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Central-Verein-Zeitung · 1931-12-25 · 52 (25.12.1931) · p. Seite 593

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
52 (25.12.1931)
Date
1931-12-25
Page
Seite 593 (sequence 5)
Language
German
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§93 geheim so muß man bei der nächst höheren Instanz, Direktor oder Sektor.,vorstellig werden. Diese Herren, mögen sie politisch eingestellt sein, wie sie wollen, sind meistens für den sachlichen Bericht über einen antisemitischen Borsall in ihrer Schule dankbar, da der^ Nus einer Schule unter derartigen Vorkommnissen in der Oessentlichkeit leidet. Sollte jedoch auch die Leitung der Schule die Ohren vor der Beschwerde verschließen, dann bleibt nur übrig,, sich zunächst bei anderen jüdischen Blattern umzuhoren. Ergibt sich, daß tatsächlich das in Bede stehende Vorkommnis kein Einzelsall war, dann darf nicht mehr die einzelne Mutter die berechtigte Beschwerde in ihrer eigenen Sache bzw. in der Sache ihres Kindes für sich allein durchfechten, sondern muß die Allgemeinheit dafür interessieren. Tann, aber auch erst dann, ist es Pflicht der Eltern, an die Organisation heranzutreten, die Erfahrung in solchen Dingen hach die die zuständigen Behörden kennt und die dank ihrer ständigen Betätigung in die'en fragen die richtigen Wege weiß, die hier einzuschlagen sind: an den Centralverein. «Julie Marx (Frankfurt a. M.). „Gute Kinderstube" Durch den Antisemitismus, der nach dem Kriege in den Schulen stark angemachsen ist, sind wir Mütter zuerst darauf gestoßen worden, praktische E. B.-Arbeit zu leisten. Zu unserer Schulzeit kannten wirweder Haß nach Gegensätze; erst die Nachkriegszeit hat uns Frauen durch den Judenhaß in Versammlungen, aus dem Markt und auf den Straßen gelehrt, uns unserer Haut zu wehren, auch das Leben unserer Kinder auf Rückgrat und Abwehr einzustellen und Jie so zu erziehen, daß sie sich ohne Schwierigkeiten der nichtjüdischen Ümwelt anpasien. In offener Form tritt der Antisemitismus bei den Pädagogen heut selten zutage. Oft ist aber die Einstellung der Mitschüler häßlich und gefährlich und kann zur Oual werden, falls nur ein oder zwei jüdische Kinder in der Klape snrd; wenn der Prozentsatz größer ist, bilden die Kinder eine Macht und werden kaum behelligt. ^Turch Aufklärung, wie es jetzt in höheren Klagen versucht wird, kann viel Gutes gestiftet werden: in einem humanistischen Gymnasium besteht eine politische Arbeitsgemeinschaft von Primanern, die der Leitung eines politisch geschulten Lehrers untersteht und völlig neutral gerührt wird. In einem eigens dazu eingerichteten Raum liegen Zeitungen aller polin'chen Richtungen aus und stehen den Schülern nachmittags zur Verfügung- Einmal wöchentlich finden Aussprachen statt, die wesentlich zur Entgiftung der Jugend beitragen. Aber auch wir Mütter münen durch^freimütige Rücksprache mit den christlichen Klayeugenossen unserer Kinder Mißverständnisse beseitigen. Notwendig ist, daß unsere Kinder durch ihr Betragen nicht Anlaß *u Tadel geben, nicht durch Protzigkeit und Ueberheblichkeit, durch Mangel an Zurückhaltung ausfallen. — Es soll auch Vorkommen, daß jüdische Kinder in den Pausen hebräisch sprechen und die fragenden christlichen MitÄülermuen durch patzige Aut- Worten vor den Kopf stoßen. In solchen Fällen dars man sich nicht wundern, wenn die jüdi'chen Kinder als „etwas anderes und aus der Reihe stehend" betrachtet werden. Peinlich muß auch die Unduldsamkeit der jüdischen Kinder untereinander auf die anderen Klassengenossen wirken; die jüdisch-politische Einstellung der Eltern oder ihre eigene wird oft zum Gegenstand des Streitesund führt zur Mißachtung; auch hier mögen wir Mütter einhaken und unseren Kindern bei aller Treue zur eigenen Einstellung die Achtung vor der gegenteiligen Meinung onerziehen. Wenn wir auch den moralisch einwandfreien Menschen als höchste fittlidjc Forderung ausstellen, so dürfen ^rade wir jüdischen Mtrer den Wert der Lunaren Umgangs formen nicht unterschätzen und in der Erziehung vernachlässigen. Eine „gun.