Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 36 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
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430 jeder Fatalismus relsfir» sei, abhängig von den Gebieten, der Lebensbetätiguv.g, abhängig von den Kräften des Menschen, kvmntt auch für das Reich der Wirtschaft Bedeutung zn. Das G e fühl der Ohnmacht den großen z e r m a l - menden Tendenzen der kollektivist i s ch e n Geftaltungdes W i rtschafts- Hildes gegenüber kann sich mit d e m durchau s Erfolg versprechenden Willen paaren, i in Rahmen des Kleinen und Uebrrsehbaren durch eigene Kraft das Schicksal des einzelnen zu bestimmen! Werner Sombarthat mit großer Schärfe eine wesentliche Funktion der Jndenheit im Wirtschaftsleben erfaßt und beschrieben. Er rühmt ihre Kraft, die Lücken in den vorhandenen W i r t s ch a f t s s y st e me n z n e r k e n n e n u n d a n s; u m"l l t e n. Ost waren es Lücken, die in sich am kommende Entwicklung wiesen, in denen barnt die Juden neue Wege gingen. Oft aber rührten sie daher, daß das System nicht restlos alle Erscheinungen der Prodnttion und des Handels erfassen und zwingen konnte. Solche Lücken gibt es heute auch? Das starre unpersönliche System der Kolleltivierlmg von Kapital und Arbeit findet seine psychologische Grenze an dem auf die Tauer nicht zu unterdrückenden Bewußtsein des Menschen vor seiner Individualität, und rechtlich wehrt sich der Freiheilstrieb gegen die zunehmende ideelle und materielle Unterdrückung. Zu diesen subjektiven Momenten finnnicn aber noch objektive. Es gibt Gebiete des Wirtschaftslebens, die ans ihrer individuellen Gestaltung heraus sich der Kollektivierung überhaupt widersetzen oder bei denen sie sich rein rechnerisch nicht verlohnt. Es gibt ferner n e n auftauchende Betätigungen, bei denen es noch lange dauern kann, bis sie in den Strudel der Kollektivierung hineingezogen werden. Und diese Lücken sind gerade heute für den Juden von größter Wichtigkeit. Tenn so berechtigt der Fatalismus ist, soweit die große allgemeine Wirtschaftsentwicklung in Betracht kommt, so sicher ist es, daß im kleinen noch eine Fülle von Echassensmöglichkeiten vorhanden sind, die dem individualistisch eingestellten Juden Arbeit geben, die seiner Veranlagung entsprechen und die ihn ernähren. Er müßte nur diese Lücken kennen! Man darf sich nicht darauf verlassen, daß der gesunde Wirtschaft.iche Instinkt des Juden von selber auf sie führt. Ter Umweg wäre ein za großer, und damit auch der Zeitverlust und die Verschwendung von Kraft! Im Mittelalter kam es'vielleicht ■ rein vockswinschastum gesehen — nicht daraus an, wenn Geschlechter beim Suchen nach den neuen Wegen verkamen und verdarben. In unstren Tagen bekennt man sich zu einer etwas gcwinenhasteren Oekonomie mir dem MenstcheutitatcricC, und zumal wir Juden, die zahlenmäßig in Deutschland von der Gefahr des llntergangs bedroht sind, müssen alles custvenden. um dem Rachwuchs das oft. verhängnisvolle Tasten und Irren auk den Wegen zu neuer befriedigender Wirtschaftsbetätigung zu ersparen. Im großen Wirtschaftsleben gibt es Institute für Konjunkturforschung, die in das Geheimnis wirtschaftlichen Aufschwungs und Riedergangs hineinznlouchten trachten und ans der Grundlage statistischer. aber auch historischer und psychologischer Untersuchungen den Weg der Menschen in der Wirtschaft zu beeinflussen versuchen. Dem deutschen Indent u m v o n heule tut nur: ganz gewiß eine Einrichtn n g dieser A r t not. Das wichtige Buch von Alfred M a r c u s (..Tie wirk sich ältliche Krise der deutschen Inden") mit seinen eingehenden Untersuchungen über das-Werden und Vergehen des jüdischen Anteils an den einzelnen Gebieten wird gewiß manchen nachd-enllich gemacht haben. Es stsligt in allen sich verantwortlich sülchenden jüdischen Seelen die lieber z.mgnng, daß die Zeit des Tiskntierens und Theorensiereus vorüber sein muß, und daß man Wege zur Selbsthilfe zu suchen verpflichtet ist. Dem w unendlich überorgannnerten deuvchen Judentum von heute noch eine Einrichtung empfehlen zu wollen, ist nur möglich, wenn ihre unbedingte Notwendigkeit seststeht.