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Central-Verein-Zeitung · 1931-09-11 · 37 (11.9.1931) · p. Seite 447

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
37 (11.9.1931)
Date
1931-09-11
Page
Seite 447 (sequence 7)
Language
German
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447 „Die Lage für bin jüdischen Handwerker untersc?>eidet sich nirgendwo von der des Handwerkers in unserer Wirtschaft überhaupt. Wenn es Arbeit gibt, wird auch der jüdische Handwerker leben können. Am besten erscheinen wohl die Bauberufe, Tischler. Klempner und Schlaffer, Töpfer, Maler. Tapezierer, Heizungssachmann und die seinmeck-misch-en Berufe, wie Optiker, Orthopäden. NaNorcclzniker. Auch Damen- und Herrenfriseure haben Aussichten, während von der ganzen Bekleidungsindustrie., wie Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, abgeraten nxrden mutz.' „Sind die jungen jüdisehen Menschen, die in den Kandwerkerberuf gegangen sind, mit ihrer Arbeit zufrieden?'4 „Ja, man kann sogar ftgen^ da st gerade der Zuzug von Arbeitskräften aas schichten, die mit dem Handwerk wenig Verbindung hatten, die Arbeitsfreude und die Liebe zum Berufe gehoben hat. In einem behilfenverein sind 120 jüdische Lehrlinge zu s ammongc schlossen, unter denen sich außerordentlich hochstehende Menschen befinden, die a:ck) in geistiger Beziehung Hervorragendes leisten. Bon diesen zungen Leuten sind nicht wenige Söhne von Akademikern, Beamten und Kaufleuten. Rückfrage bei Lehrherren mMeistern hat in der größten Zahl der Fälle ergehn, dast man die Arbeit der jüdischen Kräfte schätzt und vor allem einen Wert darin sieht, daß sie in engste Fühlung mit dem werktätigen Volk kommen und dort zeigen, dast der Juc>e an der Drehbank und auf dem Baugerüst sich ebenso bewährt wie in der Wirtschaft und Wipenschaftft In diesem Zusammenhang gewinnt besondere Bedeutung, was uns ein Vertreter der Metallindustrie sagt: „Man kann die Zukunft des jüdischen Menschen im. Wirtschaftsleben nicht getrennt betrachten von der Stellung des Juden innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft. Tie Juden mästen alles daran setzen, um in engsten Zusammenhang mit der Produktion zu kommen und ihre Beteiligung an den verwaltenden Berufen und an der Warenvermittlung auf einen vernünftigen Prozentsatz herabzuschrauben. Dafür ist aber Voraussetzung, dast der jüdische Mensch zunächst durch seine Arbeitsleistung überzeugt und vor allem sich nicht von vornherein durch Ileber- 'betommg geistiger Gesichtspunkte und durch politische Propaganda von seinen nichtjüdischen Arbeitsgenoffen abson.dert. Nichtjüdische Arbeitgeber glauben häufig, daß jüdische Arbeitnehmer von vornherein Unruhe in den Betrieb bringen. Sie verallgemeinern einzelne Beispiele. Deshalb liegt gerade auf den jüdischen Arbeitnehmern die Verpflichtung, sich in den Betrieben von jeder politischen Propaganda zurückzuhalten. Damit werden sie den jüdischen Arbeitnehmern den Weg in die nichtjüdischen Betriebe ebnen." Oer Direktor eines grossen Bankunternehmens weist gleichfalls au? den steigenden Wert der hochstgllalisizierten Arbeit hin und glaubt, daß mit wenigen Ausnahmen die Zukunft der Juden in der produktiven Wirtschaft, wie Landwirtschaft und Etektrizitätsinduslrie, liegt. Oer Direktor eines führenden Elektrizitätsunterciehmens warnt dagegen davor, heute noch auf irgendeinen Derufszweic) als besonders geeignet oder aussichtsreich hmzuweisen. — Sie alle betonen