- Kinderstube" ist wohl nicht das Allheilmittel gegen den Antisemitismus, aber sie ist sicher ein gutes Abwehrmütel. üertba Klein (Königsberg). h. \J VV £}sn Vr.Fn'd grlcMocnöw Tie in diesen Blättern eröffn eit- A ussprache über den deutschen Rationalismus läßt die entscheidende Tatsache unberücksichtigt, daß die goistig-sittliclM Voraussetzungen jener Bewegung — soweit sie heute in radikaler Forni vorherrscht — sür den jüdischen Deutschen unannehmbar sind. Sie berücksichtigt ferner nicht genügend, daß der deutsche Nationalismus der versck>ämte und darum vergröberte Ausdruck eines nationalen Ilnzulänglichkeitsgefühls ist, des Eingeständnisses, mit seiner staatlichen Entwicklung nicht fertig geworden zu fern. Und nirgends verrät sich die seeli'che Uuentschieden- Ljcit des herrlichen und unglücklichen Volkes so denllich wie in der Einstellung zu den Vermächtnissen seiner Ceistesführcr. Gegenwärtig Lrejsen Festredner. Bühnenleitrr/akademische Würdenträger und Literaten eifrige Vorbereitungen, um das kommende Goethe-Jahr zum größeren Ruhme des deutschen Namens auszuprägen. Aber niemals legen sie sich die doch so naheliegende Frage vor, ob das deutsche Volt in allen seinen Teilen noch ein Recht habe, sich aus Goethe zu berufen. Vergeblich haben von N i e tz s ch e bis zu Stefan George die Hüter der geistigen Ueberlieferung der Nation immer wieder davor gewarnt, daß ein Deutschland, in dem die schrankenlose Gewalt vergöttert würde, den Abfall von Goethe vollziehe. Die Warnung hat nichts gefruchtet; aber noch einmal sei es gesagt: wer wie der heutige radikale Nationalismus den Terror und die Gewalt anbetet und übt, verleugnet den Geist Goethes. Tenn nichts kennzeichnet jene Verleugnung deutlicher als der Umstand, daß derjenige Dentsck)e. der heutzutage die echt Goetheschen Forderungen der Duldsamkeit und Menschlichkeit vertritt, von den Gewalrpredigern als mitleiderrcgender Narr verächtlich gemacht wird. Der Triumph des Barbarischen ist nichts ckveiter als die sittlich verwerslickze Parodie der Humanirätsidee, in der das mehr als achtzigjährige Leben Goethes gipfelt. Mit jener Lebensidee Goethes ist der Zynismus derjenigen Staatslehre, der zugunsten der Macht des Stärkeren das Recht verletzt, in keiner Weise in Einklang zu bringen. Ein Abgrund trennt den neudeutschen nationalistischen Radikalismus von Goethe, dessen harmonischem und sich stetig entwickelndem Lebenstrieb alles Radikale unsäglich zuwider war. Goethe, der in dem „Faust" am Ende des zweiten Teils das Sinnbild einer im höchsten cinne gerechten Staatsführnng schuf, hat nicht das geringste gemein mit jenem Blutransch einer Anarchie, die nach barbarischem Rezepte Köpfe rollen lasten möchte. Sein Glaube an Deutschland, von dem fast jedes seiner Werke Zeugnis ablegt, steht turmhoch über dem politisck)en Latein jener Leute, die Deutschland durch blutigen Terror erwachen lauen möchten. Deutschland wird aber erst dann erwachen, wenn cs erkennt, daß Barbarei und Brutalität der sckchdliche Wurm ist, der am höchsten Erzeugnis der deutschen Volksseele, der Humanität Goethes, nagt. Schon zu Beginn dos neuen Kaiserreiches machte Nietzsche die „nationale Neurose" der Deutschen für den Verfall ihrer geistigen Weltgeltung verantwortlich. In dem bevorstehenden schweren Kampfe, der die Völker Europas vor die Aufgabe stellt, ihre heiligsten Güter, Vernunft, Toleranz und Humanität, gegen einen Ansturm der Barbarei und Anarchie zu verteidigen, wird