Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 36 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- Seite 429 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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$8i. 19 3i Herlin, 4. September 1931 X« Jahrgang *!1r. 36 Einzelnummer 2dpfenn':g \ \J4 öMÄN MS fl S/V WWMWsüsKLU '««K MSArSemr. '_cSr l*A +*€>**4} «fr - «'*3* A MÄKdNr§m'MM?MM MAZZÄsrZO §.Ä /^.N^emeine ^eituntz des Dudenfums Vierteljahrsabonnemenl 2,50 NM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag ur.d Schriftleitting: Berlin W 15, Emser Ltr. 42. Fernsprech-er: J2 Oliva 5074. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. .:. Bankkonto: Dresdner Dank, Dexosttrrckasse H 2, Bevlin-Wilinrrsdors 1, Hohen^ollerndannm 195, und von Eoldschintdt - Rothschild L Lo., Berlin W 8. . — Allein-ge AnZeicenannahme: Annoncen-E^veditirn Nndalf Moffe/Derlin SW 100. und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JUL für die TßcfpaTtene Zeile ^nach S^UuClr^oi;^ SrormalZeilenineffer Nr. 4, Familienan-eig-n und LLell:ng:suche (nicht Ste2enanc:Lote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 f?cH, die mm breite Re!la"szeils 3,50 JIJ.. Wir disBAMMk MW Zit illhtiiSlüisiLHIiyMg W ftttircins A.H. Ter Centralverein steht lebendig in der deutschen Gegenwart, als deren unlesbarer Teil er sich suhlt. Gr empfindet die A'aswirkungcn der allgemeinen Krise ach wirtschaftlichem, politischem, kulturellem Gebiete mit der Erkenntnis, die ständige Wachsamkeit _ und Kampfbereitschaft verleihen. Aber er must an die Ueberwindung von Krisenerschemungen nach seinen eigenen Gesetzen Herangehen, ^eine Arbeit, die nicht schematisch verrichtet werden kann, seine Mitarbeiter, die keine Bürokraten sein dürfen, können nicht durch „Notverordnungen/ in einen äußerlichen Einklang mit der allgemeinen Lage gebracht werden. Tie Leitung des Vereins hat deswegen auch die Maßnahnwn, durch welche die Arbeit nach Umfang und Inhalt auf die heute bestehenden Möglichkeiten und Aufgaben abgestimmt werden sollen, nicht im Wege der „Notverordnungen/, sondern durch Beteiligung des verantwortlichen Kreises, seines Arbeitsausschusses, getroffen. Für die Beratungen, die sich über zwei Tage erstreckten, hatte zunächst die sogenannte S p a r k o m m i s s i o n die sachlichen und technischen Voraussetzungen der finanziellen und politischen Beschlüsse geschaffen. Tie Männer, die sich teilweise seit Jahrzehnten bei der Arbeit für die cache des Centralvercins treffen, fanden sich in klarer Erkenntnis der Schwierigkeit der Lage, aber in ungeschwächtem Willen zur Idee und zur Arbeit des Vereins Zusammen. Berufliche und persönliche Erfahrungen hätten so manchem die Berechtigung zum Pessimismus verleihen können. Aber man stellte seine persönlichen Eindrücke zurück, man prüfte objektiv und leidenschaft-los die allgemeine Lage und die des Vereins, und man stellte mit Tank und mit Anerkennung an die Voraussorge der Vereinsleitung fest, daß der Centralverein Weiterarbeiten kann, wenn — und es besteht bisher kein Grund, daran zu zweifeln — die Mitglieder ihr Vertrauen zum Verein und ihre Opsersreudigkeit für ihn bewahren. Tie Sparkommission unter Leitung des Vorrnden des Verwaltungsausschusses des E. 33., Varuch, fand mit minutiöser Genauigkeit vorbereitete Pläne vor, die ergaben, wie ^eine uach stärke und Umfang gleiche Tätigkeit des Centralvereins bei Verminderung seiner finanziellen Aufwendungen in der Hauptgeschästsstelle und in den Landesverbänden erfolgen kann. Die Bezüge der Mitarbeiter und Angestellten des Vereins erfahren zeitgemäße Kürzungen, mit denen sie in verständniwollem Eingehen auf die Notwendigkeiten des Vereins sich schon vorher einverstanden erklärt hatten. An der Grundlage dieser Pläne und der Veschlüye der Sparkoimnission konnte der Arbeit-ans'chust unter Leitung des BerernsvoAineuben, Justizrat Tr. B r o d n i tz, und seines Siellderlreters, Tr. Bruno Weil, in seiner Sitzung lrm 3-0. August dieses Jahres in dieser Richtung 30 »5 @:i MMN WS WVchr drS MikÄ-MÄA^M Bon Sr. FM Eolbmann fLekyzlg) Tie Formen, die die Behandlung der Wirtschaftskrise in jüdischen Kreisen anzunehmen beginnt. machen der Geistigkeit unserer Gemeinschaft gewiß alle Ehre. Nachdem der Tatbestand unzweifelhaft festgestellt worden ist, nachdem man einerseits weist, daß die moderne Wirtschasisentwicklung kollektivistische Dahnen einschlägt, die dem an individualisierte Wirtschaftsgebarung gewohnten Juden nicht liegen, andererseits aber, daß die Möglichkeit