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Central-Verein-Zeitung · 1931-12-11 · 50 (11.12.1931) · p. Seite 574

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
50 (11.12.1931)
Date
1931-12-11
Page
Seite 574 (sequence 6)
Language
German
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574 Notschrei eisies fClesnsf€idtgij^©n Ein Brief von vielen Am Sonntag wurde in Leutershausen ein Wjähriger jüdischer Viehhändler dort von d-em nationalsozialistischen S. A.- Mann Kernstrck aus Wiedersbach bei Leutershausen ohne jeden Grund mit einer Stahlrute mit vielen Schlägen über Kopf und Gesicht geschlagen, daß er sich, weil er ganz unbewaffnet war, vollkommen blutüberströmt durch Flucht zu retten suchte. Er wurde aber von dem Nazirowdy wieder eingeholt und nochmals mit der Stahlrute mißhandelt und konnte sich mit Mähe und Not in das Haus eines anderen jüdischen Bürgers retten, und so vielleicht der Gefahr entgehen, ganz erschlagen zu werden. Dies ist aber nicht der einzige Fall, daß in Leutershausen die Juden sich Tätlichkeiten gefallen lassen müsien. Einen 13jahrigen Realschüler haben vor etwa drei Wochen etwa zehn Nazis überfallen und schwer mißhandelt. Da aber keine weileren Zeugen in der Nähe waren, konnte Anzeige nicht erstattet werden. Auch ich wurde im Juli dieses Jahres, nachts, als ich dort allein auf der Straße ging, ohne jeden Grund von zwei Nazis überfallen und mit Faustschlägen und Fußtritten mißhandelt. Wegen dieser Sache schwebt zurzeit ein Verfahren, da ich die Sache angczeigt habe und auch Zeugen benennen konnte. Diverse Vorstellungen beim zuständigen Stadtmagistrat wegen der andauernden Belästigung der jüdischen Bürger waren ohne Erfolg, da der allergrößte Teil des ganzen Ortes (mindestens 80 Prozent) selbst lauter Mzis sind, können und wollen sie nichts dagegen unternehmen. Selbst alte jüdische Frauen von mehr als 70 Jahren werden auf der Straße angepöbelt, und zwar von 15- bis 20jähri^en Lausejungen. Ja, mail schämt sich nicht, vor ihnen auf der Straße auszuspucken. Die kleinen Volksschuljungen, die bei der Hitler-Jugend sind, halten abends nach 9 Uhr noch Nachtübungen ab. An und sür sich sind die ganzen Verhältnisse in Leutershausen ja schon fast in ganz Bayern bekannt. Allerlei Und nun wahllos aus endlosen Listen: Totschlag au einem Inden in Alzey — Hetzen von Hunden gegen einen jüdischen Kaufmann in P u st lU ten — Körperverletzung an einem Juden in Herne — Zerstörung eines Schmuckbrunnens, weil der Stifter Jude ist, in Köthen — Störung des Religionsunterrichtes in Sen s b u r g -- Demolierung einer Wohnung in Oppenheim A n s s ch r e i t u n - gen in der Leipziger Straße in Berlin und Zertrümmerung der Schaufenster jüdischer Geschäfte in Berlin und in Güstrow — Träncngasbombe n gegen einen jüdischen Journalisten in Hamburg — Uebersälle und Körperverletzungen an jüdischen Kaufleutcn in O r t e l s b u r g, B a r t h a u - sen, Leipzig, Rathenow, Berlin - Wilmersdorf, Pr. - Holland, Danzig, Elbing, Königsberg, Nürnberg, Charlottenbürg, W i tz e n h a u s e n. Zahllos die Fälle, wo Schaufenster einge^chlagen, Hakenkreuze an Mauern geschmiert wurden. ich an! So kündigt sich das Dritte Re *VV v4 }j V-v Ü « jV Vä^ j| Uvw-W V v‘ Bor einem