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Central-Verein-Zeitung · 1931-12-25 · 52 (25.12.1931) · p. Seite 591

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
52 (25.12.1931)
Date
1931-12-25
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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i r ü ■i$\ 'H;{ r [ - L J O V O CI y CrD d § E? €0 g] So echt das Erlebnis des von dem Dichter geschilderten Schülers Jakob Rosenbaum auch ist, so müssen wir mis doch davor hüten, solche Vorgänge zu verallgemeinern. Nachstehende Zuschriften, die uns auf unsere Rundfrage über Erfahrungen jüdischer Kinder in der Schule von Müttern und Schülern aus unserem Mitgliederkreise zur* Verfügung gestellt worden sind, geben glücklicherweise ein nicht so trübes Bild. ö ki Man muss nicht die Hauptrolle spielen wollen Iw h:u:d)c die Unterprima eine» Realgymnasiums. Bon den 23 Mädchen meiner Klasse sind vier Jüdinnen. Wir alle stehen im besten Einvernehmen mit unseren christlichen Mitschülerinnen. Rur ein kleines Beispiel: Vor zwei Jahren wollten wir in einem gemeinsamen Kursus Tanzstunde nehmen. Wir haben dann auch unseren Plan verwirklicht; und ^während der ganzen Zeit ist keinerlei Mißstimmung gegen ^uns Jüdinnen aufgekommen. Wie kommt es nun aber, daß wir beinahe nichts vom Antisemitismus merken und in all den Jahren nicht unter ihm zu leiden hatten? Wir wissen, wie wir uns zu v-erhalten haben. Wir suchen in keinerlei Weise aufzusallen, nxder durch Kleidung noch vorlautes Wesen. Wenn christliche Schülerinnen sich in solcher Weise hervortun, wird ihr Benehmen nur Unbeliebtheit zur Folge haben; sind es aber Jüdinnen, so ruft ihr Verhalten sofort Antisemitismus hervor. Wir jüdischen Mädels müpen uns unseren christlichen Mitschülerinnen vollkommen gleichstellen, dürstn uns nie aus der Klap^engemeinschait cmsschlietzen, müssen immer „mit* machen". Ein besonders gutes Bindemittel zwischen jüdischen und christlichen Schülerinnen und natürlich auch Schülern ist der Sport. Sportliche und turnerische Leistungen werden heute von d-er Jugend meistens hoher eingeschäht als geistige. Falls bei den alljährlichen Wettkämpfen neben einer Christin eine Jüdin eine Rekordleistung erreicht, wird sie nach meinen Hottentotten — bis er aus einmal unter dem Grinsen der halben Klasse schloß: „und die JudenR Voll war zuerst noch etwas mißtrauisch gewesen, stimmte dann aber mit ein in das Lachen ilnd sagte nur: „Setz dicht" Nur Benno zischle da und schrie plötzlich Voll an: „Das verbitte ich mir, das ist eine Gemeinheit, das u>erde ich meinem Vater sagen!" Ta wollte Boll auf einmal nichts gehört haben und tat so. als ob er entrüstet wäre, und gab Tipfel eine Stunde Arrest. Aber Tipfel hat sie nie absitzcn brauchen. Manchmal möchte ich tot sein. Wem habe ich denn Schlechtes getan, nur weil ich Jude bin? Warum verachtet man mich? Warum quält man mich so? Ja, ich bin ein Jude und werde Jude bleiben. Ich will durchhalten und die Zähne zusammenbeißen und alles aushalten bis zum Abitur. Tann will ich aus die Universität. Ich will Oberlehrer werden. Und dann will ich Jungen, wie ich es bin. helfen. Cs ist schlimm, wenn keiner einem Hilst. Wenn ich groß bin, will ich an alles zurückdenken und cs nie vergessen und Helsen und lehren, daß zwischen Christen und Juden kein Unterschied ist und alle Menschen nur Menschen sind und Kinder Gottes, einer wie der andere, und alle nur eine große