Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 49 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- Seite 561 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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561 vvv Eine bcsenderZ wohltuend empfundene?lbrundung erfuhr die Erörterung kultureller Probleme, der der Kulrurtag des C. V. gewidmet war, durch die Einbeziehung der weiblichen Fragestellung: „Mode, Gesellschaft und Antisemitismus"." lieber dieses immer wieder neuartige und wichtig Thema diskutierten am Nachmittag vr. Äse Reicke und vr. Margarete Cöelheim Zuvor steckten einige von Frau Lotte Roscrrbaum-Schrvarz stark und Eindrucksvoll vorgetrageue Dichtungen von Heine, Wan ermann und Julius Pab den literarischen Nahmen ab, in den sich das Zwiegespräch sinngemäß einordnete. Weit und umfassend wie er war auch der Inhalt der Erörterung. Gleich zu Beginn wehrte sich Tr. Margarete Edelheim gegen den Verdacht, durch unter Nkode etwa nur die die Kleidung betressenden Fragen verstanden werden könnten. Mode, das sei der Inbegriff aller derjenigen Lebensäußerungen, deren Form in ständigem Wechsels begriffen sei: der Begriff umsasse daher einen großen Teil ber zivilisatorischen Erscheinungen überhaupt, lind m d-er Tat: in dem reizvollen Nebeneiuauker der Zwiesprache, in der plastischen Beleuchtung von zwei ganz persönlichen Blickpunkten aus enthüllte sich dem Hörer eine Fülle von Problemen, denen durch die Art der Behandlung jede papierne Trockenheit genommen wurde. Eine große Bolle spielte in der Auseinandersetzung der Typus des „Kursürstendamm-Juden". Tie aus ihn bezüglichen Beobachtungen von Tr. Ilse Neicke nahm Frau Tr. Edelheim zum Anlaß, um sich gründlich mit der Soziologie bc§ „Ku rfü r steudamms" im Sinne eines bestimmten weltstädii'chen Lurusviertels zu beschäftigen, ^ie betonte zmmchst, daß der jüdische Anteil an den unter dem Schlagwort „Ktlrsürstendamm" zusammengefaßten Erscheinungen gewöhnlich überschätzt werde und daß die gegenwärtige Wirtfchastsmnschichtung^die besonders die Juden aus den bürgerlichen <ochichten in großem Umfange herausdränge, ihm sehr bald vollends den Boden entziehen werde, soweit aber eine überdurchschnittliche Anteilnahme der indischen Bevölkerung an einer gewissen modischen Sensationslust tatsächlich vorliege, sei sie zu einem erheblichen Teil aus der starken Prozentualen Beteiligung der Juden an der Konfektion zu erklären, die ein besonderes Jnteresie an den Fragen der Kleidermode ohne weiteres nahelege und verständlich erscheinen laye. Bon dieser speziellen Frage gingen die Rednerinnen auf die allgemeinere der gesamten Kulturpolitik über, die von rechtsradikaler Seite vertreten wird. Tem nationalsozialistischen Frauenid-oah das die Fratl wieder zur „Magd und Tien-erin" machen will, stellte Tr. Neicke das neue, starke Ideal der selbständig im Leben stehenden, freischafsenden Frau gegenüber und erwies bemerlenswerterweise gerade dieses vom Nationalsozialismus bekämpfte Bild vom wahren Frauentum als das der germanischen Austastung am nächsten stehende, während das von ihm propagierte eigentlich der jüdischen Ueberlieserung entspricht. Als ein be'anders beliebtes modisches Schlagwort nahmen sich sodann die beiden Nednerinnen die Frage des als verjtidet verunglimpften sogenannten Asphaltliteratentnms vor und fanden wertvolle Fingerzeige zur Entgiftung