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Central-Verein-Zeitung · 1931-10-16 · 42 (16.10.1931) · p. Seite 490

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
42 (16.10.1931)
Date
1931-10-16
Page
Seite 490 (sequence 2)
Language
German
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Kaiser Friedrich; geboren am 18. Oktober 1831; sagte: DerAntisemiiismus, eine Schmach für Deutschland Von D r. Ernst Feder Als Kaiser Friedrich im März 1S53 nacn dem Tode des einnndnennzigjährigen Vaters aus der Wärme und den: Glanz der Riviera in den eisigen Winter der Heimat zurückkehrte, empfing ihn aus dem Bahnhof in München der preußische Gesandte Gras Eulenburg. Enlcnbnrg notiert: „Rcvch einmal grüßte der Kaiser hinaus, dann stand er hinter^ den rauchaestchmärzten Fenstern wie ein Schattenbild — w e;;!sch;oand er meinen Blicken." So sieht Kaiser Friedrich auch in der deutschen Geschichte wie ein Schattenbild. 57 Fahre war erhalt, als er endlich Zur Kaiserwürde bernstn wurde. Jahrzehntelang hatte er sich, zusammen mit der gleichgesinnten und hrchgestinunten Frau, der klugen und leiden'chastlichen Tochter der Königin Viktoria von England, ans seinen Beruf vorbereitet. Liberal ans eigener Ueberzengnng, in dieser Ueberzengnng bestärkt und vertieft durch Mutter und Gattin, stand er von Anfang an in schrofter Opposition zu dem konservativ-reaktionären Regiment in Preußen. In den 60er Jahren gab er -einem Widerspruch gegen die die Pressefreiheit knebelnden Ordonnanzen noch offenen Ausdruck. Tann verstummte er, von Bismarck der Politik serngehalten und jedes Einflusses beraubt. Ten eigenen Kriegsrnhm schätzte der „Sieger von Worth" nicht hoch. Er wußte, daß nicht er, sondern sein Generalsiabsches von Blnmenthal für die ihm zugeschriebenen Ersolge verantwortlich war. Als die Heerführer nach der siegreichen Beendigung des Krieges mit Torasionen bedacht werden sollten, wollte der Kronprinz nicht berücksichtigt werden: es sei schon chlimm genug, daß die Prinzen den Generälen sie höheren Kommandostellen und den Ruhm wegnähmen. Im Gegensatz zu seinem Vater, der König von Preußen bleiben wollte und dem der Titel des Teutschen Kaisers nichts sagte („Was soll mir der EharaktermajorG), flammte er von Anfang an in Begeisterung für Tennchlands Einigung, stand Bismarck in seinen Bemühungen gegenüber Wilhelm I. bei, beklagte den langsamen Fortschritt der Verhandlungen und die Mängel und Unzulänglichkeiten der vollzogenen Einigung. Er gelobte sich, wie sein Kriegstagebuch ergibt, dereinst anr freiheitlichen Ausbau der ans den französischen Schlnchtstsidern errungenen Neichseinheit zu schaffen. In der liberalen Aera der siebziger Jahre, in der Bismarck der nationalliberalen Partei Zunächst noch freie Hand ließ, suhlte auch Kronprinz Friedrich Wilhelm sich einigermaßen wohl. Als Bismarck den Bruch mit denn Liberalismus vollzog, trat auch der Kronprinz wieder in srill- Ickrsxrun^ 1835 TöcMBrausslsusr-YenK'üeriEöeii. schweigende Opposition. Er knüpfte Verbindungen mit den liberalen Führern an: mit j)l fli von Forckenbeck, Franz von S t ach fsenberg. Lud vo i g B a m b e r g e r. Als Eduard Laster Anfang 1S84 in Rew Hort, aus einer Besuchsreise zu seine;» nach Amerika ansgewanderren Bruder, gestorben rvar, sprach das a m c r i f a n i s ch e Rep r ü s e n -- taut e n h a u s dem Teutschen Reichstag sein