheit, sich durch keine zeitweiligen Mißerfolge an der Nichtigleit unserer ^ache irremachen zu lagen. So schr auch die einzelnen Berichte in Eillzelheiten ausenmndergchen, so läßt sich doch eine gewisse Gleichartigkeit der judenfeindlichen Erlebnisse nicht verleugnen, eine besondere Gleichartigkeit, ans der wir entnehmen können, daß bei aller verschiedenen Beurteilung von seiten der erlebenden -Juden dieselben Beweggründe von antisemitischer Seite vorhanden sind. Während nämlich noch bis vor kurzer Zeit man sich überall darin einig war, daß alle Aeußerungen von Judenfeindschaft durch eine entsprechende Aufklärung beseitigt werden könnten, ist man sich doch heute über "die naturgegebenen Grenzen einer solchen Aufklärungsarbeit durchaus im klaren.' ,Gmz besonders aber hat man überall eingesehen, daß der jüdische Schüler zwar im Einzelsalle durch anständiges, unaufdringliches Betragen, gute sportliche Leistungen usw. ferne nationalsozialistischen Gegner entwaffnen, keineswegs aber Zu seinen Freunden machen kann. Ja, im Gegenteil, die Tatsache, daß man dem einzelnen keinen Vorwurf mehr zu machen imstande rst, führt zu zwei weiteren äußerst gefährlichen Folgen: Entweder entschließt sich' der Gegner, den Kampf gegen den ihm überlegenen Juden abzubrechen, eine Art „Burgfrieden* mit ihm zu schließen, der aber nur für den Einzeljuden und rm Bereiche der Schule Geltung hat; dessenungeachtet wird der Kampf an anderer stelle mit um so größerer Gehässigkeit weitergeführt. Oder: Das Gefühl, dem jungen Juden nichts mehr anhaben zu können, führt den Antisemiten dazu, diesen Zu meiden. Dieser gesellschaftliche Boykott, der besonders in den Mittel- und Kleingemeinden geradezu groteske Formen angenommen hat, bringt den jüdischen Schüler schließlich trotz aller Intelligenz, Schlagftrtigkeit, Anständigkeit, Einfachheit und sportlicher Leistung in eine derartig einsame Stellung, daß dann daraus Gesühlsstimnmngen entstehen, wie sie Joseph Maria Frank in dem hier wiedergegebenen Schülertagebuch aus seinem neuen Roman „Volk im Fieber" geschildert hat. Nun hat eine große Zahl der Einsender mit vollem Recht geltend gemacht, daß glücklicherweise der Typ Jakob Rosenbaum heute nicht mehr als Norm aufgestellt werden könne; die jüdische Jugend von helcke setz keineswegs so rein passiv eingestellt wie dieser kleine Jude; sich sei es gewohnt, zu kämpfen, nötigenfalls auch mit der "Faust. Auch die jüdische Elternschaft und die jüdischen Lehrer setzten sich heute mit großer Energie ein, um Anrenlpeleien oder Benachteiligungen der jüdischen Schülerschaft zu verhindern oder zu ahndeuig zudem bade eine entsprechend gehaltene Beschwerde bei Lehrer oder Direktor meist den gewünschten Erfolg. Hier erscheint es uns notwendig, eine klärende Bemerkung eruzusch leben. Was I. Franc uns in seinen: Roman schildert, sind viel weniger die Folgen einer Persönlichen Weichheit und Feigheit des Jakob Roftnlwum, als vielmehr die traurigen Resultate einer unjüdischen Erziehung im Elternhaus, die es versäumt hat, den jungen Juden über die Grundtatsachen seines eigenen Lebens als Jude aufzuklären, die ihm keinen Stolz auf sein Judesein anerzogen hat und ihm damit das Gefühl des Selösibewußtseins genommen hat, das den modernen Juden seelisch in den Stand setzt, auf sein Recht als Jude zu Pochen, man möchte fast mit den Worten eines der Einsender sagen: „Gegebenen Falles -sogar unter Konflikt mit den schulgesetzlichen Bestimmungen" (wenn sie nämlich