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Central-Verein-Zeitung · 1931-11-06 · 45 (6.11.1931) · p. Seite 518

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
45 (6.11.1931)
Date
1931-11-06
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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51$ isS, vjm? LZL3LZÄ MM SS r§ In Eleiwitz fand kürzlich die soziologische Tagung des katholischen Akademiker- Verbandes statt. Tie „Ostdeutsche Morgenpost" gibt ausführliche Berichte über diese Tagung, an der Männer wie Oberpräsident Dr. L u k a s ch e k, Landeshauptmann Woschek, Generalkonsul Graf Adelmann, Prälat Ulihka u. a. m. teitnahmen. Bei einer einleitenden vertraulichen Aussprache über „Begriff und Praxis des Minderheitenrechtes" wurden Bilder ans der Praxis des Minderheitenschutzes gegeben, die die Tragödie der deutschen schule und die Bedeutung der deutschen ^eelsorge im polnischen Gebiet schilderten. Ter Führer cher de u t schn a t i o n a l e n Katholiken, Fabrilbesi tz e r Tr. Doms (Ratibor). Studienrat Tr. Iagla (Leobschütz), Gras P r a s ch m a, Oberregierungsrat Graf Mat lisch ka u. a. erläuterten die These „BolkSgem'einschast ist GesinnnngSgcmcinschast". Prälat Ulitzka erörterte an Harrd der deutschen Geschichte Oberschlesiens, wie die „Ostdeutsche Morgenpost" in Fettdruck hervorhebt, „doch die Gleichung Sprache — Nationalität für Ober säst essen grundfalsch ist und sür die Volkszugehörigkeit hier keine objektiven Merkmale gegeben seien und deutsch ist, wer deutsch fühlt und wer eben deutsch sein will". Diese Auslegung „deutsch ist, wer deutsch fühlt und lrer deutsch fein will" ohne Rücksicht auf die Muttersprache, ist, aus so stark Fmricnalem Munde von größter Bedeutung. Wagen doch Kreise des deutschen Volkes uns deutschen Juden, die wir deutsch fühlen, deutsch sein w o l l e » u n d a u tz e r d e m n o ch seit a l t e r s h e r deutsch s p r e ch e n , ja sogar bedeFiteride Förderer der deutschen Sprache zu d e n Unseren zählen, das Telltschtnui abzusprechen! Ben sehr großen: Interesse sür unsere Arbeit sind auch die Allssührungen, die Dornkapitular P r o s e s s o r T r. Schmidt (Wien) zu den: Thema „Tie Stellung der Religion zu Rasse und Volk" machte. Er ging davon aus, daß „die Rasse durch die Namr, das Volk durch die Kultur zustande kommt", verneinte die Behauptung, daß seelische Eigenschaften als Rajsceigeuschasten vererbt werden könnten und wies nach,' daß die Nassen bei aller Versehiedenartigkeit doch nur geringe Bariationen gegenüber der menschlichen Grundform darstellten. „Gr hob", so berichtet die „Ostdeutsche Morgenpost", „hervor, daß es eine absolute Wertigkeit einer einzelnen Raffe nicht gebe und daß auch die Führerrasseu, wenn sie nur herrschen und andere Nassen nicht hochkommen lassen, sich zugrunde richten. Gin Merkmal der Völker sei es, daß mehrere Rasten sich zusammensmdon und in dieser Bollsgeiueinschast auch der einzelne lvurzele. E i n h e it des Leben § ran in e?, 6 i n h e i t der Sprache und E i nh e i t der Geschichte seien die Grundlagen des Voltes..."' wegnng überhaupt abwendet, überläßt zugleich den Nationalsozialisten die alleinige Trägerschaft der nationalen Bewegung und läßt damit die konrpromittieren.de Verengung des Nationalismus geschehen. In allzu vielen Köpfen vollzieht sich leider ein solcher resignierender Vorgang, der folgenschwerer ist, als es viele sehen. Denn bei der gegenwärtigen politischen Situation, in der man immer mehr zu radikalen Entscheidungen gedrängt wird, wird jeder wirklich starke Neugestaltungswille — vor allem bei jungen Menschen — mehr oder minder