Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 7)
- Language
- German
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Sioeckl-^Kandschuhe 27 eigene Filialen in allen grösseren Stadien des Reiches von den Besten, den Vornehmsten und Ritterlichsten seiner Klasse anerkannt werden, und es pflegt meist nach wenigen Wochen zum guten Ton einer Klaffe zu gehören, mit ihm in Gentlemanhaltung zu verkehren. Ich betone: durchaus auch bei Nationalsozialisten, die vielleicht in ihm nur eine „Ausnahme" anerkennen — aber die Gültigkeit des Zerrbildes vom Juden wird eben durch jede „Ausnahme" stärker erschüttert. Es ist verständlich, daß leicht junge Juden in eine ganz gegensätzliche Haltung gedrängt werden. Ich nenne zwei Typen: -einmal den Typus des Gedrückten, Zaghasten, Mißtrauischen, der imer gleichsam am Rande der Klaffe bleibt und deshalb immer „unten" gehalten, immer von oben herab betrachtet wird — und anderseits den Typus jener jungen Menschen, die ihre Besorgnis üöerkompensieren und nun ein überbetontes ^elbstbewußtsein sehr laut dokumentieren, sich gern — etwa durch Betonung ihrer literarischen Modernität, die verächtlich aus die anderen Neigungen der Mitschüler herabsteht — eine isolierte Eigenstellung geben, von der aus sie gegen den Klaffengeist oft nicht weniger intolerant sind wie die Klage gegen sie. Das alles ist verständlich. Aber es ist auch zerstörend. Es ist verkörperte antisemitische Propaganda- Eben darum, weil diese jungen Menschen nicht zu dem Bewußtsein durchgedrungen sind — oder hingesührt wurden, daß sie ein besonderes Amt haben: das Amt der Stellvertretung; das Amt der Verantwortung für viele. Das Bewußtsein solcher Verantwortung meißelt Persönlichkeiten, an denen niemand ohne Achtung vorübergehen kann. Stellt sie in die Klaffen — und sie werden im Volt leben. Eine katholische Lehrerin: Du sollst deinen Nächsten liehen! Tiefstes Mitleid ersaßt mich immer, wenn ich höre, daß ein Judenkind wegen seiner Religion verspottet oder gar verachtet) wird. Tie Religion ist doch das Hehrste und Ehrsurchtvollste, was wir in die empfänglichen Kinderherzen einpflanzen, und wir wollen doch, daß dieser Keim wachse und gedeihe, daß die reifende Seele die ganze Tiefe und Schönheit der gelehrten Glaubenswahrheiten erfaye und einst bei den Widerwärtigkeiten des Erdendaseins Kraft, Trost und Frieden in ihnen finde. Nun kommt ein grausamer Mensch und greift mit roher Hand in die zartesten Saiten des kindlichen Herzens und schmäht und verspottet, was Eltern und Ahrer mit Liebe und Begeisterung geweckt haben. Unzählige Tränen sind darum geweint worden, Tränen, die bitter weh getan haben. Tenn die kleinen Märtyrer fühlten'die Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Bosheit in ihrer ganzen Schärfe und waren doch wehrlos dagegen. Ich betrachte es als ein besonders freundliches Geschick, daß meine kleinen Schülerinnen das häßliche Wort Antisemitismus nicht kennen. Aber ich versäume auch keine Gelegenheit, ihnen zu sagen, daß sie alle Menschen — auch die Juden — lieben müyen, und ich begründe dies mit Beispielen aus der biblischen Geschichte. Tie Israeliten waren das auserwühlte Volk Gottes. Abraham, Isaak, Bisses waren Juden. Jesus Christus, seine Mutter Maria und viele Heilige, deren Tugenden wir den Kindern nahezubringen suchen, und die wir als verehrungswürdig hinstellen, waren Juden. In unserem Katechismus steht geschrieben: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Und