Beileid zum Verlust des hochverdienten Bkanu.es aus. Bismarck, dem der amerikanische Gesandte diese Adresse zur Weirerleitnng an den Reichstag übergab, wies dies Ansinnen zurück — wie durfte ein fremdes Parlament seinen innenpolitischen Gegner ehren! Als dann in der Singakademie die Gedächtnisfeier abgehackter; wurde, die nch durch Bambergers große Rede zu einer der crgreiseüdsten Totenehrungen gestaltete, fehlte ans Bismarcks Geheiß die gesamte offizielle Welt — narr über der Eingangstür hing ein großer Kranz, vom Kronnrinzenpaar gesandt. Im Anschluß an diese Feier lud der Kronprinz Bamberger zu sich und hatte mit ihm ein entstund iges aufschlußreiches Gespräch, in den; er freilich der resignierten Stimmung Ausdruck gab, daß er zu spät zur Herrschaft kommen würde. Mit großer Spannung verfolgte er die Entwicklung der liberale:: Bewegung. Als Forckcnbeck in einer Massenkundgebung im Zoologischen Garten zur Gründung der großen liberalen Partei anfries, sagte er ihn;: „I h r e r Rede habe i ch z n g e j n beltsi Sorgfältig beobachtete er die liberalen Parteien und ihre Führer, schmerzlich enttäuscht, als die Vertrauten, aus deren einstige Mithilfe er gerechnet hatte, einer nach den; andern vor ihm starben. Tie Kaiserin Friedrich hat an einer stelle ihrer Tagebücher, die in England ausbewahrt werden, verzeichnet, daß Kaiwr Friedrich an ein Kabinett mit F o r ck e n b e ck als Innen-;n i n i st e r, Schräder als Eisenbahnm i n i st e r, 'L a m b e r g e r als Finanzm i;i i ft c r gedacht hat. Es kan; nichts zur Ausführung. Anfang 1887 war der Kronprinz von einer rätselhaften Heiserkeit befallen worden. Als einfache Mittel gegen den vermeintlichen Katarrh nichts halsen, wurde der Berliner Spezialist Gerhardt hinzngezogen, der oje im Kehlkopf entstehenden Renbildnnaen mit Glnhdraht zu zerstören suchte. Tas Leiden verschlimmerte sich. Eine Konsultation der hervorragendsten deutschen Acrzte am IG Mai ergab die Tiagnose: K e h l i o p s l r c b s. Ter berühmte Chirurg Geheimrat von Berg n; a n n schlug die sreilich lebensgefährliche Operation vor.' Tie Kronprinzessin war sogleich einverstanden und half an den Vorbereitungen;nit. Ter Kronprinz wurde über den Charakter des Leidens und die Natur der Operation vorläufig nicht aufgeklärt. Ta erhob, Bismarck Einspruch, Ans seine Anregung w'urde eine Liste der hervorragendsten ausländischen Autor;-äten zusanunengestellt. Tie Wahl der deutschen Aerzte fiel ans den berühmten englischen Laryngoloaen M o r e l l Bi a ck e n z i e. Böswillige Legende ist die Behauptung, daß die Kronprinzessin ans politischen Gründen zur Perhinderung der Operation die Berufung des englischen Arztes veranlaßt habe. Tatsächlich sagte Bismarck der Kronprinzessin, seine Fra;; ernp fehle ihr, die Operation nicht znzutasftn, worauf die Kronprinzessin erwiderte, man müsse sich der Entscheidung der Aerzte beugen. Mackenzie riet von der Operation ab. zumal Birchow in abgerissenen Stücken keine Spur krebsartiger Erkrankung fand. Erst im Roden; b er 1887 rnnßte auch der englische Arzt das Porhandensein des Karzinoms zugeber;, nnt> der Mann, der am 11. März in den mühsam geheizten Zimmern des Charlottenburger Schlosses eintraf, war, trotz aller Schwankungen des ratfiv hasten Leidens, ein zun; Sterben kranker Mann. Bon seiner Frau nnterftützt, die die entsetzt icln Bangigkeit und