konsequent in die Front des Kommunismus einschwcnken, wenn der nationalistische Weg — aus welchen Gründen immer — abgelehnt wird. Man mag zu diesen Dingen stehen wie man will, man mag im Sozialismus oder im Kommunismus den Weg sehen, den Deutschland gehen muß, — und wir sagten schon, daß die soziale Bewegung heute in Deutschland so groß ist. daß in ihr zweifellos eine der Zukunftsmöalichkeiten liegt, wie ja auch keine Bewegung in Deutschland den sozialen Gedanken wird außer acht lassen können —, aber anderseits darf man auch nicht den echten, gesunden Kern des Nationalismus verkennen. Wie jede große Idee leidet auch die nationale Idee unter Unverständnis und unter ihrer Verzerrung. Zudem wird sie allzu oft materiellen Interessen vorgespannt und damit schmählich kompromittiert. Es gilt, sich von all diesen Schlacken, durch die sich der Weg einer in sich gesunden Bewegung hindurchläutern muß, nicht beirren zu lassen und vor allein nicht diese Schlacken mit dem wirklichen Nationalismus der nationalen Idee zu identifizieren. Ter echte Naticnalisnms hat zutiefst eine erzieherische Ausgabe, er hat feine Forderungen zunächst weniger an andere als an sich selbst zu stellen, das heißt, er hat zu verlangen, daß jeder zunächst in sich den verantwortungsbewußten, nationalen Deutschen heranbildo, der an seiner Stelle das brauchbare Glied eines zukünftigen Deutschlands sein kann. In seinem Kern ist der Nationalismus eine wirklich Positive Bewegung, und wir sollten um ihrer Zukunstshoffnung willen rächt an der nationalen Bewegung Vorbeigehen. flnhaih NeckleubyrG Lonöorr Das deutsche Reichstagswahlrecht kennt keine Nachwahlen. Darum stellen die Länder- und Kommunalwahlen den Gradmesser für die Verschiebung im politischen Kräfteverhältnis d>er Parteien dar. Seit d^em 14. September 1930 sind viele derartige Wahlen allenthalben erfolgt; aber bei keiner zeichneten sich die Konturen kommender großer Wahlen so deutlich ab wie bei den Kommunalwahlen in Anhalt und in Mecklenburg: die Mi:te verschwindet, und die Schwerkraft der Stimmen gleitet immer rascher über die gemäßigteren Parteien der Rechten und Linken bis zu den äußersten radikalen Flügeln. In erster Linie verzeichnen die Nationalsozialisten Stimmen, und Mandatsgewinne. Niemand, auch kein nationalsozialistischer Agitator, wird behaupten, daß diese neuen Zehntallsende von Wählern die Partei ihrer judenfeindlichen Grundhaltung wegen gewählt hätten. Es wäre den Agitatoren selbst auch gar nicht gelungen, allein mit der judenfeindlichen Walze die Agitation durchzusühren. Hier liegen schwierigere Aufgaben, höhere Verantwortungen vor, und die Vermutung ist nicht unbegründet, daß die wiederholten Unterredungen, die Hitler mit hohen und höchsten Stellen im Reiche gehabt hat und wohl auch außerhalb den von der Prelle gemeldeten, ständig führt, seine eigene Einsicht in die ungeheuerlichen Schwierigkeiten der deutschen Gegenwart erhöht haben. Mit einer Handvoll Landsknechte und Desperados kann man eine Revolution niachen. Eine Partei, wie die N S T A P., jedoch, die Millionen aus den Schichten des städtischen und ländlicher: Mittelstandes und Bürgertums in ihren Reihen lt, kann man nicht bei der Fahne ten, indem man ihr Gewalttat,' 'Ausschreitungen. Mißhandlungen als letztes Ziel predigt. Der Landwirt weiß sehr gut, daß aus Barrikaden kein Korn wächst, und der Glaser weiß, das; auch tausend zertrümmerte Fensterscheiben ihm keinen Lohn einbringen, wen.:; der Ladenbesitzer das Geld nicht hat, ihm seine Arbeit zu bezahlen, Tie deutsche Presse bringt an auffallender Swlle schon seit Tagen Meldungen und Vermutungen fiter eine