Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 52 (25.12.1931)
- Date
- 1931-12-25
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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594 f t a 11 j ch; \[£ ician::i den t»cmcfratiüi:cn Staat. Ter irrafti fd>: ticnal i:i Teutschland. in allen üi::-:n Spielarten. ist niit der Idee des autoritären Staates aufs ena/iie verbur'.den. Cr lehnt die Demokratie grnndnützlich ab. Und hier ö^net sich uns der Zugang zu seinem '3efen. Tenn dies ist nicht eine zufällige politische Einstellung, auf der Meinung beruhend, der autoritär-diktatorisch regierte Staat arbeite, funktioniere besser, zweckmäßiger als der demokratische Staat. Diese Haltung wurzelt tiefer. Ter deutsch^ lllationattsmns- Lehnt die Tcmokratie ab, weil er die F r e r - heit ablehnt. Weil Demokratie in der Idee und normalerweise auch in der Wirtlichkeit Freiheit bedeutet. Ennalttmgsfreiheit der inr Volke lebendigen sozialen, politischen, weltanschaulichen, religiösen Kräne und Strömungen. Tem demokratttchen Sraarsgedmnen wohnt die Ueberzeugung inne, daß die Freiheit sich nicht zum Sm-aden. sondern zum Segen des Volkes auswirkt. daß ein Volk nur in der Freiheit zmn staatsbürgerlichen Veranrwortungsbewußtsein omporwachten, daß cs nur in der Freiheit zur Nation werden kann. In dieser Idee begegnen sich Freiherr vom Stein, die Paulskirche und die Versavungsmehrheit von Weimar. Temokratie ist Vertrauen zum s r e i e n V o L k. Ter deutsche Nationalismus, der dem autoritären ^taatsgedunken huldigt, ist von schärfstem Mißtrauen gegen die Freiheit erfüllt. Er fürchtet die im Volk lebendigen Werte und Kräfte, die einen anderen Tuellgrund, einen anderen Werrbczng haben als den nationalen, die den Menschen in andersgeartete Vindungen hinein stellen. Er will nur den nationalen Wert gelten lauen und nichts außer ihm. Er will aus dem ^raat eine Zuchtanstalr zur Züchtung des Teurschen und Nichrs-als- Leutschen machen. Ter deutsche Nationalismus ist Nationalmonismus. Ties scheint mir der ihn richtig kennzeichnende Name zu sein. Er bekämpft die Sozialdemokratie, weil sie an der Idee der internationalen Verbundenheit der Arbeiterklasse festhälr. das Zentrum, weit cs die Rechte der übernationalen katholischen Kirche fördert. Verde Gruppen haben tausendfältig in schwerster Zeit denn Vaterland gedient und ihr NationaLbewußlsein erwiesen. Tem deutschen Nationülismu.s bedeutet es nichts. Nie könnte er den Nachweis führen, daß das Wirken jener beiden Gruppen der Nation geschadet hat. Er bernüht sich gar nicht darum, er prüft ihre nationale Zuverlässigkeit nicht im einzelnen nach: ihm genügt die Tatfache ihres außernatwnalcn Quellgrunde?, ihrer übernationalen Vergemeinschaftung, um sie als anaLiono.l oder gar a n t i national zu verdächtigen. Ter Antisemitismus ist so gesehen nur eine Teilerscheinung in dieser monistischen Gesamt- Haltung des deutschen Ncttwnalismus, nur daß sich die Ablehnung hier verschärft und haßartig übersteigert durch das stammesmätziae Anderssein der Juden. Tarum ist es m. E. verfehlt, den völkisch gerichteten Nationalsozialismus als eine atavistische Entartung des Nationalismus anzusehen. Der Nationalismus ist durchweg völkisch, man möge sich darüber nicht täuschen; nur die Grade und Au-druckssormen sind verschieden. Er lehnt die Juden ab, auch wenn sie noch so eindringlich und unwiderleglich den Nachweis führen, daß sie zum deutschen Dolle gehören, ihm dienen, ihm schicksalhaft verbunden sind. Es bteibt^ja stets die Tatsache, daß die Juden anderen Stammes sind, daß es außerhalb der deutschen Grenzpfähle noch Juden gibt, und dies genügt dem Nationalismus, um die Juden als anatioual, als undeutsch abzulehnen. Mögen ihre übernationalen Eemeinschaftsverbindnngen noch so gering, mögen sie überhaupt nicht vorhanden sein.. Der