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Central-Verein-Zeitung · 1931-09-25 · 39 (25.9.1931) · p. Seite 465

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
39 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
Seite 465 (sequence 1)
Language
German
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-9. Sep. 193t _ f; Serlin, 25, Sspternber 1951 X. Jahrgang ♦ Sir. 59 einzelnummer 20P':nni3 /N 'x-.? SZMs--k Uttö ,1& A A nv\\^ir\mr^ ViertellaürsabonnemenL 2,50 MM. (L^ägl. SeftcDßelb). f. J*? <* A /*A ♦ . _ K „ o'/iiv’v^*v-V4/^ <. V </<# s*'4v* w^v MSGMWÜWrr» -* x fpi^-x iF*' iM) S L Allgemeine Zeifun^ des ^Judentums Verlag und SÄiiftlsituna: Scrlin W15, Gm[ec 6tt. 42. Fernsprecher: J2 Oliva 5074. .:. Po'oäeckkonis: Berlin 3-^72. .:. Sar.ücr.fo: TresLner San!, Dexosittrürgr H 2, Derlin-WilinersLorf 1, Hohen;ollernd-amm 196, und von Eolr 'chrnid: - Rothschild & Co., Berlin W 3. Nllrinige Anrergenennahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin 8^V 100, und deren Filirlen. Anzeigenpreise: 0,92 JU.V. für die 7g-spaltene Zeile nach Rudolf Dssses Rormalzeilenrnesser Ar. 4, Farnilienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 die 62 nun breite Re!larnez:ils 3,52 JI&. Eä 6S MM KL LIMLLD? m hm WMMKcN kln LrLa Die Synagogen und Betfäle Berlins waren am Jaum Hakippurim überfüllt. Die Ausschreitungen am'Raufchhaschono-Abend haben die Derliner Juden nicht von der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten abgeschreckt. Sie gaben damit eine stumme, aber darum um so eindrucksvollere Antwort an die Radauhelden der Berliner Straßenkrawalle und Zugleich ein Bekenntnis Zur jüdischen Gemeinschaft ab. Um die Zeit d-es Gottesdienstbeginns wurden die Vorsichtsmaßnahmen der Berliner Polizei bemerkbar. Berittene Schupoabteilunaen. Pa* Lrouillenautos, Streifen durchzogen die Straßen in der Nähe der Synagogen und nahmen teilweise unweit von ihnen Aufstellung. Trotzdem den Nationalsozialisten diesnral das Ueberrafchungsmoment eigentlich fehlte, erschien es notwendig, mit einem Ernstfall zu rechnen. Noch niemals hatten sich Drohbriefe im Posteingang des Centralvereins so gehäuft, noch nie hatten unsere Mitglieder von unbekannter Hand — man schlägt von hinten, selbst unsichtbar, über den Schädel und schreibt selbstverständlich auch solche Briefe anonym — so „liebevolle Festwünsche' erhalten, wie Zu diesen Feiertagen. Ankündigungen wie, daß in einer Reihe von Synagogen Sprengkörper mit Zeit- Zündungen Zur Erplosion gelangen würden, daß man die Spaziergänger des Kurfürstendamms mit Benzin begießen und anstecken, Familien nach vorhergehender Berprügelung aus acht Tage in einen Keller sperren und hungern lauen würde, brauchten Zwar nicht allzu ernst genommen zu werden; aber sie Zeigten, mit welcher Ausführlichkeit sich gewisse „deutsche Patrioten' rn Gedanken mH dem Augenblick beschäftigten, in dem sie sich ungehemmt auf Juden stürzen dürsten, und wie ein fast krankhafter Sadismus in manchen auf den Moment rvartet, in dem er Zum Ausbruch kommen dürfe. Ter Bercitschaftsdienst, den die Hauptgeschäfts stelle des GentMalvereins von früh morgens bis in die späte Nacht am 20., 21. und 22. September d. I. aufrechterhielt, ist zahlreich beansprucht worden. Er hat Meldungen entgegengenommen, geprüft und augenscheinlich wichtige weitergelettet, und er hat so Zu seinem Teil sicherlich Zur Beruhigung der Berliner Juden beigetragen. Den Vorständen der Gemeinden und der großen Organisationen war die Einrichtung des BereitsckMsdienstes mitgeteilt worden. Die Beter empfanden die Wachtposten vor den BetstäLLen als Ehremvache: Der Staat ist bereit, seine Bürger bei ihrem Gottesdienst Zu T^lben Wachtposten aber mußten zumeicg auch als ein Dokument der Schande unserer Gegenwart angesehen werden: im Jahre 1931 ist es notwendig, Zwischen die Hemmungslosigkeit eines aufgewühlten politischen Pöbels und die Stille des Gotteshauses Waffen zu stellen! Die Berliner Polizei und ihre Vorgesetzte Stelle, das preußische Innen- Ministerium, hatten aus den Geschehnissen um die Nauschhaschono-Tage herum mit gewohnter Energie die nottvendigen Folgerungen gezogen. Der ungestörte Verlauf des 20. und 21. September Zeugt für die Zweckmäßigkeit der tember Las allgemein Notwendige. Seine An Weisung, ,^aß auch die Erweckuna und Lchürung von Gegensätzen zu