auf die Frage: Wer ist unser Nächster? antwortet er: Jeder Mensch ohne Ausnahme. Infolgedessen ist auch der Jude unser Nächster, und die christliche Religion gebietet uns, ihn zu lieben. Das möchte ich nicht nur den Kindern sagen, sondern allen Judenhaffern, die zwar Christen sein wollen, aber in unchristlicher Weise hetzen, Haß und Zwietracht säen und in ihrer geistigen Verirrung und sittlichen Verrohung sogar unschuldige Kinderseelen vergiften. Der Richter von RoLeKöArg In einer öffentlichen Versammlung hatte der Landwirt Claus aus Ausmushausen erklärt, der „V o r w ä r t s", das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei, sei von Jakob Goldschmidt mit Geld unterstützt worden und habe sich dafür verpflichtet, nichts gegendie Juden zu schreiben. Tiefe Behauptung, ein alter Giftpfeil .aus dem Waffenarsenal der Judenfeinde, ist vor Gericht wiederholt als alberne Lüge gebrandmarkt worden. Wenn der „Vorwärts" neuerdings ein Erempel statuieren wollte, jo ist das seine eigene Angelegenheit. Weit über die Linde n ft r a ß e in Berlin hinaus interessiert aber der Ausgang des Prozesses, der zu der Frage: „Leben wir noch in einem Rechtsstaat?" berechtigen könnte. In dem srersprech enden Urteil des Eiuzelrichters beim Amtsgericht Rotenburg, Amtsgericytsrat S u n k e l, heißt es: „Es mag dahingestellt bleiben, vb Stampfer, dem Chefredakteur des „Vorwärts", gegenüber nicht schon deshalb auf Freisprechung zu erkennen wäre, &äf Stander jüdlftftcv €3 vielleicht sich L/i s. ::i deshalb c^cS Selbfftve<tll::dlichös bleutet, in scincn rM)l in tina;i gegx; seine BellR-genossen gcgnet%r*3Xi $u schreiben." Schon am 19. Juli d. I. hatte Amtsgerichisrai Tunke! an den Vertreter des Klägers die Aufforderung gerichtet, ihm binnen zwei Wochen mitzuteilen, „ob die PrivaMügee jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung sind und ob sich nntcv den übrigen Redakteuren des „Vorwärts" solche befinden, die jüdischen Glaubens bzw. jüdischer Abstammung sind." Lic Antwort könne für die strafe, aber auch für die Schuldsrage von Bedeutung sein. Tie Anfrage des Richters von Rotenburg bedeutet eine Verletzung des Artikels 136 der Reichsvermssung, nach dem niemand verpflichtet ist, seine religiöse Ueoerzcugung zu offenbaren, lieber die Urteilsbegründung werden wir uns äußern, wenn das Urteil im Wortlaut vorliegt. Inzwischen hat der „Vorwärts" Leim Justizministerium eine T i e n st a u s s i ch t s b e - f ch w e r d e cingereicht. Wir werden dem Fall, der für uns von grundsätzlicher Bedeutung ist, die Aufmerksamkeit schenken, die unsere Freunde mit Recht von uns verlangen werden. . Sehr. Gntsr ösrr RrüWrr ös§ HetzöspkoSs 8. L. Der in dielen Blättern oft behandelte Hetzboykott gegen die jüdische Geschäftswelt erwächst aus dem Boden von Haß und Fanatismus. Nicht wirtschaftliche Gründe, sondern politische Verblendung und Rassenhaß bestimmen sein Wirken und führen zu seinen Auswüchsen. Wie weit die Wühlarbeit des Nationalismus acht, zeigt der nachstehende Vorfall Ln Magdeburg. Tort hat sich innerhalb der nationalsozialistischen Ortsgruppe eine r,A rbeitsg r u p p e f ü r Handel, Handwerk u nd Gewerbe" gebildet, die insgeheime den Boykott der jüdischen Geschäfte'organisiert. In einem von dem Ortsgruppenleiter Udo Große versandten Rundschreiben heißt es folgendermaßen: „Tiefe Gründung ist rein politischer Natur. Cs gilt, durch diesen Zusammenschluß