Nationalismus sucht die Judengegnerschaft wissenschaftlich, rasientheoretisch und" kulturphilosophisch zu begründen. Lies alles ist Pseudowissenschast, für die ernsthafte Forschung indiskutabel, tausendfach widerlegt und immer wiederkehrend, in immer neuen Spielarten. Tom. fragen.nur. warum dieses ..wissenschaftliche" Bemühen? lim sagen zu können: Juden können nicht Deutsch? sein, mögen sie es noch so 'ehr trollen, mögen sie sieh ihres Judentumsrollig zu entäußern suchen. Das objektive Sein ist stärter als der Wille, es bestimmt ihr Lenken, Füllten und Wollen. Tiefer Nationalismus, wie er hier gezeichnet wurde, ist im Kern seines Wesens nicht gesund, weil er die Volksaemein'chaft nicht a u s b a u r, sondern zerrei ß t. Er schließt die im deutschen Volk lebendigen Kräfte und Werte aus. die nicht in sein Bild des Teurschen passen. Aber was hier verleugnet wird, lebt, ist Teil des deutschen Volkes, dieser so unerhört reich gegliederten und gerade darum so lebensvollen und zukunslsträastigen Gemeinschaft: man kann e* mit Terror und Gewalt unterdrücken, töten kann man es nicht. Gesundes N a L i o u a I b c w u ü t f c i n bedeutet uns, des R e i ch t u m s i n n c z u werden, den dieses Volk der Deutschen in seinem r: choße birgt, und ihn zu bejahen, und doch zu wissen, das; eines in allen lebt, sie z n s a m m enschlie s; t, s i e V o l k s g e n o ss e n s e i n läßt: das T e u L s ch t u:n. Ties ist das ..deutsche Volk, einig in seinen Stämmen". Ter Weg zur Nation geht über die Freiheit und mündet in der Freiheit, Oie dem Volke, dcnt ganzen Volk, geistigen und sozialen Lebensraum gibt. §r. CM Myc NMerAMem) Es handelt sich bei dieser ganzen Erörterung um nicht mehr und nicht roemger als — in aller Eindeutigkeit — um unser Verhältnis zu unserem Vatertande, zu Deutschland. zu dem deutschen Volke ... Wir haben seit unserem Bestehen immer wieder und schon tausende Male gesagt, daß wir uns als Teil dieses Volkes fühlen und daß alles, was wir tun, zunächst und in erster Linie dem Wähle und dem Gedeihen dieses Volkes, dieses Landes dienen soll. Wir haben mit vielen wichtigen Zitaten für unsere Zeit und für die Vergangenheit daraus hingewiesen, daß der Blutzoll in den um den Leftand und die Zukunft Deutschlands geführten Kriege, unser gern gebrachtes Qpstr aus dem Mar wahrhaft nationaler Gcsühte geivesen ist. Seit Dezennien schreiben und sagen wir, daß unser ganzer schmerzlicher Kamps nicht nur cm Ringen um GleichoerÄjtigung, sondern um völlige Eingliederung in das deutsche Voll war und ist, weil wir mit diesem Lande mit unseren besten und heiligsten Gesühlen uns verbunden fühlen und Mitarbeiten wollen an seinem Werden, seinem Gedeihen und für seine Größe. Wir sind national und haben dies immer betont. Daß das heute in Teutschland wieder in Frage gestellt werden kann, rührt daher, daß man hier das Wort, den Begriff „national" zu einen: Partei sch lag wort gemacht bat. Mii. Recht ist gesagt worden, daß „nationale Regierung" in England etwas anderes bedeutet, nämlich eine überparteiliche Regierung: National-überparteilich. Bei uns ist aber „national" — und wir haben cs tausendmal gesehen und erprobt — doch nur ein Schlagwort gewisser Parteien, die nicht nur uns Juden, sondern jeden, der nicht mittut, als „nichtnational" bezeichnen. Wir wollen weiterhin unsere Pflicht tun, wir wollen uns in wahrhaft nationalem Tun von niemand übertrefsen lassen und wollen jeden falschen Propheten des „Nationalismus" energisch bekämpfen. Das hindert uns nicht in einer Zeit der Spannung mit anderen Ländern, denn die Spannung ist inuner noch die große Gefahr, sehr laut und energisch das deutsche Recht auf Leben, Sonne und Licht zu betonen. Aber in diesem Sinne muß man sagen: „Das Nationale" versteht sich immer von selbst." Ueberfall auf einen jüöifcken Angestellten in Königsberg