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Central-Verein-Zeitung · 1931-12-25 · 52 (25.12.1931) · p. Seite 589

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
52 (25.12.1931)
Date
1931-12-25
Page
Seite 589 (sequence 1)
Language
German
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Serlin, 25. Dezember 1931 / X. Jahrgang * Nr. 52/ . tinjclnammer 2Spfenprg EMMÄMTMIKöMÄM VÜWöL Allgemeine Zeitung des Judentums Brrlag cnb SchriftleiLung: Berlin W 15, Gr.’ü 6ir. 42. Fernsprecher: J2 OH02 5374. Postscheckkonto: Berlin 304 72. SanUonfo: Dresdner Bank, Depositenkassr R % SetItn»S:I.*nerri:if 1, HohenL olle ond2 nun 1£6, ztJ> rron SolL-schmiöt - Noünchild & Co., Berlin VT8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-E^pedition S^nbolf SJloffe, Berlin SVr 1i», und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,l-2 £LU für die Igespaltrnr Feile nach Rudolf MosseL Korrnalzeilcnn'.rsser Nr. 4, Farnilienanzeigen und Slrüengesuche (nicht Ltellenangedr:;) für Nliigliedcr des Centralrereins Q/5J2JA, dis 62 mm Lrrits Neklaniezsils 3,50 D n <5 n Mitte Januar 1932 erscheint der Roman „V o 1 k i n F i e b e r“ von Josef MariaFrant Der Dichter schildert in diesem Buche die vielen durch- und gegeneinandergehenden Probleme der Wirtschaffs- und Seelenkrise, die politischen Leidenschaften, die Verwilderung, die Politisierung der Jugend, die Bauernnotbewegung, die Parteizersplitterung, den Zerfall des Bürgertums, den Kampf um die Republik und um das „Dritte Reich“. Ein Kapitel dieses Buches bildet das Tagebuch eines jüdischen Schülers. Josef Maria Frank ist Nichfjude, aber das Material, das diesem Kapitel zugrunde liegt — es wurde ihm von einem jungen Juden zur Verfügung gestellt —, beschreibt das wahre seelische Erleben junger jüdischer Menschen. Josef Maria Frank hat anlässlich des Berliner Kulturtages des C. V. am 29. November aus diesem Schülertagebuch vorgelesen. Der Sieben-Stäbe-Verlag, Berlin NW 6, stellt uns schon heute diesen erschütternden Abschnitt zum Vorabdruck zur Verfügung. Wir geben nachstehend einen Auszug daraus wieder. . . . Heute will ich niederschreiöen, was wich Veranlaßt, diese? Tagebuch zu schreiben. Ich will mir Rechenschaft geben darüber, was geschehen ist, so wie es geschehen ist. Es soll so sein, wie roenn Vater über dem Hauptbuch sitzt und eins zum anderen trägt und zusammengofjlt ... Ich bin viel allein, daß ich naachenken kann über das, was ich hier schreiben will. Wenn es draußen schon ist, bade ich und rudere ich langsam über den See und sehe den Enten zu oder in die Sonne, bis ich die Augen Zurnachen muß; dann träume ich. alles, was ich erlebt habe, wäre gar nicht wahr. Aber wenn ich dann die Augen wieder ausmache, ist es doch wahr. Und dann rudere ich nach Hause und Großmutter fragt mich ganz dumm, warum ich so still bin und ob ich überhaupt ein Zunge sei. Was soll ich Großmutter sagen! Alle im Haus schlafen. Es regnet. Ich habe die Vorhänge zugezogen, so daß niemand sehen kann, daß ich ausgestanden bin und hier Licht habe. Und nun will ich niederschreiben, was geschehen ist, damals, als ich nach Estern aus den Ferien kam. Als ich in der Untertertia war, war ich wie alle Zungen. Ich hatte meine Freunde und alle hielten gute Kameradschaft mit mir. Wir spielten Fußball zusammen und zogen auf den Stadtberg und spielten da Indianer. Mein Intimus war Rolf Stuhr, dessen Vater, der Herr Staatsanwalt, mit Vater befreundet ist. Stuhrs haben bis vor zwei Jahren, als Vater die erste Etage zum Geschäft hinzu nahm, in unserem H-aus gewohnt. Mutter sagt manchmal: Rolf und ich wir hatten eigentlich in einer Wiege gelegen. Wir