Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 41 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4S4 Leiferös uns Torösgp Verleumöungen öes „Völkischen öeobachters^ Als in Leiferde durch ein verab'cheuunßswürdiges Verbrechen Menschen durch ein V-Zug-AttenLat zu Tode kennen, meldete stch bald die nationalsozialistische Prcne mit Angriffen Gilt das Judentum. Einer der Attentäter, Schlesinger. mutzte zum Juden gestempelt werden, und der ,,S t ü r m e r" brachte angebliche Talmud-Zitate, die ihn zu der Ecülutzfolgerung verleiteten, daß der Jude kchlefinger durch sein Verbrechen ein Gebot im Sinne des Talmud ausgeübt habe. Schlesinger war nie Jude, euch seine Vorfahren nicht. Tie Zitate, die der „LtürmeW brachte, waren gefälscht. Aber der Zweck der Rationalsozial!sten war für einen gewiren Kreis und für einige Zeit erreicht: Juden und Judentum waren als verbrecherisch gekennzeichnet. Das Spiel wiederholt sich jeyt ans Anlatz des HisenbahnatLentats in T o r b a g y. Ter „V ö l - tische Beobachter" bringt einen auffallend gesetzten Artikel mit der Behauptung, daß das Attentat ans geheim-religiösen Gründen am Roschha'ckono und von Juden verübt worden Ai. Ter des Attentats Verdächtige Ai jüdischer Abstammung. Tas mußte dem „Stürmer" genügen. Um diese Behauptung zu stützen, fügte er hinzu, daß der Zug von Juden nicht benutzt worden 'ei — selbstverständlich, weil die Juden wußten, welches Verbrochen geplant sei — ein einziger Jude sei mitgcwhren und auch schwer verletzt. Tie bewußte Böswilligkeit dieser Verleumdung muß niedriger gehängt werden'. Lediglick? um die Leichtfertigkeit zu beweisen, sei sestgeüellt, daß in dem Zuge noch zwei Juden verletz: wurden, und daß bestimmt angenommen werden mutz, in den Vaggons, die nicht entgleisten, waren eine An zahl" Juden, die nicht iestgesteUt wurden. Aber selbst wenn der Attentäter Jude wäre — noch ist er ja gar nicht ermiitel: —, wer dürste es wagen, „das Judentum" für das Verbrechen eines einzelnen verantwortlich zu machen? 4? i/^vWU’vv^V, •jr^Vv^w' <rv i \^j Vi <v vj 4 Ile SAKWU Mtmmn In dcn Tagen vom 2. bis 5. August die'cs Jahres tragen sich aus der Burg Lud vo i y fi c i n im schönen Werrakal etwa 500 Miiglivder d<s jungjüdischen Wanderbundes , B rith- Haolinck zu einer B u n d e s t a g u n g. Ter Ludwigstern ist die Burg der deutschen Jugend, die sich diese Stätte aus eigener Kraft schuß Tabei waren selbstverständlich auch die jüdischen Jugendorganisationen unter denen, die mit Rat und Tat an der Wiederherstellung der zerfallenen Burg mätarbeiteten. Aber leider hatten die jungjüdischen Wanderbündler bei ihrer Tagung eins nicht in ihre Rechnung gesetzt, nämlich, datz in W i tz e n h a u s e n , unweit des Ludwigsteins, die deutsche Kolonfalsch ule ist. Tickes Institut, das nur unter erheblicher U n t e r ft ö t u n ß aus Reichsmitteln eristieren kann, soll Landwirte mr Plantagen- und Farmerdienst Heranbuden. Es gibt aber in Teutschland kaum ein Lchrinftitut, das derartig mit Hakenkreuzgeist durchsetzt ist wie diese Kolonialschule. Tas zeigte sich in dem L a n d f r i e d e n s b r u ch p r o z e ß, der am 28. und 29. September im Amtsgericht zu Witzenhau'cn argen 14 junge Leute, davon zehn Kolonialschüler, verhandelt wurde, die in der Rocht vom 4. zum 5. August die jungjüdischen Wand-erer überfallen hatten. Tie Verhandlung gab einen tiefen Einback in die geistige Verfassung dieser Jugend. Lelbstr-erständlich leugneten alle, dabei gewesen zu sein, als dem Chauffeur Srvnewaldt, der Wanderbündler aus Köln gefahren hatte, der