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Central-Verein-Zeitung · 1931-12-25 · 52 (25.12.1931) · p. Seite 592

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
52 (25.12.1931)
Date
1931-12-25
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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tragen; sie sollten lieber versuchen, sich im Sport hcrvorzutun. Und dann schließen sie sich auch oft von der übrigen Klasse ab und verkehren nur untereinander. Da brauchen sie sich dann auch nicht zu wundern, wenn sie bald selbst ausgeschlossen werden. In unserer Klare sind viele jüdische Schülerinnen mit christlichen Madels sehr gut befreundet, ohne daß irgendein Mistton aufkommt. Das liegt sicher zum Teil auch an der seinen Art, in der unsere Deutschlehrerin, die protestantische Theologin ist, ans die Klasie einwirkte; denn, obwohl sie sehr überzeugte Christin ist. versuchte sie nie uns in menschlichen oder religiösen Dingen zu becinslusien, sondern liest uns 'vollkommene Freiheit. Wir haben jetzt auch beschlossen, regelmäßig eine bedürftige Familie mit '.Lebensmitteln zu versorgen, und da machen wir jüdischen Mädels selbstverständlich mit, obwohl das eine christliche Familie ist, darin wird bei uns gar kein Unterschied gemacht, was ich sehr schön finde." „Seit nur das heute in der schule vorgekommcn ist", sagte Suse daraufhin zu mir, „habe ich mir vorgcnommeu, mich mehr mit speziell jüdischen Dingen zu befassen. Es wäre so geschickt gewesen, wenn ich Eva gleich eine papende Antwort hätte geben können, etwa, dast ich zahlenmäßig hätte nachwwisen können, wieviel Juden im Weltkrieg waren und wieviel für ihren Mut ausgezeichnet wurden. Das ist doch wohl das einzige Mittel, wie man einem solchen Angriff begegnen kann." Und darin stimme ich vollkommen mit eu[e überein. M.L. l-tuttgart). ui der fvlpffer Aufgabe der häuslichen Erziehung Wohl jede jüdische Mutter ist mit größter Sorge erfüllt, wenn sie ihre Kinder auf das Gymnasium gibt. Tie Schule soll Kameradschaft und Gemciuschaflssinu Pflegen. Aber wie sieht es heute damir aus? Der jüdische Junge ist schon gleich auf Sexta Anfeindungen seiner Mitschüler ausgesctzt und nur dann erzwingt er sich Achtung, wenn er das Faustrccht gebraucht. Wie^sehr muß nun besonders ein seinempfindsames Kind darunter leiden, und da sind wir Mütter doppelt verpflichtet, den Mut zu starken, damit das Kind nicht dauernden seelischen Schaden nimmt. Es ist betrübend, daß die Schüler sich bei gemeinsamen Klassenwanderungen nach Bekennlninen voneinander absondern; aber da ist wohl mehr dem Elternhaus der Vorwurf zu machen! Die häusliche Erziehung müßte gerade in heutiger Zeit darauf gerichtet sein, den Gemeinschaftssinn und den kameradschaftlichen Geist zu betonen und zu stärken, den antisemitischen Strömungen entgegenzuwirken und der Schule konfessionelle Gehässigkeiten fernzuhalten. Daß es leider oft die Ettern und sogar die Mütter sind, die ihren Kindern ein schlechtes Beispiel geben, zeigt folgendes Erlebnis, das meine Jungen vor einigen Tagen hatten. Sie spielten mittags im Freien, als eine Mutter mit ihrer Tochter vorbeiging und ihnen ohne jede Veranlassung drohend zuricf: „Wartet nur, ihr Jtzigs, bald ist jür euch Feierabend!" — Wenn eine Mutter es sertigbringt, noch dazu in Gegenwart ihrer schulpflichtigen Tollster, junge Menschenkinder nur des arideren Glaubens wegen in so gemütsroher Weise zu beschimpfen, so darf mau sich. nicht wundern, daß der Antisemitismus auch in dis Schule getragen wird. Flau Minne Krombach (Esten). Kümmert eud? um den Elfernhelratl Ich habe zwei Kinder in der Schule, einen Jungen in der höheren Schule, ein Mädchen in der Volksschule. Las