Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 52 (25.12.1931)
- Date
- 1931-12-25
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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590 fingen mich mit hämischem Grinsen, und Tstnel kam zu mir, stich mich vor die Brust und sagte: „Hier hat der Judenstmge nichts zu melden, daß du das weißt!" An diesem Tag begann meine LeidcnszeiL in der Schule. Ein Freund nach den: anderen kam heimlich zu mir underklärte, er könne mit mir nicht mehr gehen. lueiT er sonst von den anderen ausgeschlossen und verhauenstrürde. Viele hatten sogar noch davor Angst oder schämten sich, mir das zu sagen, und wichen einfach aus, kannten mich aus der S:raß^ nicht mehr und waren mit einem Malc^mir fremd geworden. Daß aber auch Rolf Ltuhr alles vergeben hatte und mit ihnen miunachte und mir die alte Freundschast kündigte, traf mich am schlümnsten: damals habe ich zum erstenmal geweint. Jcht stand ich ganz allein. Die Sitzengcbliedenen, die mit den Hetzsekundanein und ^Primanern unter einer Decke stocken und mit-Heini AILmann, Rudi Stier, Bruno Hart und dem Biki Ellbogen schmusen, der hinter allem steht und alles organisiert, hatten cs sertiggebracht, daß ich von allen boykottiert über Nacht auf einmal allein dastand, für die einen wie Lust war und für die anderen wie ein Aussätziger, der sie anstecken könnte. Von allen, die früher mit nur gespielt hatten und gern zu uns ins Haus gekommen waren, sah ich mich auf einmal gemieden und verachtet und geschnitten und wußte nicht einmal, warum. Ich war zuerst von allem so wie vor den Kopf geschlagen, daß ich mich gar nicht hüusinsand und'an alles andere dachte als an Michwehren. Erst allmählich wurde ich ruhiger und überlegte, ob ich es Vater oder Mutter sagen sollte, und sagte nichts, weil ich cs so besser fand. Dem Ordinarius etwas zu sagen, war zwecklos. Unser Klanenlchrer ist Professor Tr. Tipiel, der gefürchtetste Pauker, den^wir haben. Er weiß genau, wie es in der Klane steht, und unterstützt das noch. Er ist wütend gegen Dr. Rußland, der katholisch ist und ganz anders denkt als Tipsel. Ans „Bully", so heißen sie Tipsel, brauche ich nicht zu rechnen. Tipsel schimpft?r über die Republik, und sein zweites Mort die „Roten" oder die Juden, die an allem ld seien. Was soll ich schon gegen Bully ausrichten? Sage ich etwas über ihn, daun geht es mir wie Braun, dem er eine Fünf gibt, nur weil sein Vater E-ozi und dabei doch Landrat ist. Mein Vater aber ist nur Kaufmann. Solange ich ruhig bin, gibt er mir eine Drei, wo ich bei Ruhland eine Eins hatte. Bully weiß nur, was früher war, und will nichts von den: wissen, was jcht ist. Er ist gegen alle Neuerungen in der Schule, und die Aussätze, die er heute schreiben läßt, sollen dieselben sein, die er vor zehn Jahren schon hat schreiben lassen, innrer erzählt er dieselben alten Witzcher: in der Klasse, und am liebsten kommandiert er wie in einer Kaserne. Wer über Vnllys Witze lacht und auch sonst mitmacht, hat es gut, wenn er nicht gerade Jude ist. Dann begann man mich zu quälen. Auf mein Pult klebte man HakenkreuzzeLtel mit Berschen draus, wie: „Schlagt dem Judenpack die Schädel ein, die Zukunft wird gewonnen sein." Die anderen grinsten oder sahen verlegen fort, wenn ich die Zettel abkratzte und unter die Dank warf. Wenn etwas besonders Gemeines drin war, legten sie mir den „Stürmer" oder andere antisemitische Bilderzertschristen ins Pult. Eines Morgens fand ich auf mein Pult ein großes Hakenkreuz eingeschnitzt. Ich meldete es" Professor Tipsel, der besah es sich und sagte nur: „Ein Hakenkreuz, wie? Eingeschnitzt, wie? Laßt sich wohl nicht mehr beseitigen? Wird wohl da bleiben müssen, wie? Hast du das gemacht, hm?" Als ich vor Wut heulend unter dem Gewicher der halben Klasse den Kops schüttelte, sagte er: „Dürste wohl auch kann: anzunehmen sein, wie? Das Hakenkreuz ist doch ein nationales Emblem! Und du bist doch Jude, wie?" Nach der Stunde kamen