Arm zerschmettert wurde, niemand von ihnen will dicken Mann, der die Angreifer aus das Wrwersiiche ihrer Handlungsweise Hinweisen wollte, kurzerhand mit einen: Knüttel über den Schädel geschlagen haben, daß er eine klassinde Wunde davontrug. Keiner von den Bur'chen will auf die jungen Wanderer eingehauen oder das Messer geführt haben. Olein, sie alle sind „unschuldig' . . . und indem sie das sagen, spürt man aus dem Ton ihrer Rede, mit welchem Behagen sie darauslosgedrvfchen haben. Es war ja auch so leicht. Mitternacht war schon vorüber, die paar Mann, die an der Scheune, dem Nachtquartier der Wanderbündler wachten, waren schnell z u s a m m e n g e h a u e n. Aber als aus dem Torf Wendershausen, wo die Wanderbündler zu einer Ab'chlußsticr versammelt waren, die Kameraden den llckcersillcncn zu Läse rillen, da sprangen die heldenha'ten Kolonial'chü-er kurzerhand in die Werra, um das Weine zu suchen. In ihren Spinden fand die Kriminalpolizei nasse Kleider. Niemand wollte wißen, wen; dicke Sachen gehurten und einer, der sein Besitztum nicht ableugnen konnte, erzählte, daß er beim Schilsickmeiden ins Wasier gefallen sei. Taß der, der als Rädelsführer vor Gericht stand, Geburtstag gestiert habe, wie er sagte und sich zu diesem Zweck einen Smoking angezrgen hatte, besten Hose er mit einem Leibriemen hielt, daß ein anderer nachts in seiner „S ch la f t r u n k e n h e i ta einen Revolver zu sich steckt, dann seinen Kameraden weckt und mit tem zu Motorrad nach Wender sh an sin fährt, daß sie alle nur „spazieren" gegangen waren, das zu glaubrn, stellte an die Gutgläubigkeit des Gerichts allerdings hohe Anw rü che. Tie Beweisarcknahme ergab mit vollster Klarhckt. daß H a k e n k r e u z l e r die hinterlistigen Angreifer gewesen waren. Ter Vertreter der Anklage hielt die schuld bei allen Angeklagten für erwiesen und forderte schm ne L trafen. Tas Gericht aber kam. nachdem es 13 Stunden fast ohne Unterbrechung getagt hatte, zu wlgmdem Urteil: Vier Angeklagte wurden völlig s r e i gesprochen, zwei wegen Vergehens gegen Waffe ngcsctze zu je 50 Mark Geldstrafe und die übrigen zu je 4 Monarcu. Gefängnis wegen Landfrlcvensbruchs vcrrwLcilt. Tie Birufung wird zeigen, ob das Geeicht das Beweis-material richtig bewertet hat. Wie konnte dvr Bursche, der in der „Schlastrunkcahckck seinen Revolver eingesteckt harte und daun mit seinem Freund an den Tatort gefahren war. wie er selber sagte, freige'pvochen werden, wenn 7ein Freund, der das Motorrad steuerte, verurteilt wurde? Und 50 Reichsmark damr, daß einer sich einen Revolver einsteckt, bevor er zu einem Ueberiall fährt — das beißt in der Tat eine Prämie für die Straftat, das ermuntert solche Burschen, sich zu beweinen und dreinzuschi-sßcn und siebt — so will uns scheinen — in scharstm Widerspruch zu den Verordnungen d-es Reichspräsidenten, die das Wastensühren unter allen Umständen zu unterbieten suchen. AAMMMMM M («ii?3) Eine milde Beurteilung fand die Untat des ehemaligen Polizeioöerwachtmcisters Pohl, der wie erinnerlich, vor einigen Monaten ein Revvlvvrattentat mif_ den Reaierungsrat Lassally im Hamburger Ltadchaus verübt hatte, weil er „sich nickst von einem Juden vernehmen lewen wollte. Pohl wurde von dem Hamburger Schwurgericht zu zwei Jahren Gckängnis verurteilt, während der Antrag des Staatsanwalts auf fünf Jahre Znch:!,aus gelautet hatte. 6öiä keik-M (SüiÄto) In Nr. 2.5 der „E. B.