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Central-Verein-Zeitung · 1931-12-25 · 52 (25.12.1931) · p. Seite 595

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
52 (25.12.1931)
Date
1931-12-25
Page
Seite 595 (sequence 7)
Language
German
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595 <F7T',''Oa$ I Gedanken zu Dr. Rudolf Werll Helmers gleichnamiger Schrift L.EL Tie blondere Wesenheit aller gegen die Juden gerichteten schritte ur.6 Ansckauungeu ist die Tatsache, das; der Kampf uch ni±: gegen die Weltanschauung, gegen eine politische Gesinnung, gegen eine Pariei, sond-eru gegen den Menschen als solchen, mag er gestalte: sein wie immer, richtet. Tu kannst als Jude dieser Gegnerschaft nicht entfliehen, weil in deinem Jndckein bereits das angeblich Minderwertige und das Schlechte und Falsche liegen soll. Tie gleiche Besonderheit wohnt anch dem Berruf iimc, der gegen die Juden gerichtet wird. Grundsätzlich bedeute: der wahre Boykott nichts anderes als eine Maßnahme zur Bestrafung oder Erzwingung'eines bestimmten Verhaltens. Darum ist eine Verrrljserkläruug, die nicht ein wlches Verhalten d-er Gegner zum Gegenstand ihres In Halls hat — wie es bei dem judenstindnchc-i Boykott die Regel ist —, von vornherein dem echten Boykott nicht gleichzustellen. Tiefe Uuter'chiede übersieht mau häufig und betrachtet darum den Boykott zu sehr als eine Einheitlichkeit; damit wird man seinem wahren Wesen nicht gerecht. Tie heutige Gestaltung unstres Staatslcbens verlangt aber gerade unter dem Gesichtspunkte der Aufrechter Haltung des inneren Friedens eine scharfe Unterscheidung zwischen diesen verschiedenen Wesenheiten der Verrussertlärung. Je wesentlicher dem heutigen Menschen der BLaak ist, je mehr er von ihm erwartet, je mehr der Staatsbürger dazu neigst die Staatsgewalt für alle Enttäuschungen und für alle Nackenschläge verantwortlich zu machen, desto mehr muß seinerseits der Staat jeda Auslöstrng der in ihm zusammen lebenden Gruppen verhindern, wenn er esstiicht zu ei neu: blutigen Bürgerkrieg kommen lagen will. Jusolgedesseu muß er die Frage des Boykotts mit besonderem Ernste betrachten. Es ist eine Erscheinung der letzten Jahre, die mit der Auseinandersetzung über die sogenannte völkische Wertigkeit der einzelnen Gruppen zusammenhäugk, daß diese einzelnen Gruppen gegen andere Gruppen im Staate Verruisertläruugeu erlayen. Wohin das schließlich führen kann, ist gar nicht abzusehen: eines schönen Tages könnten in Verfolg der Günrherschen Theorie die nordischen Menschen austeiordert werden, ihrerseits nur bei nordischen Menschen zu kaufen, und wer weiß, ob nicht auch innerhalb der sogenannten nordischen Rage über kurz oder lang noch besondere Unterabteilungen entstehen, die sich immer gegenseitig boykottieren? Von besonderer Wichtigkeit sind solche Ueberlcgungen bei der Frage der rechtlichen Bedeutung des politischen und völkischen Boykotts; denn das letzte Ziel aller Rechtsordnung rann nur in der Wahrung des inneren Friedens bestehen. Und auch die. die der Boykott heute noch nicht selbst trifft, sollten daran denken, wie es sich schon in vielen änderen Beziehungen gezeigt hat: daß es mit den Juden ansängt, aber niemand weiß, wo es aufhört. In dieser Zeitung hat Rechtsanwalt Tr. Haus Lazarus in einer Reihe von Auisätzcn, zuletzt in Nummer 43 vom 2-3. Tttober d. I.. die Recht - sprechung über den Boykott dargcstellt und erörtert. das; nach der heurigen Rechtsprechung der Boykott nicht die Vernichtung des Gegners bezwecken darf, das; aber eine einheitliche Praris bei den Gerichten bisher noch nicht geschaffen und infolgedessen die Erzielung dieser unterallen Umständen angestrebt werden müsse. Unser Freund Rechlsanwalt Tr. C a l t - mann (Köln) hat in einem ausführlichen Gutachten über die Boykotrsrage die wesentliche;; Gesichtspunkte dargestcllt, die bandhaben geben, um auf dem Wege der Zivilklage die Unterlassung der Boykottforderuug zu erzwingen. Jetzt ist dieses Werk wesentlich ergänzt'durch eine Arbeitch unseres Freundes Tr. Rudoli W e r t h e i m e r in Zweibrücker;, die Tr. Erich Kehr (Kaiserskautern) mit einer Einleitung versehen hat. *) „Ter Hchboykoit." Von Tr. Rudolf Wert, k, e i m e r, R^chtsa-nwelt cm Ob-rcla'.