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Central-Verein-Zeitung · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. Seite 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 2 (sequence 5)
Language
German
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2 „verfallenden und gelähmten System" gegenüberstellt. Gedickt Paradiert der Nationalsozialist vor der Iugendals sieggewohnter, unerschrockener Kämpfer, dessen Bewegung allein ein jugendliches Herz schlagen macht; tut schon die Parteizenrrale genug zur Vergottung des Führers und der angeblich vorhandenen Idee des Nationalsozialismus, so eilten ihre gerade im Jahre 1931 willfährige Helfer zu, die in die MillionenLewegung wirtschaftliche Zukmckt suchender Menschen ein Mythos und ein Wollen hineingeheimnisten, von dem weder die Führung noch die Geführten bislang etwas gewußt hatten. Nur eine massenpsychologische Erscheinung ist von diesen nationalen und internationalen Theoretikern, die meist noch im Jahre 1929 das Objekt ihres Studiums und ihrer Liebe nicht kannten — Septemberlmge nennt sie Herr Goebbels unhöflich — richtig gedeutet: in allen deutschen Menschen lebt der Wunsch nach Führern, die das Wirtschaftschaos entwirren und dem deutschen Volk den Weg ans Krise und Verelendung weisen, steigert sich dieser Wunsch in den Massen, die ihre politischen Entscheidungen vom Gefühl bestimmen lassen, auch zum m y st i s ch e n N e t t e r - und Führerglauben, so bedarf es nicht der Flucht ins Irrationale, um die Erscheinung des Nationalsozialismus und das Geheimnis seines Erfolges im letzten Jahre zu erklären. Wenn der bayerische Bauernführer Tr. Heim in diesen Tagen der Nationalsozialistischen Partei die Prognose gestellt hat, daß sie i n zwei Jahren in der gegenwärtigen Form nicht mehr existieren würde, so mag diese verpflichtende Voraussage des nüchternen Realpolitikers die kritik- und würdelose geistige und organisatorische Anbiederung hemmen, wie sie die Ueberängstlichen zur sorgfältigen Abschätzung der Realitäten veranlassen mag. 2. Wir können es gewiß verstehen, wenn in diesem Zusammenhang in empfindsamen Freunden bei Ueberprüsung der jüdischen Situation das Gefühl der Verbitterung aufsteigt. Aber auch der Niedergeschlagene sollte nicht Derzweiflungsparolen ausgeben. In den Jahren, als sich die Hitler-Bewegung für den organisatorischen und agitatorischen Vormarsch rüstete, galten wir, die wir damals rechtzeitig warnend die Entwicklung erkannten, als die P e s - s i misten. Heute scheint schwärzester Pessimismus modern, ebenso modern wie die Rolle der Kassandra, die in tausendfacher Gestalt im Lande umhergeht und die Stimmung der Nervosität erzeugt oder schürt. Wir verkennen den Ernst der jüdischen Lage gewiß nicht und wir haben erst vor drei Wochen an dieser Stelle vorsorgend die Zeichen gedeutet, die die ernste Aufmerksamkeit aller verantwortlichen Kräfte in Deutschland erfordern. Wir wissen sehr wohl, daß das Gespenst des Bürgerkrieges in Deutschland umherschleicht und daß Ereignisse wie die Knrsürstcndamm-Unruhen als Symptome einer bedenklichen Landsknechtsmorul zu werten sind. Die Borheimer Dokumente und anderes Material, wovon zu geeigneter Stunde noch zu sprechen sein wird, sind eim so groteske und brutale Uebersctzuug der natwualsozialistischeu Theorie in die Regierungspraris, daß schon hieraus der Wunsch nach Vermeidung des alleinigen Hitler-Regiments folgen muß. Gewichtiger als Pogromartige Ausschreitungen und Entrechtungspläne