Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 51 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- Seite 584 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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§§4 r# 3(oeckl"£fCandschuhe ein Geschenk gleich willkommen der Dame wie * dem Herrn vorüber in den Räumen der Zentialwohlfahrtssrelle der deutschen Juden ein Kreis der au diesen Problemen besonders interestwrten Persönlichkeiten. Ten Beratungen lag ein Artikel von Alfred Marcus begriff und Programm eines jüdischen W irisch afts inst i Lut §- zugrunde, der in dem Tezemberhast der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" erschienen ist. Aber erst die Tagung, die der Wirtschaftsausschuß am 6. Dezember im Berliner Logenhaus veranstaltete, hat, wie wir hoffen wollen, die Tinge wirklich gefördert. Der Worte sind wirklich genug gewechselt worden. Es wird Zeit, Taten sehen zu lassen. WirtschaftsprakLiker und -tbeorcLiker sind sich seit langem einig über die Schwere der Wirtschaitskrisis. Niemand bestreitet, daß die deutschen Juden von dieser kritischen Situation in dreifacher Weise betroffen werden: von der Krisis der Weltwirtschaft, dem Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und durch die Bedrohung ihrer besonderen Stellung in der deutschen Wirtschaft. Liefen Erkenntnitzen, in der letzten Zeit bereichert durch die Publikationen von Silbergleit und Marcus, fehlten bisher die Nutzanwendungen. Die Zukunft des deutschen Judentums erfordert aber nicht nur eine genaue Anamnese, sondern euch — eine gute Therapie. Auf keinem Gebiet dürste wohl die Herstellung einer Einheiissront unter den deutschen Juden leichter sein als hier. An diesen Fragen sind C. D.er und Zionisten ebenso wie Liberale und Orthodoxe in gleicher Weise interessiert. Aus diesem Grund kann nur eine zentrale Stelle, deren völlige Neutralität gesichert sein müßte, sich der Verarbeitung dieser sämtlichen Fragen unterziehen. Selbstverständlich müßte jede der großen Spitzenorganisaiionen diese neue Stelle soweit wie möglich unterstützen. Die Vorarbeit, die der Centralverein vor allem auf politisch-em Gebiet geleistet hat, wird für die Forschungsstelle unentbehrlich sein. Im Mittelpunkt der Beratungen der Sondersitzung des Wirtschaftsausschusies des Landesverbandes, der als Gäste einige^führende Männer der Wirtschaftspraris und -wipenschast beiwohnten, stand ein großangelegtes Referat von Professor Tr. Julius Hirsch über die augenblickliche Wirtschaftslage der deutschen Juden. Cr sicht die Gründe für die besondere Konjunlturempsindlichkcil der Juden in Deutschland in ihrem hohen Anteil an dem von der Konjunktur besonders abhängigen Handel und Bankwesen, sowie der immer starker werdenden Entwicklung der deutschen Juden zu Großstädtern. Noch immer besitzen die Juden den starken Drang zur Selbständigkeit, obwohl durch die Kartell- und Konzcrnbildung und die Entwicklung der össtntlichrn Betriebe die Aufstiegsmöglichkeiten des Stach- Eine Dichtung von Krieg und Liebe M'Mlö ZNtzßgr „D«gs§§WSMlHI4 Dr. 31. E. Im Verlag K i? p e n h e u e r. Berlin, ist soeben ein neuer Roman aus den» großen Grischa-Werk von Arnold Zweig erschienen: Tie Liebesgeschichte des 1ms so vor-, trauten Dichters und Cerichlsfchrcibers Werner Berlin und Lenore Wohls, der Tochter des Potsdamer Bankiers, die wir int „Streit inn den Sergeanten Grischcck bereits als denen Gattin kennengelernt haben. Tiefer neue Roman spielt zeitlich vor dem Grischa. Cr setzt ein an dem Tage, als der junge Student Berlin, der eben seine ersten dichterischen Erfolge erringt, als Lchipper zum Kriegsdienst eingezogen wird und schließt zwei Jahre später mit der Eheschließung zwischen ihm und Lenore. Es ist ein Kriegsbuch, aber es stellt nicht den Krieg mir seinen Grausamkeiten in den Mittelpunkt, sondern zeigt gewissermaßen die Schatten, die der Krieg auf diese Menschenschicksale wirst. Est ist, obschon auch Berlins und der übrigen Männer seelisches Leben unter diesem Kriegsereignis geschildert ist, doch in erster Linie das Buch von der Seele der jungen Frau von 1914; und gleichgültig, ob diese Frau schon den goldenen Ring am Finger getragen hat oder nicht. . es ist das Seelenleben, das tiefste und letzte Erleben einer ganzen Frauengeneration, das in diesem Buche zum Ausdruck kommt. Jener Generation, die schau auf die Universitäten und in die Berufe zog