Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 35 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Gold mann: „Der 3uds im deutschen ICultiirUreise!* Ist die 3udenhe!t eine Nation? Als die europäische Menschheit sich ihrer nationalen Unterschiede bewußt wurde, schien eine glückliche Zeit anzuheben, 10 viel Kraft, Ermutigung, Begeisterung ging von der nationalen Idee aus. Aber man ahnte damals noch nichts von ihrer Problematik, in deren Netzen heute die Völker Europas und nicht sie allein gefangen sind. Auch die Probleme, mit denen die deutsche Juden heit zu ringen Hai, kommen aus dem geistigen Bereich des Nationalismus. Ter deutsche Jude hat sich mit der entarteten Form des deutschen Nationalismus, der ihm als A n L i s e m i t i s m it s entgegentritt, herumzuschlagen. Und anderseits hat er sich mit dein Jüdischen Nationalismus, dem Zionismus, auseinanderzusetzeu. Tiese doppelte Beziehung zum Nationalismus, die dem deutschen 'Juden einen äußeren Kampf der Abwehr und Aufklärung und ten inneren Kamps mn die persönliche Ueberzeugung auszwingt, gelangt in einer Schrift des in E.V.- Krenen und darüber hinaus rühmlichst bekannten Nabdiner Tr. Felix Gold mann (Leipzig): „Ter Jude i m deutsche u Kult u r - kreise" (Philo-Verlag. Berlin 19-80), zur Tarstellung. Goldmaun nennt sein Buch deshalb einen „Beitrag zum Wesen des Nationalismus". Ter erste Teil des Buches behandelt das Verhältnis zwischen Deutschtum und Judentum. Es handelt sich also um die Fragen reihe, deren harmonische Losung ein durch Rapentheorieu verwirrter Nationalismus nicht zu erkennen vermag, nicht erkennen will. Obwohl die eigentümliche Situation des Judentums in Teutschland zu weit interesianteren soziologischen Untersuchungen Anlaß bietet, wird von judenscind» licher Seite im Namen des nationalen Egoismus wieder und wieder nur die eine kleinliche Frage erörtert: „Ist das Judentum dem Teutschtum nützlich oder hinderlich?" Tem Berfasier blieb daher, um der antisemitischen Fragestellung zu begegnen, nichts anderes übrig als die'Beschränkung aus diese vorgefchriebenen Grenzen. Eoldmann lehnt die pseudowissenfchasiliche, da politisch von vornherein gebundene, Behandlung dieser Frage ab, aber auch die Erörterung, die sie bisher häufig. von jüdischer Leite erfahren hat, erkennt er nicht an. Er ist weder ein Anhänger der „liberalen Assimilatiousideologie", die nur den konfessionellen Unterschied zwischen deutschen Christen und deutschen Juden'anerkennt, noch ist er geneigt, der „völlifcheu" Ideologie des Zionismus zu folgen. „Tie Frage nach dem Wesen der deutschen Kultur, nach dem Kulturbeitrag der deutschen Juden, nach den Wirkungen beider auseinander" scheint Goldmann bisher im Geiste historischer Üeberlegung noch unbeantwortet zu sein. Tiefe Antwort zu geben, ist die historifch-soziologische Aufgabe, die der Verfasser sich stellt. Seine These lautet, „daß unter den mannigfachen Kräften, die deutsche .Kultur aufrichwu, auch das Judentum positiv mitarbeitet, daß es eine Bereicherung für sie bedeutet! ... daß der jüdische Anteil sich harmonisch einfügt und deutsche Kraft, deutsches Ansehen, deutsche Geltung mehren Hilst!" Tabei geht der Verfasser von der Voraussetzung aus. daß Neste jüdischer nationaler Kultur sich bis heute erhalten haben, die zwar 'seit der Emanzipation in der Auslosung begriffen sind, daß aber immer noch mit ihrer Existenz zu rechnen ist und daß mau