Zwei Nationalsozialisten überfielen in der Dunkelheit einen jüdischen Handlungsgehilfen, der gerade im Begriff war, vor ihnen in sein Haus zu flüchten und versetzten ihm mit eimun gefährlichen Gegenstand, wahrscheinlich -einem Totschläger, einen schweren Hieb aus den Kopf. Ter lleberfallene erhielt eine so stark blutende Wunde, daß er sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Tie Täter konnten zwar entkommen. jedoch ist der eine als ein Nationalsozialist erkannt worden, dem der junge^Mensch als Jude bekannt war. Gegen ihn ist Strafantrag wegen Körperverletzung gestellt worden. Die Würzburger „Freiheit" ist verfchwimöen linier den vielen imersreulichen Blüten am Baume der nationalsozialistischen Presse war eine der peinlichsten die in Würzburg Erscheinende Wochenschrift „Tie Freiheit". Sie suchte den „Stürmer" iu seiner Lieblingsausgabe der Sexualschnüffele^ noch zu übertreffen; sie richtete eine eigene Spalte ein mit der Üeberschrist „Am Pranger" und veröffentlichte don nichtjüdische Frauen und Mädchen, die sich der „Rassenschande" durch meist ganz harmlosen Verkehr mit jüdischen Herren schuldig machten, anfänglichdurch Kennzeichnung mit den Anfangsbuchstaben, linb wenn dies nicht die gewünschte Wirkung tat, mit voller 'Namensnennung. Verschiedene Bestrafungen und Verbote aus Grund der Notverordnung vermochten dem gemeingefährlichen Treiben, das nicht nur bei Juden Entrüstimg erregte, nicht zu steuern. Ta besann sich die N^TAP. Würzburg anscheinend auf ihren Grundsatz über Reinhaltung des öffentlichen Lebens und entzog dem Blatt die Befugnis, sich als Parteiorgan zu bezeichnen. Tiefen schlag konnte cs nicht überwinden; cs mußte jetzt sein Erscheinen einstellen. Dieser „Freiheit" trauert in ganz Untersranken sicher niemand nach, höchstens ihr geschäftstüchtiger Redakteur und Verleger. W. L. GshtzWat Professor Dr. Pick (Gotha) 70 M)re akt Cehestnrat Prvseffor Tr. Lehrend Pick wurde am 21. Tczember 1861 in Posen geboren, wo er das Gymnasium besuchte. Don 1880 bis 1884 studierte er in Berlin Geschichte und Archäologie und wurde dort im April 1884 zum Tr. Phil, promoviert. Ten größten Einfluß unter seinen Lehrern übten auf ihn Theodor M o m m s c n, Johann Gustav Dropsen und Carl Robert aus. Hieraus arbeitete er zunächst am Berliner Münzkabinett und legte dort den Grund zu seiner späteren numismatischen Fachausbildung, wobei er Alfred von 2 a l l e t t besondere Förderung 311 verdanken hatte. Nach weiteren Arbeiten an der Berliner Königlichen Bibliothek ging er zur Fortsetzung seiner Studien an das Münzkabinett in Alhen und siedelte nach der Schweiz über, wo er in Winterthur unter Mitwirkung von Fr. I m - Hoos-Dlumer die Vorarbeiten für das Corpus nuraoram der Berliner Akademie der Wissenschaften begann. Von 18-89 bis 1891 war er als Privatdozcnt der Numismatik an der Universität Zürich tätig und von 1891 bis 1893 in gleicher Cigenschast als außerordentlicher Professor. Im Jahre 1893 wurde er an das Herzogliche Münzkabinett Gotha berufen, zu dessen erstem Tireltor er 1899 ernannt wurd e. In diesem Jahre erschien auch der erste Halbband des Corpus, numomm (die antiken Münzen Nord-Griechcnlcmds enthaltend). Im Jahre 1896 wurde Tr. Pick außerordentlicher Professor und 1911 ordentlicher Honorarprvstsior an der Universität Jena. Tiefes Amt legte er vor etwa zwei Jahren nieder, da er auch mit der Leitung-der herzoglichen Bibliothek in Gotha betraut wurde. Eine fachwissenschastliche Aufgabe führte ihn vor einigen Jahren nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Leine Bedeutung in der Münzkunde erhellt daraus, daß er u. a. Ehrenmitglied der Akademien in London, Rom, Wien. München imb Bukarest ist. Mögen Ceheimrat Pick, der dem Judentum in Treue anhängt, noch viele Jahre des Wirkens und ein wnniger Lebensabend bcschicden sein.