Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 37 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- Seite 441 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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j' f \ Ell \ ioa-o 14. Ser». 1931 Berlin, 11. September 1931 X. Jahrgang » Nr. 37 «inzrlnummer 2»pfennig »» jf 4 & ♦<, J\ «f A *1 VwvV^V P Vs/Wvjl^Vv^vVvv tm$ Mü _LZr§Ml'W9VMS öZL5MW3' / MÄ^IS^IMUMSK §lmb$n&$M Allgemeine Zeifurtg desDudentums : J 2 Olir-a 5074. .:. Postschr-konto: Berlin 294 72. .:. SaitUonio: Dresdner Bank, Depositenkaue L 2# rnbcrnm 196, und von Eeld'nn'.'.dL - Rolb'child L Lo., Berlin W 8. Itn SW ICO, und deren Filiasn. Tnz-:-.§enpreise: 0,90 fR<.V. für die Tgefpalienc Zeile nach Rudolf Mosses Etellenangebote) für 5llügl::>-er dco Lentralvereins 0,45J?*ti, die £Cnm breite Rcklarnezeile 3,50 JIM. Blerteljahrsabonnement 2,50 RM. (zuzügl. Ssfteugeib). Derlag und Cchriftleitung: Berlin W 15, Emser Dir. 42. §n Berlin.Wilmersdorf 1, g Alleinige AnZeicgnannahme: An.noncen-c5^pedilion Rudolf ST Rorinalrrilenmrrier §!r. 4, Faniilienanzeigen und 6ieZcr.gefi :nfcccf:tr dfcmzlt: lo];?, Ber :che (nich Immer stärker wirken sieb die Folgen der wirtschaftlichen Not bei der heranwachsenden Jugend aus. Wahrend sich in normalen Zeiten die Feber- 1 iiihrung des Jugendlichen in den Beruf reibungslos vollzog, macht heute schon die Unterbringung eines männlichen oder weiblichen Lehrlings viel- | fach die grössten Schwierigkeiten. Die Jugend selbst wird durch die Erj kenntnis dieser Situation nicht nur wirtschaftlich, sondern auch seelisch stark ] betroffen. Wir haben deshalb Jugendlichen und Menschen, die mit dieser i Jugend als Berater oder Arbeitgeber in enger Fühlung stehen, verschiedene Fragen vorgelegt, durch die wir ein Bild von der gegenwärtigen und zukünftigen, von der wirtschaftlichen und seelischen Lage dieser Jugend zu gewinnen glauben. Die interessanten Antworten finden unsere Leser auf der Seite 445 dieser Nummer. Betrachtung zum Neujahrsfest von Rabbiner Dr. Ochs (Gleiwitz) In normalen Zeiten ist das Herz voll tiefster Wehmut, wenn man am Ende eines Jahres steht. Die Vergänglichkeit menschlichen Lebens, die im Hasten und Ringen des Alltags leine Beachtung sinder, wird hier, an der Grenze zweier Jahre, zum schmerzhast brennenden Erlebnis. Aus der einsamen Stille unserer rückschauenden Seele steigen Bilder hingeioelkten Lebens auf, Bilder erloschener Freuden und verwundener Schmerzen: der zurückgelegte Weg, oder ein Teil desselben wird uns bei dieser Rückschau wieder sichtbar und lebendig. Aber das Licht, in dem wir es schauen, ist kalt und herbstlich, ohne Spannung und Leidenschaft . . . All diese Gefühle werden an diesem Neujahrstage den meisten von uns fernbleiben. Erstens läßt das verzweifelte Ringen unserer Tage keine sentimentalen Stimmungen in uns auskommen, dann auch fühlen wir uns erleichtert, dieses maßlos schwere Jahr endlich hinter uns zu haben. Tie Geschichte der letzten Jahre hat das deutsche Judentum keinesfalls verweichlicht. Wir haben ja nicht nur innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft schweres Leid erfahren, haben noch zusätzliche Nationen jüdischer Not erhalten. Doch was wir in diesem Jahre als Deutsche und Juden an Not erfahren haben, übertrisst alles, was wir bisher erlebt haben. Das wirtschaftliche Elend hat eine noch nie dagewesene Schärfe angenommen. Millionen von Menschen stehen vor dem Nichts und vor der Verzweiflung. T-er Mittelstand ist wirtschaftlich säst völlig vernichtet. Das politische Zeitbild ist wahrlich nicht bester. Das öffentliche Leben ist mit gewaltigen Spannungen geladen. Zu dieser gemeinsam mit allen Deutschen getragenen kommt noch unsere eigene jüdische hinzu. Zunächst sind wir wirtschaftlich schwerer von der gegenwärtigen Krise betrossen worden als die anderen, und zwar weil unsere Glaubensbrüder meistens zu dem weder organisch noch organisatorisch gebundenen Kleinbürgertum gehören, bis seinen Lebenskampf