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Central-Verein-Zeitung · 1931-09-18 · 38 (18.9.1931) · p. Seite 459

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
38 (18.9.1931)
Date
1931-09-18
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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459 Von GemeindsraSAner Or. Kober (Köln) <4P w V c: 6 3n?i jenen Ideal und Wirklichkeit hat inun.er ein Mißoerhättnis bestanden. Niemals aber war die'es " Mißverhältnis \o grast wie in unseren Tagen. Vielleicht ist die erschütternde Tragik der^Gegenwart durch die Spannungen zwischen Ideal und Wirklichkeit kurz geken.nzeichiust. Tiefem Schicksal kann auch die Religion des Judentums nicht entgehen. Unsere Festtage eröffnen uns eine weite Pechpekrive, lassen uns eine weite Fernsicht tun. ^ie sind gleichsam, eine Vorhalle des einstigen wempols der Menschheit, der ein Vethaus genannt werden soll für alle Völler, für das Gottesreich, das aus Erden aufgerichtet werden soll. Wir lesen am Nachmittag des Versöhnungstages jenes wunderbare Propheteubueh von der unendlichen Liebe und Barmherzigkeit Sattes, „depen Vaterherzen alle Menschen gleich nahe stehen, für den es keinen Unterschied von Station und Bekenntnis gibt, sondern nur Menschen, welche er nach seinem Ebenbild geschaffen hat". Wir sprechen am Neujahrsfest und am Versöhnungstage in unseren- Hauptgebet die Bitte aus, daß die Völker alle zu einem Bunde werden mögen, nm_ Lottes Willen mit ganzem Herzen zu tun. -oermann Cohen hat das Versöhnungsfe-st geradezu den Sonnentag der messiauischen Menschheit genannt. Messen wir aber an diesem Ideal, dem wir zustreben, die blasse Wirklichkeit, so scheint dessen Verwirklichung den vielen ' schönen Reden der führenden Staatsmänner zum Trotz noch in recht weite Ferne gerückt zu sein! Vorläufig macht es den Einbruch als ob die Einflußsphäre der Menschheitsgedauken des Judentums sich nur auf seine Bekenner beschräncken sollte. Und in der Tat, wenn irgendein Tag des Jahres für uns bedeutungsvoll ist, so ist es dieser, an dem der einzelne" mochte er sich im Laufe der Zeit noch so abseits befinden, sich wieder zum Judentum zurückfand. So schlingt er ein Einheitsband um die Bekenner des Judentums, und bringt sie dazu, wieder mir ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft ihrem Gotte zuzustreben und mit der Anspannung ihres Willens und Tuns ihm dienen zu wollen. Worin ruht eigentlich die Quelle seiner Macht, die er über die Herzen errungen hat? Martin Buber hat den Juden ein Polares Phänomen genannt, in dessen Charakter die Gegensätze nebeneinander in größter Spannung sich finden. Aus dieser Polarität erwächst das Streben nach Einung. Gott ist dem Juden der Eine, der Einzige, der die Einung vollzieht, das Ziel der Einung aller Menschen. Ter geeinte Mensch und der eine Gott gehören zusammen. Kein Mittler stellt sich zwuchen Kind und Vater, zwischen uns und uu'seren Erlöser. „Heit euch, Israeliten, vor wem reinigt ihr euch, und wer ist es, der euch Reinheit verschafft? Euer Vater im Himmel." Aber der Weg zum vergebenden und verzeihenden Gott geht über den Menschen, der zuerst versöhnt werden must. „Von all c-nren Sünden vor dem Ewigen sollt ihr rein werden." Tazu bemerkt der Talmud: „Rur die Sünden gegen Gott sühnt der Verföhuuugstag. die Sünden gegen den Ncoenmeuschen nicht eher, aw bis dieser versöhnt ist." Messen wir das Ideal an der Wirklichkeit, so spüren wir auch vier, daß sie auseiuaudergeheu. Mit Trauer erfüllt es uns, daß der Versöhnungstag trotz seines hohen Gedankenv'luges und des Reichtums stines Inhalts nicht wehr für alle das Symbol der Einheit des Judentums ist. Tie Zersplitterung des Judentums ist heute nicht weniger stark als in früheren Tagen. Es muß aber einmal gesagt werden, daß wir unter dieser Zersplitterung und Eigenbrötelei mehr als unter äußeren Angriffen gelitten haben und noch heute leiden. Wir dürfen ruhig unstr Süudeubekenntnis aussprechen, das wie alle Gebete im Namen der Gesamtheit abgesaßt ist. Tenn wir sind verantwortlich für den einzelnen, aber auch der einzelne ist verantwortlich für die Gesamtheit. Tas ist alte jüdische Weisheit. Tas Judentum leidet ferner unter der Gleichgültigkeit so vieler seiner Bekenner. In dem Kampfe, den wir als Bekenner des Judentums gegen unstre Feinde zu führen haben, müpen wir erschlaffen, wenn wir.nicht von den Idealen des Judentums getragen werden. Es genügt nicht, sich einen guten Juden zu nennen, sondern man must vom dem Ideal, das man verteidigt, im tiefsten Innern überzeugt sein. Vor den Augen und Ohren der nichtjüdischen Welt, in den „Preußischen Jahrbüchern", rät uns Conftantin Brunner, unsere Emanzipation voranzutreiben durch Selbstemanzipation, unstr Anderssein, das ein unnützes und verständnisloses wäre, aufzugeben, den Namen „Juden" zu opfern. Ich kann in diesen Ausführungen, trotzdem Brunner gegen die noch vorhandenen Bekenner der mosai'chen Religion nichts cinzuwenden hat und ihm das Judentum das wunderstark geschriebene Buch der Bibel ist, doch nichts anderes als die -Forderung der vollständigen Assimilation erblicken, die einst einzelne Staaten bei Gewährung der Emanzipation von den Juden als Gegengestchenk erwartet hatten. Es ist traurig, aber wahr. Alle Personen, die bei den Ausschreitungen am Kurfurstendamm verletzt worden sind, bitten wir, sich im CV.