^Bei der vorgeschlagenen Ren bildnag einer stelle, die die M v g £ i eh feiten der w ir 1' chaftli ch 0 n Betätigung der deutschen Juden genau e r f o v s ch e n u n b i m R a b m e n des Gegebenen praktische Vorschläge machen soll, braucht solches nicht erwiestn zn werden. Tenn ihre Tätigkeit würde darin besteben, daß sie die Entwicklung der bestehenden Wirtschaftsströnuruaen genau verfolgt und je nachdem Inden vor der Betätigung in den einzelnen Zweigen ans Grund der Aussichten warnt oder ne ans neue erfolgversprechende Möglichkeiten austnerksam macht. Sie würdig Lücken in der Wirtschaftsordnung ansdecken inanen, die Z'ä.gwgz sichch ■ Gckiv der ökonomischen Beranlagnng der Juden liegen. -Sie würde aber das Problem nicht nur sachlich, sondern anah lokal — anders als die allgemeinen großen Forschnngsimntute — zn bewältigen haben, indem ne auch hier die Lücken aufspürt und Ricd erstmmgsmögsi chkeiten nachtreist. Tust zu ihren Rru gaben damit auch der theoretische Teil der Berufsberatung gehören würde, ist stlostverLändlich. Und fraglos wäre der Judeubeik Teittstcklauds sehr damit gedient, wenn diese objektive Seite der Berufsberatung, die Frage nach den Aussichten des gewählten Lebensweges, nicht, wie bisher, ans Grand lokaler Schäw'.ngen und politischer ^Annahmen, sondern noch den Ergebnissen umfaneo.der statistischer -und volkswirtschaftlicher Erhebungen behandelt werden könnte. Es bedarf weder einer großen Vorbereitung noch der Schäftung einer neuen sie tragenden Organisttion. um eine solche Forsehnngsstelle ins Leben zu rustn. Sie wäre einfach als eine Abteilung der Z e n t r a l w o h l f a h r löst e l l e der d e u r' ch c n Jude n zn begründen und if r anznachiedern, da die von diestr gesammelten. sozialen Materialien und Erfahrungen eine unerläßliche Boraussetzung für jede Arbeit bilden. Ebenst notwendig sind freilich auch die soziologischen und politischen Gr n n d l a g en der Forschung, die der Central verein beizntragen imstande wäre. Auch die Kostenfrage dürste darum weniger Lvrge machen, weil als Träger der Einrichtung die großen Verbände und Organisationen der deutschen Judenheil in Betracht kommen, die eben — man erschrecke nicht vor dem ketzeri'chen Gedanken — in der Zeit der Rot andere Ausgaben. deren praktische Wichtigkeit nicht so groß ist. zugunsten einer so dringenden Forderung znrückstcllen mästen. Daß Menschenkran eine andringende Sturmflut nicht m bändigen vermag, ifr zu zu geben. Daß aber Merftchen in einem fest gezimmerten Schistst die Gewalt der Wogen zu überstehen imstande sind, ist auch richtig. Statt zn jammern, sollten wir bauen! Und einen bescheidenen Beitrag ]um Bau soll der hier gemachte Vorschlag bieten.! Einweihung des Tempels in Hamburg. Phoio Max Hirsch, Hamburg Photj Emst Scheel, Havcarg Erbaut von Dipl.-Ing. Felix A s ch c r und DipL-Ing. Robert I'rlcd mann Am Sonntag, SO. August (3. J., wurde der_ neue Tempel der Hamburger Deutsch-Israelitischen Gemeinde in einer würdigen Feier seiner Bestimmung übergeben. Die Staatsbehörden batten den "Vorsitzende für die Angelegenheiten der Rc!igi«>nsgesellsehaftcn, Senator I>r. B u r c h a r d - 31 o t z, und Staats rat Pr. *S t r o v e , die Baubehörde Oberingenicur Pr. \Y. II e i 1 w c g und I. Baudircktor Dr. Lang entsandt:. Vorstand und Repräsentanten der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg und der Kaohbnrgomeindon waren fast vollzählig erschienen. Per "V ersitzende des Bauaussehusses, Rechtsanwalt Dr. U r i a s , übergab den Bau mit herzlichem Pank an die Architekten seiner Bestimmung. Diplom-Ingenieur Architekt Felix Ascher legte den Schlussstein und Diplom-Ingenieur Architekt Robert Friedmann übergab mit feierlichen Worten dem Vorsitzenden der Tcrapclgemeindc, Heinrich Levy, den Schlüssel 'des Portals. Bewegt dankte der Vorsitzende allen Mitarbeitern, die geholfen haben, den Bau zu vollenden. Nachdem Psalm 11?, vorn Tcmpelchor machtvoll vorgetragen, verklungen war, entzündete Rabbiner Dr. 3Iax Diene mann (Offenbach) die Ewige Lampe. Dann folgte die Einbringung der ThoraroHcn, die von den Vorstehern der Gemeinde und des Tempels getragen wurden, und die Einhebong in das „AHerheiligste“ ^unter den Klängen der von Oberkantor Leon Kornitzer für diese Feier neu komponierten S'u sch’orim. Soloeialagcn der Sängerin Sabine Kalter und der Geigenkünstlerin Herta Kahn verschönten den ergreifenden Augenblick. Die Weihepredigt hielt Rabbiner Dr. Bruno Italiener. Das Gebet für die Gemeinde sprach Rabbiner Dr. Cisar Seligniann. Or^elklang und Chorgesang schlossen die erhebende Feier. ... A. ß.