kleinen Kreise geladener christlicher Gäste hielt die Ortsgruppe Lauenburg i. P. des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens unter dem Vorsitz von Prediger Max Kallmann eine Auftlärrmg-verlammlung über die Judensrage ab. Der Versammlung wohnten Vertreter der Geistlichkeit, Direktoren der höheren Schulen und der Gemeindeschulen, Stadtverordnete, Gutsbesitzer und Presieberichterstatter bei. Ter Syndikus des bentralvereir^. Dr. Alfred Wiener, stellte in ruhiger und sachlicher Form die Judensrage unserer Zeit dar. Er sehe den entscheidenden Punkt darin, ob die Juden zum deutschen Volke oder zu einem jüdischen Volke gehören. Ter Redner gab aus der Eesühlseinstellung, dann aus der Geschichte und Gegenwart des deutschen Judentums die zwangläusige Antwort aus diese Frage. Dem Vortrag folgte eine Aussprache. Alle maßgebenden Zeitungen von Lauenburg, so die deutsch nationale .Lauenburger Zeitung-, der „Lauenburger Generalanzeiger- und der sozialdemokratische „Grenzbotebrachten ausführliche Berichte über die Veranstaltung. Alle Zeitungen sprachen lobend von der Höflichen Form" und von der möglichsten Objektivität, die den Vortrag aus- ^ickmeten. Ter Wunsch, der von rechtsstehender fcdte dem Vortragenden ausgesprochen wurde, die Ausführungen im großen Kreise möglichst bald zu wiederholen, spiegelte am besten den Eindruck wider. Aus dem Wege der Presse ist es gelungen, den Inhalt des Vortrages vielen Tausenden Bewohnern Lauenburgs und der Umgebung bekannt zu machen. Hurrderie neuer WlUgikber Wenn den Männern, die an verantwortlicher Stelle sür das deutsche Judentum arbeiten, in all dem Trüben, Häßlichen und Heraödrückenden der Gegenwart etwas Genugtuung, Erhöhung ihrer Widerstandskraft und Kampsesfreude bedeuten kann, so ist es die unerschütterliche Zuversicht des deutschen Judentums, das auch durch die Gesahrzoue der kommenden Wochen unversehrt und unerschüttert hindurchzugehen, voll Vertrauen zu seiner Führung entschlossen ist. Kein Abbröckeln ist in den Reihen des C. V. zu spüren, kein Nachlassen der Opfersreudigkeit seiner Mitglieder; ganz im Gegenteil: man kann fast von einem Zustrom der deutschen Juden zum C. V. reden. Der Kulturtag in Berlin hat über 60 Mitglieder an einem Tag erbracht, eine Veranstaltung in Köln die gleiche Zahl. Ununterbrochen erfolgen Anmeldungen aus allen Landesteilen, die in den letzten Monaten weit in die Hunderte gehen. Sogar über den Kreis unserer Mitglieder hinaus ist man von der Notwendigkeit und Wichtigkeit unserer Arbeit überzeugt. Ein Arzt aus einer hessischen Kleinstadt sendet uns einen Betrag und schreibt dazu: ,Menn ich auch nicht Mitglied des C. V. bin, so stehe ich immer an Ihrer Seite und spende Ihnen in warmer Freundschaft eine Chanukkagabe zum Kampssonds. Wenn wir nicht untergehen wollen, müssen wir immer wieder Opfer bringen.