erscheint uns der S t i m m u n g § - u n d G e s i n n u n g s w n n - bei in einem erheblichen Teil unserer deutschen Volksgenossen. Die Gedcmkengänge, mit denen die Emanzipation der deutschen Juden heraufgefcininen ist, verliere n an Geli'ur.g. und Ueöereifriae sagen sie bereits tot. P eudowisseuschuftliche Rassenlehren werden Grundlage des Weltbildes unserer Jugend. Unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volk gilt den Nassenglänöigen als anmaßende Forderung, während selbst Gutgesinnte sie als Problem empfinden. Eine in dickem Ausmaß bisher unbekannte judenfeindliche Propaganda hat die AufnahmebcreiLschaft für antisemitische Argumente gesteigert und eine stimmungsmäßige Abneigung auch politisch uninteressierter Volksgenossen gegen uns erzeugt, die von den antisemitischen Ideologen als judenfeindliches Grundgesühl oder I n st i n k L gedeutet wird. Dazu befinden wir uns allgemein in einem wirtschaftlichen Umschichtnngsprozeß, der auch jüdische Führer und Gruppen wirtschaftlich schwächen mußte. Solche Symptome zwingen zu der Erkenntnis, daß die Emanzipation von ihrer Vollendung noch weit entfernt ist und wahrscheinlich noch lange Aufgabe bleiben wird. Sie zu behaupten und zu vollenden scheint uns ein würdiges Ziel für kämpferische Menschen. Rückschläge dürfen den nicht niederwerfen, dessen Idee sich in steter Ueberprüsung bewährt hat. Die Zeitströmungen mögen sich geändert, die Formen des Denkens sich gewandelt haben; d i e Idee der Emanzipation ist geblieben und wird bleiben, weil sie die einzige realpolitisch wirksame Lösung der sogenannten Judenfrage ist. Nationaljüdische Theoretiker werfen uns vor, wir hätten mit optimistischen Prognosen den Blick des deutschen Judentums zu trüben versucht. Tie „Jüdische Rundschau" greift uns wegen des Ausrufs an, in dem wir in Nr. -50 zur Ruhe mahnten und um Vertrauen baten. Wir finden in dem sehr umfangreichen Aufsatz, in dem die „Jüdische Rundschau" ihre Angriffe gegen uns führt, den Ausweg so gezeichnet: „Stärkung des jüdischen Kollekrivwillcns, Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte zur Manifestation eines klaren Lebenswillens in der umgebenden Welt/ Wir vermögen derartigen Parolen nur einen höchst geringen realpolitischen Wert beizumesien und wir bezweifeln, daß selbst die Anhänger der zionistischen Bewegung in solchen Forderungen mehr sehen als die naive Kundgebung versponnener Theoretiker. Jedenfalls haben diese Parolen bisher weder den zionistisch beeinflußten Masten des Ostens, noch den Juden Palästinas eine Lösung ihrer bedrängten Situation gegeben. Zionisten und Nichtzionisten erleben täglich den Zusammenprall mit der judenfeindlichen Umwelt. Zu unserer Genugtuung können wir feststellen, wie gerade in uationaljüdischen Kreisen, die unseren Kampf früher nur skeptisch kritisierten, jetzt die Erkenntnis für die Richtigkeit und einzige Möglichkeit unserer Methoden und die L e b e n s n o t w e n d i g l e i 1 li u s e r e r Z i e l s e tz u u g wächst-, die Gleichberechtigung der deutschen Juden als Grundlage unserer wirtsclMtlicheu und geistigen Existenz zu wahren. Wir grüßen jeden Mitkämpfer, der, von diesen Beweggründen geleitet, in unsere Kampffront tritt. Wir glauben, daß diese Zeit die Stimmen der Nörgler, der Besserwisser und gar der gehässigen Schürer innerjüdischer Gegensätze zum Schneeigen bringen sollte. Wir haben uns deshalb dazu verstanden, auf die Angriffe, die fast jede Nummer jedes uationaljüdischen Blattes auch heute noch gegen den E. B. richtet, nur selten zu'antnwrten. Wir hoffen, daß die deutschen Juden die Notwendigkeit, d e n C. V., die N o i g e in einschaft bot deutschen Jude n, durch organisatorischen Beitritt oder wenigstens durch Mitarbeit zu stützen, besser zu würdigen wissen als die Journalisten, die selbst in dieser Notzeit sich-in Angriffen gegen uns nicht genug tun können. 