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Central-Verein-Zeitung · 1931-10-16 · 42 (16.10.1931) · p. Seite 493

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
42 (16.10.1931)
Date
1931-10-16
Page
Seite 493 (sequence 5)
Language
German
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DmMHsMWO yss CeoimDöWMS 18. Oktober, dem gleichen T-ag^, an dem Kaiser Friedrich das Licht der Welt erblickte, wurde m dem kleinen Anhalt-Bernburgsthon Dtädtchen Groß-Mühlingen Diegmnnd Bendir geboren. der Lohn des .Kaufmanns Lazarus Bendir. Damals war Anhalt noch in drei Herzogtümer aufgeteilt: an ein einiges Deutschland war noch nicht zu denken. 100 Jahre sind seitdem vergangen, und der Mann, der damals geboren wurde und jetzt, umgeben von Kindern, Enkeln und Urenkeln, seinen 100. Geburtstag feiern kann, hat ein Diück deutscher Heimatgestchichte erlebt, die über Einigung und glänzenden Ausstieg, über Kriege, Friedensschlüsse und Revolution, über Inflation und Dellation zur bei;Ligen politischen und wirtschaftlichen Krise sührte. Dieser Mann ist kein Politiker, aber er hat als Kaufmann und g'uter deutscher Bürger all die Entwioklungen miterlebt. die für uns andere zum großen Teil Geschichte sind. Und wenn er heute, kaum gebeugt von den Jahren, mit bewunderswerter ge in iger Elastizität von seinem Leben erzählt, so wird dem Zuhörer erst klar, wie jung die Geschichte des deutschen Zusammenschlusses und wie einschneidend die Entwicklung der Technik in das Einzelleben ist. „Drei Herzoge von Anhalt", so plaudere Diegmund Bendir, „habe ich gelaunt, den Herzog von Köthen, von Bernburg und' von Dessau. Ewoß- Mühlingen war nur ein kleiner Flecken. Es hatte nicht einmal eine eigene Gerichtsbarkeit sondern nur einmal im Monat kam eine Gerichtskommifsion aus Bernburg und nahm die Gerichtsanträge auf. Wir hatten einen jüdischen Lehrer, denn mein Großvater" — und damit erzählt uns der Jubilar ein aufschlußreiches Dtück jüdisch-deutscher Oeimatgeschichw — ..hatte eine Dynagoge in Groß-Mühlingen bauen lassen. 16 bis 18 jüdische Familien gab es damals in meinem Heimatsort. Die waren durch den Zuzug aus auswärtigen Gemeinden entstanden. Kaiser Adolf von Nassau hatte nämlich durch einen Erlaß dem Grasen von Mühlingen die Inden von Barbh als Beftenerungsobjolt überwiesen, denn der Graf von Mühlingen hatte dem Kaiser Adolf ein Darlehen gegeben, das dieser nicht zurück zahlen konnte. Die Gemeinde blühte von Jahr zu Jahr mehr auf. Mein Baker hatte ein gutgehende? Waren- und Bankgeschäft, und mir 11 Jahren trat ich als Lehrling dort ein. Ich habe eine gute Lehre gehabt, und da mein Baker sehr mit mir zufrieden war, überließ er mir schon in meinem 16. Lebensjahre alte schrisrlichen Arbeiten. Damals mußte man noch gut rechnen können. All diese Dachen waren damals schwerer als heute. Aber das hatte ich gut gelernt, denn ich hatte neben der Dchule auch noch Privatunterricht, und habe zum Beispiel auch Latein gelernt. Irgendwelchen Antisemitismus gab cs dort nicht. Die christlicher: Kinder ginger: häufig mit zum jüdischen Lehrer und später, als die Gemeinde kleiner wurde und sich keinen jüdischen Lehrer wehr halten konnte, gingen auch die jüdischen -Ttinbcr zum christlichen Lehrer. Als ich 20 Jahre alt war. schickte mich mein Vater schon allein zu den Messen nach Leipzig, 5 rankfurt a. d. O. und Brau n s cfj w erg: bas Geschäft und die Gemeinde blühten weiter, brs die Eisenbahnen kamen. Die mach nur das Geschästs.'eben irr den kleinen Orten tot, denn nun fuhr die Kundfmast in die größeren Dtädte zum. Einkauf. Ich hatte mich 1559 mit Therese GisgWMh DsadiZ wich UVV Ishrs elf teils als Nachname. Do hieß der Großvater des jetzigen Jubilars, der 1776 die Dynagoge in Groß-Mühlingen errichten ließ, Bendir Eohraim. Dein Dohn, der Baker von Diegmnnd Bendir, nannte sich dann Lazarus Bendir. Die Löhne von Diegmund Bendir Hallen alle Töchter; erst vor sieben Jahren wurde ein Enkel'vhn geboren, der nun in dieser Generation der einzige Träger des Familiennamens in. Es ist der Dohn von Ludwig Bendir in New Dort, der in seinem Kinderzimmer im neuen Weltteil dieselbe Uhr schlagen hört, die modern Zimmer in Groß-Mühlingen schlug, als Liegmund Bendir geboren wurde. Wir beglückwünschen Diegmund Bendix und seine Familie auf das innigste zu feinem Geburtstage und wünschen ihm, daß er in seinem Lebensabend, den er, umwogt und gepflegt, bei seiner jüngsten Tochter Frau G o l d s ch m i d t und deren Gatten in Berlin verlebt, noch einmal Deutschlands Blüte scheu möge. Dr. Margarete Edelheim. D.i in c n ans Ersleben . einer Enletwchter der bekannten Familie Ah l seid in Bcrnburg. verheiratet und habe sechs Kinder ans dieser ersten Ehe. 1870 heiratete ich dann, da meine erste Frau gestorben war, noch einmal und hatte wieder drei Kinder. 