Familie. Ostern bin ich dreizehn alt geworden. Denn ich mein Abitur niache. werde ich achtzehn alt fern. Wenn ich sünsundzwanzig alt bin, werde ich Lehrer sein. Ich will die Zähne zusammenbeißen. Tann wird cs gehen. Und jetzt ist auf einmal alles viel leichter: jetzt, wo ich es eingeschrieben habe. Jetzt kann ich ruhig ins Bett gehen. Ich glaube, jetzt werde ich doch einschtasen können. Sähr© 1bODDS Beobachtungen ebemo bewundert wie ihre christliche Kameradin. Warum aber beklagen sich so viele jüdische Schülerinnen über den Antisemitismus in ihrer Klasse? Ich glaube, weil viele den Grund von allem, was ihnen an Lehrern und Mitschülern nicht gefällt, im Antisemitismus suchen; denn es ist ja viel bequemer für das. was einem nicht paßt, den andern die Schuld zu geben, als die Ursache für die schlechte Erfahrung in sich selbst zu suchen. Als jüdische Schülerin, mache man es sich zur Regel: Man soll nie versuchen, eine „Hauptrolle"' zu spielen, üch nie für „etwas Beperes" halten. Alle jüdischen Eltern sollten ihren Kindern klarmachen, daß sie, wenn sie Mitschüler oder Lehrer als Judenfeinde verdächtigen, sich zuerst fragen sollten: Habe ich den Antisemitismus nicht vielleicht selbst verschuldet? Käthe Lichtenberg (Hannover). Beschäftigt euch mehr mit jüdischen Fragen Gestern sprach ich mit meiner Freundin Suse über den Antisemiiismus in der Schule. Sie kam sehr aufgeregt zu mir und erzählte: „T-enk nur, was heute in bar Schule vorgekommen ist! Tu weißt doch, daß ich so gern und auch gut turne, und da habe ich heute wieder den Rekord im Hochsprung geschlagen. Ta sagte Eva ganz lauthieben mir, so daß ich es gut Horen konnte: ,T-as ist man ja bei Juden gar nicht gewöhntst Ich drehte mich entrüstet um und verbat mir eine solche Aeußerung. Ta sagte sie: ,Ja, du bist eben eine Ausnahme, aber alle Juden sin) D-er neue Direktor ist da. Cr ist sehr jung noch und sieht aus wie ein Meisterschwimmer und Dichter in einem. So hat ihn keiner sich vorgestellt. Er hat ganz Helles Haar, das irmner sehr unordentlich ist, und ein braungebranntes Gesicht mit drei Schmissen und blaue Augen. Ich batte ihn sofort gern, als ich ihn in der Aula sah. Im „Kreisblatt" hat ein Artikel gestanden, der durch alle Klassen gelaufen ist. Heini Allmann hat jedem Jungen eine Zeitung geben lärm. Auch auf meinem Pult lag eine. Der Artikel war rot angestrichen. Am wütendsten ist Bully, d-er dachte, er würde Direktor werden. Daß Woldemar Tipfel vor Wut kocht, ist doch klar, er Ware als Junge des Direx fein heraus gewesen. Der neue Direktor hat in der Aula gesprochen. Bon Erziehung zu Ethos und staatsbürgerlicher Gesinnung, von der Reichsverfassung und von Bölkerversvhnung. Als er daun ein Hoch aus Deutschland ausbrachte, sah Bili Ellbogen sich :::n und zwinkerte, und Waldemar Tipfel zischle: „Wer mitruft, wird verhauen!" Ich) habe aber dock) mitgerufen, auch Braun und Fmkh und von Alten. An die wagten sie sich nachher nicht heran. Mir über gab Buch in der Klasse einen Stoß in den Rücken und sagte: „Schnauze sollst du halten, Saujud dreckiger! Wenn du nicht parierst, kriegst du die Jacke voll!" Für mich hat sich nichts geändert. Heute stieg Endrikat mit seinen schmutzigen Füßen über meine Bank. Als ich in alter"Ruhe ihm sagte, daß mein Pult schmutzig sei, wurde er gemein und rief: „Ta kannst du dich freuen, daß mein arischer Fuß deinen stinkigen Platz betreten hat. Tu kannst dir den Fußabdruck