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Central-Verein-Zeitung · 1931-10-02 · 40 (2.10.1931) · p. Seite 477

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
40 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
Seite 477 (sequence 5)
Language
German
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477 Piiot. ßesi Leirecüt, Berlin-Wilmersdorf ich mM M elerziö... Von Georg fisrmtmn Meine Vornehmheit hat einen starken 3tcg bekommen, als ich erfuhr, daß ich gar nicht Ln der Vellevuestraße geboren bin. Ich würde das ja heute noch glauben, wenn nicht mal eine Zei- Lung-mnsrage mich danach ausgeholt hätte. Bevor ich jedoch mit markiger Bismarckschrist nichts als das lapidare Wort „Bellevuestraße" hinschrieb, dachte ich mir, erkundigst du dich mal bei solchen, die das wißen können, da sie älter sind. . . . noch älter sind ... als ich. Und da kam's raus. Wo heute die Hauptpost ist, Ecke Post- und HeiligeaeLsLsLraße, habe ich Zuerst die Wände angebrüllt. Ich habe es mir neulich angesehen, da ist jetzt solch runder Turm an der Ecke, mit grünglasierten Ziegeln, echte Backsteingotik. (So etwas gibt es nebenbei noch schlechter.) Wie ich hoch sah, hatte ich das Gefühl. als ob da oben, wie so in alten berühmten Puppenhausern — in Frankfurt, in Berlin und in Utrecht gibt's zum Beispiel solche — da oben wie hinter einer Glasscheibe, querdurchschnitten im ersten Stock immer noch — wenn auch aewohnlichen Augen unsichtbar — das alte, altmodische Zimmer von ehedem ganz für sich allein in der Post in der Lust hinge. Mit einer geroiß hochscheustlichen Tapete und einem breiten Mcchagonibett, einem Wäschepuff und einem goldenen Wandspiegel mit Weintrauben und Bügeln, ans Holzmasie gepreßt. Und daß zugleich aber auch der Herr Oberassistent Tibulke —, so nenne ich ihn — eben ta seine Akten über einen grauen tintenstcckigen Holztisch breitete. Vielleicht zäh. leu da die Geldbricsträger Scheine oder der Morseapparat schnattevt. Also da bin ich geboren. Ta ich der Jüngste bin und meine Mutter darin reichlich Uebung chatte, chabe ich es ihr nicht allzusehr schwer gemacht. Tenn ein Onkel erzählte mir ... es war gar kein Onkel, sondern ein alter Detter, den ich onkelte ... er wäre noch zum?lbendesien bei uns gewesen, und er wäre vor Erstaunen beinahe umgefallen, als nran am nächsten Morgen zu ihm schickte, um ihm von meiner neuen Anwesenheit Kenntnis zu geben. Und er vertraute mir zugleich an — wozu soll ich mich da genieren? . . . daß es Schalet bei uns gegeben hätte. Tas ist eigentlich erstaunlich, denn meine Mutter wenigstens war das Gegenteil von dem. was man eine strenggläubige Frau nennt. Um es ganz klar Zu sagen, sie konnte kein Wort Hebräisch lesen. Sie hielt ganz draußen bei den Liberalen . . . wie das um 1840 bis 50, da sie jung war, die Regel für Berlin gewesen war. Aber was gefüllte Milz und manchmal sogar Schalet anbetras, war sie eine ganz vorzügliche Jüdin. Tas also war — sozusagen — der Stern, unter dem ich geboren wurde. Und man möchte wirklich an Astrologie glauben, wie es eingetroffen ist. Von dem, was man wirklich Judentum nennt — Religion, Riten, Geschichte, ja selbst den Problemen von heute —, verstehe ich nicht allzuviel. Aber das, woraus es ankommt, habe ich erfaßt, den G e s ch m a ck der Sache habe ich getrosten. Ich kenne den jüdischen Menschen instinktiv . . . wenigstens die gewisser schichten . . . wie ein Uhrwerk von innen her, Männer wie Frauen. Tenn es ist komisch, fast alle meine Rmnansiguren sind Juden. Gewiß, ich kann auch anders! Armer Kubinke. ärmerer Grenadier Wordelmann! . . . Ich nehme es mir Hu8!i-ferllNgs!2ZSf: Berlin WSg Hermann S Schn, (nsbaclierStressaß. lach amJäie gute Kinnina! Y/Uaa* * Preisliste &SS3S» Pn?i« eine.