an einer Stelle führt, die jeder wirtschaftlichen Erschütterung leicht zugänglich ist. Doch der schwerste Teil unserer Tragik beginnt erst dort, wo unser Leben von politischen Kräften geformt wird, wo eine mit eindeutigster Absicht auf unsere Vernichtung hinwirkende Feindseligkeit an unserer Existenz rüttelt und schüttelt. — Die gegenwärtige Lage des deutschen Judentums gleicht in vielfacher Hinsicht einer Belagerung, bei der uicht der Angriff, der offene Kamps die Hauptrolle spielt, sondern die Blockade, die Absperrung aller Zuftthrstraßen mtd Aushungerung der Belagerten. Auch bei uns ist augenblicklich nicht die Möglichkeit von Ausschreitungen die ^auptgefahr. sondern die Tatsache, daß man uns langsam und Planvoll wieder ins Ghetto Zurückzudrängen oder ein neues Ghetto um uns aufzurickten sucht. Dem jüdnchen Menschen, dem Wirt'chastler wie dem Akademiker, dem Handwerker wie dem Arbeiter, soll die Möglichkeit genommen werden, am deutschen Leben nntznbauen und mitzuschassen. Ohne die Rechte der Juden formell zu schmälern, soll der Raum um sie luftleer werden und ihr Leben in völliger Isoliertheit verstechen. Und doch, so bitter ern.ll die Stunde ist, so schwer die gegenwärtig das den:'che Judentum umlauernden Gefahren sind, wäre es grundfalsch. ja verhängnisvoll, wenn wir rtw-a aus Verzagtheit und Resigniertheit den Abwehrkämpf ausgäben und uns in eine mittelalterliche Abgeschlossenheit zurückzögen. Wir müssen uns klarmachen, daß der Kämpft den wir heute um unsere Ehre und Freiheit sühren, genau so wie der Kamps Deutschlands um seine Existenz, nicht von materiellen Krallen ent'chiwen werden wird. Der Ausgang dieses Ringens wird einzig und allein von unserer seelischen Haltung bestimmt werden. Honte kommt es nur auf Zähigkeit und Gläubigkeit der Umwelt gegenüber an. Und diese Eigenschaften, mit deren Hilfe wir so oft in unserer Geschichte die Feindseligkeit der Umwelt bezwungen haben, sind auch heute noch nicht ans unserer Seele geschwunden. Wir müssen sie nur ans ihrer Verborgmheit ziehen und sie wieder lebendig un.d wirksam machen. Unser aller jüdischer Optimismus soll wieder in uns roachmrusen werden. Unser tägliches Glaubensbekenntnis soll um zwei Punkte erweitert werden: 1. Ich glanbn trotz aller Rot, an den Wiederaufstieg des deutftchen Volks. 2. Ich glaube, trotz aller Smärft des aegemoärtigen Judenhastes. an 'eine ll ober Windung. Freilich darf dieser Glaube nicht tatenlos bleiben. Unsere Pflichten, gegen das Vaterland brauchen nicht erst hier gezeichnet zu werden. Sie sind jedem von uns genügend bekannt. Nur zur Abwehrsrage steien hier einige Worte gestattet. Zunächst mügen wir mit aller Gespanntheit und Wachsamkeit unseres Bewußtseins das Geschehen und Werden in d-er Umwelt verfolgen, damit wir unv-erzüglich die erforderlichen Abwehrmaßnahmen stets treffen können. Unser Blick muß den ganzen Schauplatz dieses Kampfes mnfapen und jedes Gebiet des öffentlichen Lebens mit größter Sorgfalt überwachen. Wir mästen uns genaue und ins einzelne gehende Kenntnis verschaffen von allen Kräften und Faktoren, die das Lebensbild formen. Doch darf diese Wachsamkeit dem Werden gegenüber nicht die einzige Waise bleiben. Ter lampsende Soldat, der nur die Front steht junö nur an sie denkt, kann eines Tages vergeben, wofür er eigentlich kämpft. So kann auch uns die Konzentrierung unseres Denkens um das gegenwärtige Geschehen verständnislos machen für die Wurzel- und kernhasten Formen unseres Judentums, deren Erhaltung doch das eigentliche Ziel unseres Kampfes ist. Wollten wir nur die politischen und wirtschaftlichen Rechte der einzelnen Juden verteidigen, unser Kamps könnte bedeutend erleichtert und entlastet werden. Was wir aber wollen ist mehr! Wir erstreben zweierlei-. Erstens unserer jüdischen Gemeinschaft die Möglichkeit zu sichern, m politisck)er und wirtschaftlicher Freiheit ihre AUS DEM INHALT: Dr. Bruno Weil: Die Wahl von Paris.S. 448 Dr. Ernst Feder: James Simon 80 Jahre alt . ..S. 449 Bücherschau..S. 450