Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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520 Im Rampf gegen -is Wßttfchsftsmt /luf öer Hochschule Die soziale Struktur der jüdischen Kommilitonen und Komutilitoninneu au den deutscher Hoä'llchulen entspricht durwav.Z der der Emdemetchchast überhaupt. Der immer scharfer werdende Eristenzkampf ermöglicht nur noch wenigen, auf lange Sicht ein gellchertts dimn durchzuführen. Hinzukomuu.um noch die von Semester zu Semester jetzt schon sprichwörtlich gewordenen Gebührenerböhungen, die die ohnehin schon wirtschaftlich schwach Ce st eilten ganz ans der Bahn des normalen Studiums werfen müssen. Die soziale Struktur jüdischer Studenten und Studentinnen ist einmal durch ihre Herkunft bedingt. Bon hundert jüdischen Studenten und Studentinnen^an der Berliner Universität im verflossenen ^ommersemellcr waren annähernd 45 v. H. Kinder von Akademikern, Pnrlizisten. und Redakteuren, Aus Fa bri kaute u- und Großkausmaunskreiseu kamen 30 v. H. Angestellte und Arbeiter, deren Einkommen 30öa Reichsmark jährlich nicht übersteig:, stellen 12 v. H. 13 v. H. kommen aus Kleingemerbekreisen oder sind Kinder von Lehrern, Kultusbeamteu öden 3leutenempmngern. Diese Zahlen geben nur die Herkust lvieder, sagen aber noch nichts Entscheidendes über die wirtschaftliche Stellung der Betreffenden. Das Bild wird schon klarer, sieht man sich das Einkommen der Eltern und die Wechsel der Studierenden an. Unter diesen hundert Studenten sind sechs mit einem Monatswechsel über 200 Mark. Tie Söhne und Töchter von Akademikern mit einein Jahresdurchschnittseinkommen zwischen 6300 und 7500 Reichsmark beziehen einen Durchschnittsmonatswechsel von 100 bis 130 Reichsmark; von ihnen sind 20 v. H. Werksmdenlen, d. h. sie bestreiten im wesentlichen ihr Studium durch Nebenerwerb. Tie Söhne und Töchter der Kauslcute mit einem Fahresdurchschniltseinkonuuen von 3000 Reichsmark verfügen im Durchschnitt über einen Monatswechsel von 90 bis 1(0 Reichsmark, und 38 v. H. von ihnen sind Werkstudenten; 25 v. H. dieser hundert Studenten sind auf Stipendien und Nebenerwerb angewiesen, wenn sie an die Turchsührnng ihres Studiums denken wollen. Das wird noch deutlicher, wenn man hört, daß 23 0 Studierende sich um Betreuung an die Studenten Hilfe des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde für das kommende Wintersemester gewandt haben, womit die weit gröbere Zahl der von Privater Seite und Studienstiftnngen Unterstützten langst nicht ersaßt ist. Die wirtschaftliche Lage der von Unterstützungen bzw. Stipendien abhängigen Studierenden mutz notgedrungen immer schlechter werden. Tie von unken nachdrängendcu jungen Studenten, die ebenfalls auf Stipendien angewiesen sind, drohen den schon jetzt fast erschöpften Kassen den Rest zuchcben. Tie Zahl der Studenten, die auf Arbeit angewiesen ist, wird imer gröber; die Arbeit-Möglichkeit nimmt immer mehr ab. Die immer geringer werdende Aussicht, nach vollendetem Studium in einem Beruf nnterznkomw.en, nimmt den ökonomisch stark abhängigen ^Studenten jede Hollnnng ans die Zukunft. Sie bleiben lieber cruf der Universität, wo Hoffnung aus Freitisch und geringe Nnt-:rsiützttng sie vor dem Schliürmstcu bewahren kann, als vor einem Nichts zu slehcn. Ich führe nur an. daß sich im letzten Semester in Preußen 16 0(0 Studenten zum philologischen Staatseramen gemeldet haben, während der Staat nur 2000 bis 300-0 übernehmen kann. Daß es in der juristischen SLaatslausbahn oder gar in den freien akademischen . Berufen nicht viel besser aussieht, braucht nicht besonders betont zu werden. Rieben dieser unnatürlichen Verlängerung des Studiums: die Angst vor kein Wohin nach dem Fertia'ein, laust die natürliche: der Nebenerwerb. Hierdurch wird ein n e u e r T p p u s „Ewiger Student" geschmstu, der mit dein aus früheren Tagen nichts gemein har. Doppelte Tragik. Die Zeir der Ausbildung, die ihn aus der sozialen Abhängigkeit befreien soll, droh: für den sozial Abhängigen ein Dauerzustand zu werden. Trotz dein schaffen die in Frage kommenden Behörden, obgleich ihnen diese Tinge durchaus bekannt sind, keine grundlegende Amdernng. Die Mindcröenüllelten zahlen dieselben Gebühren wie Gut bemittelte. Ans Grund schwerer Fleißprüfungen kann ihnen nach eingehender Prüstmg halber bzw. ganzer Gebührenerlaß gewähr: werden. Während dll wirrschalllich Unabhängigen sorglos ihrem Studium nachgehen, sich auch in den Ferien gründlich erholen können, um dann frisch ins Staatsexamen zu gehen, kämpllm sich die Minder- und Unbemittelten von Semester zu Sem euer durch mehr oder minder schwere Fleißprüfungen durch nud stehen dann geistig und körperlich erschöpft vor der Prüfungskommission. Gerechte ^Sebührenstaslllung. auch Fortfall der Gebühren bei Minderoeminel:en sine eonditicne kann einen geringen sozialen Ausgleich schämen, kann mir dazu beitragen, das 'chon schwere Leben der wirtschaftlich schwachen Kommilitonen und Kommililoniuncn zu erleichtern, und mutz eine ernste Forderung sein, wenn nicht das ganze akademische Leben und damit auch das jüdisch-akademische gefährde: sein soll. Willy Weinberg, stu-i. mell. * Die Unterzeichneten jüdischen SiutScntcnorgaiilsationcn aller Hieb tun gen haben sich zusaminengefundcD. um mit der Unterstützung der jüdischen Gemeinde durch die Organisierung einer Selbsthilfe eine Rettungsaktion für das jüdische Akacemikertum dnrehzuführen. Wir wenden uns an die jüdische Öffentlichkeit: Helft uns mH in diesen Zeiten der furchtbaren Xot, das jüdische Akaclemikertam za erhalten! Es geht um die geistige Zukunft des Judentums! Durch genaue Prüfung in einzelnen Fachausschüssen wird Sorge getragen, dass nur begabte und würdige, besonders in höheren Semestern stehende Studenten unterstützt werden. Ucber 200 Anträge sind schon bei der Jüdischen Studentcshilfe eingelaufen, darunter von hochbegabten und allen Seiten em;fohlenen Studenten, die alle abgelehnt werden müssen, well keine Mittel mehr vorhanden sind. Darum helft, und helft raseli! Nachhilfestunden und andere Erwerbsmoglichkeiten meldet dern Jüdischen Arbeitsnachweis, Abteilung für Studenten, Lindenstrasse 48—30, Dönh. 307. Freitische meldet der Jüdischen Sludentenlilfe, Berlin C 2, Rosenstr. 2-4, Norden 67X1. Einzahlungen sind erbeten auf das Postscheckkonto: Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde Nr. 20040 mit Sondervcrmerk auf dem Postabschnitt: „Für Jüdische Studentenhilfelh Akademischer Verein für JüdBche Geschickte und Literatur (A. J. G. V.); Raehurim-Verein am Ralbinerseminar; Ilorerausschuss an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums: Kartell jüdischer Verbindungen (K. J. V.); Vereinigung jüdischer Akademiker; Vereinigung jüdischer Studenten an der Ifans^lshoch schule; A. J. G. V. ,.Fraucngruppe4i; Freie Jüdische Verbindung „Dablenila“, Jüd.-TheoL Verein (J. Th. V.); K. C. zu Berlin; Zionistische StudentinnenYcrhindung (ZBt). Verband jüdischer Studentenvereine E. V., Ortsgruppe Berlin. 