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Central-Verein-Zeitung · 1931-10-02 · 40 (2.10.1931) · p. Seite 476

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
40 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
Seite 476 (sequence 4)
Language
German
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lilifi1« „MMm WM" m W. W'NAW / IKuD’:2rlOSI tzsm Bgrannns VNü Von Pani NÄs? Eine jüdische Familie, die geistig und auch in der Vermögenslage zum Westen Berlin? zählt und noch, als Georg Hermann Schriftsteller geworden ist, in der Bülowstraße, nahe dem Nollendorsplatz, wohnt. Er ist eines von sechs Geschwistern (einer seiner Brüder Ludwig Borchardt, der Aegyptologe); und har ln sich „das überkommene Blut alter Trödler, Seisensabrikanten, Juweliere und zeichnerisch begabter Liebhaber." Aber feine Kindheit ist inndnftert, und er ahnt das und verliert es nicht aus dem Bewußtsein, den finanziellen Zusammenbruch in den Gründerjahren. Gr ist Kausmannslehrliug, „junger Mann", geht nach München (wie der ihm schicksalsvenvandte Berliner Georg Hirschfeld), aber als Soldat, den das Regiment wegen Lungenentzündung entlaßt.^ Er tritt als oiatarischer Hilfsarbeiter beim Smnstllchen Amt der Stadt Berlin ein. hört an der Universität, da der Kansmannsbcruf für ihn völlig aussichtslos ist, deutsche Literatur und Kunstgeschichte, sitzt am Schachbrett in der Lesehalle im Kastaniemväldchen und wird Zeitungsschreiber, nicht nur für die Kunstdinge, die seine geheime Passion sind/ Als Bierundzrvanzigjähriger sängt er einen Roman an, „S p i e l k i n ö e t", einen Jch- Roman, eine Autobiographie. Was auf ihm lastet, sucht er hier toszuwerden; schlecht geordnet gleiten diese Bilder vorüber. Ter Vater, der mit dem Leben nicht fertig wird. Tie treue Magd Luise .Lademann. Tie riesigen Kerle mit den blauen Schürzen, die die Möbel abholen. Tie Schule, der graue Hof, die Proletarierlinder, die Liebe zu Lies, der Tochter des Steinträgers, der Verein der Coistesbrüder, der Tod des Vaters, die kaufmännische Lehre, der Theatecverein „Novania", ein Posten als Buchhalter, Lies im Tirnenelend, Lies 'schwindsüchtig in der Charite, in einem.Bert des Spitals verröchelnd. Ter Roman bringt ihm „Familienerplosion, Boykott" ein. Er erkennt später: „Vielleicht nicht berechtigter Haß: gewiß falscher Gesichtswinkel/ Aber in dieser Unfreiheit ist schmerzliche Wahrheit, ist ein Aufschrei. Und Theodor Fontane lobt das Talent des Neulings, der tastend den Berliner Realismus aus „Stine" und den anderen Alterswerken des Meisters gelernt hat, aber lyrisch ist, melancholischer Srnnenmensch mit ererbter Resignation, und der sich durch Anslandsepik aller Art unersättlich hindurchschmökert, damals Turgenjew und I. P. Jacobson. Er ist dann mit der einen Halste seines Produktionstriebs Kunstkritiker, aufs äußerste empsanglich für Licht und Tetail (französischer und deutscher Jmpressionisnms, der Norden). Halb ist er Novellist und als solcher Elegiker. Einen dieser Bände betitelt er „D i e Z u k u n f t s - frohen", nach einer Milieustudie aus dein Statistischen Amt. Es sind Typen, wie er sie Um sich beobachtet hat. Gescheiterte. Aber in diesem Blich steht eine Schnurre wie der „Guckfaftcn^; der Humorist Georg Hermann regt sich. Und, befreite Tichnmg, das „Nachtgebet", mit einem jener in sich seligen und ergreifenden Naturmomente, wie er sie hinfort in seine Prosa verschwenderisch einstreuen wird: „Von fern, von unsichtbarer Unterströmnng getragen, kam es heran, ein rotes Leuchten von vielen roten Blüten, näher und näher: ein Stück Nelkenrasen war es, den die Flut mitgezegen. Tie Blüten tauchten nieder und hoben sich und brannten und blitzten doppelt in der untergebend^n Sonne. Diele weiße Schmetterlinge folgten ihnen; mit matten Schlägen schwebten sie ben Blumen nach, und unaushaltsain zog es sie mH. Tie Blumen glitten und lockten, und die müden Flieger achteten gar nicht, daß andere weiße ^chmetterlinge schon tot mit ausgebreiteten Flügeln neben den Nelken schwammen, und sie glaubten, es wäre nur Zufall, daß, wenn ihre müden Leiber Halt suchten, die Strömung den Rasen uiederzog." Berliner Vorort-Boheme von 1d98 ist die Novelle „Aus dein letzten Hause"; aber nun verfeinert in allen Schwingungen. Georg Hermann wird für ein paar Jahre stumm. Als er 1905 sich wieder meldet, ist er der Autor von „I e t t ch e n Gebert"; und danach von „Henriette Iacoby". Schon in den .Lukunstssrohen" hatte er die Biedermeier- Anekdote von dem Hündchen Eoralli, von der Großmutter und ihrem hellgrünen, seidenen Morgenlleid und von ihren goldgestickten rosa Atlasschuhan mit den grünen Pompons auf den Spitzen. In „Jettcheu Gebert" malt er Interieurs mit dcur sicheren Geschmack des Sammlers, mit behaglicher Breite im Genre, wie Dickens oder Raabe beim