Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 39 (25.9.1931)
- Date
- 1931-09-25
- Page
- Seite 466 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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466 [einer Rede fort: „Wir fiaren heute, in fcor Zeit Der Notverordnungen, fein Recht mehr, mir können nur weiter Hanen und mit geballter F-auü in der Tasche den Tag abwarten, wo wir legal mit diesen Herr'e5mften abrechnen können. Vir haben nichts vergeben, :oir werden nichts vergessen, am wenigsien, dah bereits 193 Tote für uns gefallen sind. Ich wurde gefragt, ob ich die Vorgänge, wie sie sich am Kurfürstendamm abgespielt haben, billige. Im kann darauf hier vor dem Volt erklären, daß :ch Ausschreitungen jeder Art ablehne und verurteile. Gleiebzettig muß ich aber die Fragesteller -auch einmal fragen, ob sie sich schon überlegt haben, woher ml me Exzesse kommen, wer die Schuld daran hat. Tech nur die, die gegen uns Heren, die uns dauernd provozieren. "Tie Fragesteller sollen sich mir einmal in die Lage innerer Kameraden hineinversetzen. Tann werden sie vielleicht auch verstehen, daß es dazu kommen konnte. In es nicht ein Wunder, "daß um'ere Kameradeil alles so richig hinnehmen, ist es nicht ein Wunder, daß sie noch nicht ansgeftanden sind und mit aller Macht losgegangen sind? Tas möchte ich diesen Leuten jagen: verlieren wir Führer unsere Leute aus der Hand, dann ist Deutschland gewesen? Wir aber wollen legal abrechnen mit denen, die diese Hexengetränke mischen, mit den Herren ans der Koch- und Jerusalemer Straße und vom Bükowplatz. Mit verbissenem Haß sehnen wir diesen Tag der Abrechnung, der legalen Abrechnung, herbei." Tie 193 toten Nationalsozialisten, von denen Goebbels spricht, sind ans dem Bürgerkriegsschauplatz gefallen, ans dem wir nie ausinarschiert sind. Warum vergißt Herr Tr. Goebbels, daß er schon vor vielen Jahren, als er seine Wirkungsstätte nach Berlin verlegte, „von d-er immer notwendigen Auseinandersetzung mit Stuhlbeinen und Revolvern" sprach? Um jedes Menschenleben, das mit Gewalt ausgelöscht wird, um jeden, welcher Partei er auch angehören mag, tragen wir Trauer. Tagt doch talmudische Weisheit: „Wer ein Menschenleben zerstört, zerstört eine Welt." Tas vergossene Blut aber komme über die, die sie in den Tod trieben, genau so wie über die, die den Todesstreich geführt haben. Herr Tr. Goebbels und seine Leute gaben die Richtung an, in der die Berliner Exzesse geführt lverden sollten, weil sie für jedes und alles, .womit sie sich auseinandersetzen wollen, Juden und jüdisches Tun als verantwortlich bezeichnen. Seine Beteuerung, er lehne jede Gewalttat ab, ist eine Erneuerung von Hitlers L-egalitätseid in anderer Form. Aber eine Legalität, die, um mit Eoebbels Worten zu sprechen, „mit verbisienem Haß den Tag der Abrechnung" herbeisehnt, ijV eine Trapierung von Verbrechen .durch einen technischen Ausdruck. Wer Gift sät, darf nicht verwundert sein, wenn man ihm seine Heberraschung über das Auskeimen bewaffneter Männer nicht glaubt. Tas deutsche Judentum will nicht, wie in einer merkwürdigen Gesinnung-gemeinschast die „Deutsche T a g c §.5 e: F11 n q" meint, „tabu" in der Politik Hin. Es suhlt sich lebendig und deswegen auch jeder Kritik ausgesetzt. Wenn man freilich Menschen bereits als tabu bezeichnet, weil sie nicht tee- oder blutig geschlagen werden wollen, da:m rt eine solche Stellungnahme nur aus der ^eclenhaliung von Südseeinsulanern versiändlich, die den Begriff „tabu" geprägt haben. * Und d i e F r 0 n t d e r Anständigen? Korrespondenten englischer Blätter berichten überrascht und befremdet, wie merkwürdig sie folgende Beobachtung berührt habe: Aus den Fenstern der Straßenzüge, in denen wehrlose Frauen un.d Männer geschlagen unt> nicd-ergetreten wurden, schämen