Kombi nassen, die Hitler o n der Berarnworiu'ig für die Geschicke des Reiches beteiligen soll. Wir kämpfen hier nicht für Parteien oder gegen Parteiprogramme, weder für Gutsnoch für Rechtspolitik. Wir kämpfen für die Rechte — heute muß man wohl Ggen für die Ausrechterhaltung der Rechte der deutschen Juden. Wir Posten und erkämpfen einen Zustand der deutschen Politik, bei denn das von den dentstchen Rechtsparteien so gelobte englische Beispiel übernommen in und auch der deutsche Jude polüssch dort stehen und dort arbeiten kann, wohin ihn äußerer Berin' und innere Neigung führen. Der Jude als Sozialist soll sozialistische Parteien fördern dürstm, ohne daß ihm der Ruf von: „jüdischen Marxismus" entgegenschallt, der jüdische Bürger liberaler Gesinnung soll eine Partei der Miste rvähsen können, und der Inden konservativer Grundhaltung eine konfervassve Partei. Wir erkämpfen eine Zeit, in der politische Wahlen uns nicht mehr zu beschäftigen brauchen, weil die Frage der Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger unabhängig von parlan:cntari[chen Rlehrheitsverhältnijjcit oder Regicrungskoalissonen und kein Gegenstand politischer Auseinandersetzungen mehr ist. In diesen Tagen hat sich in England bei der Parlamentswahl eine „legale" Revolution vollzogen. Tie Wählermassen haben in so überwältigendem Umfange nationalen Parteien, oder bester, dem Gedanken einer nationalen Regierung ihre Stimmen gegeben, daß eine völlige Umstellung der gesamten politischen Krästeverhalmine eingetreten ist. Niemand wird vom englischen Wähler behaupten, er habe mit seiner Stimmabgabe revolutionären Gedanken Ausdruck geben wollen. Seine Entscheidung ist vielmehr als Ausdruck des Wunsches der mir tau'enderlei Sorgen und Nöten Bedrückten nach Ruhe zu bezeichnen. Es klingt vielleicht parador, wenn man aus dieser Feststellung für deutsche Verhältnisse die Parallele ableitet und der Ansicht Ausdruck gibt, daß zahllose Menschen gegemoärtig dem Nationalsozialismus in Deutschland folgen, nicht um Revolution zu machen, sondern um auf neuen Wegen zur Ruhe zu kommen. Leider hört die Möglichkeit, Parallelen zwischeu England und Deutschland zu ziehen, schon mit diesem nur erfühlten Vergleich auf. Tenn die nationale englische Regierung, die von Blättern wie die .Krenz-Zeistmg" und von der nationalsozialistischen Presse mit Begeisterung begrüßt wurde, zählt jüdische Minister in ihrer Allste, und wenn ein Nationalsozialist oder ein Teutschnationaler die deutsche Außenpolitik vcrträte, müßte er mit Lord Neading verhandeln, den sie vor gar nicht langer Zeit noch als Sir Rufus Jsaacs beschimpft haben. Und bei Staatsbesuchen würde möglicherweise auch Sir Herbert Samuel als englischer Minister erscheinen. Es ist bisher immer noch nicht durch die so leicht schreitenden und redenden Führer des Nationalsozialismus erläutert worden, warum sie Auseinandersetzungen in Teusschlanö für notwendig halten, die in Ländern von machtvoller Stellung im internationalen Leben, wie England, Frankreich und Italien, seit Jahrzehnten überflüssig sind, nämlich, daß die nationale Gesinnung und die Wertigkeit als Staatsbürger unabhängig ist von Abstammung. Glaube. Stand. Es ist sicherlich genauerer Untersuchungen wert, ob nicht der Umsang judenseindlich-er Empfindungen und Belangung innerhalb eines Volkes ein Gradmesser ist, wie weit zurück es noch auf dem Wege zum Ziele ist, sich zur Nation zu formen. Denn ein Staat, in de^en Organismus an irgendeiner Stelle nrcnsckp liche Grundrechte gebeugt werden, muß von dieser Stelle aus in Zersetzung geraten.

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