dieses judenfeiudlichen Scheinveweiscs. Eine Weltsladtbevöllerung stelle immer eine amorphe, wurzello'e Dcalle dar. In dieser Eigenart begegne sich Chicago mit London, Berlin und den übrigen Biesenstädten. So bilden diese Mensche nzuscm.menbaHungen gewisse internationale Erscheinungen heraus, die eben ausgesprochen broßstädti'ch, dagegen weder amerikanisch, noch indisch nach fommne bestimmt seien. Ter Judenhaß aber sthe nur die Oberfläche und verwende ru unzulü'siger Berallgemeineruug geivipe aus der Zuchmmendränaung der-Juden in den Großstädten erklärbare Tatsachen zu willkommenen Argumenten gegen die jüdi'che Allgemeinheit. In ähnlicher Weise verbuchten die Nednerinnen mit Erfolg, anderen bösartig^vergröberten Schlagworten, wie „jüdische Preye", „jüdische Dolksfremdheit", „jüdischer erelbstabschluß" usw., aus den Grund zu gehem Auf demselben Boden, auf dem der Antisemitismus wachse, gedeihe auch der Antifeminismus, stellten sie schließlich ^usÜZrat vr. Vroömtz Ter Vorsitzende des CentralvereinZ brachte, nach einem Biolinsolo von Max Wachsm a n n, in seiner einleitenden Ansprache cnoa folgende Gedanken zum Ausdruck: Es könnte hochmütig erscheinen, gleichsam mitten im Chaos, in einer Zeit, in der wir zitternden Herzens dem Gang der Entwicklung lauschen, einen Kulturtag zu veranstalten. Ter Knlkurtag soll eine Stunde der Besinnlichkeit schassen, eine Prüfung unserer selbst, ein Augenblick sein, in dem wir offen Bekenntnis ablcgen und ernste Anklage erheben. Eine Millwnenrnenge stürmt gegen uns an. Tas haben noch jüngst die Eraebnhw der Wahlen in Heyen gezeigt, das beweist die Hochflut des Antisemitismus aus deutschen und ausländischen Hochschulen. Wir deutschen Juden ändern uns nicht, wir deutschen Judenchns deutschem Boden' Wir sind ein altes Adelsgc'schlechL, ausgestakteb mit allen Leiden, aber auch mit allen Segnungen einer Minorität. Wir lassen uns trotz aller Mißachtung, die uns widerfährt, und trotz allen Hasses, der gegen uns gesät wird, unsere Liebe zur Heimat nicht rauben und werden darum unser Leben lang kämpfen. Der E. B. steht auf dem Posten, er leistet entsagungsvolle' Arbeit. Habt zu seinen Führern Vertrauen! Ter Redner appellierte insbesondere an die Eltern, ihre Kinder, die vielfach nicht mehr die Kraft haben, in der Not der Zeit zu bestehen, in jüdischen Jugendorganisationen Mitarbeiten zu lasten. In der schrecklichen materiellen und psychischen Bedrängnis kann jeder Unmenschliches' leisten, wenn er sich um seine Schwestern und Brüder bemüht. T-er letzte Pfennig ist dafür nicht zu schade. Es gilt, den kommenden Tingen mutig ms Auge zu sehen. Nach diesem starken Bekenntnis zu Teutschium und Judentum erhob Justizrat Brodnitz Anklage gegen jene deutsch:: Volksgenossen, die w-ertvollste Kräfte unseres Volkes von der Mitarbeit am Ausbau unseres Vaterlandes ausschließen wollen, und schloß mit den Worten: „Wenn es in dem Schicksal der deutschen Juden etwas gibt, das mächtiger ist als das Schicksal, dann ist es die Kraft, mit der sic dieses Schicksal ertragen." Sodann brachte Loerkantor Hanns John drei religiöse Gesänge von Beethoven wirkungsvoll zu Gehör. Joseph Maria Frank las ein Stück aus seinem im Januar erscheinenden Noinan „Volk in Fieber", in dem die durch politische Verhetzung, insbesondere der Schülerschaft, verursachten Leiden eines jüdischen Gymnasiasten in einer