3SS3 übernahm mein ältester Dchwicgersohn das Geschäft in Groß-Mühlingen und ich selbst zog nach M agdeburg und zehn Jahre später nach B e r l i n. In Magdeburg betätigte ich mich noch gechästlich und das Groß- Mühlingener Gescheut existiert noch heute. Eine jüdische Gemeinde gibt es heute in Groß-Mülstingen nicht mehr. Es leben wohl überhaupt leine Juden mehr dort. Denn sie alle mußten wegziehen, als die Eisenbahn das geschäftliche Leben in Groß-Mühlingen, wie in allen diesen kleinen Orten, zerstört hatte. Meine Dohne haben viel Erfolg im Leben gehabt. Es sind der bekannte Berliner Kinderarzt Gehe i m r a t Professor Bernhard B e n - d i x und die Bankiers Fritz Bendir in Berlin und Ludwig Bendir iu New Jork. Auch meine Töchter und Enkel, die nun zum Teil selbst schon wieder Kinder haben, sind die Freude meines Alters. Asti: meiner zweiten Fracr. No salre geborene Löwen stein, konnte ich vor elf Jahren die goldene Hochzeit feiern" und dabei zeigte der alte Herr das Bild dieses Festes, das Bild einer harmonischen und glücklichen deutsch-jüdischen Familie. „Dem Eeutralverein, dessen Zeitung ich mir regelmäßig vorlllcn lasse", fuhr er fort, „gehöre ich feit feiner Begründung an. Al ein BeLLer, der leider irr: vorigen Jahre verstorbene, so hervorragende Mitbegründer des Eeniraloererns. Geheimrat Otto W i e s e n t h a l. und der Baker meiner Dck'wreger tollster, Geheimrat Ehre n - h ans, haben mich damals für die E. B.-Jdee gewonnen. Daß auch meine Kinder treue Freunde des Eentralvcreins sitrd, ist selbstverständlich.^ Interessante Anmerkungen ztt der Geschichte der Familie Bendir und zu der Entstehung des Namens machte uns noch der Dohn des Jubilars, Ludwig B e u d i x. 1068 heiratete ein Vorfahre, der in Barby leMc, eine geborene Bendir ans L a u d s b e r g a. d. W. Deudeur kam der Narne Bendir immer wieder in der Familie vor, teils, als. Bmruame, KrNULArrcuAeOSWSrr r <v t a ■ * \<*, ft che V, 'N * ' ft Ä 5 ** A Vom 8. bis 10. Oktober tagte in Leipzig die Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine, jene größte und repräsentativste Organisationen deutscher Frauen-Berufs- und Fachoerbände, aus deren Boden nch Frauen aller Religionen und verschiedenster Parteien treffen. Bei den Beratungen über die Berussnot der Frauen und besonders der stark in die Berm'e hineindrängenden Jugend sowie bei der wichtigen Frage, wie die Frauen eine einheitliche Volks Meinung für die Genfer Abrüstungskonferenz in Deutschland schaffen und zum Ausdruck bringen können, zeigte sich bei allen Bellchiedonheiren der parteipolirischen Dtellung im einzelnen eine Geschlossenheit und Einigkeit, die erschütternd und erhebend war. Die Boi sitzende Emma En der und der Oberbürgermeister der Dtadt Leipzig, Dr. G ö r d e l e r, bezeichneten diese Einigkeit der Frauen in einer deutschen Dchicksalssrago mit Recht als beispielhaft und vorbildlich auch für die deutschen Männer und sprachen den Wunsch aus. baß auch diese in solchen Fragen lernen sollten, den Parteihaß zu Gegraben. Tie Mitarbeit deutscher Jüdinnen in dem Bunde deutscher Frauenvereine ist von jeher ein unantastbares und selbstverständliches Recht gewesen. In den verschiedenen Ansprachen bei Begrüßungen und Empfangen wurde der unvergeßlickjen Mitarbeit von Henriette Goldschmidt gedacht, der Leipzig das Dozialpädagogische Frauen sominar verdank:. Auch Rabbiner Dr. Felix Goldmann, der nach den Bertretern der Behörden und der evangelischen Kirche bei der offiziellen Begrüßung des Bundes das Wort nahm, erinnerte an die Tätigkeit dieser Frau, die, Gattin des damaliger: Gemllnd-erabbmers, Dymbol der Berlnüpstmg bewußten Judentums und deutscher Heimat liebe gewesen ist. Ihr Name lebt fort in Verbindung mit dem Andenken an Luise Ollo Peters und Auguste Dchmidt, deren Nus zur Gründung eines Frauenvereins und deren Führerschaft gleichfalls von Leipzig aus erging. Aber nicht nur vergangener Mitarbeit jüdischer Frauen wurde gedacht, sondern auch gegenwärtige wunden geehrt. Alice B c n s h c i in e r aus Mannheim, die 26 Jahre lang Dchrist-

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