- Das deutsche Judentum will nicht untergehen und wird nicht untergehen, und dafür, um seiner jüdischen Zukunft in Deutschland willen, will es und wird es Opfer bringen. LÄSKsöößÄhNKS Es vergeht kein Tag in dieser wirtschaftlich so schweren Zeit ohne Meldung der vielen Verzweiielten, die ihrem Leben ein Ende gemacht haben. Aus allen Kreisen hört man die traurigen Fälle, viele aus dem früher so guten Mittelstand. Tie Zahl der Selbstmorde haust sich leider auch in allen jüdischen Gemeinden. Die Gründe sind in den meisten Fällen die gleichen. Zusammenbruch der Firma, pekuniäre Verluste, Mutlosigkeit, die Schande, arm zu sein . . . meist sind es Geschäftsleute, und säst nur Männer. Was wird nu» den Frauen dieser Männer, was ans den Kindern? Was beginnen sie? Wissen sie sich auch keinen anderen Rat, mm, wo der Versorger und Berater fehlt? Nein, sie nehmen den Kamps mit dem Dasein auf. Sie verzagen nicht. Wie oft sind es Frauen, die noch aus den Generationen stammen, wo die Töchter zu Hause behütet wurden, die keinen Beruf erlernten, die dann von den Männern verwahrst mntim und im eigenen Haus von Personal umgeben waren, das ihnen alle'Arbeit abnahm. Jetzt, stehen sie allein, auf sich angewiesen, keine Mittel mehr, man sollte glauben, sie würden dem Beispiel der Männer folgen. Ganz selten hört inan von diesen Fällen. Die Kinder halten sie, die Alleinstehende, die Pflicht, sür sie zu sorgen. Tie Frau nimmt den Kampf auf, es wird ihr gelingen, auch diese Zeit zu überwinden. Nehmt euch an diesen Frauen ein Beispiel'. Ihr alle, die ihr das Glück habt, gesund zu sein, laftt den Kopf nicht hängen, wenn FeHLschläge euch treffen, laßt euch nicht zermürben von der Tücke des Schicksals. Laßt eure Angehörigen nicht allein, habt Mut und Zuversicht! Wer den Mut zum Leben nicht verliert, wird es auch meistern! Emil I-n. (hlmrMa K«l«r im C.V.-Heinr sür jüdische Angestellte Ter Freitag-Abend in der Woche zuvor war ein Versuch. Keine Propaganda, nur ein kleiner Anschlag am Eingang unseres Heims. Aber als die Stunde des Beginns da war, saßen an langen Tischen Menschen jeder Alters- E, jedes Beschäft igun gs grades, jedes Bitgsganges, jeder Herkunft in angespannter Stille. So mancher, der einen Freitag-Abend mit Lichterglauz uu Kreise jüdischer Menschen seit Jahren nicht mehr erlebt; so mancher, der, seit er sein Elternhaus verlaßen, den Glanz von Sabbatkerzen nicht mehr erschaut. Nun war alles wieder da, und noch ehe die uralten Melodien klangschön von '^challplatten zu tönen begannen, war ein Band der Gemeinsamkeit und Gemeinschaftlichkeit um alle geschlungen.— Kur; 7 Betrachtungen von der Bedeutung der Zusammenkunft wechselten mit Vorlesungen aus Bibel und Dichtung, und auch an Essen und Trinken war gedacht worden. Der Versuch gab Mut. Chanukka-Feier für den ersten Abend! Weit über hundert Menschen füllten die großen, Hellen Zimmer, sahen das Lichtern nzünden und saugen die alte Kampsmelodie des Moauszur, aus die sie in einer Festansprache, die Alltägliches u n d Heiliges zur L e b e n s g r u n d l a g e zu verbinden versuchte, hingewiesen wurden. Freunde des Heinis hatten vielerlei geschickt, was zur Sättigung des Hungers bei manchem, zur festlichen Stimmung bei allen beitrug. Das Berliner (5. V.-Heim sür jüdische Angestellte besteht kaum drei Wochen, aber schon jetzt ist^es, wie es seine Gründer wollten, zu einem ^aimnelpunl: von Menschen geworden, die nicht im Alltag verflachen, nicht bei Arbeitslosigkeit verzweifeln, nicht ihre religiöse und menschliche Verbundenheit zu Glaube und Heimat verlieren wollen. A. H.

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