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Central-Verein-Zeitung · 1931-12-11 · 50 (11.12.1931) · p. Seite 576

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
50 (11.12.1931)
Date
1931-12-11
Page
Seite 576 (sequence 8)
Language
German
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576 Körperschaft. Das 3dMrtv tmallungsrecht der Gemeinden war auf das 'Acußerfle beschränkt. Vielleicht mag dies im Interesse einer straff organisierten Behörde gut gnne'en sein. Auf jeden Fall aber hat dieser Zwammm'ckluß wesentlich dazu beigetragen, daß sich die Iudenbeit Württembergs einig fühlte und bis and deute auch unter anderen Derhältnipen von dem Parteikampf und Parteihader Vichts zu spüren ist. Wohl versuchten viele Gemeinden im Larve der Zeit, die Beaufsichtigung durch die Lbertirckmdchörde durch gesetzliche Bestimmungen lockern zu lassen, aber anderseits waren es gerade auch Teile der Religionsgemeinschaft, die für die Beibehaltung des seit 1831 geltenden Svstems cintraten. Tagegen wurden nach und nach die Bestimmungen der ersten Abteilung des Gesetzes von 1828, die von den bürgerlichen Derhältni''en der Israeliten sprachen, aufgehoben. Tie Rabbiner und Lehrer hatten kraft Gesetzes den Vorsitz in den Vorsreheramtern, und auch das württembergische Gesetz betreffend die ifracliLi''cke Religionsgemeinschaft vom 8. Juli 1912 nebst KircheM>erfafsung der istaelitischen Reugionsgemeinschast vom 6. September 1912 ließ den Beamten dieses Recht, das sie in den übrigen Teilen Deutschlands nicht hatten. Tas obengenannte Gcsttz brachte keine Aenderunz des Systems als selchen, es gab aber den Israeliten die Möglichkeit, ihre kirchlichen Angelegenheiten „vorbehaltlich der von dem Mmisterüun des Kirchen- und Schulloestns auszuübenden ^taatsawstcht selbständig" zu ordnen und zu verwalte::. Tie israelitische Religionsgemeinschaft wurde als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Während bis dahin die Lberkirchenbchörde die ausübende und gesetzgebende Gewalt in einer Hand vereinigte, wurde ihr nunmehr rn dem Weiteren Rat eine gesetzgebende Körperschaft beigegeben, und sie selbst erhielt die Bezeichnung - Engerer Rat. Aber auch weiterhin konnten die Mitglieder dieses Engeren Rates nicht von dem Weiteren Rat allein gewählt werden, sondern dieser hatte nur das Recht, Vorschläge zu machen. Tie Ernennung der „Qberkirchenvorsteder" erfolgte durch das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens auf die Tauer Don sechs Jahren, während die besoldeten Mitglieder (Vorsitzender, weltliches und theologisches Mitglied), die mit Ausnahme des Vorsitzenden der israelitischen Konfession angchören müssen, vom König aus Lebenszeit ernannt wurden. Selbstverständlich ist, daß die Staatsumwälzung und die Verfassung des Teutschen Reiches vom 11. August 1919 auch eine Blenderung der Ge'etzgebung der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs mit sich brachte. »Tie neue' Verfassung konnte jedoch erjt abge'chlosien werden, nachdem das württembergische Gesttz über die Kirchen vom Sjoeckl-^Kandschuhe ein Geschenk fl gleich willkommen 1 * ™ — der Dame wie dem Herrn 3. März 1924, das auch die grundsätzlichen Bestimmungen über die Rechte der israelitischen Religionsgemeinschaft enthielt, in Kraft getreten war. Als Kirckzen im Sinne dieses Gesetzes mit den Rechten des körperlichen und öffentlichen Rechts gellen die evangelische Kirche, die katholische Kirche und die israelitische Religionsgemeinschaft. Mit der Versauung der israelitischen Religionsgemeinschaft Würltem- . bergs vom 18. März 1924 fielen dann die meisten Bestimmungen über die Staatsaufsicht weg. weun auch das Band mit dem ctaat nicht durchschnitten wurde. Von Bedeutung ist, daß von dicstm Zeitpunkt an die Bezeichnung „Kirche" ausgeschaltet wurde. Tie israelitische Landesversammlung wurde als die gesetzgebende Körperschaft eingesetzt, während dem Israelitischen Tb errat die Berwaltungsgeickäste übertragen