von antisemitischen Vertretern in judenfeindlicher Form ausgelegt werden sollten!). Eine solche Einstellung des Elternhauses aber erinnert uns deutlich an denjenigen' Typ jüdischer Eltern, die es immer nur darauf abgesehen haben, um Himmels Willen nicht aus dem Rahmen zu fallen, sich um jeden Preis zu assimilieren, auch dann, wenn diese Schemassimilation mit den Minderwertigkeiisgejühlen ihrer Kinder und letzten Endes mit einer Entjudung erkauft wird. Gerade die zuletzt erwähnte Gefahr der Entjudung wird besonders von den jüdischen Schülern, soweit sie uns ihre Meinung schrieben, klar erkannt. Tie junge Generation will chr Judentum nicht preisgeben. Sie ist sich depen bewußt, daß sie die Sünden ihrer Eltern auf jüdischem Gebiet jetzt wieder gutzumachen hat durch eine liebevolle Hinneigung zu allen: Jüdischen, eine Voraussetzung, ohne die ihr der Kampf gegen den Antisemitismus sinnlos erscheint. Sie lehnt es aber auch nach außen ab, ihre Liebe zum Judentum und zur Judenheit zu vertuschen, um sich vielleicht bei Nichtjuden anzubiedern. Selbstverständlich wird der junge Jude es keineswegs darauf anlegen, sich von seinen nichtjüdischen Mitschülern abzuschließen. Er wird es aber andrerseits keineswegs als persönlichen Fehler empfinden, wenn nun von <m» derer. Seite eine derartige Isolierung eintritt; er wird dann das Bewußtsein haben, als ein Glied in der Front der jüdischen Jugend zu arbeiten und zu kämpfen. Gerade in jüdischen Schülerkreisen ist man heute durchaus über die Tatsache im klaren, daß man kameradschaftlichen und sportlichen Geist gegenüber dem nichtjüdischen Mitschüler zu magren hat. Man empfindet dies im Gegensatz zu früheren Generationen als eine Selbstverständlichkeit, weiß aber ganz genau, daß der Antisemitismus dadurch n i ch t beseitigt werden kann, da dieser sich ja nicht gegen das schlechte Verhalten des einzelnen, sondern gegen die Tatsache der Judenheit allgemein richtell Die jüdische Jugend verlangt auf der anderen Seite, auch von selten sympathisierender Nichtjuden, das Recht, so gut lind so schlecht, so laut und so leise fern zu dürfen wie ihre nichtjüdischen Kameraden. Dieses staats bürger¬ und menschliche Re ch t kann durch kein psychologisches Gesetz durchbrochen werden; und auch der'jüdische Erzieher wird'sich energisch dagegen zur Wehr setzen, daß man von jüdischen Kindern ein besseres Lerhalten verlangen sollte als von nichtjüdischen, nur weil sie der jüdischen Minderheit augehören. D e r A ntise m it i s m u 8! a n n einzig u n d a 11 e i n h a - dur ch bekämpft werde n, daß in a n i fj n aus den Köpfe u seiner Vertreter h e r a u s d t ä n g t. Das j ü d i s ch e Kind n li d de r' j ü d i s ch e S ch ü l e r aber, die schon allein durch den Judenhaß so unsäglich viel zu erdulden haben, sollen sich so entwickeln können wie ihre n i ch t j ü d i f ch e n Kameraden; ohne den Zwang, sich fortwährend wie En g e l b en ehmc n z u müsse n. 11 nt diese s R echt, sich als freie jüdische Persönlichkeiten in der Arbeit für die größere Ge m ei ns ch a f t e n t f a 11 e n z u f ö n n c n , g e h t der Kamps weiter. Es wird die Aufgabe der maßgebenden Organisationen ftin, aus den Erkenntnissen unserer Aussprache für ihre weitere Arbeit entsprechenden Nutzen zu ziehen. H. C. # Nack) Redaktionsschluß gehr uns die „Jüdisch e R u n b \ d) a n" Nr. 3 vom 12. Januar mit dem Aussatz von Gustav Krojanker: „Das E. V.