-* Paketes Befl.K*. gar nicht vor, daß sie es sein sollen, sie werden es eben. Sie sagen nie, d a ß sie es sind. sie betonen es noch weniger. Mer sie sind es eben. Es sind mit d i e Menschen, die mich am meisten interessieren, diese Herzieids und Jason Geberts, diese Paul Gumperts und Toktor Spaniers, diese Jettchens und Ellen Steins, und die, ach, so schlecht getauften Heinrich Scheens . . . alle au jüdisch dem Wort nach und so eminent jüdisch dem Sinn nach. Ja, jetzt werbe ich nun sechzig Jahre. Ich verstehe gar nicht, wie das so schnell gekommen ist. Rur eines möchte ich gern wißen: Was bube ich eigentlich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens gemacht? Tie muß ich, wenn ich es mir so überlege, glatt verschlafen heben. Aus der Schule habe ich zwar schon so kleine Prosastizzen geschrieben — unter Einfluß von Turgenjews Gedichten in Vrostr —, aber sonst habe ich doch egalweg gedöst . Wenn ich heute so junge Leute sehe, was die mit zwanzig Jahren schon so alles in nch hineingesreren haben, dagegen war ich ein am Taumen lutschendes Wickelkind. Aber ein Gutes hat das doch mit sich gebreche. Ta ich die ersten zwanzig Jahre glatt rerschlastn habe, werde ich heute doch er: vierzig, und nicht sechzig. Gott behüte mich vrr Würde! MMMMKSÄ0WW UM 250jährigen Bestehen des riedrich - Werderschen Gymnasiums in Berlin. Kein Geringerer, als der Präsident der Akademie der Künste. Max L i e b e r m a n n, war Schüler des Fricdrich-Werderschen Gymnasiums. Ter Meister schreibt hierüber u. a.: T e L a g a r d e, der eigentlich Böttcher hieß, der berühmt gewordene Ber'asstr der „Teutschcn Schriften" und der mein griechischer Lehrer in der Sekunda war, behauptete, daß ich nachdem Schnitt meiner Augenbrauen von den assyrischen Königen abstamme: ich weiß nur. daß mein Großvater und Dater Kattunsabrikanten zu Berlin waren. — Ich absolvierte das F r i e d r i ch - W e r d e r s ch e Gymnasium. Tas Maturiiätscramen bestand ich freilich nur mit Ach und Krach, da ich in der Mathematik „ungenügend" bekam. Tie realen Wissenschaften waren und sind mir ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, und ich kennte mich nur mit der größten Mühe an die Vorstellung gewöhnen, daß die Erde sich drehe . . . Aus dem mir vorliegenden Gymnasialprogramm von: Jahre 1867, herau-gegeben von dem damaligen Tirektor Professor Tr. Karl Eduard B o n n e l l, stellte ich aus der E h r o n i t den Vermerk fest: „Entlaßen wurden zu Michaelis 1 8 6 6 Max 2 i e b e t m ö n n, 18 Jahre clt, aus Berlin, jüdisch, 7 Jahre von IV an aus der Anstalt — 2 Jahre Prima, widmet sich der Malerei? In dem Liebermann-Auch sagt Hans L st wal d , daß Liebermann ein ganz guter Schüler gewesen ist und ein sehr anständiges Schlußexamen macht hat — vermutlich stellte stch der Meister von ner Künstlerhöhe als miserablen rchüler hin. — Eine kleine Ge schiäste — erzähl: Ostwald — mag seine Schulzeit illustrieren: „Eine merkwürdige Geschichte ist mir in meiner Schulzeit passierst, erzählte Lieoermann, „da halten wir einen jüdischen Lehrer Salomen, der griechische Sprache un.tervichtew . . ck lieber S a l o m o n, d-en Lehrer Liebermanns, stellte ich aus den Cymnasialprogram.men fest: In dem Programm des Friedrichs-Gymnasiums auf dem Werder, Berlin 18 3 4, herausgeaeöen von dem Tirektor A u §u ft erd. B i b b e ck. Chronik: „Indessen hat die u!d Seiner Majestät des Königs infolge der vchgenoigten Vermittelung des K. Hegen Unterrichts-Ministern cdem Cymnasia möglich gemacht, zunächst die durch Herrn Tr. Engelhardts Abgang erledigte philosophiche Lehrstelle mit einem, in diesem Fache bereits rühmlich bewährten Schulmann. dem Herrn Adolf Salomen, bisherigen Oberlehrer am hiesigen Friedrich - W i! h e l m s - E y m n a s i u m , wieder zu be'essen, indem die Toiation der für Herrn Salamon bestimmte Aen ord. Eollaboratur durch eine ihm zunächst auf 3 Jahre verliehene Königliche Grctification von einhundert Thalern verbessert ward. Ich verfehle nicht, den ehrfurchtsvollen Tank für diesen Huldbeweis im .kamen d-or Anstalt auch vier auszu'prechen. Herrn Oberlehrer Salomon aber begrüße ich mit um so gewisserer Hornung ans einen erfreulichen Erfolg seiner Wirt'amkei: auch unter uns. da er bereits durch die im letzten Semester an unserer 'Anstalt erteilten Leetionen das durch seine Beru'ung von Seiten des hochverehrten Patronats-Eollegii ausgesprochene Vertrauen gerechtfertigt hat/ — Im Programm 1836 Chronik: „Mit ehrsinchtsvollem Tank gegen das Hohe König!. Ilnlnr.-Ministerium erwähne ich hier noch, daß von deru'elben im Herbst v. I. einem verdienten Lehrer des Etzmnasii. Herrn Oberlehrer Salom o u, das Prädikat ..Professor' bei wiegt «T’* *

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