Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 48 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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543 wirtschaftlichem. laisser faire — laisser aller fertig. Als die Renaissance den Memchen ans mittelalterlicher Gebundenheit befreite, erb sie illw Gesamtheit seiner Kräfte — nuten wie bösen ~- Raum zu ungeahnter Ents^nung. Ader e-- ist doch einfach Geschichtsklitterung zu behaupten, baß dies nur egoistftche Kräfte waren.! Am Eutwicklnngswcg dieses Individualismus -steht doch Luther ebenso wie Goethesteht zwar die Freiheit eines Ehristenmenichm, aber doch eben nicht nur die Freiheit, sondern die Freiheit eines an Gott gebundenen Menschen. Und wenn der junge Faust noch glaubt, das; er sich vom G e - n n ß des Lebens höchsten Ueberschwang versprachen kann, so weist der alte Faust, daß dies an keiner Stelle des Weg? möglich war. Erst dann, wenn Land urbar gernacht wird, auf dein Leben ausblühen und fruchtbar werden kann, dann dürste man zum Augenblick sagen: verweile doch, du bist so schön; es kann der Glanz von nieinen Erdentagen nicht in Revuen untergeh'n. Auf dem Boden dieses Individualismus erwuchs die Frauenbewegung. Nicht aus Ichsucht und Eitelkeit und auch nicht um in einem höchst dissercuzierten Sclbftgenust ihrer eigenen Persönlichkeit froh zu werden, gingen die Frauen, die dieser Kulturbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts ihren unauslöschlichen Stempel ausgedrückt haben, ihren Weg, sondern weil sie die menschlichen ebenso wie die schöpferischen Kräfte der weiblichen Seele für das Volkstum und die Ration lebend'g machen wollten, um so die Kräfte des Ganzen zu > steigern und zu erhöhen. Tiefe Wechselwirkung zwischen Individuum und Gemeinschaft, die : für das Gedeihen des Ganzen ebenso unerlüß. i lich ist wie Ein- und Ausatmen für den einzelnen, bedeutet aber für den Nationalsozialisz mus nichts. j Für ihn ist das Franenrecht allein die Mut-; terschuft. Wenn eine Frau diese nicht erlebt, hat ihr Dasein seinen Sinn verloren. (Opfer- I dienst Nr. 2-3. 19-20), denn „Tie Frau ist von; unserm Herrgott zur Liebe und für den Haus-! halt geschaffen". In diesem Haushalt soll die l Frau „Magd und Dienerin" sein. (Tie Flamme Nr. 26, KM.) Ja. die rein vitalistische Bewertung der Mutterschaft gehl so weit, daß Alfred Nosenberg in seinem Buche „Der Mythos des 20. Jahrhunderts" dem germanischeu Manne die Erlaubnis gibt, mehrere Frauen zur Mutterschaft zu verhelfen, um so allen weiteren Folgen, die etwa aus dem zahtenmästigen Frauenüberschuß sich ergeben könnten, aus dem Wege zu gehen. „Ein deutsches Reich der Zukunft wird gerade die kinderlose Frau — gleich, ob verheiratet oder nicht — als ein nicht vollwertiges Glied der Volksgemeinschaft betrachten. Dem- I hemäß darf Ehebruch des Mannes mit Kindesf folge nicht als Ehebruch juristisch bewertet werden." ' Es soll mit der Ablehnung dieser Anschauungen keine billige Polemik verbunden werden. Nur scheint uns diese Auffassung der Geschlechtsbeziehtntgen und der Familie mehr bolschewistisch und östlich als germanisch und deutsch. Für die deutsche Frauenbewegung aber ist der Zusammenhang mit dem idealistischen Gut der deutschen Aergangenheit unlösbar. Sie weiß, daß die Mutterschaft ein höchster Weg der Frau, auch als Leistung für den Staat gesehen. ist. Aber sie lästt sich nicht auf die vitale Seite der Mutterschaft allein zurückderweisen. Sie kennt die Bedeutung der Qeifttgfeelifd>en Mütterlichkeit für Staat und Gesellschaft und ist entschlossen, sich hier mit allen Kräften zum Einsatz zu bringen. Sie wird aber nicht zu lauen, daß mit den Mitteln der Dialektik und Demagogie die eine Welt gegen die andere ausgespwft wird. Für die idealistisllwn Kräfte i::: Nationalsozialismus wird die deutsche Frauenbewegung hellhörig sein; denn, lange bevor er alr Bewegung ausstand, haben ja die Besten rarer Führerinnen gerungen mit Wo drrneften Booblematrk von national und ftgial. Ebenso bellhörig wird sie aber hosftmllch sein gegtn jede 11 ndulds a m feit und gegen jeden!'