Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 42 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- Seite 489 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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£0. Ssrlin, 16. ©Ffob« 1931 X, ^ahrsang ♦ Nr. 42 'Einzelnummer 20 Pfennig fit! v v K/ v v MVie .vi A. >V. Ter Neichspräsident von Hindonbnrg, d-m: alle Tchrchten des deutschen Volle?, selbstv.wstäudlid; auch das deutsche Juden.tmn, Verehrung zollen, Hut es für notwendig er ad»: et, t>en Führer der Nationalfozialistifchen Delltschen Arbeiterpartei, Adolf Haler, zu empfangen. De-.che Politischen Gründe den Neich?prasidenren veranlaßt haben, mit Hitler unnr.:h\(xir vor der Harzburger Tagung eine cinstündige Unterredung zu Pflegen, wissen wir nicht. Ter amtliche Bericht darüber besagt, der Neichspräsident habe sich über die innen- und außenpolitischen Ziele der NSDAP. unterrichten lasten wollen. Nach vereinzelten Zeituugsmeldungen soll der N.eiWsPräüdent den Führer der Nationalsozialisten zu Nuhe und Besonnenheit ermahnt baben. Was der Ne ich? Präsident and allgemein poiitischem Gebiete zu Lun beliebt, unterliegt nicht der Kritik des (st D. Mit den Empfindungen ober, die uns -als deutsche Juden gerade diesen: Gumsange gegenüber beiregen, wollen nur der £;;enl}eu wegen, die eine Persönlichkeit wie der Neichspräsident sicher zu schöben weist, nicht zuräckhaltcn. Und ihnen Ausdruck geben, heißt kcu'usnoegs unsere jüdischen Torgen in dieser ast'chlichen politischen und wirischasunchen Notzeit über Gebühr unterstreichen. Wir haben cs als überaus schmerzlich emo müden, dost der Neichspräsident einen Mann empfängt, zu besten Parteiblättern der woehend Eh erscheinende Nürnberger „Stürmer" gehört, ein Blatt von einer politischen Niedrigkeit und obstostenden Schlasstnbenriecherei, wie es kein anderes in Teutsehland gibt ... das; der Neichspräsident einen Ntan.n e:::r'ängt. dessen ossiziöses Blatt, der „Völkische Beobachter", kurz vorher behauptete, das Inkemuui habe das entsestliche stisenbochnmtentat '.u Ungarn gerade arn Neujahrsfeste veranlaßt, ^cil die Inden an diesem Tage die Bahn nicht de reifen und somit vor körperlichen Schaden Ernährt werden . . . daß der Neichspräsident einen Mann empfängt, der von sich aus sagt, er kenne alle Vorgänge in seiner Partei und nichts geschehe Lhne seine Genehmigung — denen Parteigänger aau jüdischen Neujahrsfeste friedfertige Passan-!c':: plannrästig überfallen und zu Boden 'chiagen ... dast der Neichspräsident einen Mann empfängt, denen Zeitungen sich nicht genug tun können, religiöse Schriftwerke des Jur-entums und schon Stellen der Bibel anss nied rinne zu beschimpfen, obschon sie d-astür empfindliche Geld- und Gefängnissirasen erholten naben. . . daß der Neichspräsident einen Mann enn.psängt, dcr. da er ja alles kennt und nichts onne seine Billigung in seiner Partei vorställr, ostenbar die geschilderten Vorgänge und Maßnahmen für in der politischen Taktil erlaubt und als moralich ansieht . . . ' Wir wollen nicht glauben, daß dem verehrungswürdigen Neichspräsid-en ten diese Tatsachen rorher unterbreitet worden sind. Wenn dies gchcheheu ist, zweifeln wir nicht daran, das; der Neichspräsident als Hüter der Verfassung in seiner Abgeklärtheit und Gerechtigkeit seiner Verurteilung jeder religiösen B e r h e st u n g klare n A u § d r u er gea eben hat. Bedauerlich