ostdeutschen Kleinstadt auf Grund wahrer Begebenheiten geschildert werden. Nach einem weiteren Biolinsolo knüpfte Professor Georg vernharö in einer festelnden Ansprache an diese dem Leben nacherzahlte Leidensgeschichte an, wenn er sagte, daß wir die Gefühle jenes Gymnasiasten in vertausendfachtem Maße in uns selbst erleben. Wir fühlen uns in Deutschland, das wir uns als Vaterland geistig erkämpft übereinstimmend fest, und wo beides gut fortkomme, da gehe t-er echte deuuche Geist, der Geist Pmendorfs. Thema uns', Friedrichs des Großen, Lessings, Herders, Ficht es. Steins: der Geist der deutschen Humanität, unter. Teshalö stehen drei Kräste gemeinsam im Kamp' gegen den Ungeist: die Humanität, die Frauen und die deutschen Juden selber. In dieser trotz aller Gegenwartsnot doch tröstlichen Feststellung klang die Zwiesprache aus: sie hat der Erörterung der E. V.-Kultursragen einen wertvollen, nachhaltig wirksamen Antrieb gegeben. " Dr. E. R.-J. haben, nicht im Galuth. Jeder von uns muß um_ das Schicksal unserer jüdischen Jugend willen, muß sie stärken und ihr sagen, was ein Jnde ist, und lvas es heißt, ein deutscher Jude zu sein. Jeder deutsche Jude — und das ist die Anklage,, die wir gegen uirs selbst richten — sollte angesichts der gegenwärtigen politischen, für uns so bedrohlichen Lage die Pflicht in sich jühlen, mit stärkerer Energie als bisher die Abtrehrarbeit des Centrakrereins zu 'unterstützen. Ter Jude ist mehr als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubans: das Gnus meid ende für das Bekenntnis der Zugehörigkeir der deutschen Juden zum deutschen Volk liegt in seinem Verwach'enfcin mit dem deutschen Boden, der deutschem Sprache, der deutschen Kultur, kurz mit der deutschen Gedankenwelt. Volks z u - gehörigkeit heißt Seelenzuge- Hörigkeit. Keine Ammilation kann verwischen, was wir unserer jüdischem Vergangenheit verdanken. Was wir für T e u t s ch - l a n d leisten, leisten wir als Jude n. Nach einem Flötenwla von Alfred Lichtenstein schloß Justizrat Brodnitz die eindrucksvoll und würdig verlaufene Ku:rdgebung. indem er den Worten Heines: „Denk' ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf 'gebracht" den Ausspruch Shakespeares ansügte: „N un seid getrost, s o lang ist keine Nach:, daß nicht auch ihr "zule kt ein Tag erwacht." E. G. L. Dir Warenschau In dem Treppenhause, dem runden Saale und einem kleinen Nebcnsaal des Brüdervereinshauses hatte eine große Zahl von Inserenten der „E. B.-Zeitung" eine Ausstellung errichtet, in der sie den Besuchern nützliche Gegenstände aller Art zeigten. Verschiedene Verleger stellten ihre Neuerscheinungen aus, euch der Philo- Verlag zeigte seine zahlreichen Abwehr- und Aufklärungsschriften. Tie Aussteller waren mit dem Erfolg ihrer Ausstellung ebenso zufrieden wie die Tausende von Bwuchern, die die Stände euch vor und nach den Kundgebungen eingehend besichtigten. LMdSsYKBMds iSMWSR k)SS C.B Rheinland-Westfalen Nach alter Tradition hielt der Landesverband Rheinland-Westfalen auch in diesem Jahre am Bußtag seine Telegierteuragung ab. Als Tagungsort hatte man Tüyeldorf gewählt. Ter Vorsitzende des Landesverbandes. Tr. Krombach, Esten, und der Vorsitzende der Tüsseldorfer Ortsgruppe, Erich F e l s e n t h a l, begrüßten die zahlreich erschienenen Vertreter der einzelnen Ortsgruppen. Tie Tagesordnung wurde durch eineu Vermag des Syndikus des UN-