Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 49 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- Seite 558 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277886-2277935--07071-2287944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
55$ bereiten ScIFr-nfrcg:, wie t:n einer spöttelnden cder cng'tUdjcn Beurteilung ber gegnerischen Kräfte. Tlcn referierte sachlich, der über mehr dl nur Sachliches. Tie Außenwelt hörte mehr els nur Aeußerliches; was ausgesprochen wurde, wurde Bekennmis, Bekenntnis zu einer vielgestaltigen, vielfarbigen, umfasienden Synthese menschlichen Daseins, zur Kultur. Nachmittags: Derselbe Raum, doch der Schauplatz hat sich gewandelt. sticht treten nacheinander Männer der Feder, des Wortes, des RegiebucheZ und sprechen zu ihren Hörern — ein Ge'prä ' beim Tee zwischen Zwei Frauen, einer Nich'tjüdin und einer Jüdin, und tausend Menschen hören zu. hören sich sprechen, hören ihre Zweifel, ihre Klärung, ihre Zielgebung. Abgebrauchte Worte „Mode". „Gesellschaft" gewinnen Tiere und Bedeutung, und aus der Unterhaltung zweier Frauen erwächst Kulturbejahung, Kulrurbetommg, Kulrudrende. Ein eisiger Winterabend: Eine Stunde vor Beginn ist der Saal überfüllt. ^Bekenntnis und Anklage" stehen unsichtbar über dem Rednerpodium. Gesang, Geigen- und Ftötenspicl schaffen Feiertagsstimmung, jene aufuahmebereite Versunkenheit, jene wirklichkeitsnahe Hingegebenheck, die für jüdi'che Feiertage Merkzeichen sind. Ter Führer des C. B. spricht. Wohl niemand im Saal, der ihn noch nicht gesehen, niemand, der ihn nicht gehört, aber niemand in dem Saal, aus dem er nicht sprach und Zu dem er nicht sprach. Menschliche, seeliche Weiten umschlossen die Zuhörerschaft und schufen das Bekenntnis: wir sind jüdische Teutsche, und die Anklage „wehe euch, die ihr uns daran hindern wollt!", in die Seelen, in den Willen. Tann spricht ein junger jüdischer Deutscher zu uns — so meint man, während man doch weiß, daß ein Tichter das Schicksal eines unserer jungen Menschen vorliest. Man will sich das gegenwärtig halten und ist doch schnell wieder umfangen von dem gequälten, küm.pstnden und zerbrechenden Leben, das Josef Maria Franks Tichtung vor uns ebrollen laßt. Hier ist die Anklage an die Umwelt, die diesen Menschen zerbrach: hier ist die Anklage an die jüdische G e m e i n f cf) a f t, daß sie ein Leben zerbrechen ließ. Hier vt das Bekenntnis eines jungen deutschen Inden zu Glaube und Heimat, und hier in das Bekenntnis eines — übrigens nichtjüdischen — Dichters zum Menschentum. Was alle bewegt, faßt der letzte Redner des Abends mitreißend zusammen und prägt in die Köpfe, die vielleicht vergeßlich sind, in die Herzen und in den Willen, die schwankend werden könnten, die Grundtatsachen für unser Dasein als deutsche Juden ein und gibt F c ft i gkeit nach innen und Wehr ha f t i g k e i t nach außen. Künstlerische Fragen mit Freimut behandeln. Fragen des Geschmackes mit Takt erklären, Fragen der Politik vom Geist her beantworten, zeugt von Kultur. Dreiklang des Denkens, des Fühlens, des Kämpfens: Kulturtag des C. V.! Alfred Hirschberg. K3> v K/jf v v iv'V v </ Der Iuös als Cpp km Film, Naömeü tmd auf öer Sühne Tr, Friedrich Drodrrrtz stellte in seiner Begrüßungsansprache fest, daß es notwendig sei, als Jude wieder einmal grundsätzlich und in aller Leffercklichkeit die Frage der Zurschaustellung jüdischer Figuren, vor allem im Film und Kabarett, zu erörtern. Frei von jedem Banausentum, von jeder SplitLerrichtere: wie von Uederempfmdlichkeit müsse versucht werden, die Grenze zwischen dom künstlerisch Bedingten und dem Aeberflüssiaen. nur der oberflächlichen Erheiterung Tienenden festzustellen. Der C. B. habe darstellende Künstler, Lichter und Kritiker gebeten, sich hierzu zu äußern, und ein jeder trage die Verantwortung für seine Meinung. ' Die idfic? Als erster Redner nahm Julius Haö Hauptvorstandsmitalied des Centralverein?, das _ rz --^- Ter erfahrene Theaterkritrker und tiefrsende Kenner deutscher Lichtung und Schaussunst stellte fest, daß keine Gruppe das Recht sich die Darstellung ihrer Eigenarten durch den Künstler schlechthin zu verbitten. Es ist das Recht de? Künstlers, die Menschen und Typen überall zu entnehmen, wenn er sie zum Ausdruck einer Figur braucht. Es gibt ein? künstlerische Legitimation, die stärker ist als jede? Privatinteresse. Aber da? Wchen der künstlerischen Kraft ist die berechn gleit. Dir sind niemals gewillt, eine Ausnahmestellung zu suchen. Wogegen uns etwas zu sagen bleibt, rt_tm Grunde etwas ganz anderes und streisr die Sphären der Kunst nur noch ganz äußerlich: Taist der Mißbrauch der jüdischen Fiaur zu Bergnügungszwecken, zum