a n L i ch r i sich i ch e n oder anti e m i t i sch e n Zwecken als Gefährdung ncherheit und Ordnung anzuder öffentlichen sehen rst', und daß „die Hebung religiöser und konfessioneller Ueberzeugungen im Nahmen der christlichen Kirchen wie der jüdischeu Religion, namentlich an den Sonn- und Feiertagen, in 'jeder Weise geschützt sein muß', sind deutlich und nicht umdeutbar. Aber wenn das Innenministerium gleichzeitig als Hauptaufgabe der Polizei vorbeugende Maßnahmen bezeichnet, so liegt hierin — wenn auch die Llbsicht der Stacttswgierung aufs wärmste zu begrüßen ist — eine Verkennung der Möglichkeiten von polizeilichen Maßnahmen. Gewiß, die Polizei kann durch einen geschickten ijm Ns LMMsÄMs l Die Deutsche Liga der freien Wohlsahrtspflege, die Spitzenorganisation der Wohlfahrts- Verbände aller drei Religionen, hat einen Ausruf zur tatkräftigen Mitarbeit an der Bekämpfung der Not veröffentlicht. R e i ch s r e g i c - r u n g und Reichspräsident unterstützen diesen Appell an die Gesamtbcoölkerung durch einen besonderen Ausruf, in dein cs heißt: „Die außerordentliche wirtschaftliche Notlage, die gegenwärtig die ganze Welt hcimsucht, hat unser Vaterland besonders hart getroffen. Wir werden diese Nöte überwinden., wenn das . Volk in Hilfsbereitschaft und Opferst;:» zusannnenstcht. Reichspräsident urrd Rcichsregicrurrg richten daher an alle, die helfen können, die dringende Litte, der» Ausruf zur Winterhilfe bereitwilligst Folge zu leisten. Gs geschieht dies auch Ln der Hoffnung, daß solche Nachrichtendienst den Ausbruch von Erzenen verhindern, und dies wäre eine „Vorbeugung"' von augenblicklicher und Zweckmäßiger Wirkung. Aber nicht jede Krankheit zeigt äußere Symptome und es gibt einen Verfall der politischen und sittlichen Kräfte, der durch die tapferste Volizei nicht ausgehalwn werden kann. Hier muffen andere Faktoren ein fetzen. Tie 7Front der Schupokolonnen ist gut und notwendig: bester und tiefer wirkend ist die Front der a n st ä n d i g en Menschen. Unser Aufruf, diese Front Zu bilden, hat ein überraschendes Echo gesunden: Einige Zustimmungen von Christen haben wir unmittelbar erhalten, eine Reihe von Zeitungen stimmte für Hunderttausende deutscher Volksgenosten zu, aber besonders vernehmlich hat sich — Tr. Goebbels gemeldet. In einer Stunden vor Beginn wegen Uebersüllung polizeilich geschlossenen Riesenversammlung hat Sr. G o e bb e l § dem Central verein am seinen Aufruf geantwortet — indem er den Gentralverein angriff. „Wo war', so fragt er, „t?r C. B. in d-en Tagen des Bülowplatzes und dann wirft er der „jüdischen' Prene vor, ne habe sich über die Bluttaten am Bülowplatz nicht in gleicher Weife aufgeregt wie über die Erzege am Kurfürftendamm. Herr Tr. Goebbels überschätzt unsren Einfluß auf die Zeitungen, die er „jüdisch' nennt. Befaßen wir ihn und mit ihm das Sprachrohr an die große Oeffentlichkeit, so hätte man nicht Len Nationalsozialismus, wohl aber das Fünkchen nationalsozialistischen Roivdytmns im Entstehen austreten können; statt denen konnten intellektuelle Brandstifter von allen Seiten das Fünkchen ungestört Zur Flaume anfachen, so daß heute allenthalben das offene Femer durchbricht und kaum Hände genug zum Löschen vorhanden sind. Herr Tr. Goebbels fährt in LiebeStätigkeit zur inneren Versöhnung unseres Volkes beitragen möchte. Diese Hilfe soll die proste Not lindern, aber sie soll auch neues menschliches.Vertrauen schaffen unter den deutscher: Volksgenossen selbst und für das deutsche Volk in der Welt." Wir cd’cn tiefen Ausruf hier wieder in der festen Überzeugung, daß unsere Leser und Leserinnen sich diesem Ruse nicht verschließen wurden. Es ist die beste jüdische Tradition, dem Nächsten zu helfen, solange man selbst noch irgend etwas entbehren kann. Wir wnwn. daß breite Schichten auch des jüdischen Mittelhände- Not leiden. Wir kennen aber auch die Opferbereitscha't unserer Freunde und fordern alle jüdischen Männer und Frauen auf, sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie sich in den harten Kriegs- und Jnftationswintern'der sozialen Hilfe zur Verfügung gestellt haben, jetzt in die große Organisation der Winterhilsi ciüzureihen. Und wir hossen mit der Reichsregierung, „daß selche Liebostätigkeit zur inneren Versöhnung unseres Volkes beitragen möchte'.

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