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Central-Verein-Zeitung · 1931-11-06 · 45 (6.11.1931) · p. Seite 517

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
45 (6.11.1931)
Date
1931-11-06
Page
Seite 517 (sequence 1)
Language
German
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Scrlin, H. November 1951 X. Jahrgang * Nr. 45 Einzelnummer 20 Pfennig c" 'J Mn Ar.!MZ ß:rml2 Tic politische Lage der Gegenwart ist durch das Uebergewicht tiefgehender Ttrömungen im Tolle, in denen sich teils revolutionär, teilreformistisch der Wille zu einer Neuformung der staatlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhöltmsse kundgibt, charakterisiert. Mir Necht hat man diese Ttrömungen. da. sie ein elementares und dynamisches Geschehen sind, Bewegungen genannt. Im Lesin der .Bewegung" liegt ihr mitreißender, aktiv istischer Zug, liegt ihre Kraft und Unentrinnbarkeit, liegt aber auch ihre fast notwendige Formlosigkeit: das schillernde, Vage und Wechselnde ihrer Genalt. To ist es ohne weiteres erklärlich, daß die beide:: großen Beweg'.woeu unserer Zerr — denn mir der Tozialismu? und d-er lllationalismus verdienen den Namen „Bewegung* —, daß diese Bewegungen Partei ü bergreisend sind, daß ihr Elan in dieser oder jener Form in fast allen deutschen Parteien durchbricht, so daß sie heute das politische Leben Tcutfchlande in immer stärkeiem Maße bestimmen. Vewegungep. sind stets aus historistch-schicksalwaften Notwendigkeiten criiudjfen. Tie sammeln sich lange Zeit unterirdisch, werden durch Zenumstäude gespeist und stoßen schließlich uni: eleiuentarer Wucht hervor. Immer also sind sie notwendig. gewisseruo.aßen organische Prozeße. nie „gemacht"--wie sich der Gegner allzugern vortätischeu möchte. — Ter Ursprung und die Notwendigkeit der sozialen Bewegung ist heute fast allen so klar und felöllverständlich geworden, daß man darüber im Prinzip kaum mehr ein Wort verliert, um sich allerdings um so schärfer hinsichtlich Art und Tempo der Verwirklichung sozialer Forderungen zu scheiden, ja mit absoluter Gegnerschaft zu bekämpfen. Anders steht es bei der nationalen Bewegung in Teurschland. Ihr Prin.zip v: durch eine Verzerrung ihres Wesens so sehr von Vorurteilen und Unklarheiten getrübt, daß der Nationalist ums heute noch — während er schon durch den Willen von Millionen deutscher Menschen cmpor- Gtrag.m wird - von vielen prinzipiell abgAchut wird. Und au dieser Ablehnung antert nichts, daß man heute den Ursprung des Nationalismus als ebenso notwendig erkennen uwß wie den Ursprung des Tozialismus. Tie Teniütignngeu. die das deutsche Volk nach seiner Niederlage erdulden mußte, die Unentschiedenheit und Zerrissenheit sicher inneren Lage, die katastrophale Uneinigkeit seines politischen Willens lind eine psychologisch oft verkehrte Führung, alles das waren die Quellen, ans denen die Tehnsucht noch der geeinten, gefestigten, starken Nation, und damit der Nationalismus, gespeist wurde. Ter Nationalismus erwuchs mit geschichtlicher Notnoendigkeit, und es ist falsch, ja unklug, ihn als Täuschungsmanöver der Neaktion oder des Kapitalismus hinzustellen. Mit solcher Meinung verkennt man sowohl das Wesen wie die innere Tchlagkraft des deutschen Nationalismns, der im Kern keine Attrappe, sou.dern eine goftmde Bewegung ist. Tenn was ist der Kern des Nationalismus, dem er seine eigentliche, tieswhend-e Tchwungfraft verdankt und um dessentwillen er heute eine Macht in Deutschland ist? Es ist der Urwuusch nach der im Innern solidarisch geeinten und nach außen geschloffen austretenden Volksgemeinschaft, es ist der Urwunsch, daß Deutschland endlich in schwerster Zeit zur Nation werde. Ist erst einmal — so formuliert der Nationalismus — die geeinte Volksgemeinschaft vorhanden, dann hat uian das Fundament für die Neugestaltung des Deutschen Reichst die geeinte Nation wird organisch die sozialen und wirtschastlimen Tchwierigkeiten mciftcrn, weil sie ein solcher Gemeinschastskörper sein muß. der im Willen einheitlich und im Handeln solidarisch