heimlich dann Braun, Ftnkh und auch von Alten zu mir und sagten, daß das eine Gemeinheit von Tipsel gewesen wäre, das war wenigstens ein Trost. Auch"Benno Nagel kam zu nur, aber er war wütend und sagte, ich sei ein Feigling, ich hätte Twsel in? Gesicht spucken solle::! Benno hat an: reden. Wenn ich so stark wäre wie er, wäre das alles vielleicht halb so schlimm. Bor Benno bat Bully sogar Manschetten, Benno sagt altes seinen: Vater, und der bringt cs dann in die „Rote Fahne". Ich habe mit Mütze das Hakenkreuz mit den: Taschenmesser wieder sortgehvbelt. Ader sie schnitzten immer wieder neue hinein. Sie bemalten vor meinen Augen damit die Wandta'el. Tipsel und Buch sind die schlimmsten. Benno kann sich gegen sie wehren, er steht ein'ach ans und malt einen Sowjetstern daneben und zeigt dann der Klane seine Teschingpistole und fragt, ob einer Luit habe, in:: ihm anzubandeln. Bor Benno haben sie Respekt. Aber mit Benno ist keine Freundschaft zu schließen, cr will anch nichts misten von mir. Nicht, weil ich Jude bin, er ist ja auch Jude, sondern weil id\ wie er jagt, ein „Kapitalisten- und Ausbeuter;'.:::ge" fti. So bin ich ganz allein und muß allein bleiben. In der Klane bin ich allein, auf den: Schulhof bin ich allein, ich kann auch meine Frützstücksbrote nicht mehr da csien, da sie heimlich aus dem Hinterhalt mit Kiessteincheu nach nur werfen und, wenn ich mich dann nnidrehe, riren: „Ißt du auch koscher, Jud? Hast du auch kein Schwemeflei'ch draw?" Seitdeu: gehe ich, wenn sie mir zu hart amntzen. am die Toilette, wo ich in Ruhe esien oder heulen kann. Aber auch da haben sie die Wände mit Hakenkreuzen vollgeschmiert und'„Juda verrecke!" und „Deuckchland erwache!" hingchchrieben. Aber man hat wenigstens seine Ruhe da. In der Klasse spricht man nicht mit mir. Wem: ich einen frage, bekomme ich keine Antwort. Manchmal spuck: man auch aus vor mir. Wenn ich zufällig mit jemandem Zusammenstöße oder seinen Aermel streife, so wischt man sich ausfällig die Stelle ab. Die Bank, die ich in: Vorübergehen berühr: habe, wird mit Papier abgerieben, man behandelt mich wie einen Aussätzigen. Wenn ich einmal wegen Krankheit fehlte und das Versäumte nachholen wollie vtzz wenn ich nicht mitkomme beim Schreiben und die Ausgaben nicht vollständig notieren kann, hilft mir keiner mehr. Ich habe keinen Kameraden mehr. Dann muß ich mich immer au die Lehrer wenden und fragen. Und wenn sie dann fragen: „Warum fragst du dem: nickt deinen Nachbarn?", so wie Vater fragt: ..Warum kommt dem: der Rolf nicht mehr? Warum hast du keinen Freund, Jakob?", dann muß ich die Zähne ganz fest aufeinanderbeißen, um nicht zu heulen. Und dann sagen die Lehrer, ich sei verstockt, weil ich still bin. Was soll ich denn tun? Das Schlimmste aber ist die Turnstunde. Trotzdem wir in Riegen eingeteilt sind, wollte keiner neben mir stehen. Sie stießen einfach die Plätze neben mir frei. Wenn ich zun: Barren kam, machte die Hilfsstellung kehrt, so daß ich die Hebungen nicht machen konnte oder hinfiel. Ans Reck ließ man mich überhaupt nicht. Sie wackren es so, daß oben einer turnte und der andere schon sprungbereit stand. Ich mehrte mich zuerst dagegen. Wenn ich dann an die Reckstange sprang und meine Uebung machte, sprang ein anderer hinzu und drängte mich ab. Schließlich brachten sie Sandpapier mit, um dann, wem: ich doch einmal die Stange fassen konnte, die Stange abzureiben und mit Taschentüchern nackzuputzen, als wenn ein Räudiger daran gehangen hätte. Ter Turnlehrer. Studien rat Bidö.^ der im Braunhemd rorturnt, sah einfach niemals hin, wenn ich m: die Reihe kan:. Er ging daun immer wie zufällig zu einer anderen Riege. Einmal beschvoorte ich mich bei ihm. Ta sagte er ganz verwundert: „Davon habe ich ja gar nichts gesehen! Das halte ich doch sehen mür;n!" und fragte die Klasie. ob das stimme, was ich ihn: da erzählt habe. Tipsel und Buch riesen in einem Atemzug: .Das ist gelogen, so was komm: gar nicht vor bei uns!" Bide. den sie den „Fatzken" nennen, lächelte und sagte: „Na also, du hörst dock), was willst du denn? Tu siehst wohl Gespenster? Tu machst mir in der letzten Zeit immer. schon so einen komische-n Eindruck. Spinnst du? Bist nicht ganz in Ordnung, Rosenbäumchen?" enc;: Drpl.