3. Kampfgewohut und kampfwillig gehen wir in das neue Jahr. Es wird unsere Aufgaben vervielfachen, während die wirtschaftliche Kraft manches unserer Freunde geschwächt oder gebrochen ist. Wir haben das Vertrauen zu den deutschen Juden, daß sie trotz aller Persönlichen Sorgen ihrer politischen Bewegung die Möglichkeit geben werden, den gesteigerten Anforderungen zu genügen. Wir scheuen T e m oti« ft t n t i o n c u und hassen die Fassade n P o l i t i k. Unsere Arbeit wird wie bisher auf di e Wirkung, nicht aus den Schein gerichtet sein. Sie wird getan werden, in der Gewißheit unseres Rechts und in dem Optimismus, der im Goethe-Feierjahr besonders eindringlich das niedergedrückte deutsche Volk mahnt: „Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil es Individuen sind." Dr. Hans Reich mann. Autst öü söMlistischL Ü)og2 Zurück l Ergebnisse -er TLu-enteuwahten in Bayern lieber das Ergebnis der Asta-Wahlen an den bayerischen Hochschulen hat der „Völkische Beobachter" wohlweislich nur unauffällig berichtet; denn überall ist das Vordringen des Nationalsozialismus zum Stillstand gekommen. In Erlangen hat er zwar nach wie vor dank der Haltung der evangelischen Theolcchestudentcn immer noch eine beherrschende Stellung. Im H Würzburg und München ist dies nicht mehr der Fall. Tie Ergebnisse der Asta-Wahlen sind in der folgenden Ueberwcht zusammengestellt: München 1931 1930 Nationalsozialisten . . 11 10 Freie Hochschulgruppe . 1 2 Wafsenriug.6 6 Katholische Freistudenten - und Korporationen . 7 7 Sozi alis tischerS tude u ten - bund.1 1 Liste für Fachschastsarbeit 4 0 Notgemeinschaft beutscher Finken u.Großdeutscher National. Widerstnndsblock.0 4 Würzburg 1931 1930 10 10 1 1 4 4 10 10 In Würzburg hat sich die Mandatszahl der Nationalsozialisten trotz verminderter Stimmen, zahl gerade noch aus derselben Höhe gehalten wie im Jahre 1930. Tie katholische Studentenschaft hat die gleiche Stärke erreicht. In München konnten die Nationalsozialisten zwar die Zahl der Sitze von 10 auf 11 vermehren: dazu ist aber zu bemerken, daß vier Sitze rechtsstehender Listen, die diesmal keine Kandidaten mehr ausgestellt haben, ausgefallen sind. Diese vier Sitze hat auf den ersten Anhieb die unpolitische „Liste für Fachschaftsarbeit" erobert, die sich infolge der Differenzen des Wafsenrings mit den Nationalsozialisten gemeinsam mit den Katholiken eine maßgebende Stellung in der Leitung derAsta erringen konnte. HitlergFranlII, Goebbels und andere Größen am national'. sozialistischen Siernenhimn el warenaufgeboten. Frank H hat sogar in uiunißverständlicherWeise gegenüber den jüdischen Studenten Zur „Selbsthilfe nach Wiener iauftcr" ausgefordert. Viele Studenten waren von dem unsachlichen Politischen Phrasenschwall enttäuscht und wandten sich Listen zu, die sachliche, unpolitische Hoch'chnlarbeit forderten. Unter der jungen Akadcmnerschaft, die zuerst die Fahne des Nationalsozialismus entrollt hatte. beginnt dir Besinnung über die volkszerstörende Wirkung einer wagehenmuen Agitation lamamm zu wachsen.

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