für den Inden, als Angestellter Unterkommen und Betätigungsfeld zu finden, durch gesellschasilichen und politischen Antisemitismus chnmer mehr eingeengt wird, ist man zur wipenschastlichen Behandlung der Probleme übergcgaugen. Ihre Auswirkung für die Soziologie der Juden, die Frage, ob von einer Proletarisierung gesprochen werden kann, steht zurzeit im Vordergründe des Jntereyes. Was aber die praktische Frageeiner Aenderung des Bestehenden und einer Wendung zum Besseren anbetrifft. so herrscht ein Fatalismus, der zunächst bei der Relativität des jüdischen Problems und seiner unbedingten Abhängigkeit von der allgemeinen Entwicklung begreiflich erscheiltt. Tie Judenheit ist nirgends mehr ein Wirtschastskörper, der in sich geschlonen und unabhängig wäre. Und trotz des besonderen Charakters der jüdi'chen Gruppe erfährt sie überall, mögen auch geringe Schwankungen der Besserstellung oder, was meist der Fall sein wird, der Ver'chlechterung sichtbar sein, das Schicksal des großen Ganzen, in dis sie eingezwängt ist. Ihre Eigenentwicklung ist zwar vorhanden, ne wird vom Juden deutlich verspürt, sie ist aber lediglich eine Folgeerscheinung ganz großer wirtschaftlicher Bewegungstendenzen, deren kleinere Menschcngruvpen — und die jüdische schon lange nicht — durch ihren Willen nicht Herr werden können. Ti/e Erkenntnis setzt sich in schlimmsten Fatalismus uni. Tenn das Bewußtsein, nicht ändern und nicht Helsen zu können, lähmt alle Tatkraft, und letztlich gleitet die Stellungnahme der Beteiligten in die Gefilde des ohnmächtigen Empfindens, des Hosfens und der Verzweiflung hinüber. Tie Pessimisten sehen das Ende der Judenheit mit mathematischer und logischer Sicherheit kommen, die Optimisten trösten sich damit, daß die Judenheit sich auch aus noch schlimmeren Verlegenheiten 'gerettet hat. Fatalismus ist nun, wie die Religionsgeschichte lehrt, eine der jüdischen Seele fremde Empfindung. Man hat freilich stets den Gegensatz zwischen der fraglos fatalistischen Ergebung in den Willen Gottes und dem Glauben an die eigene Kraft der Schicksalsgestaltung verspürt. Und der Lösung dieser Schwierigkeit, daß eben rasche Arbeit leisten. Tr. ^Ernst Herzfeld, Epen, der die Anträge der sparkoimnission vortrug und behandelte, fand die einmütige Zustimmung des Aroeitsausschnpes, als er seststellte. daß kein Abbau der Arbeit, kein Not- Programm der Leistung beschlossen werden darf, sondern daß unvermindert weiter gearbeitet werden soll. Es kann nur gewünscht werden, daß diese Zuversicht der verantwortlichen Persönlichkeiten. die zum großen Teil in enger Verbindung mit den Mitgliedermassen stehen, in Berlin und im Reiche erhalten bleibt und sich auswirkt. Nachdem so die wirtschaftlichen Grundlagen der Arbeit, soweit man heute überhaupt lange Zeitläuste überblicken kann, bis auf weiteres gesichert waren, konnten sich die Beratungen den drängenden Fragen der Arbeit für den Tag und auf lange Sick: hinaus zuweuden. Ter Syndikus des Vereins, Tr. Alfred W i tni c r , untersuchte die politischen Kräfteverhältnipe und Strömungen, charakterisierte die Ideen- und Kampsrichtungen der alten und neuen Gruppen und unterstrich die Notwendigkeit, sich auf die großen politischen Entscheidungen des kommenden Jahres ebenso sehr ein zustellen, wie in Art und Inhalt unserer Ausklärungstätigkeit den Wandlungen im politischen und wirtschaftlichen Denken des Volkes Rechnung zu tragen. Tr. Alfred H i r s ch b e r g, stellvertretender Syndikus des Centralvereins, ergänzte diese Untersuchungen in der Richtung eines bedeutsamen Gegenwartsproblems: T^er Erschließung der durch die wirtschaftliche Umschichtung im deutschen Judentum aus ihrer Selbständigkeit zur Abhängigkeit gelangten breiten Schichten der Kreise, die früher den Mittelstand bildeten, für die Mitarbeit im Centralverein, und der tätigen Arbeit des Vereins bei der Linderung der größten Lebensnöte der angestellten und erwerbslosen jüdischen Jugend. — Tie Ausführungen des Berichterstatters fanden in einer Reihe von Richtlinien ihren Niederschlag, die die Zustimmung des Arbeitsaussthusses fanden und mit deren Tirrchsührung sofort begonnen werden soll. Tie Sitzung verlor, je weiter der Tag vorschritt, um so mehr den Charakter einer Krisen- oder Rotrnaßnahmcn-Sitzuug. Sachlichkeit. Erkenntnis der Lage und fester Wille traten zusammen. Sie bilden ein Kraftzentrum innerer Arbeit, dessen Auswirkungen bis in die letzten Orte des Reiches zu tragen ehrenamtliche und beamtete Mitarbeiter als ihre heilige Pflicht empfinden.