-5uro,Emser 51:0350 42, Oliva 5074, zu melden. Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Landesverband Gross-Berlin vast für die Erkenntnis der Bedeutung des Judentums Nichtjuden häufig mehr Verständnis zeigen als Juden, in denen eine unb-ewustte Abneigung gegen ihre Cstmoi wächst vorhanden ist, wett die Zugehörigkeit zu ibr Zurück sttzung und Lpstr bedeutet. So hat kürzlich der katholuche Theologe Türr den einzigartigen Charakter des Alten Testaments von neuem betont und cusgesührt, daß denen Stolz in allem berechtigt ist, weil cs eben anders ist als die andern, daß aus Israels geistige Euvricklung an gewendet werden kann: „Heil dem Belke, dem es also ergeht. heil dem Volke, denen Gott der Ewige ist." Tieser Ruhmestitel ist uns heute noch nicht abhanden gekonunen. Für den, der das Judentum kennt, ist das Anderssein des Inden nichts llnnützes und Berstandlosts, bedeutet nach einem geistvollen A'ussvruch „Judentum, die Welt als Stätte der Verwirklichung Gottes wollen". Ter Weg dieses Wollenaber ist die jüdische Ge'chichte. Wenn wir Juden nichts der Welt gegeben hätten und nichts unser eigen nennen würden, außer dem einen Gott, der dem Menschen ein Ziel ist und zu dem das Leben des Menschen durch die Tonamik der Tat der Weg ist — außer dem Sabbat, außer der sozialen Forderung, außer demVersthwungstag —, jede einzelne unter diesen kostbaren Perlen würde unser Anderssein auch heute noch rochtstrtigen. solange der Berwchnungsmg uns etwas bedeutet, solange wir das Ideal der Versthnnng erstreben, ist das Judentum für uns nicht nur ,.nod1?5ss cdtt'be'll dann beützen wir an ihm in einer Zeit, da die Welt aus den Fugen geht und die Völker im Nebel, ohne Kompaß und ohne Wegweiser, herumirren, ein Gut, das nicht nur uns, sondern der ganzen Welt am notwendigsten ist. Tenm Versöhnung für die Völker untereinander, für die Parteien und ^öhne unseres Vaterlandes, für uns Juden untereinander wollen und erbitten, heißt sie allmählich der Verwirklichung ent gegen führen. Sssljiig mK im WA Elbing Am 15. Mai, abends, saß der Elbinger Nationalsozialist Jakobus mit Halenkreuzfreundeu im Naihauscafö in Elbing und hänselte sich mit einem Nebentisch, an dem auch einige Juden 'aßen. Langsam wurde die Stimmung „gemütlich", und mu Ende waren die Gemüter so erhitzt, daß Jakobus einem der Hinausgehenden ein Bicrglas nachwars und einen Hofbesitzer aus der Umgegend Elbings erheblich verletzte. Tie Aeteiligten mußten zur Polizei. Ter Kaufmann Alfred S i m o n s o h n, der auch im Cafe gewesen war, und allein einen Zusammenstoß mit Jakoüns gehabt hatte, vorabsch-.edete sich von seinen Begleitern und ging alleui in der Richtung seiner Wohnung den Mühlendamm herunter. In der Nähe des Gerichts überholte er eine Gruppe von fünf Leuten, unter denen Jakobus, der bekannte SA.-Führer S ch w o l o w und der Nationalsozialist Rogalski waren. Im Vorbeigehen schlug nun Jakobus dem Zeugen Simonsohn mit einem Stock derart ins Gesicht, das; das Nasenbein zertrümmert wurde und der Geschlagene mehrere Tage laug bei hohem Fieber und der Gefahr einer Hirnhantentzündung zwischen Tod und Leben schwcbrc. Tie Knochen der Nase waren zum Teil herausgespliltert, und die Nase ist jetzt völlig verrursialtet. Ter Angeklagte behauptet, in Notwehr gehandelt zu haben. Simonsohn habe ihn im Vorbeigehen mit einem Stock aus Bein geschlagen, und in der Abwehr habe er, Jakobus, daun den unglücklichen Schlag geführt. Seine beiden Hakenkreuzsreunde bestätigten selbstverständlich diese Tarstellnng. Aber Simonsehn, der gleichzeitig als Nebenkläger zugelassen war, betonte nachdrücklich, daß er natürlich gar nicht daran gedacht habe, Jakobus, der mit zwei enteren Leuten zufammenging, zu schlagen. Ter Staatsamoal: sah den Tatbestand der gefährlichen Körperverlenung als erwiesen an und beantragte ein Jahr Eesäugnis. Ter Vertreter des Nebenklägers, Reckstsouwatt Lewiuski, ging auf die anusemiti- 'chcu Blot wo ein, d'e den Handlungen des Jakobus zweifellos zugrunde liegen, und Pranger :e in wirkungsvoller Weist die nationalst ziali st i sehen Methoden an, die Unmieden auch nach Elbing getragen haben. Tas Gericht verurteille I a k o r n s zu; ü n f M analen G e t ä i: g n i s und den Kosten des Verfahrens. In der Begründung führte der Amtsgerickusrat aus, es könne keine Rede davon fein, daß der Angeklagte in Notwehr gehandelt habe. Tie entsprechenden Angaben der Zeugen Sckwolow und Rogalski seien unglaubwürdig. Tas Gericht hat dem Angeklagten mildernde Umstände zugeöilligt, weil er

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