daher mit Recht von einer „jüdischen Komponente" innerhalb der deutschen Kultur sprechen kann. In ausführlicher begrifflicher Auseinandersetzung und in breiter Darstellung des „jüdi'chen Anteils an der deutschen Kultur" erbringt der Verfasier den Beweis für seine These. Im zweiten Teil des Go'.dmaunfehen Buches soll „die Entwicklung des deutscheil Judentums . . . vom Sein der großen gesinnten Judeuueir aus beurteilt werden". Tie Frage nach der „Einheit der Juden" wird aufgeworfen, und von ihr ausgehend wird der jüdische Nativ n a l i s ni u s eingehend in bezug ans seine Entstehungsgeschichte, seine Ursachen,. Heine Wirkungen und Zukun'isaussichten untersuch-. Nach Goldmaun gibt es keine jüdische Kulmreinheit, was er au zahlreichen Beispielen zu beweisen unternnumt. Tie Einheit der Juden beruhe allein aus religiöser Grundlage. Darüber hinaus bestehe allerdings die „Einheit der- Leides", eine gewisse Schicksalsverbuudeuheit. die aber „relativ und vergänglich" sei. Goldmann betrachtet den Zionismus als „ein Kind des 19. Jahrhunderts", nämlich des modernen Natioualismus. Er sieh: in ihm eine Gefahr für die jüdisiche Religion und hält deshalb seine Ueberwiudung für notwendig, ebenso wie )cdeo andere Nanonalismus überwunden werden muß. Aber cs gilt nicht etwa abzuwarten, bis die allgemeine natioualisiüche Welle verebbt. Tie „W i c d e r e r w e cf n u g" des religiösen Lebens im Judentum muß angestrebt werden. „Wer den (jüdischen) Nanoualismus überwunden will. muß zur Religion erziehen'." Nur dann wird das Judentum sich erhalten, und nur dann wird cs eine harmonische Lesimg des deutsch-jüdnchen Problems geben. Ter Verfasser hat alles, was es an Proolcmntif gegenwärtig im deutschen Judentum gibt — es kann hier des Raumes wegen nicht alles aufgezählt werden —, in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen. Dadurch ist das Buch zwar äußerst reichhaltig, aber Zugleich zwaugsläufig etwas breit geworden. Ju drei Kariteln werden die Begriffe Kultur, Nation, Teutslltuin, Judentum auseinandergesetzr. Ter Ltter darf sich aber durch diese theoretischen Klarstellungen nicht hindern lassen, zu den folgenden, weit interessanteren Teilen vorzudringen. Tie Aufgabe, ^die der Berfasier sich gesietlt hat, brachte die Schwierigkeit mit sich, daß er das Ungreifbare in wissenschaftliche Formeln bringen mußte. Nichts ist schwieriger und undankbarer als beispielsweise Feststellungen zu treffen über „die Grundlage der deut'chcu Seele" oder „die Wurzel des jüdischen Wesens". Solche Analysen werden stets Widerspruch Hervorrufen, da sie nie schlüssig bewiesen werden können. Goldmann bezeichnet z. B. den Individualismus als typischen Zug bei Deutschen wie bei Jlldcn. Betrachtet man das deutsche Mittelalter, die Entwicklung des deutschen Sozialismus oder _ auch mir den Organisationstrieb des Deutschen, so kann man das Geaentcil behaupten. Als rerljt geglückt sind alle die Teile zu bczeichrtcn, in denen der Verfasser aus seiner reichen Kenntnis jüdi'chen Lebens, jüdischer Geschichte und jüdischen Wissens schöpft. Tie Schrift lämpsi gegen zwei Fronten. So wurde sie — der^Ver'asser wollte es vermeiden und nur „das ^eiende schlicht beschreiben" — eine Kamptschriü. Sie führt einen Kampf gegen den Irrtum aus Haß und gegen den Irrtum aus Liebe, aber sie mhrt ihn mit den arten WirM vorbeugend1 Fachinger Vcrsandstell*?, Berlin SWil Schöneberger Strasse ICa. Telefon: Lützow: 62:0;61. Wasien wissenschaftlicher Erkenntnis, getragen von starkem religiösen Geiue. Sie in iud siche und christliche Kreise zu bringen, muß sich der Eentralverein mit allen Mitteln angelegen sein baffen. Dr. Margarete Wiener. Das lienfsofis Zeliimssv/esen Bsmsr-ujng&n zum „llulllsilllost cter Welipresse“ Das Deuts cf) e I n si i t u t f ü r Z e i - t u n g s k u n d e gibt setzt in dem „Handbuch der Weltpresse" eine Darstellung des Zeituugsw esc ns aller Länder heraus, die auch für uns deshalb von besonderem Jnterime ist, weil die politische Gestaltung der Zeitungen und ihres Leserkreises in objektiver Weise angegeben ist. Während 1911 in Deutschland äs00 Zeitungen er'chienen, gibt es heute nur nrcfi 3353, d. f). b-ei einer Bevölkerung von 60 Millionen kommt auf je 18 760 Einwohner ein Blatt. Dieses dent'che Zeitunaswesen zeichnet sich durch eine große Mannigfaltigkeit sowohl in Politischer und in journalistischer als in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht aus. Während die^ Parteilosen Zeitungen mit 1327 an der spitze stehen, wobei aber Parteilos nicht etwa u n p a r - teiisch bedeutet, sondern in der Rege! eine rechtsgerichtete Tendenz als Grundlage versieht, haben die Parteilich rechts aboestempelteu Gruppen etwa 600 Blätter zur Verfügung. T i e Zahl der nationalsozialistischen Blätter wird für das Jahr 19 31 m i1 4 4 Tageszeitungen angegebe n. Einen interessanten Ueberblick ergibt auch die Publikation der Zeitungen in Palästina. Danach erscheinen in ganz Palästina sechs Tageszeitungen, von denen eine einzige, „Toar Hayom", mit einer Auslage von 8600 Exemplaren täglich in Jerusalem als bibl:sch-hebrauche Tageszeitung erscheint. Hier scheinen die Angaben des Handbuches recht lückenhaft zu sein, denn es erscheinen in Palästina nach privcken Mitteilungen eine ganze Anzahl kleinerer und mittlerer hebräischer und jiddi'cher Zeitungen, die die verschiedenen Gruppen der zionistischen Parteien vertreten. F. G-tz. Tic nationalsozialistische Presse entzieh! sich zum Teil einer lerikographischen Bearbeitung. Die Gesamtzahl der uauoualsozialiNischen Organe sowohl wie die Zahl der Tageszeitungen wechselt beständig. So brachten die letzten Monate mehrfach Umwandlungen von Wochenblättern in Tageszeimngcn, die Schaffung neuer Tageszeitungen neben b-estehenden Wochenblättern, aber auch das Verschwinden einzelner Organe. Es ist ja kein Geheimnis, daß gerade im Augenblick ein Teil der ^nationalsozialistischen Zeitungen mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Im Rheinland waren Zusammenlegungen erforderlich, in (Men, Frankfurt, Wiesbaden, Hannover und Dresden befinden sich die nationalsozialistischen Zeitungen in großen ^chwicrugkeiteu, und auch der „Angriff" des Tr. Goebbels hat schon weit bessere Tage gesehen. Bemerkenswert ist eine Neuaründung des zentralen Parteiverlages der NSDAP., der ab 1. September unter dem Titel „Nationalsozia- 1. September unter dem Titel „Nationalsozia- Uflneye cvanopojl" eine eigene ttoocheuzettung für das flache Land herausgeben will. Auch bei den nationalsozialistischen Zeitschriften hat es mancherlei Veränderungen gegeben. Tie verschiedenen Jugendorganisationen haben sich in der Zeitschrift „Die deutsche Zukunft" ein eigenes Organ geschaffen, neben dem nur mehr der „Aufmarsch" des Schüterbuudes bestehen bleibt, während die „Bewegung" des Studentenbundes geopfert wurde. ~W. G.