sind^in'demselben Haus ausgewachsen, bekamen dieselben Anzüge und dasselbe Spielzeug: wir machten immer unsere Schularbeiten zusammen und haben zusammen Haue bekommen sür Dummheiten, die wir zusammen angestellt haben; wir haben uns auch den ersten Radioapparat zusammengebastelr, genau so wie wir dieselben Schmöker lasen. In der Untertertia noch war alles schon, und alle waren nett zu mir, und so etwas wie Verachtung oder gar Hast kannte keiner. Bis zur Obertertia war zwischen den Ehristensungen und mir gar kein Unterschied. Mit Benno Nagel, der auch Jude ist und in meiner Klasse sitzt, hatte ich nie Verkehr. Benno verkehrte mit keinem in der Klape, die vor ihm Angft hat, weil er der Stärkste in der Tertia ist. Es hat mir aber auch nie etwas an Benno gelegen. Daß wir etwa als Juden zusammengehören müßten, kam mir nie in den Sinn. Ich war mir wohl durch den Religionsunterricht meines Judentums bewußt. Aber darum hatte ich noch nie bei unseren Spielen, Ausflügen und Schulstunden das Bewußtsein des Andersseins gehabt. Mit den oberen Klassen hatten wir keinen Verkehr. Für die gehörte die Untertertia noch zu den Kinderklaffen. Die Obertertia aber gehörte schon halb zu den anderen. Die kamen sich schon groß vor und trieben auch schon Politik. Daß cs so etwas gab wie Httler-Jugend, Nationalsozialistischer Schnlerbünd, Adler und Falken, Kommunistische Jugend und Reichsbanner, wußten wir zwar, aber uns in der Untertertia hatte das nicht gekümmert. Die aus den oberen Klassen kümmerten sich ja auch nicht um uns. Nur dreicl-er viermal, wenn ich zufüllig mit einem aus. den oberen Klaffen Zusammenstoß, merkee ich, daß man mich da anders ansah wie in der Untertertia. Und zioeimal hatte man mir auch ,Ludenjunge" zugerufen, aber cs hatte mir damals keinen großen Kummer gemacht. Das alles wurde ans einmal anders. AUS DEM INHALT: Als ich nach den Esterserien später als die anderen, ich hatte wegen einer Krankheit noch vierzehn Tage Nachurlaub gehabt, als Obertertianer in die Schule kam, merkte ich sofort eine große DeränderunZ. die in der Klaffe vorgegangen sein mußte, ^chon am Abend vorher, als ich erst ein paar Stunden zu Hause war und schnell noch sür einen Sprung auf die Straße wollte, hatte ich ein Erlebnis, das mich die Nacht daraus gar nicht einschlasen ließ. Wie ich unten aus der anderen Straßenseite Edi Büchner sah, chatte ich in meiner großen Freude, einen Klanenkameraden zu treffen, ihn angerufen. Ich wollte ihm erzählen, wo ich geroesen war, und von ihm hören, was in der neuen Klaffe los sei. Edi, mit dem ich mich immer gut gestanden hatte, war aber plötzlich ganz verlegen geworden und hatte sich 'auf meine verwunderten Fragen herumgedrückt, bis er auf einmal kehrtmachte und ohne Gruß oder sonst etwas sortlief. Ich war sehr erstaunt und wußte mir das alles nicht zu erklären, wollte aber am anderen Tag Edi fragen. Am anderen Tag, als ich zum Unterricht ging und zum erstenmal da§ neue Klaffenzimmer betrat, wurde ich ganz konfus. Meine alten Freunde, die ich froh begrüßen wollte, drehten sich verlegen um und antworteten nicht oder wichen rotgeworden aus. Die neuen Klassenkameraden, die ich wohl vom Sehen, aber sonst nicht kannte, sitzengebliebene Obertertianer, wie Woldemar Tipfel und Fritz Buch, zeigten mir, was gespielt wurde. Sie emp- Zum Problem des deutschen Nationalismus: Beitrage von Dr. Fritz Friedlaender, Dr. Berthold Weinberg, Dr, Erich Kehr (Kaiserslautern) Seite 593/594. L H.: Der Hefzboykott Seite 595. Dr. Otto W. Brodnitz (Nev/ York): Echo in Amerika Seite 595. Aus der Arbeit des Centralyereins Seite 596.

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