ist. Tie wahrhaften Nationalisten halten diesen nationalen Kcrngedanken für d-en schlechthin konstruktiv'wn Gedanken unserer Zeit, weil er — so viele Faktoren ihn auch gegenwärtig bis zur Aussichtslosigkeit hemmen — dennoch die Elemente des Ansbaus eines Deutschland? in sich enthält,,das ohne Verlust seiner reichen kulturellen und wirtschaftlichen Gliederung eine gerechte Neuordnung nach innen und ein starkes Telbftbewußtsein nach außen schasst. Tie Berechtigung des Nationalismus auf Grund des idealen Tchwunges seiner Kernidee wird nur der leugnen, der jeden Nationalismus überhaupt prinzipiell ablehnt. Darüber hinaus muffen wir aber seststelleu, daß außer diesen prinzipiellen Gegnern auch Prinzipiell Wohlmeinende dem deutschen Nationalismus skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen, und zwar aus Grund.'::, die weniger in seinem Weftn als in seiner gegemvärtigeu, hauptsächlichen Erscheinungsform zu suchen sind. Wir wissen: was d-en. Nationalismus in Deutschland so strittig und vor allem für die deutschen Juden so überaus belastend macht, das ist seine auf breiter Front rellzogene völkische- Radikalisierung. Indem men den großen Gedanken der Volkegemeinschaft in den kleinlichen Nahmen einer Nasse oder ein.es voreingenommen gedachten Volkstums mit einer teils kühl-ablehnenden, teils pöbechast-demagogischen Spitze gegen Menschen jüdischer Abstammung preßte, verengte inan zugleich den Nationalismus in lärunender Unduldsamkeit zu einer ebenso romamiwhen wie fanatischen Angelegenheit völkischer Ideologien. Tieft Form von Nationalisnms wurde im Nationalsozialismus Partei und nahm, durch Zeitumstände und Mangel au schlagkräftigen Gegenbewegungen nationaler Art begünüigk, ihren unerhörten Ausstieg. Und so kam es. daß der Nationalismus so sehr mit völkisch-antisemitischem Gift geimpft wurde, daß dieses heute fast wie ein fester Bestandteil des deutschen Nationalismus erscheint. To schwierig dadurch die Tituation gegenüber dem Nationalismus geworden iß, münen wir uns dennoch darüber klar sein, daß diese völkische Wendung keine notwendige Konseguenz eines jeden Nationalismus ist, daß sie vielmehr eine tragische Verirrung von dem Kerugedanken der Volksgemeinschaft darftcllt, indem sie den Volksbegrifs in einer geradezu atavistisch-primitiven Weise aus eine sehr zweifelhaft gewordene Blutgemeinschast gründet. Als ob man mit dieser Urform einer Gemeinschaft die reichgegliederten Formen einer jahrtausendalten, schicksalsreichen Kultur, wie sie die deutsche ist. einsangen könnte. Ter Nationalismus eines Kulturvolks braucht die Volksgemeinschaft ganz und gar nicht ans so urtümliche Weise zu gründen, denn eine Volksgemeinschaft hoher Kulturvölker (man betrachte den Nationalismus in England und Italien) beruht auf dem höheren Fundament des gemeinsamen Tchicksals, des einheitlichen Willens zur Zukuustsgestaltung und in der irrational wurzelnden Vaterlandsliebe. Jeder und auch jeder nationalgesinnte jüdische Deutsche, der das Wesen des Nationalismus in einer von solchem Erleben erfüllten Gemeinschaft steht, darf sich nicht von der völkischen Verdunkelung de? nationalen Gedankens beirren lassen, einer im Endziel als richtig erkannten nationalen Bewegung zu folgen — um Deutsch.- lan.d? willen, da? o? durch die nationale Läuterung zu reformieren gilt. Denn noch über eines muß sich ein solcher Mensch klar sein: Die nationale Venoegung in Deutschland zieht im Grunde noch immer ihre Kraft aus dem echten Kernged.mken der geeinten 'Nation, die a l l e B olksgenossen in der gemeinsamen Arbeir au Deutschlands Gestaltung umfassen soll. mod insofern ist die nationale Bewegung zutiefst parteifrei, wenn sie auch bisher ihre äußere Organisation immer mehr im Nationalsozialismus fand. Dennoch: die nationale Bewegung ist bi-eher keineswegs „mit -Haut und Haaren" im Nationalsozialismus ausgegangen/ Jeder aber, der sich, abgestoßen vom Antisemitismus der Nationalsozialisten, von der nationalen Be-

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