die Unübersichtlichkeit der wirtschaftlichen und politischen Lage, deren Folgen Nichtjuden und Juden ebenso in gleicher Weise treffen, wie ein Ausstieg der Wirtschaft beiden ihren Platz zuweisen wird. Oer Oirektor eines grossen Warenhaus-Verbandes weist insbesondere auf die Folgen der Mastnahmen zahlreicher großer Industrie- und Handelsunternehmen hin, die Juden nicht mehr neu einstellen, und betont demgegenüber die Notwendigkeit, daß jüdische Arbeitgeber, soweit sie Reueinstellungen vornehmen, die Rot des jüdisi-ben Mftwlftandes nicht unberücksichtigt lenen. Ilm das Bild zu runden, wurde schließlich noch ein Vertreter der akademi'chen Jugend und ein Arzt befragt: „Sagen Sie mir doch bitte, wie Sie die Ziikunftsaussichten für die herarmmalmende akademische Jugend beurteilen?11 Der Arzt meinte: „Es wird von allen akademischen Leruftn in gleichem Maße abgeraten. Trotzdem hüll der Zuzug zu den akademischen Berufen unvermindert an, die Betätigungsmöglichknien schwinden. Bei den Medizinern ist die Beteiligung jüdischer Studenten gestiegen, unter ihnen pnd die Söhne von Kausleuten viel häufiger als die Binder von?! ersten. Ter Kausinanusfohn sieht den meist erfolgreichen Familieuarft vor sich und mißt an ihm die Berufsaussichten, während der Sohn des Arztes ganz anders urteilt. Tie Schwierigkeiten für den neu in den Bern ^kommenden Arzt mehren sich. Tie Kasstuzulammg, die die Grundlage der Erisrenz bildet, ist äußerst schwierig zu erreichen. Von fünf frei werdenden Zbamerstellen werden nur vier neu bnetzt. Nach sechzehn Jahren oft erhält der junge Arzt seine Znlafftmg. kr kann damit rechnen, daß er das Turch'chnittseinlommen von 10AZ0 Mark im Jahr nicht vor dem zwanzigsten Jahr nach feiner Nicderlapung als selbständiger Arst erreichen wird." „Wie steht es mit dem .akademischen Proletariat1?'* Je ei manchen akademischen Boruftm wie dem philologischen oder dein volkswirtschaftlichen, mag es ein. akademi'ches Proletariat geben. Ich glaube aber, daß ein Arzt auch heute noch sein wrtstenzminimum verdienen kann, wenn er Tüchtiges leistet. Bei tcii_ Zahnärzten sind die Aussichten sogar besser, lieber die Zukunft der heute au ege'chatteten und erwerhsloftn 'Akademiker läßt sich natürlich schwer etwas sagen, wert ihre 'Aussichten von der gesamten Entwicklung abhängen.E „Spielt die Zugehörigkeit zum Judentum bei der Akademikerschaft eine ausschlaggebende Rolle?“ - „Nicht mehr als vor dem Kriege. Ter Zugang zu manchen öffentlichen Aeimern und die Bewegungsfreiheit in der Wirt schonst sind wenigstens nicht vermindert. Bedenklich stimmt natürlich, daß es bei dem hervorragenden wipenschastlichen Anteil jüdischer Mediziner beispielsweise selbst an der Berliner Universität keinen Ordinarius in der medizinischen Fakultät gibt.' Oer jüdische Student sieht die Lage wesentlich schlechter. Er must die unerfreulichen Auseinanderfttzunaen an der Universität miterleöen, er ist täglich Angriffen wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum ausgesetzt. Hinzukommt, daß er schon unter wirtschaftlich schweren Voraussetzungen sein Studium beginnt und gezwungen ist, es b rasch wie möglich zu vollenden. Tas Ideal der Universalöildnng kennt er nur noch vom Hörensagen. in intensivster Beschäftigung mit seinetu Studienfach strebt er zum Eramem Beruf und Verdienst. „Sehen Sie, ich studiere Teutstch und Geschichte. Ich habe dieses Fach aas Liebe zur Sache und aus Verbundenheit mit deutschen