einrahmen lassen und zu Hause aushangen, da hast feig.' — Du kannst dir vorstellen, wie ich mich darüber aufregteF „Ja", erwiderte ich. „das versteh' ich gut. Ich muß schon sagen, daß mir etwas Ter artiges noch gar nie vorgekommen ist. Unsere Lehrerinnen und Lehrer sind darin sehr sein; ich habe zu meinem Erstaunen von manchen erfahren, daß sie völkisch eingestellt sind, und doch sind sie uns jüdischen Schülerinnen gegenüber immer sehr gerecht, obwohl wir auch keine Musterkinder sind. Das kann man nicht gerade behaupten. Und auch die Mädels von meiner Klage sind sehr nett gegen uns mit ganz seltenen Ausnahmen." „Bei uns im Gymnasium stimmt das auch, was du von den Lehrern und Lehrerinnen sagtest", antwortete Suse. „Tie machen auch bei uns gar keinen Unterschied. Dabei bin ich überzeugt, daß viele im Privatleben durchaus antisemitisch eingestellt sind. Ich finde das wirklich anständig, wie sie du versuchen, uns gerecht zu werden. Unter meinen Klassenkameradinnen ist das nicht ganz so selbstverständlich. Tie sind eben oft so durch die völkische Presse verhetzt ^und haben oft so falsche Begriffe von der Rayenlehre, daß sie gar kein eigenes Urteil mehr haben. Das greift sogar schon auf ganz kleine Kinder über. Tenn z. B. in der Klage meines kleinen Ressen, der neun Jahre alt ist, boykottieren die anderen Jungen» ihn vollkommen, nur weil er Jude ist. Ta» ist doch für Eltern und Kind gleich schrecklich. Zum Glück hört man von solchen krassen Fällen nur sehr selten/ ^„Weißt du, wir dürfen auch nicht vergeben", sagte ich hierauf, „daß manchmal jüdische Mädels auch selbst schuld sind an dem Antisemitismus in einer Klaffe, wenn sie sich recht auffällig kleiden oder viel schmuck in der Schule du was fürs LebenY Als er dann wieder mit seinen schmutzigen Stiefeln über meinen Platz wollte, hat Hans von Alten, d^r doch selber nur schwach ist, sich vor ihn gestellt und gesagt: ,Oaß das! Oder ich sag^s Ruhland!" Ich hätte von Alten am liebsten um " den Hals fallen mögen. Sie wollten dann los gegen ihn, da kam aber Benno und dann Finkh und Braun und noch ein paar und stellten sich vor Hans, den sie dann in Ruhe ließen. Ich habe Hans danken wollen und ihm meinen Sperrkreis fürs Radio mitgebracht und heimlich Zustecken wollen. Er hasis aber nicht angenommen und sich umgcdreht und gesagt: „Laß das! Ich will dafür nichts haben. Warum mußt du immer einem dafür etwas geben wollen? Ich Hab'» deshalb nicht getan, nur weil''» eine Gemeinheit war." Wenn rch nur wüßte, wie ich mit Hans dran bin. Ich habe Hans sehr gern, aber ich habe Angst davor, es ihm Zu sagen. Jetzt macht mir der Sperrkreis gar keine Freude mchr. Was hat er nur gemeint damit —? Bully hat die Geschichtsstunde heute so angefangen. „Also dann wollen wir im Sinne der Reichsverfassung und der Lölkerversöhnung heute über Nationalismus und Internationalismus uns unterhalten. Für Internationalismus sind bekanntlich die Kommunisten, die Sozialdemokraten, die Demokraten, weil die Juden ja sowieso international verschwägert sind. Die Sozialdemokraten sind unsere Regierung. Die sozialdemokratischen Führer sind meistens Juden. Was ist nun Nationalismus? Wir wollen uns da» einmal bildlich ktarmachen. Wenn man sich auf seinen Stuhl setzt, den Hintern da festklemmt, die Beine um die Stuhlbeine klammert, und sich durch keine Gewalt von seinem '^tuhl verdrängen läßt, das ist

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