• c n - gel an H u m a rt i t ä t und dann nach dem Worte von Friedrich S ch leier m a ch e r handeln: „Du sollft die Barbarei der Männer nicht beschönigen. weder mit Worten noch mit Werken." PIo pdlsdho Freu im Spiegel der national“ s©ziol/stisehen Pre-s© Der abgrundtiefe Haß. den der Nationalsozialismus gegen alles Jüdischehegt, macht natürlich auch vor der jüdiftchen Frau nicht halt. Die gleichen Verleumdungen. die gleichen Zerrbilder der Wirklichkeit, die gleiche Verallgemeinerung werden auch irr zuteil, und wenn man sie aus den Bildern. d:e die national'ezialistische Presse jahraus, jahrein von ihr entwirft. kennenlernt, so stell: sich ein Scheusal sondergleichen der Leiersehaft dieftr Proste vor. Fan! und träge, protzig und üprio. anmaßend und berrsclstüchtig, von misiaestalteeem Aenßeron ist in der völkischen Zeitung jene Jüdin. Daß gerade die jüdische Frau eine vollkommene Umschichtung ihrer Erlstenz erlebte, daß sie, in früherer Zeit laut Religionsvor'chrift nur im Hause tätig, jetzt durch die Verhältnisie gezwungen. den Kamps ums Daftin mit aufnehmen muß. ist dieser sonderbaren Sorte von Zeitungsschreibern scheinbar entgangen. Daß die meisten Jüdinnen als Verkauftrinnen. kleine Angestellte, als allerbescheidenste Gewerbetreibende ein proletarisches Daftin whren. ist den Völkstchen offenbar unbekannt. Wo aber eine Jüdin kraft ihrer Leistungen und Fähigkeiten einmal in eine gehobene Stellung kommt, da darf sie überzeugt sein, in kür-efter Frist der Gegenstand wütender antstemitstcher Angriffe zu werden. Das kann durch eine Fülle von Beispielen, die einer einzigen nationalsozialistischen Zeitung entnommen sind, treffend belegt werden. Ta wird eine jüdische S ch n l ä r z t i n in maßloser Weise angepöbelt. raeil sie den Kindern geraten hat. ans gesundheitlichen Gründen abgefthnittene Haare zu tragen. Sogar das Kultusministerium jenes Landes wird gegen diese „Verbrecherin" ansgernfen. weil sie bei einem „deutschen" Kinde Planst: ß feftgeftettt hatte — ein Gebrechen, das bekanntlich, laut völkischer Heilslehre, nur bei Juden vorkommt. I ü d i s ch e B e a m t i n n e n sind Gegenstand ständiger Angriffe in der völkischen Presie. Gibt z. B. eine Dozentin an einer Volkshochschule eilten Kurs über „Die Frau von heute" und behandelt darin etwa die Kameradschaftsehe und die Verhütung der Fruchtbarkeit, so wird ein Bchmutzkübel übelster Sorte über sie ausgegosicn und Stadt und Staat gegen sie mobilgcmacht. In Wohlfahrtsämtern setzt die Hetze ebenfalls gegen die Jüdin ein. Man warnt die dent'chen Eltern, ihre Kinder der Fürsorge der „Fremdrassigen" anzuvcrtrauen und prophezeit die schlimmsten Folgen, wenn man sich der jüdischen „Pcstgesahr" ausscnt. Aber auch vor einem Privatkindergartcn, der von jüdischen s^uivunrac des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdlschenGiaubens E.V. cm Sonntag, den 29. November In Brüdervereinshaus, Berlin, Kurfürstenstrasse 115.; Vormittags 11 Uhr Selbstachtung oder Selbstverhöhnung Der Jude als Typ im FMn\ KabG^eü und cuf der Bühne | Es sprechen: Dr. Rudolf Arn- : heim, Julius Bob, Dr. F. Brodnitz, Fritz Engel, Heinz Golceerg, : Fritz Grünbaum, Georg Hermann u. a. su Nachmittags 4 Uhr Mode, Gesellschaft und Antisemitismus Zwiegespräch zwischen Dr. Jise; Reicke und Dr. Mcrcarete Edelheim. — Lotte RosenbaurtJ- Schwcrz rezitiert. u Abends 8 Uhr Wir jüdischen Deutschen En Bekenntnis und eine Anklage Mitwirkende Künstler u. a.: Ober'onTor Hanns John, Alfred Lichtenstein, Max Wachsmann. Ansprachen: Jusfizrct Dm Julius Brodnitz, Professor Georg Bernhard. Joseph Maria Frank llesl cus einem unveröflenl ichfen Mg m skript. Einge:3hrte Gäste v/iÜkcnrr.enl r i Gleichzeitig findet in den Räumen des Brüdervereins wehrend des ganzen Tages eine Warenschau veranstaltet von den Inserenten und der AnzeigenverwaSlunq der „C V,~Zeitung" sfatr. Eintritt frei! Beginn 10 Lhr. iti-J