und die, trotz aller dieser Rechte und trotz des menschlichen Freiheitsdranges, der sie beherrschte, doch die Wuchses immer ungünstige werden. Die Krisis des letzten Sommers, die durch Kredstdrossclung zu einer Wirtschastseinengung führte, mußte die Luge der Inden in Deutschland abermals erschweren, weil sie auf den besonders gemordeten Gebieten tätig waren. Das Schicksal der jüdischen Mapen sei abhängig von den jüdischen Würschastssührern. Trotz einer pessimistischen Beurteilung der gegenwärtigen Wirtschastssituation der deutschen Juden hält Hirsch ihre Zukunft durchaus nicht für hoffnungslos. Noch immer gebe es irn Einzelhandel 69 Prozent Mittel- und Kleinbetriebe. Das Masstnfilialfystem, die Einheit -prei-gelchäste stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung, auch das oft Lotgesagte Handwerk zeige sich durchaus lebensfähig. Hirsch verlangte die Errichtung einer Forschung-stelle für jüdische Wirtschastsfragen mit dem Ziel der systematischen Erforschung der wichtigsten Probleme, besonderen Lvert legte er aber auf die Einsetzung eines Wirtschaftsausschusses aus Unternehmern, Arbeitnehmern und Verbandsleitern zum Zwecke der Erschließung neuer Arbeitsgebiete und der Durchführung der Bcrufsumgruppierung. Diese praktischen und theoretischen Arbeiten sollten von allen Landesverbänden gemeinsam durchgeführt werden. In der Aussprache beschäftigte sich Tr. Jakob Segall, Arzt und Statistiker, besonders mit der Lage der freien Berufe und schlug eine Umgruppierung der Aerzte vor. Georg Tietz wies darauf hin, wir hätten heute weniger Wirt'chcrstsführer als eine hochqualifizierte jüdi'che Mittelschicht nötig. Ter Verfasser dieser Zeilen bewnte, alle bisherigen Erhebungen sagten zu wenig über die sozialen Wandlungen im deutschen Judentum, besonders über das Verhältnis zwischen Selbständigen und Unselbständigen und über die Entwicklung der Emkommensverhältnipe. Wenn wir auch aus der Erfahrung die immer stärker werdende D r o l e t a r i s i e r u n q der teureren Juden stslftcUcn können, so fehlen uns doch hierzu die wissenschaftlichen Unterlagen. Er verlangt deshalb eine Erhebung über das Einkommen der deutschen Juden an Hand der Steuerlistcn in einigen besonders auszuwählcnden Gemeinden, ferner Ermittlungen über die Lage der jüdischen Akademiker, der jüdischen Angestellten sowie über einige Zweige des Handels. Alfred Berger polemisierte gegen Hirsch, der die Rolle der Wirnchastssührcr für die Entwicklung der Wirtschastssituativn stark überschätze. Auch Rechtsanwalt Dr. E l k e l c s hielt eine Umgruppierung unter den Akademikern für erforderlich. Bruno Woyde machte daraus aufmerksam, daß es in vielen neuen Bernsen noch keine Juden gebe. Der Handwerkerstährer Marcus verlangte mehr Anpafstmgsgeisr. Dr. Ludwig Holländer, der Direktor des Eentralvereins, bezeichnete die Hoffnung aus die jüdischen Wirt'schastssührer als eine Illusion. Denn sie könnten rächt dazu beitragen, neue Berufe ausfindig zu machen. Er warnte vor einer 11 eberschätz ring der Umsicdlungsmoglichkeiten in die Provinz. Unter dem Zwange des Boykotts müßten die Juden in den kleinen Orten wirtfchastlich und geistig verkümmern. Diele Fragen ließen pch nur von Fall zu Fall entscheiden. 'Rechtsanwalt Dr. Eers o n führte Fälle aus der Praxis an. Zum Beweist, daß auch in den Großstädten vielfach der jüdsiche Anwalt hinter dem nichrjüdi'chen zurücktreten rnüp.e. Bestnders pessimistisch waren die Ausführungen Adler-Rudels, der betonte, in den kleinen Städten seien die Verhältnis noch schlimmer als in Berlin, cs gäbe heute Schichten unter den deutschen Juden, denen man überhaupt nicht mehr helfen könne. Alle Arbeit müue deshalb der Heranwachsenden Jugend und der Arbcitnehmerschast gelten. Bei der Verschiedenheit der Auffassungen im einzelnen ergab diese Beratung doch, daß eine Stelle zur Durchstihrung der wichtigsten theorcti''chcn Forschung und zur Uebcrnahme der praktischen Arbeiten eingerichtet werden mü'st. Der Wirtschaftsausschuß. der nach dieser Tagung Zusammentrat, hielt deshalb auch die Berufung besonderer F a cd a u s s ch ü s s e für die verschied-enen Wirtschaftsgebiete und die Einsetzung einer Zcntralkom Mission für erforderlich, der Derlrcter aller jüdischen Svibenorganisationen und einige hervorragende Wirtschastskenuer als Berater angeboren sollen. Dr. Kurt Zielenziger. 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