ist nur, dast die D-estentlichfeit lediglich die Tatsache des Hitler-Gmpsanges und nicht den Inhalt der Anssprache erfährt. Ebenso schwerwiegend ist, was sieh andere Parteien dem Nationalsozialismus gegenüber leisten. Daß Hilgenberg mit ihm zusammengeht, daß der Stahlhelm, die vaterländischen Verbände und der Neichslandbund sich ihm anschließen, ist schon eine allbekannte Tatmche. AVer wir konu.nen als deutsche Juden schwer darüber hinweg, daß jestt aneh die Deutsche Volk s Partei oder doch mindestens ein maßgebender Teil derscdan Tuchfühlung und vielleicne noch mehr mit Hitler und seinen Freunden sucht, und daß auch die Wirts ch a f t s p a r L e i im Gegen säst zu ihrer früheren Austastung sich anscheinend den nationalsozialistischen Preisen nähert oder eine mühe Annäherung sich doch mind-estcl's Vorbehalt. Heber Cie rein parteimäßigen Gründe solcher Wandlung hier zu rechten, ist nirfjf nufere Ausgabe. Aber wir glauben, daß man Partei- Politik uieht i:n:::cr nur mit Taktik und Dpoortnnisuws laweilan kann, m:d dast ein Mindestmast an cthi'chem Empfinden amch in das po.iliühe Getriebe gehört. Sich mit Hitler anfreunden heißt, sich and; von seinem Anti'cmitistnus nicht abstoßeu lassen. Tas eines Tages von der Partei eines S t r e s e m a n n und voll der Partei der Ladendorss uub S a d; f e u * berg berichten zu ntüssen, haben noir nicht geglaubt. In diesem Sinne ist Harzourg ein Wegweiser. Ob H n g e n b e r g und die araberen an ihren: Verbündeten Hitler, ob das Vaterland bei einer Machtübernahme durch; ihn und seine Freunde Segen und Glück erleben werden. wird sich, falls es dazu kon.unt, was '.oir nicht erwarten, erst erweist:: müden. Wohin der Weg geht, steht beim Schreiben dieser Zeilen noch nicht fest. Tie soeben veröffentlichte Kundge b n n g' de s R e: ch; s p r ä s i d e n - ten und die Ausführungen des Neicchok a n z l e r s Br ü n i n g am Dienstag in: Neichstage geben die Hoffnung, daß der Geist der Gerechtigkeit und des Strcbens nach inneren: Frieden unser Vaterland noch nicht verlaßen hat, und daß das Vater.an.d undmit ihm das deutsche Judentun:, das ilien'.als an Deutschland verzweifelt und jederzeit nur Gerechtigkeit, nien: a l s S o n d e r r e ch te be an'- p r u ch t hat, au ch über diese Zeit schwerer Sorgen hinwegkommen wird. Wir dürfen dies um so mehr hoffen, als nufere ganze Vergangenheit die Lehre bestätigt, dast die Au'peitschung zun: Jndenhast keiner Partei zun: Segen wird. Sie bessert nicht die Anhänger, die del: Jndenhast pflegen, sondern schasst eine Geisteshaltung, die sich; als Brutalität und Unbotmäßigkeit auswirkt. Der Pfeil fällt schließlich auf den Sehüstei: zurück. Mögen sich Persönlichkeiten wie Hngenberg und Seldte, wie Seeckt und Ladendorsf das merken, und mögen sie sich dadurch, dast aus der Harzourger Tagung kein Wort gegen das Judentum gefallen ist, nicht darülxw täuschen lassen, wie stark in Wirklichkeit die antisemitischen, anarchischen Kräfte in: Nationalsozialisrnus sind. 1:!!111!!’!!:!!f::f!!I!11II1!IJ!!»ij!i 1 ‘• i 11'J::i .a:IilI!I!U0':i!'.!i;!!HiU!HHiI!!:iI!!!00ic v!J AUS DEM INHALT: Dr. Ernst Feder: Zu Kaiser Friedrichs 100. Geburtstage, Seite 490. Dr. Margarete Edelhcim: Das älteste Mitglied des Centralvereins, Seite 493. Dr. Eva Reichmann-Jungmann: Leben oder Untergang) Eine Antwort an Constantia Brunner. Seite 493. Fahrt in die Posener Heimat. Seite 496.