Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 49 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- Seite 559 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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55) In Deutschland gibt es 5000 Fitr;;- vorftthruttgöstrULcn tnlt zwei. Millionen Sitzplätzen, davon 2193 Theater, die täglich spielen, mit 1150 290 Sitzplätzen, d. h., das; mehr als zehn Millionen Deutsche wöchentlich zu Kinobesuchen Gelegenheit haben, und das; — ungerechnet die nicht täglich laufenden Filmvorführungen — 551 rnillionenmal jährlich deutsche Gehirne durch den Film bceinflusit und befruchtet werden. Zu dieser ungeheueren BreiLensireunng tritt noch die Intensität der Wirkung, die eine unglaublich stärkere ist als beim Theater, wo man niemals eben das Theater vergißt, '.rührend beim Film, die Illusion der Wirklichkeit durch die Pboiographio des Alltagslebens verstärk! wird. Bei einer solchen Masienwirkung rrird jede noch so klein erscheinende Entgleisung ins Unendliche vergröbert und vergröbert. Und deshalb darf uns nichts als zu gorinmügiz erscheinen, um dagegen zu Protestieren. Tr. Wellenberg berichtete von den Versuchen der narionalsoziatistischen Zelle deutscher Lichtspiellheaeerbenuer und schloß als ehemaliger deutscher Fronio-sizier mit einem Protest gegen die Verunglimgsting jüdischer Soldaten in: Film. Filmautor un- Regisseur v». s«>»r «ottdrrg: Blütezeit ernster Theaterknnst. so finden wir an ihrer Spitze eine Neiße von Männern, deren kizn':- lerijcher Ernst, deren künstlerisches Gewiv.en, deren künstlerische Kraft und Persönlichkeit jedem einzelnen Darsteller das Vertrauen einslöme, das dazu gehört, sich in den Dienst einer großen und würdigen Zache zu stellen. Jeder von ihnen wußte, daß er von diesen Männern an den r:u> tigen Platz, daß er vor die ricktiae Ausgabe geeilt wird, die seiner Begabung, seiner Jndiviimlität eignete, und daß seiner Person im Rahmen des Ganzen eine bestimmte Farbe und eine ganz eigene Melodie in der Gesamtwirkuug znkomme, und daß er auserkoren sei, und daß ihm ein hohes Amt in seine >oände gelegt sei. Tos alles wurde gep'legt, geschont, auferzogen und zur EnlstAtung gebracht von den großen Kräften, die in der Theaterlnust walteten. Auch damals mag wohl der überwiegende Teil dieser Schauspieler — wie heute — sich nur mit seiner Rolle beschäftigt haben, auch damals haben sich nur die wenigsten um das Ganze gekümmert; — wie oft habe ich es erlebt in meiner langen Theaterlaufbahn, daß Schau'pieler von dem Stück, in dem sie spielten, gar keine Ahnung hatten, sondern nur an die Gestaltung ihrer Rolle dachten. Heute har sich das nicht geändert, nur heute liegt darin eine große Gefahr iür jeden einzelnen und nanrentlich für die jüdischen Schauspieler. Denn heute dient die Verwendung der jüdischen Schau'pieler. die auch im Film an wichtigsten Stellen beschäftigt sind, nicht immer rein künstlcri'chen Zwecken, sondern in den meisten Fällen so eben: das Jüdische wirken. — Das märe an sich noch sehr positiv zu werten, wenn das Wesen des Juden mit all seinen Höh.m und Tiefen, mit all seinen Kräften und Schwäche»!, mit seiner leuchtenden Begabung und iner ursprünglichen geistigen Lebendigkeit hier instlerisch gestaltet werden würde, oder aber: rvenn sein überlieferter Humor, seine etwas sarkastische Schlagserligkeit. seine leichte Ironie zu sicherer Wirkung gebracht »verden würde. Aber geht es denn heute darum? Wollen die Menschen in diesem Lande das Wesen der Inden heute ergründen, wenn sie ihn für ihre Filme verpflichten, wollen ste der Gesamtheit beweisen und zeigen, »vor wir sind, wollen sie Einblick geben in die Art der Juden, in unstre geistige und menschlich» Krall und ^chwücüe? Ich glaube, wir müssen diese Frage sehr energi'ch mit nein beantworten, sie »vollen cüvas ganz anderes, etrvas, das dazu dienen soll, auf die niedrigsten Instinkte der breiten Masse zu wirken, etrvas, das dazu dienen soll, uns in den Augen der Blage herab zu setzen, etwas, das uns zu Clowns lächerlichster