3n ösr Kaufmannschaft 2lus sprach ca tcnd der Gesellschaft zur Förderung des Genossenschastögcdankens unter den Juden Die in ständigem ZuneHmcn begristeue Wirtschaftskrise erfordert wirksame uo.d schnelle Maßliahmeu zur Behebung und Linderung der Rot. Die beträchtlichen Leistungen aus den (Oebieleider Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik können bei weitem nicht allen denen zugute kommen, die sich infolge der unausgesetzt sinkenden Konjunktur und vor allem der schwierigen Kreditbeschaffung in wiruchaftlinwr Bedrängnis befinden. Hier mtltz die wir: schmauche Selbsthilfe, die Hilfe durch aeuosstullhastlichen Zusimnnenschlutz für den Mittelstand tatkräftig eiusetzou. Die augenblicklichen wirtschaftlichen Berhältuisse sind, wie Tr. d. e. Wilhelm Klee mann gelegentlich der Versammlung der Gesellschaft zur Förderung des Genotzensachstsgedanlerts unter den Juden in Deutschland am 29. £k tobe r mit Rachdruek hervorhob, in mancher Hinsicht dcu Zuständen um 1350 vergleichbar, als Schulze-Delitzsch die erste Kreditgenossenschaft in Deutschland ins Leben ries. Bei ihrem ausgeprägten Solioaritätsbenoutztseiu müsste eigentlich der Geno'stnschastsgedanke unter den Juden besonders guten Boden finden. Der Borkraa von Dr. Silberh der die Veränderungen der wirtschaftlichen Lage und des Aufbans der deutschen Juden seit wem Kriege in großen Zügen dartegte und einen kurzen Ueberbliek über Entwicklung, Ausgaben und Ziele des noch ganz jungen jüdischen Kredi - genossenschafrswesims gab. führte zu einer eingehenden, lebhasteu Aussprache. Besonders aufmerksame Beachtung und stärksten Beifall fanden die Ausführungen von Professor Georg Bernhard, der sich als berufener Sachkenner mit der Frage der Notwendigkeit jüdischer Genosseuschaftshilfe als einer Möglichkeit wirtschaftlichem Wiederaufbaues auseinaudersetzie. Tie jüdische Mittclstandssrage sei von der allgemeinen Mitlelstandssraw nicht zu trennen. Tie Gewährung von Mittelstaudskrediten begegne deshalb so großen Schwierigkeiten, weil^die Großbanken ^gezwungen seien, ihre Kapitalien an gewitzen Stellen zu „matzieren". Es gäbe deshalb keine andere Lösung, als den Mittelstand aus den Weg der Genossenschaft zu verweisen, um somit Krebstsähigkeit ohne Kapitalgrundlage zu schassen. Professor Bernhard bekannte sich grundsätzlich als Gegner jüdischer Een.ossenschaftsbankcn. Er vertrat die Auffassung, daß die deutschen Juden in erster Linie mit der modernert Eenvtzenschafksbrwegung und der Idee der Selbllhilfe besser vertraust gemacht, dadurch der Förderung des Gedankens nähergebracht und 3Rstglieder allgemeiner, religiös neutraler Kreditgenossenschaften werden sollten. Ten Anschluß an die Geschäfts- und Berujsgeuosseu zu finden, sei goraoe in einer Zeit notw-endig, in der die Hilfe der Familie in den meisten Fällest versage. Aber das Anschwelleu der autisemitifcAn Bewegung vor allem in den Großstädten führe notwendigerweise zur Gründung atlch jüdischer Kreditgenossenschallen. Der Zusammeuschlutz von Menschen in Genossenschäften sei als bedeutsamer Fatto r im Kamps um die Aufrecht' erhaltung bedrohter E x i st e n z c n des jüdischen M ittelstande s z u werten. Deshalb sollte jeder jüdische Werktätige und jeder jüdische Kaufmann, gleichgültig, ob er diese Einriobtung in Anspruch nehmen will oder nicht, die Pflicht in sich fühlen, einer solchen Kreditgenossenschaft bcizutreten. Ter Redner empfahl, jüdisclje Kreditgenctzenschaften in nur ganz geringer Zahl zu gründen und etwa in Form einer Zentralgonolfeitschast zusammenzuschlictzcn. Sie sollten auf solider geschäftlicher