Verzweiflung in immer erneutem Optimismus erstickte, hat er 99 Tage lang mit heldenhafter Geduld die Regiernngsgeschähe besorgt. Rieht zu denken war an die Erfüllung des dem Kaiserpaar gemeinsamen Ideals: den preußischen Militärstnat in einen moder-nen Verfassnngsstaat nnnzmoandeln. Rick: zu denken an irgendeine eingreifende Aenderuna. ^ie standen fast isoliert. Bismarck beherrschte den ganzer; Beamtenapvarat und den größten Teil der Presse. Eine Berlemndungskainpagu.e sondergleichen wurde gegen die Kaiserin und damit zugleich gegen den Kaiser eröffnet. Gern hätte der .Kaiser den Howrediger Llocker entfernt. Bismarck behandelte die Sache dilatoriseb, so daß dem Hofprediger nichts geschah. Ricln etvoa weil Bismarck gegen die Enckernnna Stöckers etwas einznwenden batte, sondern weil er den Sturz Stöckers durch den liberalen Kaiser als ein Provisorium ansah, das mir der Wiedereinsetzung des Gestürzten durch den Thronnachfolger geführt hätte. Aber doch hat Kaiser Friedrich durch einige Handlungen seiner kurzen Regiernngszeit ein charakteristisches Gepräge gegeben. Rach langen.: Widerstreben Unterzeichnete er zwar das preußische Gesetz über die Verlängerung der Legislaturperiode, das er mißbilligte, weil er in ihneine Beeinträchtigung der Wählerrechte sah. Aber er sandte zugleich dem reaktionären Innenminister Pnttkamer ein Handschreiben, das die behördlichen Walftbeeinslimnngen tadelte. Als Pnttkamer sich zu rechtfertigen suchte, wurde der Tadel in einem zweiten kaiserlichen Handschreiben, acht Tage vor Friedrichs Tod, wiederholt. Tas zwang den Minister zum Rnckrritt. An dieser Entwickln:;g war Lud w i g B a m - b e r g e r beteiligt. Bamberger war, was bisher nicht bekannt geworden ist, während der 99 Tage politischer Ratgeber des Kaiferpaars. Er hat niemals während dieser Zeit den Kaiser oder die Kaiserin gesprochen. Tie Verbindung wurde dtirch eine Freundin der Kaiserin, die Baronin von S t o ck m a r , bergestellt. Sie wohnte in der BiktoriastraZe, Bamberger in der Margaretenstraße. co ging der Briefwechsel, in dem Ramen sorgfältig vermieden wurden, unter der Anrede „Lieber Ruchbar" und „Liebe Rachbarin" hin m;d her. Zn allen politischen Fragen, die anstanchten, dem Battenbcrger Heiratsprojekt, der Frage der LrdensansZeichnungen, der Affäre Pnttkamer, hat Bamberger in vornetpner Zurückhaltung kluge, wohlerwogene, zur Verständigung mahnende, die Gesmntinteressen berücksichtigende Ratschläge erteilt. Wein; die Tagebnchanszeichnnngen. die Barnberger hinterlassen hat, veröffentlicht werden, wird das Märchen von der „dentsch-sreisinnigen Kamarilla", die den „willenlosen Kaiser" für ihre Partei zwecke „mißbrauchen." wollte, gründlich zerstört werden. An; 15. Inn; fcnfic sich die Kaisersahne über den; Mittelporlal des Renen Valais. Ter Traun; von; liberalen Kaisertum war ansgeträumt Hnsarenpiketts sprengten in; Karriere heran. Alle Ausgänge und Tore wurden militärisch be setzt. Tas Schloß glich einen; Heerlager. Ter neue Herr nahin seine Rechte in Besitz. Kaiser Friedrich stand da wie ein Schätzen. Was ihn auszeichnete, war vor altem das R e ch t s g e f ü h l, die oft ausgesprochene Ueberzengnng, daß gleiches Recht füralte zu gelten habe. Es ick verständlich, daß diese Grundanschauung den Fürsten zu einer scharfen Ablehnung des Anti-

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