Art erniedrigt und das geschieht, ohne daß die meisten vor» diesen Schauspielern es euch nur merken. Und hier liegt unsere Ausgabe: einzugreiien; endlich allen denen Iuzurusen: Halt! Es kommt nicht darauf an, daß ihr große Geldsmnmen znsammeuverdient und euch dafür hergebt für jede, auch noch so nichtswürdige Aufgabe, »veil es Geld brinzt, „man muß dock)", „inan kann es doch nicht ändern" — und wie di? Ausreden immer heißen mögen. Rein, nein, geht einmal hi nana ins Land, setzt euch in die überfüllten Filmtheater in der Provinz und seht euch an, rvas ihr anrichtet mit euren skrupellosen, hirnlosen und oft sogar verächtlichen Leistungen. Bor einiger Zeit äußerte ein großer Fitmdirektor nach einer eingehenden Manuskriptt-u'prech'nug zu einem meiner Kollegen wörtlich felgendes: „Und dann, mein Lieber, müssen noch ein paar komische Figuren in den Film rein, Inden oder sowas .. Dieser Filmgewaltige hat sich vielleicht nicht einmal etwas dabei gedacht, als er diesen tollen Satz zu ehern jüdischen Avwr sagte, aber sollte es nicht allen denen zu denken geben, die leichten Herzens sich binftellen und irren Juden honte da und morgen in jenem Film weiters--ielen, je nach dem Arbeitspensum des Tages bester oder schlechter? Und ist cs nicht bezeichnend, das; diejenigen unter den jüdischen Darstellern, die ihr Judentum Hochhalten, die jede Gelegenheit wahrnehmen, nm ernst oder heiter ihre Begabung irr den Dienst der jüdischen Sache zu stellen, immer seltener im Film zu sehen sind, weil sic „schwierig" sind, weit sie nicht blind all den Blödsinn darstellen wollen, der ihnen vorgcschrieben wird, weil sic sich nicht für einige 100 Mark verkaufen, nm sich selbst zu verhöhnen, weil sie eben Selbstachtung haben?! Bei dieser Feststellung streiken wir noch ein anderes Gebiet, das eigentlich für all diese Er- Wägungen von primärer Bedeutung ist. ^Schon immer gehörte es zu den großen Problemen des Theaters und des Films, obüberhaupt ein Jude besser einen Juden' auf der Bühne darstellen kann als ein Ehri st. Ich habe immer gefunden, daß es nur wenigen jüdichen Schauspielern gegeben war, Juden aus der Bühne oder im Film wirklich gut darzustellen, während das christlichen Darstellern viel leichter gelang. Wenn wir heute au' der Bühne Christen darzullellen haben, so gehen wir an so eine Figur von außen heran und versenken uns immer mehr in sie, bis »vir ne ersaßt und aus re schöpft haben. Wenn -s aber beißt, linier Innerstes, unser Ureigenstes zur Schau zu stellen, so gilt es, Hemmungen zu überwinden. Es gilt, uns jz völlig zu entblößen oder vielleicht völlig zu verkleiden. Diese gewaltige Ausgabe im großen ernsten Schaustück haben nur ganz wenige wirklich bezwungen. Biele unter uns werden sich noch z. B. des ^hylock erinnern, daraellellt von drei völlig verschiedenen Schauspielern: Schild kraut. Kraus; und Kortner. Cs ist gerad-a interessant, an diesen dreien die Unterschiede darzulegcn. Der eine ein wildes, zügelloses Temperament, ganz Ursprung, echtester Jude. t>er es fcrtigbringt. in votlend-etci Weist sein Innerstes allen zu enthüllen, l-inmnngslomit der ganz großen Klarheit, die aus der Urbenülle feiner Berwnlichstit strömt. Der andere ist ein Christ, und es ist großartig, »nie er teils durch Beobachtung, teils durch das undefinierbare Etwas. unbewußt, zu einer Gestaltung größten Formats kommt. Cs rst hier nicht die Frage auszvmerstn. was ist größer, es ist arlch nicht meine Abnö t. hier kritisch an diese Leistungen heranzugehm, nein, es kommt für mich nur daraus an, bei dein Dünen in der Reibe dieser ganz großen Schaustürler zu eremplifizieren. woraus ich hinaus will. Dieser Dritte ist Fritz Kortner, dessen ganz großes Format »vir in ungezählten Leistungen bervnrid-rrn tonnten. Aber gerade dieser hat durch seine Natur und sein Judentum als Shhlock die Hemmungen, von denen ick sprach, die er nicht überwinden kann, er öst'net sich nicht. Wir fühlen, hinter ihm ist noch Ungeheueres verborgen, »vas niemand erfährt. Ich habe gerade noch den ganz frischen Eindruck von seinem letzten Auftreten als Professor Bernhardi. Großes Format, wundervolle, re: chaew nulle Darsteilungskunst. Waliegt in einer wlchen jüdischen, wiüende:: Handbewegung dieses Beruhaidil _ Und doch komme ich nicht davon los. mir zu sagen: Hi.