Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-11-20 · 47 (20.11.1931) · p. Seite 535

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
47 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
Seite 535 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277933--07046-2287917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

535 KEMßSÄA Sri der Kummet der „L. D.-Zrrtnna" b:- richtcttn wir über die Vorgänge ans der Mannheimcr Harrioersrnunlnng des Hr.r:'-nann-i>i::;i:-j am 1. November. Auch die „Acrztliöeu Mitteilur.- gen" vom 7. November fccrjdjicitn über > Dm* Tagung und die Zersetzungsabchchien der r.atbnal* sozia'.isiischeu ^lerzieschaftt Der Echri'lleirer der „Aerzttichen Mittrilungem", der frühere deutschnationale Neidyotegoabgeordnete Dr.- med. $ac* Ö e n I q m nimmt in biefcm Berich: in ersreu'-.ch objekttver, sachlicher Meise zu den Vorgängen Stellung. Er schreibt: „Ein erheblicher .Widerstand ans den Reihen der Vkitglieder des Verbandes mußte überwunden werden ... er kam vor allen Tingen aber von parteipolitischen Strömungen, die sich mit ufr zerstörender Wuckt bemerkbar machten. Ter Nationalsozialisti'che Ten:übe Llerztebund batte mehrere Hundert seiner Mitglieder aus dem ganzen Reiche cnngebote'.», nm die Entscheidungen in der Hauptversammlung zu beeinslnsien und das Abkommen zn zerschlagen. Er machte den Versuch, die polsti'chm Leidenschaften an die stelle klarer und besonnener Ileberlegnng zu setzen. Tie Zahl der zu diesem Zwecke Erschienenen war um ein Vielfaches größer als die Zahl der Delegierten, in deren Händen die Entscheidung lag. Die erste Halste des Tages war cngeutllt den den Kämpfen, die sich ans dem Eindrängen parteipolitischer Tendenzeil in die berusspoliti'che Arbeit ergeben mußte. . ,. . . . Eine neue schwere Gefahr droht aber dem ärztlichen Stande ans den Verbuchen, durch parteipolitische ^Bestrebungen einen Keil in unsere Geschloneuheit zu treiben. Tie Anbänger des' Nationalsozialistischen Deutschen Aerztebundebekannten sich ans der Kau per ers-ammlung in aller Offenheit zu der Abuche. die Aerzteschaft bewußt zu politisieren. Wären nicht die Anhänger anderer politischer Anschauungen so besonnen gewesen, die natjonalsozialisti'chen Kollegen in diesen Bemühungen zu isolieren und die gemeinsame Sache des Standes gegen den Ansturm politischer Leidenschaften zu verteidigen,' so wäre es vielleicht schon auf der Hauptrermmm-ung zu einer Zerstörung der organisierten Einheit gekommen. Politische Auseinander'etzungen gehören nicht auf das Forum der BerussarlKsit. S-etzen die nationalsozialistischen Aerzte ihr Zerstörungswerk im Hartmann-Bunde fort, so trifft sie die volle Verantwortung für die unheilvollen Wirkungen eines solchen unseligen Beginnens. Je elender und je gramamer die wirtschaftlichen Verhältraste unseres Dolles werden, um so mehr bedürfen die um ihr nacktes Ta sein ringenden Menschen des Arztes und seiner Hilfe. Als Staatsbürger mag der Arzt seine weltan'chan- 4 4 4 lichen und politischen Ideale verwirklichen wo und wie er kann. Mit der Erfüllung keiner beruflichen Ausgaben hat er sich an die Gebote der Berufs Pflichten zu halten . . * Die Wahlen zur Berliner Aerztekammer, bei denen die Nationalsozialisten erstmalig eine Liste ausgestellt hatten, haben zu folgender Mandatsvcrteilung geführt: Liste' der jungen Aerzte 10, Sozialisti'che Aerzte 5, Freie gewerkschaftliche Aerzte 6, Liste Ztir Erhaltung einest freien Aerzteberussstandes 69. Berufsgenostenschaftliche Aerzte 1, Ambulatoriumsärzte 3, Assistenzärzte 7, Kommunisten 2, Nationalsozialisten 17 Sitze. Bon den 120 Mandate!! hat also die Liste zur Erhaltung eines freien Aerzteberussstandes zwar die absolute Majorität, nichtsdestoweniger ist _ es ein warnende s Zeichen der Zeit, daß 17 nationalsozialistische