wurden.. Ten Rabbinern und Rcligionslehrern wurde der Vorsitz in den Vorsteherämtern von Amts wegen genommen, sie gehören aber auch weiterhin dem Vorsteheramt an und können als Vorsitzende geioählt werden. Tie Beamten sind von der Religionsgemeinschaft und nicht von den Gemeinde,! angestellt. Auf weitere Einzelheiten kann hier leider nicht e'mgegangen werden. Tie Seelenzahl der Juden Württembergs betrug im Jahre 1828_ 9940, 1831 10177, 1931 10 8-9. Innerhalb bot ^eelenzahl der Gemeinden ist selbstverständlich eine wesentliche Verschiebung ringetreten. Ein großer Teil der Landgemeinden ist verschwunden; die Städte Stuttgart, Hc i lb r o n n und 1l l m, die 1831 mir wenige Seelen zählten, haben die Wandernden ausgenommen. Infolge^ der wirtschaftlichen Lage wird wohl mit einem Stillstand dieser Bewegung für die nächsten Jahre zu rechnen sein, so daß an dem derzeitigen Bestand von 45 jüdischen Gemeinden keine großen Blenderungen eintreten Iverden. _Möae cs der israelitischen Religionsgemein'chast Württembergs vergönnt sein, unter denselben glücklichen Umständen wie bisher weiterznarbeiten. 0 Von Julius Eaö Es ist ein Buch über Berlin erschienen, das m der ziemlich großen Reihe ähnlicher Veröffentlichungen einen besonderen und hervorragenden Platz einnimmt. „Berlins Vertag Bruno Cassirer. Tenn einmal gehört der Verfasser Karl Scheuster zu den ausgezeichnetsten Kräften unseres Schrifttums: er ist ein Kunstkritiker, der jederzeit mehr will als rein .ästhetische Erkenntnis, der in der Gesamtheit lebt und aus tiefem „Kulturgewissen" um sie forgt. Denn aber h<rt eben dieser Karl Schefsler schon einmal vor 21 Jahren ein Buch .Iöer- . Iin" geschrieben, und das war bei aller Anerkennung der ungcheuerlichen in Berlin rumorenden Kräfte rm wesentlichen ein ablehnendes Luch. Er erklärte, daß er Berlin nicht liebe und daß mün es nicht lieben könne, denn diese Kolonialstadt, deren Wesen es sei. „immerfort zu werden .und niemals zu sein", könne nicht Heimat für Kulturmenschen werden. Das hat uns damals sehr verdrossen, die wir nicht nur geborene, sondern überzeugte Berliner waren, und die wir rn dem rastlosen Dorwärtsstreöen dieser gewiß vielfach formlosen Sladt doch eine Heimat besonderer Art fanden, wie sie reiner und stärker rein Wohnen in altüberkommenen Formen geben konnte. — Aber siebe da, jetzt nach 21 Jahren ist Schefsler anderen Sinnes gelvorden. Er, der gebürtige Hamburger, lebt jetzt mehr als 40 Jahre in Berlin und hat nun wohl auch diese Stadt als seine Heimat, wenn auch als eine Heimat besonderer Art, entdeckt. Sch effl e r sagt von seinem Buch aus der Vorkriegszeit: „Wmn ein Unwille Anteil gehabt hat, so hätte ich sagen dürfen, daß es Groll aus gekränkter Liebe sei. Aus gekränkter Liebe, weil Berlin damals mehr als je sein eigener Feind war. und erst einen Krieg gebraucht hat, um sich auf seine Sendung wieder mehr zu besinnen." Es ist nun tröstlich und schön, nicht nur für die Berliner,. sondern eigentlich für alle Deutschen, daß dieser Mann voll Kritik, Gewissenhaftigkeit und Klugheit eben jetzt sein Herz für Berlin entdeckt hat. Schefsler findet, daß die'e dreimal neu gegründete Kolonialstadt, die allerdings durch die letzte Masseneiuwanderung nach 1870 ihre junge Kultur ganz verloren hatte, jetzt mitten in der Not und Drangsal und Wirrnis des Nachkriegs in einem schöpferischen Neubeginn steht und daß sich die Zukunftsform des „Stadtlandes" . — einer in mächtigen hellen Wohnblocks durch die halbe Provinz verteilten, mit Schnellbahnen dem Arbeitszentrum verbundenen Siedlung — nirgends klarer abzeichnet als im heutigen Berlin. Er findet, daß bei aller Unfertigkeit und allen offenbaren Gebrechen dieses viel befeindete Berlin noch nie so wirklich die deutsche Hauptstadt gewesen ist wie in dieser Zeit! Und er fühlt sich der Stadt, dieser Stadt des Lebens, „fest verwachsen und in skeptischer Liebe zugetan". 