Mädel ist das einzige jüdische Kind in der Klape, der Junge hat noch einen jüdischen Mitschüler. Leide Kinder haben sich noch nie über eine Zurücksetzung beschwert. Sie sind gleichwertig den anderen Schülern vor sich selbst, vor den anderen Schülern und vor den Lehrern. Beide Kinder fallen allerdings in keiner Weise aus dem Nahmen der Klaste. Sie sind einfach treiben viel Sport, sind weder Streber, noch übermäßig faul und Helsen gern ihren Mitschülern. Ich kann also nicht aus eigener Erfahrung Nationalismus. Dir kommen jetzt zum Internationalismus. Inter natione5, das heißt: zwischen den Nationen, also zwischen den Stühlen. Ein vernünftiger Mensch wird sich sofort sagen, daß man zwischen zwei Stühlen nicht fitzen kann, dann hängt man in der Luft und fällt aus den Hintern; so was kann nur cin Narr wollen. So ist das auch mit dein Internationalismus. Inter uationes, zwischen den Nationen kann man nicht sitzen!" Es hat sich nichts geändert. Sie haben mir wieder ein neues Hakenkreuz ins Pult geschnitzt. Ich lasse cs jetzt drin. Der neue Tirex scheint energisch zu sein. In der Schule ist man ganz nervös und weiß nicht, wie man sich verhalten soll . . . * Wochen sind wieder vergangen. Was sell ich schon schreiben? Es bleibt ja innner dasselbe. Nur, daß es so schlimm ist, immer allein zu sein und keinen Freund zu haben, mit denn man einmal sprechen kann! Ich hätte so gern einen Freund. Jetzt ist bald Ostern. Noch sieben Wochen. Tkr Direr hatte durchgegrisjcn. Tr. Rainer verkehrt jetzt auch bei uns zu Hause. Der Prosestor Lümmle hat ihn mitgebracht. Ich liebe die beiden sehr und will später so Lehrer werden, wie die cs sind. Es hat in der Schule einen großen Krach gegeben. Tie Hakenkreuzler hatten ihre Klebe- und Malarbeit wieder ganz groß aufgezogen. Das war es wohl, was sie vorhatten. ,Der Direr hatte aber Lunte gerochen und dann plötzlich eine Untersuchung vorgenommen und die Klassen in ganz scharfes Eiuzelvorhör genommen. Natürlich hat sich niemand gemeldet, nur der kleine Faber aus der Unterterna, keiner weiß, warum. Lei mir haben sie das emgeschnittene Hakenkreuz gefunden. Die meisten haben gegrinst, als Bully mich fragte, ob ich das gemacht habe. Der Direr hat mich aber so angesehen, daß ich doch nicht zu heulen brauchte. Ich wurde ebenfalls einzeln vernommen, aber ich habe nichts gesagt. Ich verrate nichts. Und wozu auch? Wenn sie es nicht selber heran-bekommen, dann ist nichts zu machen. Sie müßten eigentlich sehen, was los ist und wer dahintcrsteckt. Aber sie sehen es wohl doch nicht. * Heute war Direktor Rainer bei uns zu Hause mit Fräulein Tr. Gutkind, die ich sehr lieb habe, und Prosestor Lämmle, Studienrat Nuhtand, Herrn Meneken. Tr. Rainer wollte wissen, was ich habe. Beinahe hätte ich es ihm gesagt. Und dann hat Fräulein Tr. Cutkiud mich gefragt, warum ich keinen Freund habe, und daß rch mir doch einen Freund anschasfeu müsse, sonst versau re ich. Und da habe ich heulen mswen und es nicht mehr ausgehalten. Dann hat Mutter mich herausgebracht und hat auch wieder gefragt, und ich kann doch nichts sagen; ich habe" gesagt, cs sei nichts, das sei nur so eine dumme Antwort von mir gewesen. Fast die ganze Nacht habe ich geheult. Ich habe Direktor Rainer und Fräulein Gutkind sehr gern. Aber warum mästen sie mich so quälen . . . Unser Direr hat eine gescheite Sache gemacht. Er hat Ruderboote und Paddelboote für die Schule besorgt, auch eine Sportvereinigung gegründet und das Schülcrheim im Secwald, das Vater gestiftet hat, aufgezogen. sprechen, wenn ich von Antisemitismus in der Schule und dem Verhalten der Mutter dazu schreiben wll. Ich glaube mich aber trotzdem berechtigt. hier das Wort