Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 40 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- Seite 475 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M WWZÜS KHr LNM sromr SNA Die teilweise stark antisemitische Broschüre t-:S badischen Pfarrers Senn über „Katholizismus und Rationaksozialismus", mit der Tr. Alfred Wiener sich in Nr. 36 der V.- Zeitung" vom 4. September d. I. ausführlich beschäftigte, hat besonders wegen ihrer gegen katholische Führer und die .Zentrumspartei gerichteten Angriffe in der katholischen Öffentlichkeit großes Aufsehen erreg: und vor allem in Baden viel Staub aufgewirbelt. Zunächst ist Sonn nach unwidersprochen gebliebenen Zeitung?- Meldungen aus der Zentrumspartei ausgeschlossen worden. Als er kürzlich im „Vaterländischen Katholikenbund." in Münster i. W. sprechen wollte, erließ der Erzbischof von Frei bürg gegen ihn ein Redeverbot. Das Ordinariat des Erzbistums F r k i b u r g hat ihn von seinem A m t e suspendiert. vor allem, nx-if er für seine Broschüre nicht die erforderliche Druckerlaubnis der Kirchenbehörde (das sog. Imprimatur) ein-acholt hatte. In der Entschließung einer am 2. September in Bruchsal abgehaltenen Kleruskon seren z heißt es u. ü.: Die Broschüre verletzt inhaltlich vielfach die Wahrheit und wirkt in ihrer scharfen Form aufreizend, rveil ste Oie kirchliche Autorität untergräbt und die großen Verdienste selbstloser, hervorragender Führer der deutschen Katholiken tn unberechtigter Weise heruntersetzt. Eine ähnlich geharnischte Entschließung nahm auch der Diözesa n auss chu ß der katholischen Vereine für die Erzdiözese FreiLurg am 31. August an. Die süddeutsche Presse hat sich naturgemäß mit der Persönlichkeit des Pfarrers Senn und seiner Broschüre ausgiebig beschäftigt. Don den vielen Aeußerungen wollen wir hier eine herausgreisen, die sich insbesondere mit den antisemitischen Anwürfen Senns auseinander'etzt und ste in ' - - - Her und sach. In der „Süddeutschen Conser. vativen Correspondenz" veröffentlicht Adam Röder einen Aus'atz „Ter Fall Senn". Darin nennt - er den Antisemitismus das eigentliche Stimulans" der nationalsozialistischm Bewegung. Röder bezeichnet an Hand treffender Beispiele die Beljauptnng von der „verjudeten Presse" als dumm und erlogen. Er nennt es eine Fälschung und Ungerechtigkeit zugleich, wenn man "die Juden zu „Wortsührern und Verherrkichern des Lasziven und Zynischen" in der Literatur. im Kuustbetrieb und im Theaterweseu macht. Auch die von judengegnerischer Seite weitverbreitete These „Die Juden haben alles Geld", erfreulich schlagfertige: licher Weise abtut. widerlegt Röder mit beweiskräftigen Hinweisen aus die wirkliche Verteilung des Reichstums in der Welt. m Welchen Eindruck die Agitation eines Pfarrers Senn auf wirklich gläubige, vorurteilslose Menschen «lachen muß, zeigt schließlich nnchsteheudc Zuschrift des katholischen LLudienrats Kimpcl ans Rcgensburg an die „E.D.-Ztg.": „Die Abhandlung Dr. Wieners in der „E. B.-Zeitung" über die Broschüre dxs badischen Pfarrers Senn/habe ich gelesen und muß als Katholik tief bedauern,^ daß Pfarrer Senn als ^katholisäxr Priester dem Bekenntnis der anderen keine größere Achtung eutgegenoringu Schreib: er aus Heg od^er Unkenntnis? Es gibt gewiß Juden, die keinen Schuß Pulver w^ert sind, aber ihr Prozentsatz ist bestimmt nicht größer als der anderer Konwssionen. Der Katholik verbitte: sich aus d-em schlechten und unmoralischen Handeln einzelner Katholiken den Schluß zu ziehe-n, daß nun auch die katholische Weltanschauung schlecht und verw-erilich wäre. Was an aller Welt hat die Triebhaftigkeit einzelner Juden mit _ dem^ gesamten Judentum und nrit dessen Weltanschauung zu tun? Weiß Senn nicht, was wir den Sut-en jcitj allen Gebieten der Geisteswipenschaßen verdanken! Pfarrer Senn kenn: wohl auch nicht die stille Liebestätiakeit mancher Juden, deren Linke nicht weiß, was die Rechte schenkt! Herr Pfarrer Senn darf sich nicht wund-ern, wenn man die Katholiken und ihre Weltanschauung mit den gleichen Blasphemien difiamieren wird dann, wenn Hitler, Tinter und die Vertreter des Wotankntts zur Macht gelangen sollten, denen er jetzt Vorspanndienste leistet." Mm MWEkleg in -NliAanö Bon katholischer Seite (Tat- Verlag in Köln) sind soedm zu.