Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 37 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- Seite 442 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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442 organisch schicksalsha'ee Verot-udeuheit mir fcc:n teu tschau Volke durch ungehirBcrte Muarbdst an ter Gestaltung tru:sd>'u Leben-- und deutscher Kultur zu bekunden und zu betätigen. Gleichzeitig aber und in unmittelbarem Zusauuue::- hange mir dem vorigen, innerer Gemeinschaft die Freibest zu erhalten, ihre ßcifrigcn nn.d seelischen Eigewchastcn. die für uns ihr Urm-.d Grundnoe'en ausmachen, ungehindert zu entfalten. Gerade die innere Verbuudeuhei: dieser beiden Ziele bilde: das Wesen unserer G. V.- Jdeologie. Turch die starke Betonung dieser untrennbaren Verkuüp'iheir unterscheiden wir uns von alten Richtungen innerhalb des Judentums. Ger crte Punkt allein würde völliges Ausgehcu bedeuten. Ter and-ere aber, ohne beit ersten, bedeute: wieder Ghetto und Isolierung. Unser Judentum soll aber durch die Verbundenheit mit dem Deustchmm di'serenzierter uu.ddaher auch fruchtbarer und zu immer neuem Schassen und Senken anregender werden. Tas Zusammenwirken beider soll in uns eine stets wirksame Seelenspauuung erhalten und dadurch verhüten, daß weder das Judentum noch das Tentschtum zur stumpstu Gewohnheit für uns herabsinkr, daß vielmehr jedes immer aufs neue von uns erleb: und geformt wird. Erst nnf Grund dieser von uns in diestr Prägung und T-eutung gesorderien Synthese erlangt der Centralverein eine Stellung, die ihm innerhalb des deutschen Judentums zentralen Wer: und Sinn verleiht. Hier liegt seine Würde und Mission. Ties mach: aber erforderlich, daß wir neben gespanntem Verfolgengegenwärtigen Geschehens uns auch mit den Grundtatsachen nnsers jüdischen Seins besauen, daß unsere Versamlnlungeu und Zusammenkünfte sich nicht nur mit den uns von d-er Umwest atusgcdräugten Themen beschädigen, sondern auch mit echtjüdischeu Problemen und sie vorn Gesichtspunkte der oben angedeuteten Ideologie beleuchten und zu klären versuchen. Leider haben wir den Eindruck, daß in vielen Lokalorganisationen, die das jüdische Sein betreffenden Fragen peinlich gemieden werden, daß jeder Hinweis aus die Dringlichkeit dieser Arbeit mit einem bemitleidenden Kopfschüsteln beantwortet wird, als ob nur völlige Leöensfremdhest solche Forderungen Qusstellcn könnte. Demut hängt cs auch zusanuuen, daß dem religiösen Eleruent leider in vielen Kreisen unserer C. V.-Frennde nur wenig Beachtung geschenkt wirD, als ob man da die Befürchtung hegte, der C. B. könnte durch eine stärkere Betonung des Religiösen theologinert und klerikalisiert wenden. Wenn diesem Verhalten nicht rechtzeitig entgegengetreteu wird, ist zu befürchten, daß ein großer Teil unserer geistig regsamen Jugend, wie auch viele positiv religiös eingestellte Juden für unsere Kämpfe gleichgültig werden könnten. Beides rm'ire für den C. V. von schweren Folgen. Es muß daher au alle unsere Freunde der Ruf ergehen: „Denket auch an das jüdische Sein, au die ewigen Wahrheiten unseres Glaubens!" Tas Ziel unseres Streben?, D-entsichtum und Judentum zu verknüpfen, wird nicht eher erreicht werden können, bis sich nicht unsere Freunde endlich davon überzeugt haben werden, daß das Judentum nicht nur eine Angelegenheit der Synagoge sei. sond-ern ins Leben und Denken eines jeden bewußten