Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
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VJm ssihisini dss pdfed:i® Koinid? Schülern und Müttern hatten v/ir in der letzten Nummer der „0.V.-Zeiiung“ das Wort gegeben, damit sie über ihre Erfahrungen in der Schule zur Frage der Rückwirkung des Judenhasses auf das jüdische Schulkind berichtetem Heute veröffentlichen wir zum Abschluss unserer Rundfrage Bemerkungen zweier Pädagogen: einer jüdischen Lehrerin, unseres Kauptvorstandsmitglicdes, Studienrätin Dr. Gertrud Klausner, und des nichtjüdischen Studienrats Dr. Michael Müller-Claudius, dessen letzte als Heft der „Morgen“-Reihe erschienene Schrift ,.A niisemitismus als Angriff auf die Seele" von seiner Einfühlungskraft in die Seelen jugendlicher Menschen bei ihrer Stellungnahme zur Judenfrage erneut Zeugnis ablegte. Die von tiefer Religiosität erfüllte Aeusserimg einer katholischen Oberlehrerin aus Bayern mag den Betrachtungen einen harmonischen Ausklang geben. Dr. Gerfryd Klausner „Hundert Antworten — und edle richtig!" Auf hie Frage nach Erfahrungen mit jüdischen Kindern in der Schule gibt es hundert Antworten, und alle können bei weitester Divergenz völlig richtig sein: so verschieden sind die Eindrücke, so mannigfaltig der einfache Tatbestand, je nach Art und Lebenskreis der Elternschaft, der Zahl der jüdischen Kinder in den Klassen, auch nach der Einstellung der Lehrerkollegien und der nichtjüdischen Kinder. Bei einer nicht großen Durchschnittszahl jüdischer Kinder spürt man im allgemeinen nichts von Schwierigkeiten auf Grund der verschiedenen Bekenntnisse. Einzelne Kinder und relativ hohe Frequenzen geben wohl am meisten Anlaß zu Reibereien. Jeder Lehrer kann Sicheres nur aus dem eigenen Schulkreis geben. Ganz knapp einige Notizen: Im Durchschnitt der Klagen entscheidet das Verhalten der Mit- - schaler zu den jüdischen Kindern, genau wie bei christlichen, nur das Individuum. Die Klaffe stellt sich gegenüber Kindern, welcher Herkunft sie sein mögen, unfreundlich ein, spöttisch, unduldsam, wenn das Kind sich nicht in den Rahmen fügt, irgendwie auffallt. Das kann sich an Äußerlichkeiten entzünden — Putzsucht, Ausschneidereien — oder an Eigenheiten: wer sich bei Lehrern „anschmiert", wer petzt, wer nicht mitmacht, auf Ausflügen oder bei Scherzen. Kein Unterschied der Religion: wo Kinder sich abschließen, besondere Wege gehen, sich bei den die . Klage bewegenden Ereignissen oder Fragen abseits stellen, anhoortet die Klane mit „Du gehörst nicht zu uns". Bei allen. Der Sinn ist: Du störst die Gemeinschaft! Ich hatte einen Fall, bei dem eine Schülerin von der Klaffe gröblich beleidigt worden war, als Jüdin, mit richtigen Hehworten. Einschreiten des Lehrers und des Direktors. Grund: das Mädchen hatte als zionistische Neophytin ihrer Begeisterung für die „Heimat" Palästina recht ungeschickten Ausdruck gegeben, der alle andern Kinder verletzte. Eine andere jüdische Schülerin derselben Klasse ist besonders beliebt, sogar mit als nationalsozialistisch angesehenen Schülerinnen nahe befreundet. Bei den Kollegen sind die jüdischen Kinder genau so gut angesehen wie die christlichen. Einige gut begabte und gut erzogene unter diesen sind ausgesprochene Lieblinge der Klaffen und der Lehrer. Unwillen gegen jüdische Kinder entsteht bei dauernder Unordnung und Unkorrektheit in den Arbeiten, was einige Kollegen mehr bei jüdischen Schülern beobachtet haben wollen; ich persönlich nicht. Hier eine wichtige Beobachtung.^ Die häufig, vor "allem bei den kleineren, festzustellende Lebhaftigkeit der jüdischen Schüler, ihr rascheres Zufassen ist keine Dt e h r b e g a b ii n Sie müßte sich sonst auf allen Schulalrersstusen erweisen. 'Das schnelle Auffassen, die größere Beteiligung sind Beweis, daß die Kinder bereits entfalteter" sind — daher auch der Ausgleich mit den andern nach einiger Zeit; beides^ist nicht nur Temperamentssache, sondern Zeichen der schon weiteren Formung, der „Bildung" im engern, im Pestalozzi-Sinn des Wortes, weil die Eltern sich-im Durchschnitt mehr mit dem Kind beschäftigen, es mehr an allem teilnehmen laßen. Was in Zeitungen, in Büchern gelesen, bei künstlerischen Veranstaltungen (Theater, Konzert, Kino, Radio) gehört wird, tritt als Thema der häuslichen Gespräche vor die Kinder. . Das macht den Eindruck der symptomatisch früheren Reife, während es tatsächlich nur habituell ist und demnach viele Ausnahmen weist. Ein Unterschied bei Kindern der höheren Klassen höchstens insofern, als jüdische Eltern ihren Mädchen leichter nachgeben, wenn es sich ums Nichtkönnen handelt: ein Rest der immer noch nicht überwundenen Aufsagung, daß die künftige Ehe den Aufwand an Zeit und Geld für Mehrausbildung — im Gegensatz zur Knabenausbildung — nicht lohnt. Daher bisweilen, durchaus nicht immer, der Eindruck des Versagens jüdischer Mädchen in höheren Klassen. Im ganzen also: die Erfahrungen sind individuell; sowohl bei den Kindern und ihrer Einfügung in den Schulkreis wie bei den Kollegen. Im allgemeinen kein wesentlicher Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Schülern. Wo schon vorher durch Herkommen aus einem geistig und gesellschaftlich gepflegteren Lebenskreis geringere Schwierigkeit zur Eingewöhnung sich zeigt, ist das Verhalten durchaus gleich. Nach meiner Erfahrung findet man bisweilen, nicht eben häufig, daß einer. judenunfreundlichen Stimmung, das Versagen eines jüdischen Kindes in der Schule zugeschrieben wird, wo das Kind eben selbst versagt hat. Aus Gründen, die Ihre Mitteilungen ans der vorigen Nummer schon angeben. In jeder Klaffe, in jeder Altersstufe gibt es Kinder, die sich schwer in den Schulbetrieb fügen: und das findet sich bei Christen wie bei Juden. Gewissenhaftigkeit in der Arbeit, L e i st u n g nach bestem Können, Eingliederung als einer unter vielen sind die beste Gewähr für eine frohe Schulzeit, die wir allen Kindern wünschen, welchen Glaubens sie auch sind. Br. Michael Müller-Claudius Verantwortung ist cües! Juden und Nichtjuden werden in dieser schweren Zeit der schneidenden Gegensätze und der Lust zur Verfemung nur dann einen gemeinsamen Boden der Verständigung haben, wenn sie sich beide gleichermaßen ganz klar über die Grundersahrung sind, daß das jüdische Kind es schwerer im Leben der Schule hat als das nichtjüdische. Weil es unter einem besonderen psychologischen Gesetz stelst, unter dem jede Minorität steht (also auch das katholische Kind in der protestantischen Klaffe und umgekehrt), und das wir^ das „p s y ch o - logische Gesetz der ^tellvertret u n g" nennen können. Ein Beispiel: ein verzärteltes, launisches, verwöhntes, leicht übersättigtes und deshalb eigenwilliges und zur Isolierung geneigtes Kind stößt immer aus diejenige Antipathie seiner Klaffe, der eben alle solche Kinder zu allen Zeiten und in allen Klassen ausgesetzt sind. Diese Antipathie wird gelegentlich aggressiv werden. Unter jungen Menschen gibt es noch nicht die Kunst der Maske. Sie zeigen und bestätigen jede Sympathie und Antipathie. Ist nun ein solches Kind, gegen das jede Klaffe stets eine Antipathie hat, zufällig jüdisch, so vollzieht sich in der Klassengemeinschaft noch ein weiterer elementarer psychischer Prozeß: spontan geht die Antipathie in die Form eines verallgemeinernden Urteils ein: So sind die Juden; sie sind die Anderen; sie paffen in unsere Gemeinschaft nicht hinein. Das ist 'nicht eine Folge des Antisemitismus, sondern es ward aus "das zwangloseste und selbstverständlichste begreiflich aus der Tatsache, daß auf 100 Nichtjuden kaum erst ein Jude kommt. Das Kind hat also nur. selten Gelegenheit, S a m m c l ersahrungen mit jüdischen Klassengenossen zu machen: seinem Erfahrungskreis bieten sich nur wenige, zu allermeist nur ein einziger jüdischer Mitschüler dar — und dieser eine hft also sehr oft Verkörperung aller chmr möglichen Erlebnisse mit jüdischen Menschen überhaupt. Er ist für die Erfahrungen und die Anschauungsbildung seiner Klaffe der Repräsentant^ des jüdischen Menschen, der entscheidende Stellvertreter des Judentum s. Welche Verantwortung! Jede Verantwortung ist schwer, aber am schwersten die der Stellvertretung gür viele! Das eine jüdische Kind in der Klage ist sehr oft ganz allein'der entscheidende Urheber des lebendigen Bildes vom Juden in seiner Klaffe, und dies Erfahrungsbild wächst in die jungen Menschen Jahr um Jahr tiefer hinein. Welche Verantwortung der jüdischen Elternhäuser, ihre .Kinder stark für dis Aufgabe der Stellvertretung zu machen, die niemand von ihren jungen Schultern nehmen kann, denn ein psychologisches Gesetz, stärker als alle Menschenkunst, bürdet es ihnen auf, ob wir es wollen oder nicht. Und davon, wie diese Verantwortung erlebt und betätigt wird, gehen mitunter tiefere Wirkungen aus als von Bibliotheken voller Ausklärungs- — oder voller Verleumdungsliteratur. Man sollte sich mit diesen Dingen, die voller Tiefe und voller Leben sind, sehr viel mehr beschäftigen. Sehr viel mehr. Tenn um wahr zu fern: ich habe immer wieder die Erfahrung machen müssen, daß es an diesem Typus des jungen Juden, der zum Bewußtsein dieses Entscheidungsamtes der Stellvertretung erzogen ist, allzuoft mangelt. Und ich habe die Ersahrung gemacht, daß da, wo dieser Typus austntt, auch sehr schwüle, verhetzte Atmosphären gleichsam entladen werden. Denn dieser Typus, zugleich stolz, korrekt, geschloffen, reserviert und doch bereit zu jeder Betätigung stiller Kameradschaft, tolerant gegen weltanschauliche und politische Ideale der anderen, nüe er Toleranz für seine Persönlichkeit und seine Anschauungen fordert — dieser Typus wird zunächst Bei schlechtem Mundgeruch tüchtig gurgeln mit dem guten Chlorodont-Mundwager. Flasche 1 Mk. Versuch überzeugt. Hüten Sie sich vor minderwertigen, billigen Nachahmungen.