zu ergreifen, da ich als Mitglied des E l t e r n b c: r a t § Gelegenbeit hatte, solchen Fällen zu begegnen und dazu Stellung zu nehmen. Wenn ein Kind sich bei der Mutter über Antisemittsmus in der Schute beschwert, so muß sie zunächst: unterscheiden, oö der Grund zur Beschwerde von einem Schüler oder cinenr Lehrer ausgegangen ist. Ans keinen Fall darf man gleich die Partei des Kindes ergreifen. Kommt der antisemitische Ausspruch von einem Milschüler her, so muß mau zunächst einmal fragen: Was hast du deinem Mitschüler denn vorher getan? Warum hat er das gesagt? Wenn dann das Kind ein sieht, daß in seinem eigenen Benehmen die Ursache zu dem feindlichen Verhalten des Mitschülers lag, so ist die negative Einstellung zu dem Mitschüler geschwunden, da das Kind die Schuld iu sich sucht und in Zukunft vermeidet, besonders diesen Schüler zu kränken. Die Mutter allerdings muß sich darüber klar werden, ob der Ausspruch des Mitschülers nur auf gedankenlose Rederei zurückzusühren ist. In diesem Falle würd-e ich raten, die Sache aus sich beruhen zu lapen. Zeigt sich jedoch durch weiteres Verhalten des oder der Mttschüler, daß eine anrisemirische Grundhaltung und nicht nur eine persönliche Feindschaft vorliegt, so ist es eine wichtige Ausgabe der Mutter, mit dein Lehrer Rücksprache zu nehmen. Taktvolles Vorgehen ist da unbedingte Notwendigkeit. Denn für die jüdische Mutier ist das Vorkommnis von einschneidender Bedeutung, für d-en christlichen Lehrer dagegen ist es eine von vielen Beschwerden, die täglich an ihn herantreten. Man muh es verstehen, d-em Lehrer diesen Fall als Präzedenzfall hinzustellen, nicht als eine persönliche Sache, und mutz'in der Begründung der Beschwerde möglichst objektiv sein. Geht der antisemitische Angriff von einem Lehrer aus, so genügt es gewöhnlich, mit dem betreffenden Lehrer Rücksprache zu nehmen. Wenn man dies in vornehmem, aber bestimmtem Ton tut, wird auch der nationalsozialistisch einßestellts Lehrer aus pädagogischen Gründen seine zudengegnerischen Redewendungen unterlassen. Sollte ab-cr derLehrer einer solchen Aussprache sich verschließen oder ihr konsequent aus dem Wege Ich war auch draußen. T2r Oberprimaner von Ziethen ist Obmann. Don Ziethen ist ein feiner Kerl. Herbert Aufrecht ist der Vorsitzende im Ruderklub. Auch Ausrecht ist ein netter Primaner, al>er lange nicht so wie von Ziechen. Aber es war doch nichts. Man sprach wohl mir mir, aber im Schülerheim kamen sie mir geniert vor, und im Ruderklub konnten sie nicht einig werden, in welchem Boot ich fahren soll, und Aufrecht mußte es erst bestimmen. Mit der Sportvereinigung habe ich es gar nicht mehr probiert. Vielleicht war alles gar nicht so schlimm, vielleicht bin ich durch alles, was ich erlebt habe, so kopsscheu geworden, daß ich in allem und in jedem Wort schon etwas sehe. Sie haben doch mit mir gesprochen und von Alten hat mir sogar eine Zigarette angeboten. Jinkh hat mit mir Sechsundsechzig gespielt, und Braun hat mir seinen Kollege schirrdeckel geliehen zum Wasierhoteu. Aber es war doch wieder so komstcsi, daß ich nicht weiß, woran ich bin. Im schülcrheim sind sie nett, aber in der Schule itt alles wieder vergessen. Wenn nur Ewald mein Freund bliebe. Eavald hat mir heute die Jack Londons, die ich ihm doch geschenkt habe, aufs Pult gelegt. Ohne ein Wort zu sagen. Als ich ihn fragte, was das denn bedeute, hat er sich umgedreht und ist zu Heini Alimann gegangen. Jetzt ist "alles aus. Ich habe den ganzen Vormittag über in der Klaye keine richtige Antwort geben kennen. Von Nuhtand habe ich deshalb eine Strafarbeit bekommen. Ich kann nicht weiter schreiben, ich-

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