-ZeitunM vorn 19. Jumä berichteten wir über die Verurteilung des Gauleiters Heiderich in Königsberg wegen Beleidiauuz dvs Rechtsanwalts Tr. Werner R o s e n b e r g. der in eine m A ufsatz in d e r „E. V. - Z e: t u n n" 3u Heidcrichs Aeutzerungcn über die Südtirr-'cr Stellung genommen hatte und vom Gaulck.wr Heiderich als Lügner und Verleumder bezeichnet worden war. Tie Bewrisaumahme ergab jedoch, daß Heiderich die Aeutzernng in der von Roscnbmg verö'strnlichten Form gemacht habe. In der B c r u s u n g s v e r h a n d l u n g die kürzlich statliand, stellte Weiderichs Verteidiger. Tr. Sonden, die Behauptung a:'.i. der Angeklagte habe annehmcn tönnen, daß es sich um eine wi'stntliche Verleumduna handle, da in der „E. V.-Zcitung" häusig Unrichtigkeiten ständen. Ter Vertreter des Nebenklägers. Rechtsanwalt 2t s ch k c n a i y , Vvrsünrdsmitgücd uvstres Landesverbandes L'ipwutzen des C. B., wies diesen Vorwurf gegen die „E. B.- Zeitungch als solche wie auch gegen dcn 5stbenllägcr als gänzlich ungerechtstrngt zurück. KLrlid=^T ■■ ^Pr.n m l'-Z Gesundheit! FacLinger Verian-siclle, Berlin SW II Schönebererer!6a. Teielon: 82^1 rN. Das Gericht verwarf die Berufung jedoch mir der Biatzgabe, daß die Geldstrast aus 'iM Mark bcrabgcst:..t wurde. Ter Gerichtshof erkannte die schwere der Beleidigung an. Merkwürdigcrweist billigte das Gericht dem 'Angeklagten aber mildmm.de Umstände Zll. Verthold Tünendorser gefloröen Nach 'ch:vereu Lckden ist der Ehrengroßpräsident der deutschen Grotzlooe des Trdcns Bne Britz, Gebeiincr Justizrat Benbo ld T i m e ir d o r s e r , nn 5. TlwMr d. I. gestorben. Bertbold Timendorstr — geboren am 1. September 1bü> in Rodszin in T der sch lenen —, stit 1^- in Berlin als Anwalt tätig, war über Jabrc 11598 bis 1924) Groß- Vräsident des deuckchen Tistrikres des Lrdcns Bne Britz. Tas große Wachstum des Ladens in^ der Zeit seiner Präsiden''chast ist zu einem wesentlichen Teile feiner werbenden, gewinnenden Persönlichkeit zuzuschreiben. «lallst As Logen, 3274 Mitglieder; 1324: fast 100 Loam. rund 14 «0 B'ätg'äedcr). Seine ernste Ainstr^nng von jüdischer^ Letärig:ing bat Tinwndarstr cnck den verschiedensten C<- vieren des jüdischan Lebens bewiesen. Ans dcm vielen, das hier angeführt werden könnte, sei nur daraus bingewiesen, daß er seit der Gründung des Hilst'vereins der deutschen Juden Mitglied dieses Vereins war, von 1998 vis 1921 im gc'chästsmhrenden Vorstand tätig, zeitweise stellvertretender Vorsitzender. In früheren Jahren gehörte er auch eine Zcickang dcm Vorstand der Jüdi- 'chen Gemeinde an. Als die Zentralwohlsahrlsstelle der deutschen Juden gegründet wurde, 1917, war Timendorscr der erste Präsident dieser Organisation. Es ist keine Zuspitzung für den 'Augenblick, wenn im Zusammenhang dieser Zeilen betont wird, daß eine innige Verknüpchng vaterländischen Fuhlens mit jüdischem Geiste, wie sie Eugen Fuchs stets predigte, für Timcndorser seelische Grund.stnstellung war. Er bat dies hundertfach in seinen Logenan'prachm zma Llusdruck gebracht. Es lag aber auch in 'einer Aatur, daß cr jeder Partei und Gruppe das in ibr wohnende natürliche Recht ließ. Tas Ausgleichend'?, Versöhnende lag so stark in stiirer Seele, daß dabinter das Kämpferische zurücktrat. Tie letzte Zei: st-ncs Lebens war durch tiefstes secloches:md körperliches- Leid beschattet. Seine über alles geliebte Gatnn ging ihm im Tode voran. Bertbold Timcndorst'r darf in der Erinnerrlgg als die lichte Permnächlli: sortlcben, von der viele Strahlen in w viele iüdi'che Organisationen hineindraugen. 'Auch i;n (> ct ra 11» e r e i n , denen Arbeit cr immer amikamur: ,rud iürderte, wird sein Andenken in Eh.rn weiwr bestehen. .4.jkreck OaldSchmidt.