Aerzte in dieft Bcrnssvertretnng hineingewählt werden konnten. Um öm Ksk§efmwüll$nn Luöwig Ircmk lieber den Rundfurkoortraa. den der Reichsbannermann Hölter in a n n am Jahrestag des 9. November am Berliner Rundfunk hielt, ist es zwischen dem Reichsinnenminister Groencr und der preußischen Staatsregierung zn einein Konflikt gekommen, der in der Oeftentlichkeit diskutiert und im Reichsrat inzwischen beigelegt wurde. Uns interessiert der Fall nur insoweit, als er die Person Ludwig Franks berührt, der als sozialdemokratischechNeichstagsabgeordneter 1914 freiwillig ins Feld zog und als einer der ersten für die Heimat fein Leben opferte. Ihn und seine Tat hat fein Parteigenosse Höltermann in jener Rede zitiert, und er hat daran die Bemerkung geknüpft, Frank sei deswegen begeistert ins Feld gezogen, weil er schon an den „ersten Schlachten habe teitnehmen wollen, in denen die Fundamente des neuen Staates gelegt wurden". Und mm "ergab sich das groteske Schauspiel, daß die Rechte den Huden Frank gegen die „Verunglimpfung" durch die Linke verteidigt, daß der „Berliner Lokalanzeiger", das führende Organ der Harzburger Front, am 12. November so schreibt: ” „Dr. Frank ist der einzige sozialdemokratische Führer gewesen, der der Arbeiterschaft in den Krieg heiligster Pflicht, in den Krieg zur Verteidigung des Vaterlandes voranlnarschiert ist. Und es ist ungeheuer bezeichnend. wie verzerrt jetzt Parteigenossen darstellen. (Schluss des Artikels: ,,S3i;onalismus u~d Dcr.okratl?*’) in den Vordergrund geschoben, daß hier nicht nur ein juristisch:-, sondern darüber hinaus, vielleicht unerklärbar, aber erkennbar lebendiges und aus sich getragenes Sozialwesen vorliege. Ob dafür eine neue Begrisssbestinnmma geschossen wird, wie Smend es will, oder die allgemeine soziologische Gegebenheit als solche hiugenommen wird, wie Ehrlich es tut, ist völlig gleichgültig. Bor Jahren hörte ich bei H e i n s h e i m c r in Heidelberg Bank- und Börsenrccht. Hemsheimer besprach den Begriff der Bank, erklärte die einzelnen Ausgaben, den üblichen Geschäftsbetrieb nsw., und gab endlich eine sehr k::nstvolle Erklärung des Begviffts. Und als wir die wirklich wunderschöne Erklärung mit dem gewohnten Veifallsgetrampel quittierten, sagte der große Rechtskehrer lächelnd: Eigentlich ist das ganze, was ich Ihnen sagte, Unsinn. Man kann einfach nicht Lebenserscheinungen restlos in Begrisse unierbringen. Streichen Sie innerlich das eben Gehörte durch und nehmen Sie die folgende Definition: Eine Bank ist eben eine Bank! So geht cs hier. Es gibt nun einmal Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unserer Schulweisheit nicht restlos einordnen können. Und wer ..von Gott, der Welt und was sich drin bewegt" Erklärungen gibt, wird sich oft bei ehrlicher Betrachtung sagen müssen, daß der davon „soviel wie von Herrn Schwerdtleins Tod" gewußt hat. Aber die Unmöglichkeit einer klaren Zergliederung nimmt nicht die Möglichkeit einer rein visuellen Erkenntnis. Ter Staat ist elwn doch ein mehr als organisatorisches Gebilde, und das Volkstum (Staatsoolk) ist ein Gesamtkörper, mag er auch seinen Genealogen noch so viel Rätsel ausgeben. Und wenn wir die dein heutigen „Nationalismu' zugrundeliegende biologische Wurzel als unecht abgetan haben und uns nur mit der irgendwie begründeten, aber unbestreitbar lebendigen sozialen Erscheinung besauen, dann sehen wir plötzlich, daß da ein VolkANalionsftbegrift erwächst, der mit den undemokratischen Erscheinungsformen des Nationalismus nichts zu tun hat. Hier münden aber die Ideen Herzselds. Jeder Organismus hat Kräne, sonst nun; er zerfallen. Tas Volkstum ldie Nation') hat sicherlich Krästcguellen in sich ansgespeichert, deren ideelle Nutzbarmachung jedem Gutwollenden angelegen sein muß. Man mag sich darüber streiten, ob es nicht richtiger ist/in künftigen Jahrzehnten und Jahrhunderten diesen Sozialtörper in einen noch größeren und umfassenderen überzuleiten. Vorläufig haben wir mit ihm zu rechnen und wir alle müßten es ans tiefstem Kerzen begrüßen, wenn die im Grunde urdemokratische Idee Herzselds was ihn damals leitete . . Aehnlich ämzern sich zahlreiche andere Rechisblätrer.