-r stählt ein Jude einen Juden nahezu vollendet, aber doch mit einer Betonung, die von mißen kommt, mir einer Betonung. die irgendeine Litzen in üch bi rot. Alto scheint cs nur besonders schöner zu sein, uns au» der Bühne dorznstellen. Und nun erst basfelbe Thema in Scherzvwrm: die großen, stillen, jüdischen Komiker, D:e mit klein'"re n Bst Ne ln ihre Figuren skizzieren.' Sie haben leine Aufgaben mehr. Was heute und namentlich^ der Tvnsilur van jüdischen Komikern verlangt, erfordert nur noch in den seltensten Fällen den großen Blen'chendarsteller. Es handelt sich um Pointen. Ganze Figuren »verden geschaffen nur um einer einzigen Pointe willen. So hatte ich vor einigen Tagen mit Zuck- Mähers Mitautor eine Malmstrivtöesvrecbung über den „Hauptmann von Köpenick", bei der ich ihn beschwor, die Rolle des jüdischen Trödlers, der Willy Borgt die alte Hanpunannsuniiornr verkauft, nicht mir einem Inden zu besetzen, ^eine Antwort war: „Die Scblrißvointe kann nur mit einem Juden besttzt werden." Die Schlrißpointe lautet: ..Auch e Hauptmann!" Sicherliü) roird es bcute unter den jüdischen Darstellern viele geben, die diese Figur unaasdringlich und pointiert zu spielen wi'stn. Aber in dem ganzen Stück und Film. d-esstn Figuren Ihnen ja allen bekannt sein werden, ist dieser eine, der mit alten Uniformen Handelnde: Jude! Und auch im Theater wirkte diese Rolle fast wie ein Angriff für mich. Und warum wirken aus mich diese komischen Juden im Film so nicderschmelternd, und warum sage ich heute an dieser Stelle allen den Darstellern. die immer wieder diew Rollen spielen und übernehmen: Prüft erst, seht euch das Ganze an, bevor ihr euch entschlicht, euch so prciszugcben! Warum? Weil die Absicht der Hersteller irr den meisten dieser Filme so durchsichtig ist.^ Sie glauben. wenn da ein guter jüdischer Schauspieler ein paar gute, jüdisch sein sollende, witzig klingende Worte von sich gibt, daß das genügt: denn das Publikum lacht ja nun einmal über diese jüd-ftch^sein sollenden Witzchen von diesen jüdischen schauspielern. Und deshalb wird gerade bei diewn Szenen am wenigsten Wert ans die Ausarbeitung gelegt. Ter schau'pieler wird es schon machen, er ist ja ein so witziger Kopß ihm »verden die notwendigen Pointen schon im Atelier einfallen, und die Hand des Schriftstellers ist bei solchen ^zerren gar nicht nötig. Und deshalb, meine D-amen und Herren, sehen mich diese Szenen besonders leer und doch so drehend an, deshalb empfinden wir alle bei diesen geschmacklosen, nichtigen und doch so eindeutigen Szenen aus der. Leinwand die Absicht, die sich leicht lesbar hinter ihnen verbirgt. Warum ist cs denn so schwer und immer so schwer gewesen, in der deutschen Filmindustrie jüdst'che Stoffe zur Gestaltung zu bringen? Wenn Sie sich erinnern, so sind cs eigentlich nur vier Filme in den vielen Jahren gewewn: ..Das alte (öe'ctz", mit einer wunderbaren Leistung vou Ernst Deutsch, der amerikanische Film ./Vater und Söhne" mit dem unvergeßlichen Schildlraut, jetzt der „David Eolder" und mein ..Dreyfus"* Film. Und wenn ich Ihnen erzähle, daß ich ein Drcwierteljahr gebraucht habe, um diesen großen jüdischen -Stofs in der Filmindustrie unterzubringen, und rvenn ich Ihnen erzähle, daß es keinen einzigen Verleiher gab, der die Ge'chichte vom unschuldig verurteilten jüdischen Hauptmann annehmen wollte, daß schließlich noch einen Tag, bevor Oswald mir dem Film ins Atelier ging, der Austandsverleiher mich anries und mich beschwor, Oswald daran zu hindern, diesen Film zu drehen. Er sei nach wie vor bereit, uns eine größere Geldsumme zur Verfügung zu stellen für jeden anderen Frtm, doch hier handle es sich doch um eine verlorene Zur Gesundfraiiusg! Fichinser Yersandstetle, Berlin SW II Schoneberger Sirasse 10a. Telefon: Lötzow: S200,’91