-.o^cericht Zwei- Lrücktn, inst einem Vorwort unt> unter LNrarbeir ccm Dr. Lrlch Kehr, in Naiscrslauiern Brrlag L> e ft L r u ck t r t W i c 5 b a b f n. Tieie Schrift befaßt stch mit Eiuzelsragen des betzborkorts, wie er in letzter Zeit in stechendem Maße vorkommt. So sind eie Adreßbücher bekannt, die in einzelnen Städten herauKzegeben werden, um die Nationalsoziack'ien an dem Besuch von jüdischen Ge'chäßcu zu hindern cder um ne zu zwingen, in bestimmten, ibneu von der Parteileitung austzegeben.en Ce'masten zu kaustn. widrigenstlls sie aus der Mariei ausgeschlösten werden und ihr slame zur öüenrlichen Be kann.unachun g gelangt. Im Wcrtheimerschen Buck-e ist scharf unterschieden zwischui den beiden Urm-chen aruppenmätzig geführter Kämpfe, nämlich zwischen dem Boykotts aus p0st.t'scheu Gründen und dein, der aus rauen- und volksmäßig begründeten Unterscheidungen beruht. Blau har früher dicke beiden Einstellungen zusirmmengeworstn: zwi'cken ihnen aber, die auch vom Gestecks 7 unkte innerstaatlicher Bedeutung sehr wohl aus-einandergehalten werden muffen, gibt cs natürlich Berührungspunkte. Keineswegs aber gleich: der politische völlig dem raffenmäßigen Boykott. Hier entwickelt sich ein neues Fo-rschungsgeöier auch für die Rechtswigenschaft. In mühevoller Kleinarbeit hat chereirs der Central v e r e i n bei der Bekämp'ung des Boykorts die grundlegenden Begrckst herausgearbeitet und durch eine großangelegte E n 1 s ch e i - d u n g s s a m:u l u n g ckckterial für die Tie letzten Reichstagswahlen ini September 1030 rerhalsen Hitler zur „Entdeckung" in 'Amerika, i'iit einem Schlaue wurde er zur Prcffestnsation und zum allgemeinen Gesprächsstoff. Wohin man auch kam, nach wenigen Minuten wurde der Teuckch-e gefragt: .ckVllnt;s tllat adout Hitler." Heute ist auch Liest Sensation zum Alltäglichen geworden. Ter Zeitungsleser ist gewohnt, von „Nazis" und „Hitlerites" zu lesen, die Wochenschauen bringen in bunter Ausmachung Bilder von den großen Ausmärscheu, aber es mußte schon geschehen, daß der Reichspräsident Hitler empfing, damit er wieder aus die erste Seite der Blätter gelangte. Dieses Abflauen der Sensation liegt natürlich nur im deutschen Jntereffe, denn so wie eine Zeitlang über die bitter-Bewegung berichtet wurde, mußte Deutschland wie ein südamerikanischer Staat erscheinen, in dem jeden Augenblick der Umsturz zu envarten war. Jnterc'-anterweise ist das Halenlreuz hier auch weiterhin d-as glückbringende Bymbol, Swastika, geblieben, als solches wieder von Christen und Juden als Armband getragen oder an den Taris augemalt. Tie Besorgnis aber, wie sich die Hitler- Bewegung für die deutschen Inden auswirkeu wird, ist nach wie vor bei allen amerikanischen Juden, die noch irgendwelche seelckche Verbindung zum alten Europa haben — viele Tau'ende jüdischer Amerikaner stanuncn sa aus Teuckchland—, groß. Eine Reihe von Ansprachen, zu denen ich aufgckordert wurde, gab mir erwünschte ^Gelegenheit, die ganz verschiedenen Grade dieses Internstes, insbesondere bei der Jugevd. kenneuznlerncn. Gelegentlich einer Veranstaltung im Jewish Club, einer Organisation des guten cklittelstandes im Westen von New Vor', über die ./Not der Juden' in Osteuropa", wurde ich überraschenderweise am'gesordert, ein paar Worte über den 'Antisemitismus in Teuckchland zu sagen. Ich war selbst über den starken Eindruck meiner Ausführungen bei den Versammelten, die offenbar keine Ahmmg von den Verhältnissen hatten und die die Schilderung der