Juden gehöre. Mögen diese Tage religiös-jüdischer Besinnung uns dazu verhelfen, jüdisches Werden und jüdisches Sein in uns wieder zu verknüpfen, damit wir den heiligen Kamps um Judentum und Judenheit erfolgreich zu Ende führen . . . //FZHmUg" Mp LrreMMW Zu Rudolf Borchardis neuester Schrift In der deutschen Defsenilichkeit klingt der bla ine Rudolf Borchardt auf, wieder und wieder genannt in den Blättern der Rechten. Es ist kein unbekannter Name, doch die ihn kannten, ' sind gewiß nicht in der Mehrzahl Leser jener -Blätter gewesen, die ihn nun verherrlichen. Vielmehr war es der unsichtbare Kreis derer, die für ein dichteri'ches Werk von vollendeter Gestaltung und erlesener Sprachkunst Verständnis, Gefühl, Neigung batten. Rudolf Borchardt ist kein Mann der Menge. Er ist es heute so wemg wie je; die stille Arbeit dichterischen Schaffens hat mit dem Voststribuiieutum nichts gemein. Das gilt für Rudolf Borchardt auch dann noch, wenn er, wiederum nicht vor die Menge, sondern nur vor einen kleinen streik tritt und in einer lin Bremen gehaltenen, bei Georg Mütter, München, veröffentlichten) Rede über „Führung" spricht. Es ist kein Schrei nach dem starken Mann, den nur aus den Volksversammlungen kennen, sondern es ist ein leidenschaftliches und seuriges Bekenntnis, fast eine persönliche Beichte, Zeugnis tiefer, ernster und verantwortungsbewußter Gesinnung. Nicht der Steuermann fehle dem Schiff, auf dem wir ohne Führung treiben, meint Vorchardt. Vielmehr fehle diesen! Wrack Seetüchtigkeit und Steuer. Denn' „Führung ist ganz genau ebenso ein Attribut nicht in erster Linie des Führers, sie ist viel mehrmals bloß das, sie ist ein Attribut des Geführten". So wird die Ausgabe eines Führers, dev „kein Weihnachtsmann mit dem Sacke voll Bescherung" ist, eine andere sein, als es sich die politischen Kinder rechts und links vorstellen. „Wenn er kommt, so kommt er als harter Men'chenbildner, der nicht Deutschland führt, sondern den sührbaren Deutschen schasst." Führung ist „nur der selbstverständliche leiste Ausdruck umfassend vorhandener Voraussetzungen, die zu ihren: Ausdruck streben". An äußerer Führung hat cs den Deutschen nicht gefehlt. Borchardt streitet, wie uns scheint mit Recht, gegen jenen Gemeinplatz von der führerlosen Nation der Deutschen. 'Woran es aber gefehlt hat, ist die innere Fü.hrung, Spengler würde sagen, das „Jn-Form-Sein", die Haltung und sogar das Benehmen. Borchardt findet, wiederum mit Liefern Recht, scharfe Worte gegen die Zeit, in der all dies. Form/Haltung und sogar Benehmen, nicht mehr gilt, in der, mit einem Wort, Werte nicht mehr "gelten. Ter Ruf nach Führung ist im Grunde ein Ruf nach Wertung, die leidenschaftliche Aufforderung, ja sogar Herausforderung auf Anerkennung von Werten. Es mag sein, daß solche Worte nicht neu sind. Solange aber die Zeit sich Laub gegen sie stellt, ist es immer wieder zü recht?er:igen, wenn sie gesagt werden, zumal sie in solcher Gedanken- Führung, in solcher Haltung, in so vollendeter Forni gesagt werden. Wir sagen Ja zu einer Führung, wie sie Borchardt meint. Nun aber setzt das Satyrspiel ein. Wer greift die Worte aus? Tie. an die sie keinesfalls gerichtet sein können. Diejenigen, die da glauben, „daß in Deutschland eine öst'entliche Meinung entstehen kann, ehe ihre menschlichen männlichen und ehrenhaften Grundlagen wiederhergestellt sind, und daß bis dahin eine Führung der Nation