Nebensächlichen sich versäumend. Tas sind iui Berlin von 18-10 die Königstraße mit ihren Stuckpuppen auf den Tüchern, mit Kellerhälsen und Steinlmnken und mit Spionen an den Fenstern, die Planwagen vom Gänsemarkt, die gelben Postkutschen, das pockennarbige Hökerweib vor dem Fischtrog, die bürgerlichen Salons mit Vergören und Servanten, die Faunkienstuben mit den Sinumbra-Lampen und den Porzettanteuchtern. den Tapisserien und den Schlummerrollen, in die ein blauer Papagei gestickt ist; da sind der schwatzhaste Greis Lnket Eli, Tante Riekchen, Tnkel Jason, der Weltmann und Amateur. Ta ist Gharlottenburg, Idyll der grünen Sommerzeit, lind Henriette Gebert selbst, die sich, eine verirrte Empfindsame wie Charlotte Stieglitz, die silberne Nadel in die Brust stößt, draußen in Georg Hermanns Potsdam, ist nwhr als eine anmutig-stolze Figurine. In den Berliner Nahmen ist ein Thema des Jndentums eingebaut, der Gegensatz der patrizischkultivierten Geberts und der östlichen Vettern. Und hinter der stilvollen Sentimentalität' des Almanachs wacht eine uuvcrtilgbare, aus der Tiefe dringende Traurigkeit. „H e i n r i ch Schön junior" ist ähnlich, Ton Carlos in Potsdam 18-14, in einem Rokokohaus mit einem Saal, wie nur Georg Herinanns Phantasie für diese Havelresidenz ihn schuf. Sagte er uns viel, dieser junge Heinrich Schön, deffen bejahrter Vater die mit dein Sohn fast gleichaltrige Antonie Arnstein, eine Berliner Jüdin mit Spaniolenblut, heiratet? Same sie uns viel, Heinrich Schöus blonde Braut, die Geheimratstwclster Hainichen von Müllensiefen, die dann nnt dein ebenso blonden Leutnant von Wintersclo sich besser ergänzen wird? Toch da ist die Bootsfahrt bei Regenwetter und Sturm, bei der Heinrich und Toni liebend aneinandersinkcn. lind das strundcrbare letzte Kapitel, in dem Heinrich Schön drüben in Rio de Janeiro ist und das gclbe Fieber ihn wografsr und eines Tages in den: Hanse in Boas dam sein Vater in Heinrichs Schllllzimmcr entsttzt ihn vor sich aus den Kisten des Bettes wähnt: und wie dann -noch immer Monate hindurch Briese des Toten emtressen. Ter „Kubinke" ist die episch stärkste Leistung Georg Hermanns. Wieder ist er Fontane nahe, in der ironischen Philosophie. der nüchternen Schöne, die Mitleid birgt, uro) dennoch ein durchaus Eigener. Alles ist in diesem „Kubinke" gekonnt: die Introduktion, in der das Berlin jener Neubanjahre um 1910 ist und die ''oziale Verlogenheit des hochhcrrichaftlichcn -staust-st Löwenbergs und Markowskis, die Bourgcoistamilien, der Sonntag im Strandschlößchen und der plötzliche Regenguß, der Svnntaasmuz, der Ausflug des Friseurs Emil Kubinke und des T reust- Mädchens Pauline in den Grunewa'd, die llstusterung in der Kaserne, der Alimenten Prozeß: und eckst bis irr jede Nuance die höhnende oder launige Sprache der Berscnen, zwischen die daun erbarmend der Tichuer sich einschalret. Auch die „llt acht de s T r. H e r z s e l d" ist die Großstadt Berlin, die Ttadt von 1912, kurz vor dem Krieg (der dann für „Schnee", den Epilog, die depressiven Stimmungen liefertest Locker in der Romanform, immer pausierend in Gesprächen — denn Georg Hermann hat eine wachstmde Neigung dazu — und in Monologen. Aber in diestun Werk ist die Seele einer Generation. Iln.d ist höchste menstchliche Nelle. Seitdem ist Georg Hermann d-er Tichter, der in seine Welt sich versponnen hat. mit Zärtlichkeit und Beharrlichkeit sich variierend. Er tat es in „Einen Sommer lang", dem Potsdamer Roman, der draußen bei Station Wildpark spielt und in d-ein ßchon wichtiger für ihn als die Kapitänswitwe und der problematische Tr. Fischer (der Botaniker mit dem mächtigen Kops, dem langen Haar, den schwarzen Augen eines Leonberg-ers) der Schriststeller Fritz Eisner wird, etwas wie 'ein Toppelgänger. Es war die Geschichte einer Ehe. Im „Kleinen Gast" ha! er sie sortacstihrt, mit dem Sterben eines Kindes als erschütterndem Hauptmotiv. Im „November 1918" hat er (nach der Italien-Epllode „Tränen um Modena Zamboui". nach den „Träumen der Ellen Stein") sie beschlossen, lind noch einmal ist er in das frideri panische Pctsdam seines Bühnenspiel- „Mein Nachbar Amelle" in dem märkischen Roman „Grenadier Wordelmaun" zurückgckehrt. _ Er ist ein Sechziger geworden. Und wie er gestaltet, in dieser Abhängigkeit vorn Eindruck, in dieser saareiseuden Träumerei, ist er, so fühlt er und so läßt er seinen Fritz Eisner sagen, nicht so gewandt wie die, die heute jung sind. Aber er überschäst die denkende Literatur nickst, und er ist Georg Hermann mit den stunmuaaen nicdergekämpßen Leids unb in dichterischer Temnt: „Tie anderen Worte aber müssen sich schwer aus dem Chaos löst'n. das drinnen brodelt. Sie beglücken, M'.d doch schäurt man sich ihrer immer wieder." SCHOKOLADE PRAHMEN

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