den Einfluß in der Handelskammer, den Innungen usw. zu gewinnen. der uns unserer wirtlichen Bedeutung gemäß schon lange zusteht. Ilm die dazu erforderliche Stoßkraft zu bekommen, war ein solcher Zusammenschluß erfvrderslich. Tie Arbeitsgemeinschaft hat jetzt eine Liste herausgegeben, die ich Ihnen anliegend zugehen laste. Zn dieser Liste sind alle dicjengen Geschäfte bzw. Lieferanten angeführt, welche wir bei unseren Einkäufen in erster Linie berücksichtigen müsten. Zm übrigen muß ich darauf Hinweisen, daß ich in Zukunft jeven Parteigenossen, der in einen: jüdischen Geschäft Einkäufe tätigt, wegen parteischädigenden Verhaltens den; Untersuchung^- und S ch l i ch t u n g s a n s s ch u r,; u m Ausschluß aus der Partei melden werde." Hier ist also mit dürren Worten der Nachweis dafür erbracht, daß der völkische Hetzboykott allein auf politischem Fanatismus beruht und keinerlei wirtschaftliche Grundlage und Berechtigung hat. Er ist mithin unecht im Sinne des Gesetzes und als sittenwidrig erfolgreich zu bekämpfen. Wir verweisen in diesem Zusammenhang erneut aus die in Nr. 52 der „C. V.-Zeitung" besprochene Schrift von Tr. Rudolf Wertheimer: „Ter Hetzboykott" und aus die dort dargelegte Charakterisierung des Boykotts und seiner Wurzeln. Je mehr sich die gewonnenen Erkenntnisse vertiefen, um so mehr wird dem Hetzöoykott mit Nachdruck und Erfolg entgegengetreten werden können. D§r 3nfä®2t imtsr dm ßshALsMchsn ösr PmSm Es gibt nach nationalsozialistischer Theorie — nichtnordische Menschen fallen vollständig fort — drei Gruppen von Deutschen, die überhaupt in Betracht kommen: die Nichtanhänger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei: das sind verirrte Spießer, die noch geweckt werden müssten: sodann die Anhänger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei: das ist die Elite; und drittens diejenigen, die das Hoheitszeichen der Partei repräsentieren: die sind unfehlbar. Tie erste Gruppe irrt stets, die zweite mitunter, die dritte n i e. Nach dieser gleichen Theorie braucht ein ..arischer" Mensch nicht erst zur Ablehnung der Erzeugnisse „jüdischen Geistes" erzogen zu werden; ihm liegt sie im Blut. Wer darin noch irrt, ist den Weg seiner inneren Vollendung noch nicht zu Ende gegangen. Nun erscheint in Dresden, herausgegeben von M u t f ch m a n n , als „amtliche Tageszeitung der NSTAP., Gau Sachsen", „Ter Freiheitskamps". (Nr. 270.) Das Blatt trägt „das Hoheitszeichen" der Partei. In ihn; wendet sich ein Architekt Ph. Jantscher unter der Ueberschrist „G e s ch m a ck de r W ü st c" gegen den neuen Baustil und schreibt: ,,. . . Die in widerwärtiger Art betonte Horizontale ist dem deutschen Wesen fremd, ist Svmbol der verflachenden Jniermttwnalital, geschichtslos und falsch verstandene Sachlichkeit. Was bedeutet für uns Tcutsche der Horizontalismus? Verneinung des Lebens, Sinnbild der Nacht, der Ruhe, des Abstieges und der Vernichtung alles Aufwärtsstrebenden. Als der Altmeister Alfred M c f f c I im Jahre 1905 fernen Werl he im-Ban in Berlin vollendete, war für die deutsche Architektur eine neue Epoche angebrochen. Viele Baukünstlcr nahmen bewußt oder unbewußt diese Erinnerung an die Gotik, den deutschen Stil, auf. Wir verzeichnen mit Genugtuung, daß unter dem Hoheitszeichen der Partei, also ganz unfehlbar, der Jude Alfred Messel als Neuschöpfer einer vom Nationalsozialismus als -deutscher Stil bezeichneteu Architektur genannt wird. ...... - Ridens.