vereinbar wäre mit unbeschränkter Duldung derjenigen Karikatur einer öffentlichen Meinung, der diese Grundlagen bis zur lebten Bestialität fehlen". Mit einem Wort, die Herren vorn „Völki'chen Beobachter". Gewiß ist bekamst, daß Borchardt pr.ilisch sich weitgehend rechts eingestellt har. Aber das hat er nun doch nicht gesagt: „Hitler ist der erste, der Befehl und Gehorsam wieder in ein altes Mäuuerrecht eiuletzr." sielst es zu esen in der Ueberschrift einer Veröffentlichung des „Völkischen Beobachters", die Borchardt gewidmet ist, ihn für s i ch in Anspruch nimmt, für Hitler und die Partei, — während er doch ausdrücklich in der Schrift sagt, „Partestolitil habe ich Ihnen nicht zu bieten", und aus sinnen Worten eindeutig zu folgern ist, daß nid t derjenige Befehl und Gehorsam wiederemsitzen wird, der ein Führer vom Schlage Hitlers iit. Irreführung, wie sie hier der „Völkische Beobachter^ treibt, ist der Gegen Atz von Füärnng. Es geht aber noch weiter, und das gebt uns Juden au. Der „V ö l k i s ch e B e o b a ch r e r" spricht davon, wie erguickeud ein so „offener, klarer und dcirtschcr Vorstoß^ ist, er spricht von seiner Hosfnungsrreude, ,,worru man auS Dichtcrmmrd so deutsche und harte und tapfere und in ihrer Frcntstcllrrrrg klare Worte vernimmt, wie die von Borchardt irr seiner Rede über »Führung gesprochenen". Aber worüber er nicht spricht, das ist die Tatsache, daß Borchardt jüdischer Abstammung ist! Auch wir sind der Meinung, daß Borchardts Worte deutsch und hart und tapfer sind. Aber nun wäre es deutsch und tapfer vom „Völkischen Beobachter", zuzugeben, daß sie einer gesprochen hat, der von jüdischem cimnmc ist. Luzugeben damit — worüber der Nationalsozialismus seit Jahren das deutsche Volk irresührt —. daß die deutschen Juden Nt i t f d in p f e r sind in der deutschen Not; zuzugeben, daß es ein bösartiges Vorurteil war. daß, wer Jude ist, nicht zum deutschen Volke gehört, nicht in ihm mitzmprechen und au ihm mitzu'chassen hat. Es wäre Zeichen edler Führung, solches Zuzugeben. Wir erwarten es nicht, weit wir wißen, daß die „Frontstellung" des „Völkischen Beobachters" und der Leinen nicht auf Führung, sondern auf Irreführung gerichtet ist. M. K. Hitler und Fichte. Im August-Hut der ..Reuen Rundschau" veröffentlicht Friedrich Frau: von Unruh einen bcdeutsimen Aussatz über „Fichte und den NationLlwzialismussi Tie Achnlicbsiit zwischen Fichte und Hitler ist danach ganz äußerlich. Fichte fordert zwar den „geschlossenen OandelssiaaN. aber seine Gedanken haben mit den volkswirtschaftlichen Träumereien eines Gottfried Feder nichts zu tun. Fichte verteidigt zwar den Krieg, aber der moderne Gaskrieg ist längst nicht wehr der ehrliche Kamps von Mann zu Manu, den Fichte im Befreiungskrieg seinerzeit vor Augen hatte. Tarin aber lüg! der Grundunterschied: Fichtes Nationalismus verlangt — von Kants Sittcnlehre entscheidend beeinflußt — die sittliche Erneuerung des einzelnen und weiterhin des ganzen Volkes, während Hitler ertast: hat, daß ihm das Brivatleben seiner Anhänger uääus angehc. Fichte null letzten Endes Meustdidstitscut- Wicklung, während Oitler das Gmentei! erzielt. Tie Propaganda liste Verwendung Fichtestcr Gedankeusitzen durch die Nationalsozialisten widerlegt sich selbst, wenn der große Ten'er nicht nach strausgerissen.eu Prograwunpunkten, sondern ans Grund seiner gesamten Weltanschauung verstanden wird. r>r. F. F. U u chü