Goethe der geistige Führer sein. Zurück zu Goethe! sei darum die Devise des kommenden Goethe- Jahres. Und noch ein letztes! Der jetzige überspannte Nationalismus verdankt seine äußeren Erfolge der geschickten Taktik, daß er sich zum Hüter der geschichtlichen Symbole der Nation (Gefolgschaft. Magdtum der Frau usw.) aufwarf und die moderne Entwicklung zum Merkmal des nationalen Niedergangs umbvg. Deutsche, hört daraufhin Goethe: Die geschichtlichen Symbole — Töricht, wer sie wichtig halt: Immer forschet er ins"Hohle Und versäumt die reiche Welt. 4? V W *1 vv ivi^ v-JlJ tj y vir W^i vV 4/ 4!■ Stan Ste. MMls Mlüöerg Zu dem in Nr. 45 der „E. B.-Zeitung" ver» öffentlichen Aufsatz von Dr. Hans H e r 3 f e l b „Narionalismus in Deutschland" erscheinen mir einige Bemerkungen notwendig. Zunächst sei aus ein offenbares Mißverständnis hingewiesen. Ter Bersaver wendet sich dagegen. daß man den Nationalismus als Täuschungsmanöver der Reaktion oder des Kapitalismus hinstellt. Er sei mir geschichtlicher Notwendigkeit erwachsen, und zwar aus der außenpolitischen Bedrückung nach dem verlorenen Kriege, aus der inneren Zerrissenheit und Zerfahrenheit der politischen Willensbildung. ans der durch alles dies geweckten Lehn sucht nach der geeinten, gefestigten Nation. Diese Feststellungen sind sicher richtig, und es geht nicht an zu sagen, die nationale Bewegung fei „gemacht" worden. Ebenso unbestreitbar aber erscheint mir die Tatsache, daß die kapitalistischen Oberschichten ihre bedrohte sozialwirtschaftliche Stellung mit Hilse der nationalen Bewegung zu erhalten und zu festigen trachten. Wenn ne zu diesem Zwecke den Nationalismus unterstützen, wie es in Deutschland, Oesterreich. Italien geschieht, in der Oesfentlichkeit aber das Nationale als die entscheidende Antriebskraft ib.res Handelns betonen, so sind zumindest starke Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres nationalen Willens erlaubt. Bekanntlich gibt es eine Reihe von Tatsachen, die diesen Zweifel nähren. Auch die Spannungen innerhalb des Nationalsozialismus, die durch das Bündnis Hugenberg - Hitler entstanden und, reden hier 'eine eindringliche Sprache. Der Nationalismus als Idee — das sei nochmals unterstrichen — bleibt von der sich gegen eine mißbräuchliche Praris richtenden chruik unberührt. Die poliri''che Betrachtung aber muß die sozialwirtschafrlichen Kräfte und Antriebe im Nationalismus aucks schärfste beobachten und erkennen. Ist aber dieser Nationalismus, wie er sich heute in Deutschland dem unbefangenen Betrachter darstellt, im Kern seiu.es Wesens gesund. d. h. dient er wirklich, wie er es sich zum Ziel gesetzt, dem Ausbau der Volksgemeinschaft, der nationalen Einheit? Halten wir in Europa Unnchau rwch innerlich starken, geeinten Nationen, dann blicken wir neiderfüllt auf die großen Demokratien des Westens: England und Frankreich. Hier gibt es nicht die Scheidung national — anLinaLionah nicht den abgrundtiefen, durch Vernunft ungebändigten Haß, die vergiftende Hetze zwischen Politischen Gegnern. Vielmehr bezeugen diese einander ihre Achtung, verdächtigen nicht von vornherein die Motive ihres Handelns, verleumden nicht einander und behaupten, der Gegner arbeite willensmäßig — nicht nur objektiv — zum Schaden des Vaterlandes. In diesen Landern gibt es keinen Nationalismus, der dem deutschen vergleichbar wäre (von einigen bedeutungslosen Gruppen in Frankreich abgesehen). Es bestehen starke Rechtsparteien, die im einzelnen ähnliche Ziele verfolgen wie die entsprechenden deutschen Parteien: wirtschaftlichen Protektionismus. Stärkung der Wehrmacht. Bewahrung der Tradition usw. Aber sie sind — und hier liegt der entscheidende Gegensatz zum deutschen Nationalismus — dein 0 -

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