^ Eschpätte uns gefreut, sotch-e Worte von. dieser Seile früher und an anderer stelle zu hören. Im allgemeinen hat man sich — milde ge war — über die vaterläudisä e Haltung des dentscuen Judentums ausgeschwiegen. W-aenun diesen Streit um Worte selbst betrifft, jo wird man, o'ane in seiner nationalen Gesinnung verdächtigt zn werden, sagen dürfen, daß alle die, die Dir dar Kaisers Wort: „Ich kenne keine Parteien inerr, ich kenne nur noch Temsche", in den Augusttagen des Jahres 1914 freiwillig zur Farne eilten. es in dein Bewußtsein taten, nicht nur irre selbstverständliche vaterländische Pflicht zu ersiillen. sondern daß alle Ernsldenkenden mit dem Gefühl in die Schlacht zogen, mit ihrem Blut den Boden für ein freies Deutschland zu düngen, in dem das Kaiserwort tatsächlich auw luven werde. Ein Volk hatte sich damals geopfert. Ein Volk hosste auf die Früchte seiner Taien. Or. MH» SM8MEKMW In der Nacht zum 6. November d. I. wurden in der Synagoge in F r e y ft a d t in Ostpreußen neun Fensterscheiben ein geworfen. Die Polizei ist um die Ermittlung der Täter, von denen bisher jede Sp'.'.r fehlt, bemüht. C? 0 tt V 0 0 F » ' " * ' n f iw w/ jf« vt Mir Friedrich Barrels, dein Präsidenten des Preußischen Landtags, ist eine Persönlichkeit von der Bühne des öffentlichen Lebens dahingegangen, die in vollem Mlaße die heute so seltene Zivilcourage bemsi, auch gegen den Juderchaß und seine Auswirkungen auszutreten. Als der Eentralverein im Oktober 1924 eine große Kundgebung gegen die Friedhossschändnngen veranstaltete, sprach ae:ch ,Friedrich Bart e l s dort, und er rie^ zur Bildung einer Front aller enständigen Menschen ans: ..... Zur Verachtung und strengster Bestrafung solchen Rowdnrnms müssen alle Volksgenosien ausgernsin noerden. die noch Wert legen aus Achtung und Pietät, aus Sitte, Ehre und Wohlergehen des Volkes. Ich weiß, daß Sie in Ihrem Kampf die große Vkehrheit des deutschen Volkes aus Ihrer Seite haben." ... Wir haben die in::ere Hn.rersichr, daß diese Gewißheit, die Friedrich Bartels bekimdete, auch heute noch trotz aller Wahlergebnisie zutrisft. Wir werden das Andenken Friedrich Bartels' als eines gerecht denkenden und hochherzigen Menscheu in Ehren Halter:. sich durchsetzen könnte. Eine Gemeinschaft all derer, die diesem soziolvgischeu Begriff zugehören, eine ..geeinte Nation, die alle Volksgenossen umfassen s o l V, gerade dahin geht ja der Rn s d e r d e ut s ch e n Jugend li n d n i ch t z n letzt d e r j ü d r - s ch e n. Und wenn es inöglich wäre, einen Narionalismus dieser Art zn errichten, wir E. V.er müßten die ersten an der Baustelle sein. Wir brauchen uns aber tun diese Frage nicht in der kommenden Nummer der „E. V.-Zeitnng" anzugreifen, lieber Heinz Eohnl Denn diese Form des Nationalismus llegt^roie leider so viel Schönes, in Land Utopien, soweit noch weltansck>'.uliche Streitpunkte zu klären sind, haben sie wenig Anspruch aus Aktualität. Mir war es wesentlich darzulegen, daß die Unruhe, die der HerzieldscheFArtikel in vielen unserer Besten erloeckt hat, einem Mißverständnis entwachsen ist. Für die Jetztzeit aber gilt das Wort der Erwiderung. daß kein Jude mit dem deutschen ^Nationalismus liebäugeln darf, solange er nicht nur Träger der völkischen Idee, sondern auch Dannersührer des nnd-emokratischeu und im» Iil>eralen Staatsbegrisses bleibt. ' Koebt5aiwv2lt Dr. Rudolf Wertheimer, (Zweibrucken).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.