Zeitvertreib. Wenn in diesem UnterhalLungsbetrieö immer mehr jüdische Künstler cuhteten, so scheint uns da? gefährlich und grotesk herausfordernd. zumal in diesen Zecken. Wenn man die llnterlamung solcher Schaustellungen wünscht, die die Juden lächerlich machen und in Verzerrung auf die Bühne bringen, so unterdrücken wir nicht innerlich künstlerisch bedingte Darstellungen Tiefe Art des Kunstbetrieb--- ist unwürdig, und unwürdig ist auch da? Publikum, das daran Freud-e findet. Auch §rltz Enge! zog einen dicken Grenzstrich zwischen dem Theaterb-etrieb von früher und heute, und zwilchen dem Publikum von früher und heute. Früher kam niemand aus tin Gedanken, daß die Figur bei Shylc-ck als ein Stimulans für antisemitische Instinkte gespielt oder gewertet werden könnte. Inzwischen hat sich die Welt aber verändert, und heute erzittert der Jude im Parkett, sobald der Jude auf den Brettern erscheint. Wir sind durch den Antisemitismus schm-rzempsmdlich geworden, aber wir müssen versuchen, uns zu objektivieren. Das Recht der Bühne erstreckt sich über uns alle, das Recht der Satire ist ebenso ein künstlerisches Recht wie das des Dramas, aber die Grenze zwischen dem, was wir uns gefallen, und dem, wogegen wir uns wehren muffen, liegt zwischen Kunst und Kitsch oder, besser gesagt, zwischen Kunst und Geschäft. Ta. wo das Geschäft da? Primäre ist und der fade Geschmack eines leicht zum Antisemitismus neigenden Publikums spekulativ ausgenutzt wird, ist unser Recht und unsere Pflicht, zu protestieren. Gegenüber solchen judenseindlichen Darbietungen jüdischer oder nichtjüdischer Unternehmer muß sich das jüdische Publikum zur Wehr setzen und Courage zeigen. Für die F i l m k r i t i k sprach zunächst De. Ru&olf ^rrchelm Kritiker der „Weltbühne". Cr wandte sich gegen jedes äußerliche unorganische Auspappen von Jargonpointen, die einer Handlung eine billige Lebendigkeit verleihen sollen. Solche Entgleisungen zeigen die Unfähigkeit des betreffenden Autors oder Schauspielers oder Regipeurs, in anderer Weise witzig zu sein. In der Filmproduktion betätigen sich vor allem als Manuskriptautoren vielfach Leute, denen das menschliche und künstlerische Niveau fehlt, die es nicht verstehen, den Ernst im Humor zu zeigen und das Gute im Bösen. Hier wird gerade von Juden viel gesündigt. Es ist leicht, lm kleinen Kreise witzig zu sein, am leichtesten im Familienkreise, und es gibt gewisse Tiuge, über die man vielleicht am Kursürstendamm lacht, die aber schon in Steglitz lein Mensch mehr begreift. Ter Film geht zu den Millionen im Lande, und die Herren, die sich wie Moliere Vorkommen, wenn sie den letzten Börsenwitz in ihrem Manuskript montiert haben, sollten'einmal sehen, wie fassungslos und ohne das leiseste Verständnis die Menschen in der Provinz, die wahrhaftig nicht düuuner oder humorloser als sie sind, dieser Sorte verfilmter Kleinkunst gegenüberstehen. Tenn in der Kunst gilt nur das Allgemeine, und so wichtig die völkische und nationale Eigenart für die Kunst ist, E so unbrauchbar^ ist die Lokal» Pointe. Bei den wahrhaft großen jüdischen Filmkünstlern liegt das Eigentliche ihrer Leistung zwar auch durchaus im jüdischen Element, aber man stößt erst bei schärferer Analyse daraus. Tiefe jüdischen Elemente liegen bezeichnenderweise nicht zutage, weil sie aus eine große menschliche Form gebracht sind, die jedem kunstempfindenden Menschen auf der ganzen Welt eingeht. ^Tas gilt im höchsten Maße für Chaplin, teilen Humor aus Resignation, Melancholie, scharfem Verstände und Mitleid stammt. Es gilt auf anderem Niveau für einen Künstler wie Br essart oder wie Pallenb e r g, der ten sprichwörtlichen „jüdischen Zersetzungsgeist" in so fruchtbarer Weise bei der Grammatik anwendet, oder für Fritz G r ü n - bäum, den Erfinder des Faktotums. Es gilt für die Regiekunst eines Josef von Sternber g und ist bei Ernst Lu bi tsch, der Witz und Leben in die Wüste der Heidelberg- und Flausenturmoperetten gebracht hat, bereits an der Grenze. Das Ganze-ist eine Qualität s f r a g e. Ter künstlerisch und menschlich Unbegabte lebt in seinen vier Wanden statt in der Menschheit, und entsprechend beschränkt sind seine Ausdrnck-sormcn. Das gilt genau so von der Darstellung jüdischer Typen im Film. Ter Jude im Kino, ob gut oder, böse, schön oder häßlich, hat die gleiche Aufgabe wie wir alle im Leben: nicht nur Jude zu sein, son» dern ein Mensch. Dr. Hans Vollenberg, Chefredakteur der .Lichtbitdbühne", den Lösern der „C. V.-Zeitung" aus verschiedenen sachverständigen Darlegungen bekannt, stellte in den Vordergrund seiner Aus» sührungen als entscheidende Tatsache, daß der Film Millionen von Menschen und Gehirnen beeindruckt.