kräftige Männer herab, ohne einzugreifen. Diese interessiert Zuschauenden hörten Hilferufe, aber sie hörten nicht auf sie, sie horten Schaufensterscheiben klirren, aber sie blieben Himer ifjtcn nnzert-rtfdjencn Fensterscheiben. Das deutsche Judentum hat durchs seinen Centralverein seit Jahren gerufen, solange cs schien, daß es sich nur um jüdische Fragen bei dem national sozialisiischeu Vorstoß handele, blieb das Echo völlig aus. A.s lveiwre Kreise die Ce'ahr des lllationalsozialismus erlanmcn, meldeten sich laute Summen links. sehr verein velte und schwache Stimmen rechts als Echo. Die Kreich des sogenannten Bürgertums übersahen gern die „Heldentaten" so mancher Amwnal'ozialisien, die Schreibweise so mancher ihrer Zeitungen der angeblich „nationalen" Haltung der Partei wegen. Als ob die eingeworsimen Fensterscheiben der Leipziger Straße 1930 und die Uebermlle am Kurfürstendamm 1931 „nationale" Gesinnung verrieten. W e r muß eigentlich schreien, damit diese Menschen hören? Was muß in Trümmer stürzen., CHimit sie Hand zum Schutze an legen? Tie R e i ch s r e g i e r u n g ist in einer Arbeit begriffen, die übermenschliche Kräfte erfordern Sie räumt aus, sie bessert aus. soweit sie es kann und wie sie es kann. Es darf ihr aber nicht gleichgültig sein, was hinter der Fasiade des renovierten und gestützten Reicnsgebandes vor sich geht. Tie Erschütterungen der wirtschaftlichen und politischen Grundbegriffe lasten manche Entartungserscheinung der Gegenwart milder beurteilen. Aber auch menschliches Verstehen für andere muß eine Grenze am unmenschlichen Tun anderer finden. Wir haben beispielsweise nicht gehört, als die Bank von England, jenes Institut von chrich.vöetlidter Zuverlässigkeit, ins Wanken geriet, daß sich die englische Bevölkerung 51t Exzessen legitimiert gemilcht hätte, die auch nur annähernd an die Ausschreitungen von Teilen der deut'chen Bevölkerung heran gereicht hätten, die anscheinend als selbstverständlich von hoher und höchster Stelle angenommen und durch Schweigen scheinöarentschuldigtwnrden. W i r l i e b e n T e u t s ch - land und jeder Temsche ist uns Volksgemasie. Und wir empfinden darum die Schande deutscher Gegenwert, das Deutschland der Revolverschüsse und Dolchstöße, der Neujahrsuber fälle und der Fricdho'sschändungen, als Leidtragende und als Mitträger. Wirtschaft ist wichtig. Menschen sind wichtiger; ein balancierender Staatshaushalt ist notwendiger. Es scheint uns^mm endlich an der Zeit zu sein, daß von den Stellen, die sich mit Wirtschaft und Währung und Etat befassen, ein Wort auch in dieser anderen Richtung gesprochen werde. Es muß endlich jemand die Schwerhörigen und Entschlußlosen von ihrem Zuschauerposten hinter den Fensterscheiben wegholen und sie in die Kampffront der Anständigen einreihen, ehe es zu spät ist, denn gechw'sine Fensterscheiben können auch im ersten und z'.veiten Stack zerschlagen werden, wenn _ die Schaufenster am Straßenrand keine ZielocheNe mehr darbieten, weil sie zertrümmert sind. und Betrachter können zu. Leidtragenden werden. Tie deutschen Juden in ihrer Mehrzahl sind bereit, sich in diese KmiwNront einznreiöeu. Tie Auselnanderse-mngen, die sie unter sich führen, entwerten sie nicht als Mitkämpfer in der allgemeinen Front. Aber gerade weil nur uneingeschränkt diese Feststellung treffen, darf die Frage aufgeworfen werden, ob nickst auch in manchen jüdischen Kreisen ein stärkeres Gefühl der Gesamtverautwortnng herrschen sollte, das gestattet, auch, was der innerjüdische Gegner zum Wahle der Allgemeinheit tut. ernst- Zunahmen und ohne unangebrachte Bewitzelung 31t lassen. Niemals, seitdem Kriege geführt werden, hat es an Kriegsberichterstattern gefehlt, die erstens alles besser wußten, und zweitens alles Getanene schlecht fanden. Wir sind