Kulturgütern gewählt. Jetzt stehe ich vor dem Eramen, die Aussichten für eine Anstellung als Lehrer sind gleich Null. Tie jungen Lehrer werden aögebaut, und in der Poluik tobt der Kamps gegen die jüdische # Lehrerschaft. Die Nationalsozialisten wollen ja vor allem die Fächer, die ich gewählt habe, den Juden als Lehrfächer unmöglich machen. Die Studentenschaft, die auch für später die engere Lcbensschicht darstellt, ist radikalisierll Weil man dort HsilvMensII Tichinrer VersanIstdle, Berlin SWit SehOceberger Strasse 16a. Telefon: Lüizo-vr: $-200*61. schon lange feine Berufsaussichten mehr sieht — langer als in anderen Berufen —. verspricht man ihr zunächst einmal, dadurch Stellen srei- ^umachen, daß man di- Juden, die sie heute innehaben, entfernt.' Am niederdrückendsten ift, daß bei den Akademikern die Arbeftsaualität nicht für die Zukunft entscheidet. Während in einem anderen Berufe der. der Besonderes leistet, immer noch vorwärts kommt, findet der jüdische Akademiker heute fast überall verftchlosseue Türen und muß erkennen, daß „Beziehungen" das einzige sind, um ihm eine kärgliche Ernten; zu verschaffen. Diese Tinge habe:: natürlich auch eine erfreuliche Seite, wenn die auch nicht für die fehlende Zukunft entschädigen kann. Ter jüdische Student, der immer mehr Werkstudent ift, sich sein Studium aus eigener Arbeit verdient, kommt fthon irüh in Berührung muck dem praktischen Leben und mit allen Schichten des Volkes. So hilft cr zur Beseitigung noch vorhandener akademischer Standeevorurteile und schafft Verbindungen zwischen der werktätigen Bevölkerung und der jüdischen Akademikerschaft. Vielleicht laß: sich von hier aus eine Lwftuung für die Zukunft gewinnen. Alfred Levi. «ÄSfJ M»N§ KÄ W LN AMÄWKN Konstantin Bremmers Bus wendet sich in einem im Augusrheft der „Preußischen Jahrbücher' erschienenen Auffttz „lieber die notwendige Sclöstemanzipation der Juden' ausdrücklich an den Eentralverein. Aur diese neue Veröffentlichung Brunners, die inhaltlich über seine bekannten Schriften kaum hinausgeht und darin gipfelt, daß der Name ,stchden" cusgegeben werden soll, beabsichtigen wir, an der Stelle zu antworten, an der sie erschienen ist. Für den Augenblick wollen wir uns darauf beschränken, einen bemerkenswerten und wertvollen Beitrag zur Diskussion aus dom „Israelit' wiederzugeben, der sich in seiner Nr. 36 mit dem Artikel Eon stau: in Brunners aus den „Preußischen Jahrbüchern' beschäftigt und in dom es heißt: „Brunner ruft den Eentralverein zu Hilfe an. Ter Eentralverein sei die berufene Srganualiom diese Art von Selbstemanzipation durchzuführen. Wir wichen, daß der Eentr-.uverein bereits einmal Eonftantin Brunner mit einem Tisku'siousabend ein Forum für die Ablagerung seiner merkwürdigen Ideen gegeben bat. Es dürste sich wohl erübrigen, den Eentralverein zur Vorsicht zu mahnen. Was weiten Kreisen heute noch ermöglicht, im und am Eentralverein mitzuarbeiten. das ist sein feiner Takt in Dingen der Religion, sein religiöses Tesinterechement, nicht in dem ■ctiine einer mit doppeltem Gesichte lächelnden. Neutralität, sondern im Bestechen, weitab vom Kampf der Eoifter und Meinungen, innerhalb des Judentums, in der äußeren Peripherie fürden Namen u n d d i e E h r e Israels e i n z u st e h e n, die Zugänge zum jüdischen Hause in einer Weise zu schützen, c-bne welche eine ungestörte innere Arbeit heute für keinen möglich wäre . . .'

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