-ei Schriften erschienen, eine, die nunfanareichere, von Jakob N ö t - ges S. J., „K atholizism n s und K v m munrs m u s", und eine von dein lveitbekannten Jesuitenpater Friedrich Muckcrm c n n ,.T e r B o l s ch e w i s - m u s d r o h t". Tie Broschüren legen den Kampf des Bolschewismus gegen die Religion, natürlich auch gegen die jüdische, in Wort und Bild dar und beweisen die Unduldsamkeit des Bolschewismus, ja seine bittere Feindschaft und Zerstörungswut gegen alte religiösen Einrichtungen wie Kirchen. Klöster. Synagogen. Das Judentum, das genau" weiß, was Verfolgung bedeutet, wird nicht nur aus diesem Grunde, sondern auch aus hoher Achtung vor der religiösen Ueberzeugung anderer und aus dem Wunsch heraus, daß diese unbedingt in ihrer Ausübung geschützt werben müsse, schmerzlich bedauern, wie in Rußland die Kirä)en getoaltsam geschlossen und zu Garagen, Lichtbildtheatern oder Klubs, ähnlich den Synagogen, umgewandelt worden sind. Das religiöse Judentum sieht in dieser bol s che :v i ft i schon Grunde i ustell un g eine Bedrohung der Gewiyeusfreiheit schlechthin, für die einzutreten es stets offen und frennutig bereit ist. Ganz gleichgültig aber, wie jemand zur Religion steht — er wird es als taktlos und schwer kränkend empfinden, daß man den Gott des Judentums genau so wie düe Heiligen und Symbole der christlichen Kircl)e in Zeitungen, Flugblättern und in den in jeder Stadt befindlichen antireligiösen Museen übel karikiert und mit niedrigem Spott belegt. " Ms M brm J&t km „f!r»pMc;:s2r Seit Jahren führt der C e n - tralverein einen Kampf gegen den Zerrtyp des Juden, wie er zum Zeitvertreib eines zum Teil jüdischen Publikums in manchen Kabaretts des Berliner Westens in verletzender und geschmackloser Weife von Zeit zu Zeit auf die Bühne gebracht wird. Dieser Kampf hat dazu geführt, daß die maßgebenden Kunst bühnen und auch ihre Ansager auf derlei verzichtet haben. Um so unangenehmer berührt es uns. im September-Programm des Berliner „Tingel-Tangel" nicht nur einer einzelnen Figur, sondern gleich einem ganzen „Hause" Zucheaegnen, dessen Mitglieder und dopen ganzes Milieu ein Schulbeispiel einer Verkennung und Verzerrung sind, wie sie die antisemttische Agitation nicht anders darstellen würde. Tie neue Revue Friedrich Holländers betitelt sich „Spuk in der Villa Stern" und soll in einem reichen jüdischen Hause in Berlin spielen. Darin wird gepraßt und geschlemmt und werden Dinge getrieben, die wieäerzugeb-en man sich scheut. Ter Eindruck, Oer bei einem durchaus unbefangenen Zuschauer entsteht, ist widerlich und abstoßend. In einer Zeit wie der heutigen, in der sich die wirtschaftliche Lage der jüdischen Deutschen in genau der gleichen Weise krisenhaft zuspitzt wie die aller Teutsck>en, ist es heraussordernd und unwahr, ein solches angeblich jüdisches Haus auf die Bühne zu bringen: der Verfasser hätte sich überlegen d ü r - s e n, zu w elchem Ei s e i n M a ch tu er! m u ß. Bezeichnend Wirkung auch auf nichtjüdische -Kreise ist lnugnahme der als autisemitisch nicht zu verdächtigenden „Germania". Sie stellt in ihrer Kritik folgendes fest: „Tie Revue wurde gu'chriebcn für ein jüdisches Publikum. das sich «r nvbiliticrcn glaubt, indem cs seine Affekte und Komvlcie gegen das Milieu, in dem cs zu leben gezwungen ist, abreagiert in einer Weise, die einen voreingenommenen Gm leicht antisemitisch machen kann/ Tie verantwortungslose Haltung des „Tingel-Tangcl" in jüdischen Angelegenheiten ist leider nicht nur aus die ^epi n d r u d e führen für die gerechte die Steltember-Revue beschränkt. Wir entsinnen uns einer ebenso geschmacklosen und unwahrhaftiaen Szene, in der P-aul Nicola u s einen mauschelnd-en Filmdirekwr spielen mußte, der alle Züge einer antisemitischen Karikmur auswies. Es ist bed-anerlich, daß sich das Talent Friedrich Holländers an solche unwürdigen Objekte verschtoendet. Wir müssen ihm und seiner Kleinkunstbühne aber trotzdem nachdrücklich zu verstehen geben: das jüdische Publikum verbittet cs sich auf das dringlichste, daß ihm ein solches Zerrbild vorgesuhrt wird. Der Mnec AuöLNkeNseeMMr In der NepräsenLanLenversanunlung der Berliner Jüdischen Gemeinde vom 28. September wurde die in diesen Blattern mehrfach erörterte Frage des Stuben» ienf eelsorgers insofern entschieden, als einerseits die Ein. richtung des Postens durchaus begrüßt, anderseits jede Politisierung des Amtes fast einhellig abgelehnt wurde. Ein Antrag der Repräsentanten Tr. Alfred Wiener (Religiöse Mittelpartei) und Tr. Josef Hirsch (Ueberpartei), der folgenden Wortlaut hatte: „Tie Errichtung einer Stelle eines jüdischen Sludcniense-elsorgers wird begrüßt. Der Ger ineindevorstand wird ersucht, in jeder geeigneten Weist sichcrzustellen, daß die Tätigkeit des Studentenscelsorgers dem Charakter seines unpolitischen Amtes und den langjährigen GePstoaenheiten der anderen Religionen entsprecl)end lediglich auf religiöse, soziale und wissenschaftliche Arbeit beschränkt ist", wurde im Zusammenhang mit einer ähnlich lautenden Stelle eines Antrages Bruno Woyda (Liberal) angenommen; etn Antrag Woyda. der die Stelle einein Berliner Genteinderabbiner übertragen wollte, dagegen abgelehnt. Wie in der Sitzung bekanntgegeöen wurde, hat Rabbiner Tr. Prinz die Stelle eines SLudentenseelsorgers an der Berliner Universität nieder ge legt.