-Ina. (rSmöm.m.crM, mit v:cy.5 ds beratender Ina technischer Treue änder und Bctriebslcner rre^er UrNernchnnen-en. r:':e km.'M.ännöVä?. er:::;':- torische, doch —s st-eenrechllicW genmnn'e, §rrrLNd:cr Una-rdän.dlcr. suck'tN rttr nX v’ V V NX V‘ N.-" Via,*'' V V V '«'V V eventuell indmättcllr Tertreenno. Ti''.edo:e erbeten cn do-z Büro 5c5 EcuLralvercins. Berlin V* lö. Enger Errate 4ll, IV. Daun habe ich einfach das Turnen cu'gegeben. Ich habe mich während der Turnstunde in die Ecke gesetzt. Im Freien war cs dasselbe. Tlc.n benutzte die Kugeln nickst mehr, mir denen ich gestoßen hatte, man ließ mich beim ckock'prun.g nicht heran, immer lief einer dazwuck.en, wenn ich beim Wen Sprung ansttzte. Und als ich cinmal mit Tipstl zmanuncnsticß und cr Hinsiel, stürzte ein halbes'Dutzend auf mich zu und schrie: „Haut den Juden! Der har dem Tipsttt ein Bein gestellt!" Als Bidö hinzukam, meldete rum: ihn: das. Bide wollte mir eine Stunde Arrest geben. Aber da trat von Alren vor und sagte, wie cs war. Und Braun und c::i; Benno traten dann ebenfalls vor. Bide bekam erneu ganz roten Kops und sagte nur: „Ra. daun ist's gut. Ta bist du noch gut herumgckonunen um den Arrest, Roscnbämuchenl" Da erst erzählte ich meinem Vater davon, nur vom Turnunterricht: cr wollte cs zuerst nicht glaubeu und war wie vor der: Kopf gestoßen und sagte nur, ich sollte Mutter nichts erzählen davon. Vater ging dann zum Direktor. Das ist ein alter Herr, der vor der Pensionierung steht und von nichts etwas weiß. Er ist wie ein Kind. Als ihm einmal angezeigt wurde, daß Primaner mit dem „Hockcnkrcuz-am-Stahlhclm"-Lied durch die Siadr gezogen waren, heute er gefragt, was das denn für eine neues Lied sei. Er ist so verkindisch:, daß cr das Hakenkreuzabzeicheu von der Siegesrune, die jetzt viele tragen, nicht unterscheiden kann. Um die schule kümmert er sich kaum, er hört seinen Homer und Horaz ab. geht in ^chnabelschuhen, gräbt im Garten die Erde um seine Rosensträucher mit den Hände: auf und gibt damit Backpfeifen, wenn man nicht sofort kommt. Ter Direktor erklärte, das alles könne ja gar nicht mckglich sein, so etwas gebe es doch gar nicht. Er ließ Profesior Tipfel, Bidck und Ruhland kommen und die Klasie vernehmen. Alles wurde natürlich bestritten, doch Sludienrat Ruhland kam einigen: ans die Spur und meldete es dem Direktor. Es kam zu einer neuen Untersuchung, bei der aber nicht viel herauskan:. Die Klane wurde verwarnt. Aus Wunsch meines Vaters, der ein Attest von Dr. Schönlein beibrackste, wurde ich dann vom Turnunterricht befreit/ Viel änderte sich aber nicht. Man ging nicht mehr so offen vor, man übersah mich jetzt einfach, als ob ich gar nicht erststiere, und' wenn man mir zusetzro, tat man es hinterrücks. Der Schlimmste unter allen aber ist jetzt Rolf, der - einitml mein bester Freund umr. Am Tag vor den Ferien, als ich ihn: begegnete, spuckte er vor mir aus und ging vom. Bürgersteig herunter. Und alles, weil id) ein Jude bin untTkein Christ wie die anderen: darum muß ich allein sein und bin ich verachtet und ohne Freund und ohne Ruhe. Ich denke viel darüber nach und verstehe cs doch nie. Ich 'weiß nur, daß ich manchmal am liebsten tot wirr möchte, dann hätte ich doch Ruhe. Ich bin ein Mensch wie alle anderen, und doch sage:: sie, daß ich etwas anderes bin, das man verabscheuen muß: ich bin aus einmal minderwertig, und man zestst es mir. Sa wie Studienrat Voll vor den Ferien im Erdkundeunterricht. Wir hatten gerade die Rassen auf der Erde, und Voll fragte: „Welche Völker gehören also nicht nach Europa?" Waldemar Tipsel sollte cs sagen, er zählte auch aus: die Botokudcn, die Papua, 'die Niam-Riam, die Fortsetzung des Textes auf Seite 091 unten.