antisemitischen Kampiweise in der; Blättern des Nationalst zickst-mno ungeheuer erregte, betroffen. Es wweckchastäche Bearbeitung geschaffen. Tie chstmtan'än Vertiefung und Ausgestaltung ist das Verdienst der W e r t h e i m e r - K e h r -;d;ce Tckrist. Zu stimmen ßi ff end gibt sie als Begri''sbe :immung: „HetzboykotL ist das NnLcrnehrnen, einen Tritten dadurch zu schädigen, daß das PrrbLikunr bcstirrunt werden soll, Bczichungnr mit cincur Tritten ohne Rücknchr auf dessen früheres nnd weiteres Verhalten abznbrcchcn." T i e ' r r Boykott ist rechtswidrig. Gegen ire kann mit Mitteln des Zivilrechts einge-chrinon werden. Tie Studie erörtert aunü die st rarrechtlichen Genchtspunkte, die bei der Beurteilung des Hctzboykotts in Frage kommen, und gelangt zu dem Lchtusse, daß der Hetzbemsttt in 'einer typischen Form nicht nur dem Zirll-, wndern auch dem TLrasrecht zuwiderläust. Man muß aus den Darlegungen oedauerlicherw'ei'e sehen, daß die Anwendung dce Grooen.-Annug-Vuragrapheu in Boykottprozeuen nicke weiwvagend genug ist. 2o müßten die in vielen lltckdren üblichen Plakate, die die Kunden einem jüdi'chen Geschäft abspenstig machen wllen und rack) teil weckst einer sehr groben Zprache bedienen, viel stärker von diesem Ceffchtspunkre aus verwlgt werden. Callmann hat das Boykottproblem wiffenscha'rlich und Praktisch in einer den Annord-erunacn der Mutigen Tage entsprechenden Weist behandelt: durch Wertheimer-Kehr ist der uns Juden besonders berührende Hetzöoykott in seinen westutlicken Formen untersucht wordc::. TM Pracks wird den Berstissern Tank wi^eu. Don Or. Otto W. Drodnitz (New L^ork) br^auchi kaum ae'agt zu werden, daß ich nichts sagte, was dem Ansehen Deutschlands abträglich sein konwte, daß ich alle hellen Flecken in dem Bild avorachte, die irgend angebracht werden konnten, aber allein die Tatsachenberichte über die Kamosesweist der Radikalen in Tcuckchland und von den Schändungen der Grabstätten wirkten geradezu aufwühlend. Sofort kam hiev, wie überall, die Frage: Wie können wir amerikanischen Juden beisen? Und die Anllvort hieraiff voar: Jbr könnt und sollt uns gar nickst helieu. Wir dem'che n Juden muffen diesen Kamps allein durchseckien. Ihr sollt nur über die Tinge Bescheid wmen, unsere Lage kennen; das Gefühl, eure Sympathie zu haben, wird uns in unserem Kampf stärken. Mehr wollen wir nicht und mehr würds unserer Würde als Deutsche widerspreche::. Tenn solche Hetzen können uns unser Temscktmn nicht nehmen. Ihr ober paßt für euch selbst auf. denn die gleichen Gistpieile. die uns dmcken tie'st-n sollen, werd-en von den Anristmiten bei Veckchlechterung der wirtschaftlichen Bags auch hier bemutzt werden. Einiga weitere Gelegenheiten, über d-e:r Antisemitismus in Deutschland zu sprechen, ergaben sich aus diesem ersten Abend. Einmal war eine Veranstaltung in der Bronr, wo ein großer Teil der einstcheren New Yorker Juden leb:. Nach dem Tode Louis M a r j h a l l s wurde eine Vereinigung junger'Männer in Verbindung mit einem der orthodoreu Jevelsh Centers auei; in der Bronr ccqxünbct. Sie Mitglieder größtenteils jüngere kleine Angestellte z-.vistchen Zwanzig und" Dreißig. Ter geschästliche Teil des ckst-'ckngs nahm die meiste Zeit in Lln'sprnch. Berichte der Kommiffionen, eine mit heiligem Eistr vorgenommene Lallotage neuer Mitglieder wurden überaus ernsthaft betrieben. Tann erst kam die Ansprache des Verfassers, und auch hier reagierten diese jungen Vlenschen. die sich größtenwils aus Nachkommen polnischer Juden rekrutieren, vcrn gesühtsmäßig stark aus das tstckagte. Ein bißchen zu viel Parlamentaris- :nus war hier, ab-er den Leuten sah das Herz am richtigen Fleck. Tie Strenge des Regimentes aber, das der Vorsitzende mit dem Holzhammer säurte, crinnecke fast an den ossiziellstn Teil eines deutschen Kommerses.

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