sogar der Meinung. daß man seinen eigenen Anhängern gar keinen w großen Gefallen tut, wenn man, was auch 31t ihrem Wohl und Nutzen vom innerjüdischen Gegner getan wird, als wertlos, falsch und würdelos kritisiert. Das gesunde Empfinden der Leser der „Jüdischen Rundschau" wird Entgleisungen, ihres Redakteurs in der Nummer vom 16. September sicherlich selbst geradestellen. Im Augenblick, in dem sie sich für den Jom Hakippurim rüsteten, dürsten sie für Politische, gegen den GciUmloer ein gerichtete Glossen im Stile literarischer Easühansgespräche wenig empfänglich gewesen sein. Wir stellen nicht alles, was wir tun, um billigen Beifall zu ernten, in bengalische Beleuchtung. Wir schwärmen auch nicht sehr für wohlgesetzte Versammlungsreden und papierne Entschließungen. Wir lagen and-ere ruhig wohlfeile Witze reißen, während wir überlegen, aber auch arbeite!:, immer wieder daran arbeiten, wie neues Unheil fernzuhalten sei. Wir haben uns iit allem, was wir in diesen Tagen taten, stets als Mandatar und Treuhänder der Interesien und des Wohls aller innerhalb der deutschen Grenzen lebenden Juden gesuhlt, teils in deren deutlich erklärtem, teils ohne deren besonderen Auftrag. Wir im E. B. haben keinen Vereiusegoismus und keinen Ressortehrgeiz. Wir sind da und wir arbeiten, und wir werden da sein und werden arbeiten: aus jüdischer Verantwortung und aus deutscher Verantwortung. Dr. Alfred Hirschberg. XzJ w — si u. ii BA rtJBa Am dritten Verhandlung?^ wurde nach anstrengender fiinfzehnstiindiger Verhandlung folgendes Urteil gefällt: Wegen einfachen Landfriedeii-brnchs in Tateinheit mit Aufreizung zum Klassenba-s und zu Gewalttätigkeiten erhalten die Angeklagten Merker, Soy, Fcdtke, Riedel, Kuhn, Ponke, Koch, Gewehr je ein Jahr drei Monate, die Angeklagten Bonin, Schulz, P a w I i g, B a r t z, C h a v i e r , Dzicmian, Michalak, Milde brath, Heeke, Angerstein, Schcffler je ein Jahr, die Angeklagten Schuster, 1 r i s k e , G'ourvreux und M a t z d 0 r f je neun Monate Gefängnis. Wegen schweren Landfrieden.sbruclis erhielt der Angeklagte Meede, der einen Rasanten misshandelt hatte, ein Jahr neun Monate Gefängnis, wegen einfachen Landfriedensbruchs der Angeklagte Schubert ein Jahr fünf Monate Gefängnis, wegen Beihilfe zum schweren Landfriedenshrueh der Angeklagte K ü h n s ein Jahr sechs Monate Gefängnis. Wegen einfachen Landfrieden>bruchs in Tateinheit mit Aufreizung und Boamtenbeleidigung erhielt der Angeklagte Utpott ein Jahr einen Monat Gefängnis. Dazu kamen die üblichen Xebenstrafen. Das Verfahren gegen den Jungstahlhelmfiihrer Brandt wurde wegen der ungeklärten Sachlage abgetrennt und dem ordentlichen Gericht überwiesen. Mangels ausreichender Schuldbeweisc wurden die Angeklagten Hehfeld, Cor 11 eisen, Fischer, Johl, Meyer- M ü b 1 h a u s und Heckendorf freigesprochen. Die Verurteilten bleiben in Haft, Bewährungsfrist wurde ihnen versagt. Dieses Urteil weicht in manchem von den wcitergehenden ^Strafanträgen der Staatsanwaltschaft ab. ^ie hatte gegen die Rädelssiährer P 0 n k e, G e w e h r und Brandt zwei Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust beantragt. Dari:- ist ihr das Gericht nicht gefolgt. Tas Urteil übernimmt die Voraussetzungen der Anklage. Das, Gericht stellte fest, daß es sich bei den Vorgängen aut Kurfürstendamm uw. einen planmäßig organisierten L a n d s r i e d e n s b r u ch und um eine eindeutig a n t i s e m i t i) rf> c Akti v u handelte. Ihre Verwerflichkeit hat Staatsanwaltschastsrat Tr. schade treffend gekennzeichnet, als er daraus hinwies, ein wie'hohes Gut gerade das Vertrauen der Welt zur Disziplin d e s d e u t s eh e n Volkes in d c x h e i! t i g c n K riss it z c i t d a x - ft eile. Dieses Vertrauen wurde durch die Tumulte am Kursürsteiidamm erschüttert. We