'Der große- Aufriß der Berliner Kulturgeschichte. den Schesfter in seinem ^Boche gibt, ist in seiner Anschaulichkeit teilloei'e gefördert, zum Teil aber auch ein wenig beeng: dadurch, daß hier ein Fachmann der bildenden Künste spricht. Sein Bclegmateria! ist, was Architektur. Malerei und Plastik angeht, glänzend: was Geisteswisienschast, Literatur und Tbeater angelst. ist es etwas dürftig. Die Sicherheit und Richtigkeit der Gesamtdarstellung lcid-et aber dadurch auf keinen Fall. Denn wollll-en Teil inan auch als Beleg einer Grundmcmrmg bevorzugen mag, in jedem Teil, der mit dem Blick des wahrhaft Sehenden ungeschaut wird, steckt das Ganze. — Uns muß hier an der Darstellung des Ganzen besonders der Ameil interrucrcn, den auch Schefsler dem jüdischen Element in Berlin zumeist. In der Tat gibt cs wohl keine deutsche Stadt, für deren Entwicklung die Juden so bedeutend geworden sind wie Berlin. Auch in Frankfurt, in Hamburg, in Breslau und vollends in Wien, sind sie ja zahlreich unb bedeutsam. Aber ne stehen doch einer alten in sich festen Smdtkulmr gegenüber, deren Entwicklung durch sie nur leichte Variation erfahren kann. Für das Berlin aber, das nach dem 30jährigen Kriege nabe zu völlig vernichte: war und durch die Kolonisation des Großen Kurfürsten und seiner Nach/eiger erst wieder aufgebaut werden mußte, und zwei Gruppen von Eimvanderern von geradezu grundlegender Bedeutung geworden: die französischen Emigranten und die deutschen Juden. Das eigentliche Berliner Westm. das üch er: am Ende des 18. Jahrhunderts bildete, ist ganz ersichtlich mirbestinnnt von französischer wie jüdischer Eigenart. Es heißt bei Scheuler: ,Man wird finden, daß der io leicht ins Witzige umschlagende Berliner Geist viele Berührungspunkte bat mit dem jüdi'chm Witz und mit der optimisrisch-stepü'chen jüdsicken Produktivität." In der Tat, der Berliner Witz, der ja nicht bloß eine drollige Kuriosität, sondern der sehr bedeutsame Ausdruck einer mächtigen Art von Lebenskraft ist, hat nicht zufällig Berührungspunkte mit dem Jüdischen. Nächst den Franzosen. deren Kultur Berlin ja mehr als eine Generation lang fast ganz beherrscht hat, haben wohl die Juden am meisten Anteil au dieser in Deutschland fast einzigartigen Entwicklung einer unbedingt realisti'chen _ und überaus schnell beweglichen Jntellektualität. Gerade der Berliner Witz zeigt sehr ernsthaft an, daß etwas vom jüdischen Einsatz hier auch tief ins Volk gedrungen ist. Zugleich aber waren die Juden sehr wesentlich beteiligt an der Zusammenfauung dieser Lebenskraft zu Formen höherer Kultur, lim lSi'*0 wird Berlin zum erstenmal eine Stad: von führender Bedeutung im deutschen Geistesleben. Es ist die Stadt der Humboldts und denn Hegels; es ist die Stadt, die dem Werk Goethes die erste große gesellschaftliche Resonnanz gibt: sie wird durch Jffland und Devrient eine Töecrterstadt ersten Ranges. Sie wird aber vor allem durch Schadow. Langhaus, Schinkel und Rauch die Stadt, die in Architektur und Plastik, in Malerei und Gewerbe einen neuen S:it schafft. Schefsler nennt ihn, kaum mit Recht, an einer Stelle fernes Buches epigomstch. Aber an anderem Ort sagt er viel richtiger, daß cs hier gelungen sei, „den deutschen Klassizismus zu naturalisieren", das „Griechische ins Preußische" zu übersehen und dadurch etwas wirklich fruchtbar Neues zu schaffen. — Was gab es nun in dieser kulturell größten Zeit Berlins für gesellschaftliche Mittelpunkte? Ein. geistiges Leben so ummsiender Art gedeiht ja nirgends, wen:: nicht auch eine gesellige Organisation geschahen wird. Orte, an denen all diese schöpserischen Geister, sich treffen und gegenseitig befruchten können. Ein wenig^übertrcioeud, aber doch nicht völlig falsch sagt schefsler von dieser Epoche: „Es fehlte auch in Berlin nickt an Namen bcrührMer Bürgerfamilien. 3hrr 'ällt es aus, daß dille Familiennamen in den mcfu'n Fällen jüdi'ch nnb."... Ausschließlich jüdisch waren sie natürlich nicht. Aber es gab um 1800 allerdings wenige

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