-Kind in der Schule" zu. Wir werden auf die Entgegnungen von Herrn Krojanker, soweit sie nicht bereits in unserer ^chlußbetrachtung widerlegt sind, noch zurückkommen, weisen aber heute schon die „Jüdische Rundschau" darauf hm, daß es sich, wie aus der ganzen Ausmachung deutlich ersichtlich war, um eine Umfrage handelte, bei der jede Antwort die persönliche Meinung des Schreibers zum Ausdruck brachte. Die Ansicht der Schriftleitung ist erst in der Schlußbetrachtunq enthalten. Dw Schriftleitung. v-v -fv-/&v4 In der Nr. 5 der „Germania* vom 5. Januar d. I. finden wir einen Aussatz „Tie Juden in Sowfttrußland. Noch immer Ausnahmebestimmungen für die jüdische Minderheit". Aus diesem wichtigen Aussatz, der durch die Wucht der Tatsachen das Märchen vom jüdischen Bolschewismus widerlegt, entnehmen wir folgende stellen: . . . Betrachtet man aber die Entwicklung, die die Geschichte der Juden in den UdSSR, seit dem Ausbruch der Oktoberrevolution genommen hat, so kommt man zu dem Schluß, daß dieser Teil der russischen Bevölkerung eigentlich weder am Anfang noch bei der Weiterentwicklung der Revolution von den Ausnahmebestimmungen losgekommen ist, denen die jüdische Minderheit immer unterworfen war. Es ist im allgemeinen z. B. unbekannt, daß in der roten Armee ein „Numerus Clausus“ in bezug aus Besetzung dep. Kommandostellen durch Juden angewendet worden ist. Das Zentralkomitee der kommunistischen Partei hat ein Geheimdekret während der Bürgerkriege herausgegeben, das in sich das Verbot enthielt, an die Spitze einer militärischen Einheit inehr wie einen Juden zu stellen. Auf diese Weise konnten an der Spitze eines Bataillons oder Regiments nie z. B. ein Kommigar und Kommandeur jüdischer Nationalität stehen. In die Flotte wurden Juden in der ersten Zeit auf Kommandostellen überhaupt nicht zugelassen. Es ist auch in der Oefsentlichkeit bisher wenig bekannt geworden, daß z. Bdie Niederlage der roten Armee in der Ukraine dem jüdischen Teil des Politischen Kommandeurkorp? in die Schuhe geschoben wurde, und jüdische politische Kommandeure massenhaft aus den ukrainischen Truppenteilen entfernt wurden und mit dem Vermerk „Ukrainer" in den Dienstpapieren, Inas aus Grund eines Geheimzirkulars gleichbedeutend mit „verdächtig und unzuverlässig" war, auf andere Fronten geworfen wurden — denn man mußte einen Sündenbock haben. Tie Beschränkungen in bezug auf das Niederlassungsrccht wurden zwar aufgehoben, aber der größte Teil der jüdischen Bevölkerung der westlichen Gebiete hat in seiner Eigenschaft als kleiner Händler oder Handwerker, als „Kapitalist", schwere Tage durchzumachen. Nach den Stalinschen Dekreten gehört jeder selb bändige Gewerbetreibende automatisch zum „nichtwerktätigen" Element. Dieses uichtwerliätige Element fällt systematisch der Ausrottung anheim und wird mit untragbaren Steuern belegt, zahlt für die Wohnung Mietpreise, die willkürlich vom Hauskomitee festgesetzt werden; die Kinder werden in die Schulen nicht zugelasien, genießen „selbstverständlich" kein Wahlrecht usw. Etwas besser war die Lage dieser Juden zur Zeit der NEP. Vor allem war der Handel mit den benachbarten Grenzlündern gestattet, allerdings unier Kontrolle des AußcnhandelZkorumiffariats. Ein solcher Händler hatte das Recht, über die Handelsvertretung Sowjetwaren zu exportieren und für den Erlös einige Waren, an denen bei der bäuerlichen Bevölkerung Bedarf herrschte, einzusühreu.' Doch dieser Grenzhandelsverkehr wurde, sobald er in Moskau ruchbar wurde, sofort unterbunden, trotzdem er von den ein-